Anton Wildgans
Slogan
Herbert Zeman: Zur Lyrik des Anton Wildgans
Franz Hadriga: Der Mensch und Dichter Anton Wildgans
Carmen Friedl: Die Urgespaltenheit der Welt
Heinz Gerstinger: Der Dramatiker Anton Wildgans

Franz Hadriga: Der Mensch und Dichter Anton Wildgans

DER  MENSCH  UND  DICHTER ANTON WILDGANS
Von Franz Hadriga
 
Die biographischen Daten sagen an sich zunächst wenig über einen Menschen aus, es sei denn, daß schon die Beachtung der Zeit, in der er lebte, gewisse Be­stimmungskoordinaten ermöglicht. Kein Mensch bleibt davon unberührt, was um ihn herum geschieht, welche gesellschaftlichen Vorgänge ablaufen, welche Ideen und „Modernitäten" eben gefragt sind, ob und wie er sich den Zeitströmungen unterwirft oder widersetzt.
Anton Wildgans, einer der prominentesten österreichischen Dichter der Zeit zwischen 1910 und 1932, wurde 1881 in Wien geboren. Nach dem Besuch des Piaristengymnasiums absolvierte er das Jurastudium an der Universität Wien und war ein Jahr im Gerichtsdienst tätig. Von 1912 an bestritt er seinen Lebensunter­halt aus der Dichtung. Bereits 1903 war er durch seine Lyrik bekannt geworden, von 1913 an wandte er sich intensiv dem dramatischen Schaffen zu.
Von Wildgans sagte man, daß er dichterisch auszusprechen vermocht habe, was damals die Menschen bewegte. Viele Zeitgenossen verehrten ihn vielleicht gerade deshalb, seine Dichtungen fanden hohen Anklang, er war im guten Sinn „ein Dichter seiner Zeit". Allerdings machten ihm einige andere, damals weniger erfolgreiche literarische Zeitgenossen, die später zu Ansehen gelangten, diese Wirkung auf die zeitgenössische Generation zum Vorwurf. Vor allem Karl Kraus und Robert Musil gehörten dazu.
Wildgans kennenzulernen und zu verstehen bedeutet zugleich, Wesentliches über seine Zeit zu erfahren. Es ist die Zeit vor, während und nach dem ersten Weltkrieg, die Zeit der zerfallenden Habsburgermonarchie, des Entstehens der neuen, von vielen damals für lebensunfähig gehaltenen Republik Österreich und deren von inneren Gegensätzen erschütterter Problematik. Es ist die Zeit tiefgrei­fender kultureller, ideeller, weltanschaulicher, politischer, gesellschaftlicher Spannun­gen und Umbrüche, die sich naturgemäß auch im literarischen Umfeld auswirkten. Die dominanten Stilrichtungen der Epoche werden als Naturalismus, Impressionis­mus und Expressionismus charakterisiert. Verschiedene Elemente dieser damali­gen „Moderne" finden sich natürlich auch bei Wildgans. Die soziale Problematik betraf vor allem zwei Gruppen: Die Industriearbeiterschaft, die um ihre Rechte kämpfte, und die bürgerliche Schicht, die in ihren Lebens- und Wertvorstellungen einer tiefgehenden Erschütterung ausgesetzt war. Dazu kamen die wirtschaftli­chen Verhältnisse, die mit den Begriffen Inflation (nach dem 1. Weltkrieg) und Weltwirtschaftskrise (nach 1929) verdeutlicht werden können.
Vor diesem Hintergrund ist die individuelle Wesenheit des Menschen Anton Wildgans zu sehen, mit seinem persönlich durchaus nicht leichten Lebens­schicksal (früher Verlust der Mutter), seinen belasteten Jugendjahren (lebensge­fährliche Erkrankung und deren Folgen), seiner inneren Widersprüchlichkeit, seiner hohen Geistigkeit, seiner Vitalität, seinem extremen Gerechtigkeitsempfinden, ver­bunden mit höchst reizbarer Sensibilität, seiner unökonomischen Denkweise, sei­nem ihm selbst nicht immer bewußten Kompensationsbedürfnis hinsichtlich sei­ner Gehemmtheit und inneren Unsicherheit, seiner Verachtung politischer Eng­stirnigkeit, verbunden mit Ablehnung jeder Parteizugehörigkeit, und seiner Gering­schätzung des Alltagsgeschehens. Dazu kommt seine „Idealität", treffender als
Idealismus zu bezeichnen, worin bereits ein Scheitern vieler seiner Zielsetzungen programmiert erscheint. Den Realitäten des Alltags war er nicht immer gewach­sen.
Wildgans liebte in besonderer Weise sein Volk und Vaterland, „seine Heimat" und die Natur. Er war ein bewußter Österreicher. Er stammte aus Wien - durch diese Stadt wurde er geformt und in seiner Wesensart geprägt. So schrieb er auch in dem bekannten Gedicht: „Ich bin ein Kind der Stadt."
Trotz großer literarischer Erfolge - beispielsweise erreichte der Gedichtband „Und hättet der Liebe nicht" im Jahr 1922 die 30. Auflage - waren die wirtschaftli­chen Umstände, unter denen Anton Wildgans leben mußte, zeitweise recht prekär. Wildgans gehörte zu den meistgelesenen Lyrikern seiner Zeit. Seine form­bewußten Gedichte, wie etwa die „Sonette an Ead", die zu den meistgelesenen Gedichten der damaligen Zeit gehörten, bewegten sich weitgehend im Stimmungsklang des Impressionismus.
Es ist heute nicht nachvollziehbar, welches Aufsehen seine Dramen hervorrie­fen. Das heute noch öfter gespielte Gerichtssaalsdrama „In Ewigkeit Amen", die Dramen „Armut", „Liebe", „Dies irae" wurden Erfolgsstücke, vor allem am Volks­theater in Wien, aber auch am Burgtheater und auf den meisten deutschen Bühnen. Die Verleihung des Volkstheaterpreises, des Bauernfeldpreises, des Grillparzerpreises weisen auf die Bedeutung hin. Die Wiidgans-Dramen erhalten ihre Problematik aus den sozialen Anschauungen der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Zwar sind sie heute in einem gewissen Sinn nicht mehr „zeitge­mäß", weil sich der „bürgerliche Mensch" dieser Epoche überlebt hat und an öffentlichem Interesse verlor. Aber immer noch „zeitlos" sind die bei Wildgans mit tiefem Ernst angeschnittenen Fragen der allgemein menschlichen Existenz, die Beziehungen zum Leben und dessen Sinn, zu ethischen Anforderungen, zu Liebe und Ewigkeit. Wildgans war ein sozialkritischer Denker und Ankläger. Die Tragik der Dramen ist die Tragik der Mitmenschlichkeit, heute wie damals.
Der Plan der Trilogie einer großen Menschheitstragödie, deren Stoffe aus der Bibel stammen und in die Gegenwart transponiert werden sollte, gelangte nur im ersten Teil zur Ausführung, im Drama „Kain".
Im Jänner 1921 wurde Wildgans überraschend das Amt des Burgtheater­direktors angeboten. Er hatte sich nicht darum beworben. Nach ernsthaften, selbstkritischen Überlegungen nahm er es an, nicht zuletzt in der Meinung, daß er in der damaligen Krisensituation dieses Theaters eine innere Verpflichtung habe. In diesem Sinn hatte man das Angebot an ihn auch formuliert. Ob der prominente Dichter auch ein ebenso erfolgreicher Theaterleiter sein würde, vor allem in einem so schwierigen Institut, war schon bei manchen Zeitgenossen eine offene Frage. So gab es neben vielen begeisterten Befürwortern auch kritische Zweifler, wie etwa den Herausgeber der Zeitschrift „Die Fackel", Karl Kraus.
Wildgans hatte bei seiner Berufung keine politischen Gegner, auch das Burgtheaterensemble war für ihn. Aber die Zeitverhältnisse wirkten sich für eine Institution, wie es das Burgtheater ist, bedrückend aus: Die Inflation, die Ver­armung des theater- und kulturinteressierten Bürgertums, die ungeklärten Köm-
petenzverhältnisse. Es war die erste Bestellung eines Theaterdirektors in der Re­publik. In seinem Kampf gegen die Korruption und in dem von seinem Vorgänger übernommenen Konflikt hinsichtlich der Tätigkeit Max Reinhardts, geriet er bald in Gegensatz zum damaligen Leiter der Bundestheaterverwaltung. Trotz unbestreit­barer Erfolge im künstlerischen Bereich wurde er in der Auseinandersetzung mit der Bürokratie ein Opfer der politischen Verhältnisse und der Gegensätze der damals führenden Parteien. Nach 18 Monaten seiner Tätigkeit resignierte er und reichte seine Demission ein.
In der Folgezeit, einer persönlich zunächst wegen des Scheiterns seiner Arbeit als Burgtheaterdirektor - eher depressiven Phase, verschärft durch die wirtschaftli­che Notsituation, arbeitete er unter anderem an dem großen, in Mönichkirchen vollendeten Epos „Kirbisch", einer Schilderung menschlicher Problematik während des ersten Weltkrieges. Voll schlichter Anmut erscheinen in dem Prosawerk „Musik der Kindheit" seine Erinnerungen an das Wien seiner Kindheit.
Für eine Tournee nach Schweden hatte Wildgans 1929 die „Rede über Öster­reich" konzipiert. Diese „Rede" hatte eine ganz außerordentliche Wirkung und rückte Wildgans in besonderer Weise in das Licht der Öffentlichkeit, vor allem der politisch bestimmenden Kreise. Er hob darin die Rolle Österreichs in der Weltkultur hervor und wurde dadurch zu einem patriotischen Bekenner des österreichischen Selbstbewußtseins in einer Zeit der Krise und des Zweifels am Bestand des Staates. Nicht zuletzt darauf und auf die ungebrochene Wertschätzung vieler Menschen für den Dichter ist seine zweite Berufung als Burgtheaterdirektor zurückzuführen. Für das Ansehen, das er genoß, ist kennzeichnend, daß er vom dafür zuständigen Gremium mehrmals als österreichischer Kandidat für den Literaturpreis der Nobelstiftung vorgeschlagen wurde.
Wildgans nahm die abermalige Berufung zum Burgtheaterdirektor trotz enormer gesundheitlicher Probleme, des Abratens mancher Freunde und des Wissens um die Schwierigkeiten des Amtes an. Auch dieses Mal dauerte seine Amtsführung nur kurz, vom 1. August 1930 bis zum 1. Jänner 1932. Auch diesmal waren nicht künstlerische Gründe für die Demission maßgeblich, sondern neben den gesund­heitlichen Problemen die unerfreuliche bis feindselige Haltung der offiziellen politi­schen Stellen einem Manne gegenüber, der seine ganze Kraft dem geliebten Burg­theater widmete. Die Betrachtung der damit zusammenhängenden Vorgänge ent­behrt nicht menschlicher Tragik.
Viele waren der Meinung, daß der wenige Monate nach dem Rücktritt erfolgte Tod (3. Mai 1932) des mit solchem Idealismus dem Burgtheater verbundenen Mannes, nicht zuletzt durch das Scheitern an den Realitäten ausgelöst worden sei.
Der Generalintendant der Bundestheater sagte beim Begräbnis: „Mit ihm ist wohl einer der größten und repräsentativsten Dichter unseres Landes, insbeson­dere vielleicht der österreichischeste Dichter dahingegangen." Die euphorische Bewertung hat der Folgezeit allerdings nicht standgehalten.
Gewiß war die Art, in der Wildgans schrieb, seiner Zeit verhaftet: getragen, etwas pathetisch, melodiös, vor allem in seinen formvollendeten Gedichten. Aber
entgegen der öfters vertretenen Ansicht, Wildgans sei „nur" ein Dichter seiner Zeit gewesen, kann darauf verwiesen werden, daß für den, der sich der Mühe unterzieht, über das äußere Erscheinungsbild zum Kern der Wildgansanliegen vor­zudringen - Dichtung war für ihn höchste Verantwortung -, sich auch heute noch und vielleicht gerade in unserer Zeit Zugänge eröffnen, die der Bewußtseinslage der gegenwärtigen Generation nahekommen. Nicht zuletzt sprechen sie Herz und Gemüt an. Die Problemstellungen der Wildgansdichtungen erweisen sich nach wie vor als aktuell.
Einige seiner Ansichten, vor allem im umfangreichen Briefnachlaß niedergelegt, zeigen, was er vom Zusammenleben der Menschen dachte:
 
Über aller Macht steht die Gerechtigkeit und über aller Gerechtigkeit die Barmherzigkeit.
Wer schimpft, sagt mehr über sich selbst aus als über den Angegriffenen.
Ich habe zu wissen gelernt, daß man alles Entscheidende mit sich allein aus­machen muß.
Alle Tragik der Menschen untereinander beruht auf ihrer mangelhaften Kenntnis von einander. Das gilt auch von den Völkern.