Anton Wildgans
Slogan
Über "In Ewigkeit Amen"
In Ewigkeit Amen
Über "Armut"
Armut
Über "Dies Irae"
Dies Irae
Über "Liebe"
Über "Kain"

Dies Irae

Eine Tragödie in fünf Akten von Anton Wildgans

 

Gestalten:

Dr. med. et phil. Vinzenz Fallmer

Elisabeth Fallmer, seine Frau

Hubert, beider Sohn

Rosl, eine Verwandte der Frau Fallmer

Professor Remigius Wohlgemut

Ein junger Mensch namens Rabanser

Ein Mädchen, genannt Taube

Mutter Pogatschnigg, Hausmeisterin

Melchior Magentrost, Kleiderverleiher

Die alte Babúsch, Kartenaufschlägerin

Ein Dienstmädchen

Stimmen von Angeheiterten

Chor von Knaben und Jünglingen

 

Das Drama (mit Ausnahme des dritten Aktes) spielt im Hause der Familie Fallmer, einer altertümlichen Villa in der ländlichen Umgebung einer großen Stadt der Gegenwart; der dritte Akt auf dem

Dachboden eines Vorstadthauses, der Unterkunft Rabansers. Zwischen dem ersten und zweiten Akt vergehen ungefähr zweimal vierundzwanzig Stunden. Die Vorgänge des zweiten, dritten und vierten Aktes ereignen sich zwischen Aveläuten und Mitternacht ein und desselben Tages, jene des fünften einen Tag darauf am späten Nachmittag.

 

 

Actus primus

Huberts Mansarde.

Die beiden Seitenwände des weitläufigen Raumes sind von ihrem oberen Drittel an abgeschrägt. In der Mitte der Linkswand eine Art Oberlicht in Gestalt eines mehrteiligen Fensters. Darunter ein geräumiger Tisch mit quadratischer Naturholzplatte und derbgedrechselten, braunpolierten Füßen. Jenseits des Tisches ein alter lederner Schreibtischsessel. Links vorne eine schräg ins Zimmer hereingestellte Ottomane mit Teppichüberwurf; an der Wand eine kleine, offene Bibliothek. Vorne rechts eine einflügelige, niedere, braune Holztür. Weiter rückwärts ein einfaches Eisenbett, an dessen Kopfende ein Nachtkästchen angerückt ist. Ganz rückwärts rechts ein altertümlicher Waschkasten, demgegenüber links ein ebensolcher Kleiderkasten. In der Mitte des Hintergrundes eine sehr breite, aber niedere, zweiflügelige Glastür auf einen Holzbalkon hinaus.

Wenn der Vorhang aufgeht, ist diese Tür in ihrer ganzen Breite offen, und man sieht über die Brüstung des Balkons hinaus in eine helle Julinacht, deren silbriger Schimmer auf den nächsten und nahen Wipfeln von Gärten liegt. Jenseits dieser, gegen den Himmel sich abhebend, dunkle

Waldkuppen, deren eine von den glitzernden Bogenlampen eines Hotels gekrönt ist. Der Raum ist vom Dämmer einer Studierlampe erfüllt, die, durch einen roten Papierschirm abgedämpft, auf dem Tische steht. Dieser ist bedeckt mit Schulbüchern, Lexikas, Heften und Requisiten aller Art.

 

Am Tische im Lehnstuhl.

 

PROFESSOR REMIGIUS WOHLGEMUT vorne, auf dem Rande der Ottomane vom Publikum halb abgekehrt sitzend.

HUBERT er ist ein junger Mensch von achtzehn Jahren und hohem schmächtigem Wuchse. Verschleierte blaue Augen in einem knabenhaften, doch frühgereiften etwas blassen Gesicht. Die Haltung seines Kopfes und seiner Schultern drückt aus: irgendein Lastendes, von außen her Hemmendes. Dementsprechend auch die Art seines Gehabens und Redens.

Professor Wohlgemut (kurz Remigius genannt) ist ein gütiger Greis. Zarte Gestalt. Gelehrtenhabitus. Das schmale blasse Gesicht, an das Antlitz Franz Liszts gemahnend, gekrönt von einer ungemein ausdrucksvollen Stirne, beherrscht von der Lebendigkeit eines wohlwollend, aber unbeirrbar erkennenden und beurteilenden Auges. In seiner

Stimme die weise Ruhe und Klarheit edler Priester, mit dem Beiklang einer gewissen ewigen Kindlichkeit. Manchmal das huschende Lächeln eines milden und gebildeten Humors. Er trägt dunklen Sommeranzug, ebensolche Kravatte und niederen, vorne geschlossenen Stehkragen, Hubert hingegen Sportanzug und Tennishemd mit offenem Kragen.

Remigius blättert in einem Repetitorium der Weltgeschichte, aus der er Hubert überhört. Währenddessen aus einem nahen Heurigengarten Musik von Geigen, Gitarre und Ziehharmonika.

 

REMIGIUS lächelnd. Zum Schluß ein rascher Flug durch die Jahrhunderte! Willst du?

HUBERT. Gerne.

REMIGIUS. Eroberung Ägyptens durch die Hyksos?

HUBERT. Zweitausend vor Christus.

REMIGIUS. Verfassung des Lykurg?

HUBERT. Achthundertzwanzig.

REMIGIUS. Bellum Gallicum?

HUBERT. Achtundfünfzig bis einundfünfzig.

REMIGIUS. Vertrag zu Verdun?

HUBERT. Achthundertdreiundvierzig.

REMIGIUS. Winkelried bei Sempach?

HUBERT. Dreizehnhundertfünfundachtzig.

REMIGIUS. Vierundachtzig! – Habeascorpusakte?

HUBERT. Sechzehnhundertneunundsiebzig.

REMIGIUS. Bravo! – Dritte Teilung Polens?

HUBERT. Siebzehnhundertund –

REMIGIUS. – fünfund –?

HUBERT. – fünfundneunzig.

REMIGIUS. Richtig. Schließlich und endlich: – Friede zu St. Stefano?

HUBERT. Achtzehnhundertundachtundsiebzig.

REMIGIUS das Buch zuklappend. Sufficit! Wenn du morgen auch so antwortest, kann Auszeichnung nicht fehlen.

HUBERT trüb. Wenn ich so antworte, guter Onkel!

REMIGIUS. Warum solltest du nicht?

HUBERT. Habe noch immer versagt, wenn es einmal galt; und morgen gilt es.

REMIGIUS. Das ist allerdings die beste Vorstellung, um die Nerven in Unordnung zu bringen. HUBERT. Vielleicht sind sie das bereits, und daher die Vorstellung.

REMIGIUS. Aber Kind du, mit deinen achtzehn Jahren!

HUBERT. Wenn ich an das Gesicht meines Vaters denke, falls es schiefginge –

REMIGIUS. Du mißkennst deinen Vater, Hubert! Hast keinen bessern Freund als ihn. Weißt du das?

HUBERT. Ich – weiß es.

REMIGIUS behutsam. So laß es ihn auch – bisweilen fühlen! Vielleicht wartet er heimlich darauf. – Doch für dieses Thema ist heute nicht der Augenblick. Wenn ich raten darf: die Bücher zugeklappt, ein kleiner Spaziergang und dann aufs Ohr gelegt! Morgen um die Zeit alles überstanden, die Welt in Rosenrot, das Leben saathungriges Ackerland! Willst du mir folgen?

HUBERT. Gerne; könnte heute ohnehin nichts mehr aufnehmen.

REMIGIUS. Gute Nacht also! Dein Vater wartet auf mich, wollen noch zur Friedhofsbank, zum täglich gesuchten Schauspiel: die lichterglitzernde Stadt! Hast am Ende Lust mitzuhalten?

HUBERT verlegen. Nein, vielen Dank! Verzeih mir, bleib' heute lieber allein.

REMIGIUS. Passiert! Aber kein Buch mehr angerührt! Hand darauf!

HUBERT nimmt die gebotene Hand und beugt sich rasch, sie zu küssen; in plötzlicher, verschämter Inbrunst. Ich danke – danke.

REMIGIUS die Hand entziehend, fast knabenhaft errötend. Was fällt dir denn ein? Für das bißchen Examinieren?

HUBERT schamvoll. Bist immer so gut zu mir gewesen.

REMIGIUS ebenso, aber heiter. Unsinn! – Kann leider nicht anders sein als gut. Zu anderem reicht's nicht bei mir. Weiter hab' ich's im Leben nicht ge bracht. Rosl tritt ein. Da kommt holdere Gesellschaft. Leb wohl! Ab.

 

Rosl ist eine junge, blonde, ländliche Person, aber ihr gesundes Blühen hat nichts Derbes, ihr Wesen nichts Lautes. Sie gehört in den Wald und ist in die Stadt verschlagen. Als entfernte Verwandte der Mutter ist ihre Art sich zu geben freier und familiärer als die eines fremden Dienstmädchens. Demgemäß auch ihre Kleidung mehr die einer Haustochter.

 

ROSL stellt ein Servierbrett mit einem Glas Milch und kaltem Nachtmahl auf den Studiertisch. Dein Abendbrot, Hubert.

HUBERT. Schon gut. Danke.

ROSL geht zum Bett und deckt es auf.

HUBERT der sie dabei betrachtet hat, beklommen. Was hat es heute unten wieder gegeben?

ROSL unter der Arbeit, gedämpft. Zwischen den Eltern? – Ich weiß nicht.

HUBERT mißmutig. Habe ihre Stimmen doch bis herauf gehört!

ROSL herb. Der Horcher an der Wand –

HUBERT. Diese dummen Sprichwörter! Man kriegt eben ängstliche Ohren, wenn man auf einem Pulverfaß sitzt. Ging es also wieder um mich?

ROSL. Zerbrich dir nicht den Kopf! Iß lieber!

HUBERT das Essen wegschiebend. Hab' keinen Hunger.

ROSL mit nicht mehr verhohlenem Anteil. Heute fasten und morgen bei Kraft sein?

HUBERT in bezug auf den Applaus im nahen Heurigengarten. Wie's die Bestien treiben! Woher sie den Humor nehmen? Gibt es wirklich so viele fidele Kreaturen auf der Welt?

ROSL. Sind halt bescheiden in ihren Ansprüchen.

HUBERT verbissen. Eine ironischere Nachbarschaft als diesen Lustgarten könnte unser Haus nicht haben! Fiedeln, Johlen und Klatschen täglich bis um Mitternacht. Villa Pax ist übrigens auch kein übel-diabolischer Einfall meines Begründers. Pax – zu deutsch: der Friede!

ROSL um ihren Anteil zu verbergen, abschneidend. Gute Nacht jetzt.

HUBERT bei ihr, dumpf. Wirst heut' für mich beten?

ROSL verhalten. Wie alle Tag' – für Freund und Feind.

HUBERT. Zu welchen gehör' ich?

ROSL befangen, mit einer gewissen verlegenen Schelmerei. Zur Freundschaft nicht.

HUBERT. Also zur Feindschaft! – Somit darf ich dir ja wehtun! Packt sie bei beiden Handgelenken.

ROSL den Schmerz verbeißend. Ich spür' nichts

HUBERT drückt sie stärker und zieht sie dabei nah an sich. Noch immer nicht? – Wie deine Haare duften! Wie Wiesen, wie junges Grün!

ROSL ganz verhalten. Das ist vom Garten. Sie ziehen die Feuchte an.

HUBERT seine Wange an ihr Haar legend, in scheuer Erregung. Wohl, feucht sind sie auch. Lindenblüten! – Mir ist der ganze Frühling verloren über dem vielen Latein und Griechisch. – Tu' ich dir noch weh?

ROSL plötzlich, hastig. Laß aus, die Mutter kommt!

HUBERT auch zusammenschreckend, aber aus Trotz nicht auslassend. Und wenn?! Darf das nicht sein, daß – deine Haare duften?

ROSL sich mit einem Ruck losmachend. Wenn sie uns trifft, da wäre es gleich aus!

HUBERT sich abwendend, mit knabenhafter Bitterkeit. Ich hätte, Gott behüte, einen Augenblick lang vergessen können, daß dies ein Haus des Friedens ist! Mit ostentativ lauter Stimme zu Rosl, die sich verlegen am Tische zu schaffen macht. Laß das Essen nur stehen, Rosl! Ich kriege vielleicht noch Hunger! Wieder gedämpft. Jetzt werd' ich ja allsogleich erfahren, womit ich heute meinen Eltern wieder einmal die Eintracht versalzen habe.

 

Die Mutter tritt auf. Sie ist eine mittelgroße Frau, Ende der Vierzig. Sie hat etwas Unstetes und Unsicheres in ihrem Wesen, die verdrossene

Befangenheit von Menschen, die ihr eigentliches Milieu verfehlt haben und sich in der Rolle, zu der sie durch äußere Umstände verhalten sind, unwohl fühlen. Ihre ganze Haltung, Kleidung, Haartracht entspricht der Vorstellung, die sich eine Kleinbürgerin von einer Frau von Stand macht.

 

MUTTER nervös, unsicher. Schon Feierabend, Hubert?

HUBERT von ihrer Nervosität sofort angesteckt. Wie du siehst, Mutter.

MUTTER. In allem vorbereitet?

HUBERT. Soweit es eben möglich.

 

Rosl, die beim Eintritt der Mutter, um ihre Befangenheit zu verbergen, scheinbar beschäftigt in den Hintergrund gegangen, unauffällig ab.

 

MUTTER. Es gibt also keine Frage, die du nicht beantworten würdest?

HUBERT quälerisch. Es gibt deren unendlich viele.

MUTTER fassungslos. Das ist ja furchtbar!

HUBERT mit boshaftem Behagen. Ganz entsetzlich, jawohl.

MUTTER. Und das sagst du so ruhig? Denkst du nicht, was dein Vater täte, wenn –

HUBERT selbst gequält. Du bist keine ermunternde Gesellschaft vor einer Prüfung, Mutter!

MUTTER. Mein Gott, von solchen Prüfungen verste he ich doch nichts. Für andere hat dein Vater reichlich gesorgt.

HUBERT anzüglich gereizt. Darin, denke ich, seid ihr einander nichts schuldig geblieben.

MUTTER. Das sagst du, den er ebenso knechtet wie mich?

HUBERT in der Wunde wühlend. Mich knechtet er nicht, mich – mißachtet er bloß. Du warst ihm wenigstens ehemals so viel wert, daß er an dir zu arbeiten versuchte; mich läßt er beruhen als – hoffnungslos.

MUTTER. Ich bin starr. Woher hast du das?

HUBERT hitzig. Die Frage ist bezeichnend. Muß ich denn alles von irgendwoher, will sagen, von einem anderen haben? Aus Kindern werden eben Leute, die Augen gehen einem eben auf mit der Zeit. Man hatte ja Muße dazu in der bekannten goldenen Jugend als der Zankapfel, der man ist, als der Amboß, den man abgibt für die Hämmer von links und rechts!

MUTTER echt berührt. Redest du von dir?

HUBERT bekümmert. Von wem sonst?

MUTTER exaltiert. Das muß anders werden! Du gehst mir ja zugrunde!

HUBERT. Das tut man nicht so schnell. Müssen's eben jeder für sich tragen.

MUTTER plötzlich verändert, beziehungsvoll. Warum jeder für sich? Warum nicht endlich – zusammen?

HUBERT aufmerksam, forschend. Zusammen? Was meinst du damit?

MUTTER vorsichtig. Es könnte immerhin der Augenblick kommen, wo du vielleicht eine Stütze brauchst, eine Helferin –

HUBERT. Verstehe bereits. Danke gehorsamst, mache nicht mit, verschwöre mich nicht.

MUTTER bedeutsam. Es werden sich Fragen ergeben, gegen die alles Bisherige Kinderspiel war.

HUBERT unbehaglich, beklommen. Fragen?

MUTTER. Die Wahl des Berufes zum Beispiel. Erschrickst du?

HUBERT. Davon hat der Vater noch nie mit mir gesprochen.

MUTTER. Um so ratsamer, daß wir beide einig werden, ehe er darüber spricht.

HUBERT. Einig ich mit dir gegen den Vater?

MUTTER einlenkend. Nicht gerade gegen ihn

HUBERT an sich haltend. Mutter, so deutlich warst du bisher noch nie!

MUTTER eindringlich. Willst du auch dein ganzes Leben hinter Büchern am Schreibtisch versäumen? Auch griesgrämig werden in deinen besten Jahren?

HUBERT ausweichend. Habe darüber noch nicht nachgedacht!

MUTTER. Das glaub' ich dir nicht, Hubert! – Willst du auch in deinen alten Tagen den Kreuzer zehnmal wenden müssen, eh' du ihn ausgibst? Weil das ewige Studieren eben doch ein brotloses Geschäft ist?

HUBERT qualvoll. Ich kann es nicht mehr hören, Mutter!

MUTTER. Höre es nur, ehe es zu spät ist!

HUBERT hoffnungslos. Was soll ich also?

MUTTER mit zunehmender Übermacht immer echter, mütterlicher in ihrem Tone. Ein froher Mensch sollst du mir werden, Hubert! Du hast es ja in dir! Von mir hast du es und von all den Meinen! Soll das alles umsonst sein, was die für dich vorgebaut haben? Du brauchst doch nur anzuklopfen bei ihnen, und es wird dir aufgetan! Sind lauter tüchtige, wohlwollende Menschen, die es zu was gebracht haben!

HUBERT. Händler und Krämer – nennt sie der Vater!

MUTTER. Neid und Hochmut, nichts anderes!

HUBERT. Hab' ich denn das Zeug zu ihrem Gewerbe?

MUTTER. Hast du das Zeug zum Bücherwurm?

HUBERT. Mutter, Mutter, wozu gehe ich morgen zu dieser Prüfung?

MUTTER. Das fragst du mich? Das frag' deinen Vater! Sein Leben nur hast du bis jetzt gelebt! Aber jetzt Hubert, komme ich daran! Ich, deine Mutter! Jetzt muß auch ich endlich an der Reihe sein, Kind, mein Kind!

HUBERT in qualvollster Verwirrung. So wäre es also, daß ich nicht so sehr einen Beruf, als zwischen Vater und Mutter zu wählen habe! – Das ist etwas viel für einen – Knaben!

MUTTER mit einer gewissen schicksalhaften Betonung. Auf eine Seite mußt du endlich treten, Hubert! Das ist nicht anders!

HUBERT. Und wenn ich auf die – andere trete?

MUTTER aufblitzend. Auf die andere? Sich fassend. Dann – ja dann hilfst du eben dem anderen mein Glück und das deine zerstören.

HUBERT losbrechend. Mutter, fühlst du denn nicht, daß ich auf diesem Wege wirklich in Brüche gehen muß?!

MUTTER einlenkend, betroffen. Sei ruhig, beruhige dich, mein Kind! Ich will ja keine Selbstverleugnung von dir. Opfere mich nur, wenn es sein muß! Was kann eine Mutter anderes verlangen als geopfert werden für ihr Kind, von ihrem Kind? Das erste, was ich um dich erfahren, war Schmerz, warum soll denn nicht auch das letzte – Schmerz sein? Deshalb brauchst du nicht so verstört vor dich hinzustarren, Hubert. Wie immer du mußt, dafür werde ich dich nicht aus meiner Liebe sto ßen. Das kann ja eine Mutter gar nicht, das kann sie ja nicht.

HUBERT. Und was wird sein?

MUTTER. Zunächst spreche ich mit Onkel Remigius; wenn wir ihn auf unsere Seite bringen –

HUBERT erschüttert. Warum muß denn alles, was von euch Eltern der eine mit mir will – warum muß es denn gegen den anderen sein?

MUTTER zuckt zusammen, schweigt.

HUBERT mit einem Anflug wirklicher Kindlichkeit der Mutter gegenüber. Mutter, sag' – habt ihr einander liebgehabt, als ihr mich – als ihr mein Dasein beschlosset?

MUTTER sehr verhalten. Was fragst du da?

HUBERT. Ob ihr einander liebgehabt, als ihr mich –

MUTTER mühsam. Ich – weiß es nicht, Hubert. Sie sehen aneinander vorüber.

 

Nach einer Pause beklommenen Schweigens klopft es an der Tür. Die Mutter sagt: Herein! und Rosl tritt ein.

 

ROSL in ungewissem Ton. Rabanser ist unten, will Hubert unbedingt sprechen.

HUBERT irritiert. Rabanser? Das bedeutet nichts Gutes.

MUTTER nach raschem prüfendem Blick. Warum? Zu Rosl. Er soll herauf!

HUBERT beklommen, erregt. Der Vater hat ihm das Haus verboten.

MUTTER. Und ich, der das Haus gehört, bitte ihn wieder herein. Ich werde es verantworten. Ein Anfang muß endlich gemacht werden. Hast du gehört, Rosl? Da Rosl unschlüssig mit dem Blick auf Hubert stehenbleibt. Ach so, du hast auch Angst! So hol' ich ihn selbst. Ab.

HUBERT nach einigen Augenblicken seiner Ohnmacht nervös Luft machend. Was gaffst du denn?!

ROSL wie unter einem Peitschenhieb zusammenzuckend, mit wunder Stimme. Sei nicht so häßlich zu mir! Dein Prügelknab' kann ich nicht auch noch sein! Rasch ab.

HUBERT steht starr, aber innerlich aufs äußerste erregt. Nach einigen Augenblicken hört man jemanden die Treppe heraufkommen.

RABANSER tritt auf.

 

Rabanser ist ein junger Mensch von ungefähr dreiundzwanzig Jahren. Seine Gestalt schlank, beinahe abgezehrt, aber von kräftiger, knochiger Anlage. Seine Bewegungen verraten einen durch starken Willen trainierten Körper, wie bei jungen Arbeitern. Das schmale Gesicht von blasser Bräune. Das dunkle Haar in natürlich anmutiger Unordnung. Sein Blick klar, prüfend und beruhend. Seine Art zu sprechen ist latente Rebellion, dabei immer überlegt und gelassen. Kleidung: dunkler, abgetragener Sommeranzug, weiches Hemd mit schwarzer Masche (salopp gebunden), grauer Havelock und weicher Hut.

 

RABANSER an der Tür, Hut auf, nachlässig. Servus.

HUBERT seine Befangenheit und Nervosität möglichst verbergend. Es freut mich, Rabanser –

RABANSER ihn prüfend, etwas spöttisch. Wirklich? – Es klang nicht eben überzeugend. Wirft seinen Hut auf die Ottomane.

HUBERT verlegen. Es war nur gerade meine Mutter bei mir –

RABANSER sarkastisch. Muß allerdings anstrengend sein. Die meinige hat mich rechtzeitig weggelegt, um mir solche Unannehmlichkeiten zu ersparen.

HUBERT zupft nervös an seinem Schnurrbartanflug.

RABANSER sieht ihn an, lacht kurz vor sich hin, dann durchs Zimmer auf und ab. Wunderst dich wohl, daß ich den Sprung in de Höhle des Löwen wage? Wie? – Der Mut ist nicht so überwältigend.

Sah ihn soeben mit der alten Nachteule Professor Wohlgemut an der Friedhofsmauer sein unheimliches Stelldichein halten. Erkannten mich nicht Deo gratias. Sprachen eben über Thales von Milet. Werden über Thales von Milet auch noch um Mitternacht sprechen. Ich hier folglich sicher und du mit mir, was die Hauptsache. Wünsche dir keine Ungelegenheiten zu bereiten.

HUBERT gequält. Ich verdiene deinen Spott nicht. Du weißt, daß ich für dich nichts tun konnte.

RABANSER kalt. Beileibe nicht! – Du überschätzest die Hoffnungen, die ich auf dich und deinesgleichen jemals gesetzt. Du, dieser Komplex aus bürgerlicher Hemmung und Menschenfurcht, konntest wirklich nichts für mich tun. Ebenso nichts wie alle meine anderen Herren Kameraden jener glorreich verflossenen Oktava, aus der man mich – hinausgeschmissen.

HUBERT unsicher. Hättest du doch mit deiner Broschüre gewartet bis nach der Prüfung! Man hätte dir nichts anhaben können.

RABANSER. Bübische Ranküne von Kneipzeitungsschreibern! Pfui Teufel. Mir ging es um ernstere Dinge. Barrikaden auftürmen und verduftet sein, wenn es zum Schießen kommt. Diese Anmutung hast du schon einmal versucht und ich habe dir schon damals erwidert, daß sie – feig ist.

HUBERT aufgewühlt. Vielleicht bin ich eben – feig!

RABANSER stark, unwidersprechbar. Das bist du nicht; sonst würde ich nicht mit dir verkehren! Mit gesenkter Stimme. Von all den Kreaturen, mit denen ich auf der Schulbank saß, du immer noch der Beste. Dir dieses – zum Abschied zu eröffnen, einer der Gründe meines Hierseins.

HUBERT aufquellend, weh. Abschied?

RABANSER mit erkünstelter Rauheit. Keine Waschlappereien jetzt! Die Stunde ist kalt wie ein Rasiermesser. Wieder gesenkt. Übrigens war die Schmierage nicht der einzige Hebel meines Hinauswurfs. Sie gab ihnen bloß sublimere Witterung: ein Kerl, der solches wagt, muß auch moralisch ein Haderlump sein! Also Hunde von der Koppel! Spürhunde, Polizeihunde, Bluthunde! Vorstadtgerüchte, Mägdeklatsch, das Dutzend Lügen um einen Gulden! Vom Erdgeschoß bis auf den Dachboden ein Ameisenhaufen der Verleumdung! – Bis sie mir draufgekommen auf das – Ungeheuerliche! Lacht wild auf.

HUBERT erschüttert, leise. Worauf?

RABANSER bitter. Worauf? – Frag' deinen Vater! Ihm werden sie es wohl gesteckt haben! Hätte mir sonst nicht den Brief geschrieben, diesen Peitschenhieb in das Antlitz eines – Menschen! Hubert –! Aber nein! Jetzt noch nicht! Erst wenn ich wieder einmal oben sein sollte, oben! – Dann sehen wir uns wieder, dann reden wir davon. Frag jetzt nicht! Auch mir fiel ein Lindenblatt zwischen die Schultern. Nichts mehr von mir jetzt! Wieder beherrscht und gelassen. Gehst du nicht morgen zur Matura?

HUBERT. Ja.

RABANSER aufgeräumter. Das klang gepreßt wie aus einer verstopften Klistierspritze!

HUBERT. Es hängt so vieles davon ab für mich.

RABANSER. Für wen nicht? Aber merke dir, Leute deines Schlages fallen nicht. Davor schützt sie die nichtswürdige Solidarität der sozialen Klasse. Bei unsereinem ist's was anderes. Will damit dir persönlich nicht auf die Zehen getreten haben.

HUBERT. Glaubst du, dasselbe hab' ich nicht tausendmal gedacht, seit sie dir den Garaus gemacht haben? Mir die Wege eben und offen, und du –!

RABANSER mit Humor. Mensch, verkleinere dich nicht, sondern nimm Trost an! Denn auch ich darf mich morgen aus Gnade und Barmherzigkeit auf meine – »Reife« prüfen lassen.

HUBERT in echter Freude. Rabanser, du?! Jetzt ist alles wieder gut! Auf ihn zu.

RABANSER sich lachend erwehrend. Die Schwägersnichte meiner Hausbesorgerin – die Konkubine eines Amtsdieners bei einem Hofrat! Der Weg ist dreckig, aber gangbar für einen, der nichts zu verlieren hat.

HUBERT. Jetzt wirst du es ihnen zeigen!

RABANSER Huberts knabenhaftem Furor heiter überlegen. Glaubst du?

HUBERT. Mit deinem Wissen, deinen Stahlnerven, deiner göttlichen Hybris! Du wirst nicht wie ein Schlachtkalb schlottern vor ihren Fragen! Du nicht! Wir übrigen verdienen ja nichts anderes als zittern und kuschen!

RABANSER die Hoffnung mühsam von sich abhaltend. Schwärme nicht, Jüngling! Es wird anders kommen. Die Dolche sind bereits geschliffen, die mich vom Rumpfe der bürgerlichen Gesellschaft endgültig trennen sollen. Sie werden mir Netze stellen – nichts leichter als dies! – und ich werde mich verstricken. Allwissend bin ich nicht, doch dies ist mir bewußt.

HUBERT. Sie werden es nicht wagen!

RABANSER. Wer sollte sie hindern? Nein Hubert, ich gehe nicht zu dieser Prüfung, um durchzukommen. Dieser Fall ist im Repertorium der menschlichen Gemeinheit nicht vorgesehen. – Ich habe bloß eine kleine heimliche Verantwortung; für die muß ich selbst das Aussichtslose versuchen. Nicht um meinetwillen.

HUBERT behutsam. Willst du mir das erklären?

RABANSER aufgewühlt, leise. Es gibt jemanden in meinem Leben, dessen Maß an Leid ist voll, das verträgt keinen Tropfen mehr. Darum will ich morgen auch nicht – in Fetzen zu meiner Hinrichtung gehen – in diesen Fetzen. Er schlägt seinen Mantel auf.

HUBERT betreten, verwirrt. Rabanser!

RABANSER. Ich habe nur diesen Rock. Dir dieses zu eröffnen, ist ein zweiter Grund meines Hierseins.

HUBERT sieh in ratloser Teilnahme an ihm vorüber. Wie kann ich –?

RABANSER mit wunder Sachlichkeit. Bei Melchior Magentrost und Sohn, Kleiderverleihanstalt, wäre ein schwarzer mit Schößeln für acht Kronen zu entlehnen. – Ich habe auch diese acht Kronen nicht.

HUBERT aus allen Taschen. Nimm alles, was ich besitze!

RABANSER starr an sich haltend. Wird es nicht zuviel sein?

HUBERT stürmisch. Nimm, zähle nicht!

RABANSER nimmt mit einer abwesenden Geste. Was darüber, als Almosen? Scham und Erregung macht sich in einem einzigen rauhen Aufatmen Luft, durch seine Gestalt geht eine jähe Schwäche.

HUBERT nahe bei ihm. Was hast du?

RABANSER. Nichts.

HUBERT in jäher Erkenntnis. Hunger?

RABANSER. Auch – ein wenig.

HUBERT ihn stürmisch nehmend, zum Tisch hin drängend. Iß – trink!

RABANSER nach kurzem Besinnen, leert gierig das Glas mit Milch. Das war – nicht ein dritter Grund meines Hierseins.

HUBERT drängt ihm ein Brot auf. Noch das!

RABANSER nimmt es. Nicht – für mich. Steckt es ein. Hab' ich mich jetzt genug vor dir – gedemütigt?

HUBERT leise, bittend. Still!

RABANSER. Wie arm ich heute zu dir gekommen und wie du mich – gelabt, vergesse ich nicht.

HUBERT. Kann sein, daß es mir eines Tages ärmer ergeht, in anderem Sinn.

RABANSER. Dann komm!

HUBERT. Dank.

RABANSER. Leb wohl. Sie stehen einige Augenblicke Hand in Hand, aneinander vorübersehend. Draußen auf der Treppe Schritte.

HUBERT zusammenschreckend, Rabansers Hand fahren lassend, gespannt lauschend. Es steigt wer die Treppe herauf!

RABANSER. So schreitet in diesem Haus nur Einer. – Nimmt seinen Hut von der Ottomane auf. Thales von Milet scheint dennoch nicht bis Mitternacht vorgehalten zu haben. – Das hätte ich dir gerne erspart. Er geht mit lässigem Schritt gegen den Hintergrund, während Hubert in der Nähe des Schreibtisches starr stehenbleibt.

 

Der Vater tritt ein.

Dr. Fallmer ist ein hochgewachsener Mann gegen Sechzig. Breite Schultern, sonst schlank und sehnig, sein Schritt unbetont, aber von Stahl. Glatt rasiert, stark gebräunt. Die breite und hohe Stirn von aufgestelltem dichtem, grauem Haar umrahmt. Die Stimme männlich tief, nicht hart, aber voll Energie. Er trägt schlichten, dunkelgrauen Sportanzug von Schnitt und Nüchternheit einer Felduniform. Dunkelbraune Ledergamaschen und Schuhe. Er ist in lässiger Haltung eingetreten, ein paar Schritte ins Zimmer auf Hubert zu. Da er Rabanser gewahrt, bleibt er stehen. Ein jähes Wetterleuchten geht über sein Gesicht, aber er zwingt sich zu eisiger Ruhe, in der er sich von den beiden halb abwendet.

 

VATER. Man hat mir leider nicht gemeldet, daß mein Sohn Besuch hat. Sonst hätte ich meinen Sohn und seinen Besuch – nicht gestört.

RABANSER höchst gelassen, mit höhnischem Unterton. Die Störung ist meinerseits.

VATER innerlich bebend. Wer sind Sie?

RABANSER. Ich heiße Rabanser. Das wissen Sie so gut wie ich.

VATER. Es – wundert mich, Sie hier zu sehen. Denn ich entsinne mich, einem gewissen Rabanser, Ver fasser eines respektlosen, wenn auch geistvollen Elaborats Ironisch. vom »Ethos der Ungeborenen«, wegen dieses und anderer dunkler Vorgänge relegiert –

RABANSER. Haben Sie die Dunkelheit jener Vorgänge geprüft?

VATER. Das ist nicht meines Amtes. Ich entsinne mich bloß, wiederhole ich, jenem Rabanser – mein Haus verboten zu haben.

RABANSER wild, gedämpft. Ich bin kein Auswürfling!

VATER. Ist mir gleichgültig. Ich staune nur über meinen Sohn, der von jenem Verbote Akt genommen und dennoch –

RABANSER gehässig. Ersparen Sie sich den Nachsatz! – Leb wohl, Hubert. Geht auf Hubert zu und reicht ihm die Hand hin.

HUBERT in seiner Erstarrung die Hand unabsichtlich übersehend. Leb wohl, Rabanser. Ganz starr.

RABANSER ein bitteres Lächeln geht über sein Gesicht. Ach so!

VATER mühsam gehalten. Wenn du mich im Unrecht glaubst, kannst du deinem – Freund die Hand ja geben!

RABANSER. Den Mut besitzt er nicht. Wendet sich zum Gehen.

VATER von der Beleidigung seines Sohnes selbst getroffen, aufblitzend. Gehen Sie endlich!

HUBERT erst jetzt zum Bewußtsein der Situation gelang verwirrt Rabanser die Hand hinstreckend. Rabanser!

RABANSER. Bemüh' dich nicht! Zum Vater bedeutungsvoll. Auf – Wiedersehen!

VATER mit höhnischer Verbindlichkeit. Nicht nötig!

RABANSER nach einem Blick, den er auf Hubert zurückwirft, ab.

VATER ach einer Pause, in der er seine Erregung niedergekämpft, mit tiefer, aufgewühlter Stimme. Brauchst du wirklich solche Freunde, Hubert? – Du machst mich doch hoffentlich für diese Szene nicht verantwortlich? – Wäre gerne eine Stunde mit meinem Sohn allein gewesen an diesem Vorabend. – Hörst du mich, Hubert?

HUBERT paralysiert, mechanisch. Jawohl, Vater.

VATER immer mehr mit dem Unterton der Werbung. Der Ausgang der Prüfung, wollte ich sagen, ist mir – unwichtig. – Meinetwegen brauchst du nicht befangen zu sein morgen. – Verstehst du mich, Hubert?

HUBERT wie oben. Jawohl, Vater.

VATER. Viel Glück zum Gelingen will ich dir trotzdem wünschen. – Gib mir die Hand, Hubert! Reicht ihm die Hand hin, die Hubert wie im Traum ergreift.

HUBERT. Jawohl, Vater.

VATER aufbebend. Sonst nichts?

HUBERT will sprechen, kann nicht.

VATER mit einem Schritt ganz nah zu ihm, heiß. Kann dich nicht teilen mit jedem dahergelaufenen – –! Drückt ihn an sich. Muß teilen genug! Läßt ihn rasch los und geht, seiner Bewegtheit entflüchtend, ein paar hastige Schritte zur Tür. Dort bleibt er stehen, faßt sich. Dann mit gütiger Vaterstimme. Gute Nacht, Hubert! Ab.

HUBERT erst nachdem der Vater draußen, ohne sich nach der Tür zu wenden, wie aus Traumverwirrung, mit einem leisen, demütigen Nicken des Kopfes. Jawohl, Vater ...

 

Langsam der Vorhang.

 

 

 

 

Actus secundus

Wohnzimmer.

Ein weitläufiger, gemütlicher Raum, mit Biedermeiermöbeln eingerichtet. In der Mitte der runde Speisetisch, um ihn herum vier Sessel mit Polstersitzen. Darüber eine einfache Hängelampe. Die Mitte der Hintergrundwand nimm eine breite, mehrflügelige Glastür ein, durch die man auf die mit Efeu und wildem Wein dicht umrankte Veranda und, über ein paar Stufen hinab, in den Garten blickt Diese Veranda trägt den Balkon von Huberts Mansarde. Links und rechts von der Tür je ein Fenster mit weisen Mullgardinen. In der Nische des rechten eine kleine Treppe, auf dieser ein Nähtisch mit Sessel. An dem Wandpfeiler zwischen Tür und rechtem Fenster eine hohe Standuhr. Zu ihr als Gegenstück links ein altertümlicher Pfeifenständer. In der Mitte der beiden Seitenwände je eine weiße, einflügelige aber behäbige Tür. Links vorne ein mit kleingeblümtem Stoff überzogenes Sofa. Darüber ein verdunkeltes Ölgemälde. Rechts und links davon je ein zweikerziger Wandleuchter. Unter dem Bild drei Miniaturen in ovalen Goldrahmen. Links rückwärts eine Kredenz. Rechts vorne ein Konsoltischchen mit einer Stehuhr und zwei Leuchtern. Rückwärts ein niederer Glaskasten, darin reichlich Silberzeug,

Porzellan und Gläser. Sonst noch, an die Wände verteilt, eine Anzahl alter Stiche. Wenn der Vorhang aufgeht, ist Abend; die Lampe brennt in dem stark dämmerigen Raum, während es draußen im Garten noch verhältnismäßig licht ist. Der Tisch ist bereits aufgedeckt, einfach aber doch mit bürgerlicher Festlichkeit.

Rosl im Zimmer allein, in weißer Schürze und lichtem Kleid beim Tisch mit Putzen von Silberzeug und Wischen von Gläsern beschäftigt. Ein stilles, glückseliges Lächeln ist in ihrer vollkommenen Versunkenheit.

Die Tür links, der Rosl den Rücken kehrt, öffnet sich unhörbar und die alte Babúsch steckt den Kopf mehrmals rasch herein, dann tritt sie lautlos ins Zimmer. Sie ist eine kleine Person mit dürftigem Oberkörper und weitausladenden Hüsten. Ihr Uhugesicht ist abenteuerlich aufgeschminkt: grelle Wangenröschen und Lippen, die zur fahlen Farbe der übrigen Gesichtshaut kontrastieren. Hinter den mächtigen Hornbrillen zwei scharfe, falsche, boshafte Augen. Über einer weißgestärkten, altertümlichen Haube trägt sie ein schwarzes Spitzentuch, um die Schultern ein buntseidenes türkisches Umhängetuch, darunter eine schwarze Bluse, dazu einen altmodisch gerafften Rock aus grünem Tuch. Vom Gürtel herab baumelt ihr ein

großer Fächer aus Pfauenfedern. Ihre knochigen Spinnenhände tragen alle möglichen Ringe und Bracelets. Sie sieht aus, als wäre eine uralte Traumbuch- oder Spielkartenfigur lebendig geworden, und steigert ihre geheimnisvolle Komik durch allerhand Knixen, Fächeln, Augenspiel sowie durch das verjährte und wohlfeile Pathos ihrer Phrasen und Sprüche.

 

BABÚSCH die leise ganz nahe an Rosl herangekommen, räuspert sich.

ROSL sich rasch umwendend, erschrocken, befremdet. Herr Jesus! – Wer sind, was wünschen Sie?

BABÚSCH mit Knix. Die Karten-Babúsch wünscht einen gesegneten – Ausgang.

ROSL angewidert, kurz. Hier, durch den Garten gradaus!

BABÚSCH mit falscher, giftiger Freundlichkeit. So ungewogen, Jungfrau Putzlappen? Ihre Gnädige war gnädiger. Mürb war der Baumkuchen, süß der Kaffee! Schmatzt und kichert.

ROSL abgestoßen. Daher weht der Wind!

BABÚSCH widerlich lachend. Vom Himmel nicht, aus der Höllen auch nicht. An allen Lebenswenden läßt die Dame nach mir senden! Heute galt's dem jungen Herrn; ist geboren unter einem Glücksstern! Wispernd. Ich verrate kein Geheimnis, die Spatzen pfeifen's vom Sims: wird ein großer Herr, wenn, ja, wenn ihm der größere die Luft läßt!

ROSL geringschätzig. Haben's wohl schriftlich!

BABÚSCH. In den Karten steht's geschrieben! Die Karten lügen nicht!

ROSL. Alte Hexen um so dicker!

BABÚSCH mit unterdrückter Bosheit. Alte Hexen, noch so dick, triffst du sie, so hast du Glück!

ROSL. Den Vers kenn' ich anders: Alte Hexe übern Weg, rennst dem Teufel ins Geheg!

BABÚSCH lacht boshaft. Zwei Seiten hat jedes Ding, warum nicht die Hex'? Raunend. Weiß noch andere Sprüchlein, auch nicht übel: Junges Herzchen, loses Blut, möcht' gern wissen, wie – es tut. Züngelt und kichert.

ROSL rasch. Bin nicht neugierig.

BABÚSCH immer eindringlicher. Ist der Schatz auch noch so fern, Karte zeigt ihn nah und gern!

ROSL sich innerlich erwehrend. Brauch' keinen!

BABÚSCH. Kommt auf den Fall an, muß just nicht ein Sündenfall sein! Lacht anzüglich. Wollen's probieren, gratis, um der schönen Augen willen Zieht blitzschnell die Karten, mischt, hebt ab. Hocus-pocus primatius!

 

Eine nahe Glocke läutet zum englischen Gruß.

 

ROSL die sich bekreuzt hat, wie auf einer Sünde ertappt. Lästerlich Zeug, taugt nichts zum Aveläuten! BABÚSCH darüber hinweglachend, mit leiernder Hast, indem sie acht Päckehen auflegt. Ins Haus, ins Zimmer, in der nächsten Zeit, für Sie selbst, was gewiß geschieht, was man noch nicht weiß, was die Zukunft bringt, was der Jud' sagt.

ROSL nicht ohne Spannung. Rasch aber!

BABÚSCH geheimnistuerisch mit dem Zeigefinger die Karten betastend und auszählend. Eine Person von höherem Stand ist für Sie in heimlicher Liebe entbrannt ...

ROSL nicht unbetroffen, sich abwendend. Weiß keine solche.

BABÚSCH anzüglich, boshaft lachend. Schnappt das Fischlein bereits? Sitzt's Vöglein am Leim? Wußt ich's doch!

ROSL sich unbefangen machend, rauh. Weiter!

BABÚSCH lauernd. Heimlich küßt man, wo man sich trifft, leider fehlt der Braut die Mitgift. Was aber gewiß geschieht, das ist: ein Brief oder Bote in naher Frist!

ROSL unberührt. Kenn' keine Botenschicker.

BABÚSCH. Brief oder Bote ist einerlei. Eifersucht ist auch dabei – von einer Dame; die ist zwar alt und hat den Geliebten in ihrer Gewalt. Doch eine Erbschaft macht ihn wieder frei, und auf Lustbarkeit folgt Kindsgeschrei! Lacht schadenfroh.

ROSL. Still jetzt!

BABÚSCH mit Triumph. Eine Gerichtsperson nimmt sich um das Kind an, weil's der leibliche Vater nicht versorgen kann!

ROSL wild. Ein End' jetzt mit dem Unfug!

BABÚSCH die Karten einsteckend, bös lachend. Was der Jud' sagt zum Schluß: Falschheit endigt mit Verdruß! Unter Knixen und Kichern sich verziehend. Euere Exzellenz, meine Reverenz! Stehe mit meinen Künsten jederzeit zu Diensten, Briefchen genügt, komme ins Haus. Gehorsamster Diener, das Orakel ist aus! Verliert sich über die Veranda in den Dämmer des Gartens.

 

Die nahe Glocke hat aufgehört und eine entferntere begonnen.

 

ROSL die der Karten-Babúsch mit widerwillig- scheuen Blicken aus dem Hintergrunde des Zimmers nachgesehen, kommt nun mit ein paar erregten Schritten wieder zum Tisch. Steht einige Augenblicke versunken da, faßt sich, beruhigt sich dann, streicht sich, als wollte sie einen bösen Traum wegwischen, einmal über Haar und Stirne und fängt wieder zu arbeiten an. Dann leise singend.

Was will denn so ein armes Ding

Auf Gottes fremder Erden?

Zu allem linkisch und gering,

Muß halt ein Dienstbot' werden.

 

Und ist der Wuchs auch noch so fein,

Die Haut so frisch wie Seide,

Man nimmt es hin, man läßt es sein,

Wird doch nur Herzeleide.

 

Doch heute nacht hat mir geträumt

Von einem stolzen Buben!

Trat ein und hat es nicht versäumt

Bei mir in dunkler Stuben.

 

Und war kein loser Schmetterling,

Der nur so naschen wollte,

Denn als er ging, da hing ein Ring

Am Finger mir geringem Ding –

Der war aus eitel Golde.

HUBERT ist während der letzten Strophe im Rahmen der offenstehenden Tür rechts, vom unbeleuchteten Nebenzimmer her, erschienen und hat, an den Türstock gelehnt, zugehört. Von dort her gedämpft und bewegt. Wo hast du dieses Lied her, Rosl?

ROSL glücklich und schamvoll verwirrt, senkt nach einem kurzen Blick auf Hubert den Kopf und schweigt.

HUBERT traurig-zärtlich. Wo hast du dies – schöne Lied her, Rosl?

ROSL. Meine Mutter selig hat's immer gesungen –

HUBERT vor sich hin. »Der war aus eitel Golde.« – Der Traum ist ewig ...

ROSL. Bist so trübsinnig, wo jetzt alles glücklich vorüber –

HUBERT ins Zimmer tretend. Vorüber? – Mir geht der arme Rabanser nicht aus dem Kopf. Gefallen mit Schand' und Spott. Wie muß dem heut' zumute sein?

ROSL. Hat er's anders gehofft?

HUBERT. In irgend einem Winkel seines Herzens hofft auch der Hoffnungslose.

ROSL. Wohl wahr.

HUBERT. Wann geht mein – Ehrenmahl heut an?

ROSL. Warten nur auf Vater und Onkel.

HUBERT unruhig. Hast du die Mutter seit vorgestern mit dem Onkel sprechen sehen?

ROSL. Gestern.

HUBERT nervös. Nun und?

ROSL. Um was es ging, weiß ich nicht. Scheinen sich aber verstanden zu haben.

HUBERT erleichtert. Wär' immerhin ein – Lichtblick.

ROSL behutsam-zärtlich. Jetzt ist überhaupt nur mehr – Licht, Hubert.

HUBERT trüb. Glaubst du wirklich, Rosl?

ROSL. Bist ja nun frei!

HUBERT. Solange eins – fremdes Brot ißt, gibt's keine Freiheit.

ROSL. Ist ja – Elternbrot.

HUBERT. Mitunter das bitterste.

ROSL gütig verweisend. Versündig' dich nicht!

HUBERT nach einer Pause. Und soll ich dir noch ein Gleichnis geben, daß ich nicht frei bin?

ROSL. Findest ja immer einen Schatten in allem!

HUBERT. Wie ist doch das Lied gegangen? »Doch heute nacht, da träumte mir –«

ROSL. Ach, laß das töricht Lied sein!

HUBERT. Die letzte Strophe, wie ging sie?

ROSL nach einigem Zögern. Der war kein loser Schmetterling –

HUBERT. Der nur so naschen wollte. Weiter!

ROSL.

Und als er ging, da hing ein Ring

Am Finger mir geringem Ding.

Der war von eitel Golde.

HUBERT sehr verhalten. Wenn ich der stolze Bub schon wär', Rosl, auf den – Ring müßtest wohl lang noch warten.

ROSL errötend. Wer denkt denn daran bei uns zweien?

HUBERT. Warum sollte – ich nicht daran denken?

ROSL ohne ihn anzusehen. Muß jetzt in die Küche.

HUBERT. Du wärest schon eine, in der man – ruhen könnte ...

 

Er reicht ihr die Hand hin, die sie ergreift. Nach einigen Augenblicken, während derer sie mehr als die Hand erwartet hat, macht sie sich plötzlich los und läuft zur Tür. Dort wirft sie noch einen Blick zurück und verschwindet mit einem leisen, dunklen Lachen. Hubert schüttelt den Kopf und geht dann zögernd, als erwarte er, daß sie wiederkommen könnte, rechts ab.

Die Bühne bleibt einige Augenblicke leer. Man hört noch immer ferne und fernste Glocken, die allmählich verstummen. Amselschlagen durch die Stille. Dann sich nähernde Schritte und Stimmen von draußen her.

 

DOKTOR FALLMER UND PROFESSOR WOHLGEMUT kommen durch den Garten.

REMIGIUS mit gedämpftem Enthusiasmus. Das war ein schöner Gang heute. Aber müde bin ich geworden, rechtschaffen müde. Lächelnd. Das sind eben doch schon die Jahre. Er kommt nach vorne links und läßt sich auf dem Sofa nieder. Sein Gesicht trägt bei aller Müdigkeit den Ausdruck einer stillen, in sich gekehrten Seligkeit.

VATER mit gütigem Anteil. Wird eher der Südwind sein als das knappe Jahrzehnt, um das du mir vor bist.

REMIGIUS. Mir sind, bei aller Lebendigkeit der Sinne, die Glieder wie trunken schwer.

VATER. Ist auch ein Trunkenheit, wirkt nur verschieden. Dich schlägt sie ab und mir Tief aufatmend und sich mächtig dehnend. strömt es wie heißer Wein durch Adern und Nerven! – Wenn ich ein Dichter wäre, meine höchsten Schöpferaugenblicke, die hätt' ich bei Föhnwind sicherlich. Er geht ein paarmal, mit sich beschäftigt, auf und ab.

REMIGIUS der ihn angesehen und unruhig geworden. Du Vinzenz, was ich sagen wollte –

VATER in sich hinein, abwesend. Nun?

REMIGIUS behutsam. Was wir gestern mitsammen gesprochen haben, das hast du doch nicht vergessen, nicht wahr?

VATER immer noch wie oben. Wir haben gestern vielerlei miteinander besprochen.

REMIGIUS. Am meisten aber, was Hubert betraf –

VATER aufhorchend. Seine Berufswahl –?

REMIGIUS. Ihre Verschiebung auf den Herbst –

VATER ihn mit einem kurzen, prüfenden Blick streifend. Sonderbar.

REMIGIUS. Das hast du mir doch zugesagt, nicht wahr?

VATER ihn voll ansehend. Remigius, war zwischen uns bisher nicht immer die Rede: ja, ja und nein, nein? Ist nicht, was darüber ist, vom Bösen?

REMIGIUS unsicher lächelnd. Bin ich eine Judasnatur, Vinzenz?

VATER. Eben nicht. Ich fürchte bloß, man hat dir etwas eingeblasen. Ein gewisses Weib steckt da dahinter.

REMIGIUS freimütig und sicher. Ein gewisses? Das verstehe ich nicht. Deine Frau ist allerdings in dieser Sache mit mir eines Sinnes. Was ist dabei?

VATER. Dacht' ich es doch! In sich arbeitend, erregt. Da muß ich freilich meine Zusage von gestern zurücknehmen. Ich hatte geglaubt, sie dir zu geben, und gab sie einer andern. Error in persona – das Geschäft ist ungültig. Da Remigius erwidern will. Laß gut sein! Ich weiß, was ich sage! Immer erregter. Es wollen Mächte ans Werk, denen ich um jeden Preis zuvorkommen muß.

REMIGIUS mit edelm Widerstand. Kannst du die Mutter in so wichtigen Dingen ausschalten?

VATER. Darum handelt es sich nicht, Remigius! Hier gilt es nicht bloß, ob Doktor oder Seifensieder, sondern ob mein Leben Sinn gewesen ist oder Unsinn.

REMIGIUS. Das kann doch die Frage nicht sein.

VATER immer erregter. Es ist die Frage! Denn uns, die wir nicht in Werken dauern, bleibt nur: das Auge zu vererben, das uns die Herrlichkeit der Welt erbaut hat. Sie soll mir nicht in Trümmer gehen, wenn ich das meine schließe. Ich war nicht erpicht darauf, dies heute oder morgen aufzurühren; jetzt aber bin ich erpicht darauf!

REMIGIUS einem ihm Unverständlichen gegenüber, beklommen. Nun kann ich mir schon denken, wie das ist, wenn du's wie heißen Wein in Nerven und Adern hast.

VATER schwer, wund. Und möchte doch auch lieber einmal müde sein und freundlich entspannt. Aber bei mir heißt es immer: auf Horchposten stehen, Flinte im Arm, die Finger am Schloß vom Gewehr ... Wie Gott will.

DIE MUTTER tritt von links auf.

REMIGIUS sich erhebend. Schönen guten Abend, gnädige Frau!

MUTTER hausfraulich angeregt. Da seid ihr ja endlich! Da kann also endlich aufgetragen werden! Zur Tür hinaus. Rosl! Hubert!

REMIGIUS um gute Stimmung sich bemühend. Wir haben heute einen ganz einzig-schönen Spaziergang erlebt.

MUTTER unterm letzten Ordnen des Tisches. Und zumeist gelesen dabei, nicht wahr?

REMIGIUS förmlich entschuldigend. Bisweilen al lerdings. Die Landschaft war heute wieder einmal so klassisch, so italisch, daß es unsereinem schwer gefallen wäre, die Oden des Horaz, die man ja sowieso immer bei sich trägt, nicht aufzuschlagen.

VATER mit verständnisinniger Betonung zu Remigius.

Vides, ut alta stet nive candidum

Sorakte ...?

REMIGIUS einfallend. Ja, ja, das war besonders überwältigend: urplötzlich, an einer Straßenbiegung, ganz fern am Wellenrand des Rebenlandes, die Berge im Schnee!

MUTTER. Und die Nase im Buch! Setzt sich links zum Tisch.

VATER. Man soll vom Dornenstrauch nicht Feigen ernten wollen, Remigius! Rechts zum Tisch.

REMIGIUS mach eine verlegen begütigende Geste und nimmt vorne Platz.

 

Hubert von rechts; Rosl von links, das Essen auftragend.

 

HUBERT. Guten Abend!

VATER aufleuchtend. Guten Abend, Hubert!

REMIGIUS. Nun, wie waren die ersten Züge aus dem Becher der Freiheit, junger Maturus?

HUBERT. Eigentlich ein wenig enttäuschend, guter Onkel.

 

Setzt sich rückwärts zum Tisch.

 

REMIGIUS. Katzenjammer des Glückes!

VATER freundlich, aufgeräumt. Das hat er von mir! Erst alle Kraft und Sehnsucht aufs Ziel gerichtet und dann, ist's erreicht, die Empfindung: ein Neues, ein Eigentliches müsse beginnen. Und das ist gut so, bewahrt die Seele vor Schläfrigkeit.

MUTTER. Eine unglückselige Veranlagung, die ich meinem Kinde nicht wünschen möchte.

REMIGIUS. Ich kann da nicht mitreden. In meinem Leben hat es keine eigentlichen Abschnitte gegeben. Manches war schwer, das andere leichter. Doch eins ist ins andere hinübergeglitten. Ich hab's kaum bemerkt, und eines Tages war ich ein alter Mann.

VATER. So ist es freilich vielleicht am schönsten.

MUTTER. Wie man's nimmt, und nicht für jeden! Du härtest es so nicht ausgehalten.

VATER vor sich hin, geringschätzig. Was weißt du davon?

MUTTER. Von dir weiß ich ein Lied zu singen.

VATER mit sarkastischem Humor. Laß es ungesungen, du Traute. Im übrigen schlage ich vor, uns einmal ganz ohne persönliche Apostrophen zu unterhalten!

REMIGIUS froh und befreit. Darauf erhebe ich mein Glas!

VATER mit dem Willen zur Unbefangenheit. Nein, Alter! Das erste Glas, das wir heute trinken, das gelte der Jugend und ihrer Zukunft! Schenk dir ein, Hubert!

MUTTER. Das ist einmal ein Wort, da halte ich mit!

VATER. Gestern, da wir gerne mit dir angestoßen härten, bist du uns durchgebrannt zu deiner Kneipe! So holen wir's heute nach – um so freudiger!

HUBERT hat sich erhoben und steht, das Glas in der Hand, unschlüssig, mit wem er zuerst anstoßen soll.

REMIGIUS die Situation erfassend. Vivas, crescas, floreas – vom ganzen Herzen!

VATER stark. Stoß nur beruhigt zuerst mit mir an! Glück auf den Weg!

HUBERT unsicher, befangen. Wer den nur wüßte, Vater!

MUTTER ostentativ, anklingend. Dazu hast du ja eine Mutter, damit sie dir ihn zeige!

VATER stellt das Glas hart auf den Tisch. Die Arena ist geöffnet, das Spiel kann beginnen. Ave Cæsar!

REMIGIUS fast flehentlich, leise. Vinzenz!

VATER zurückgelehnt, mit grimmigem Behagen. Warum siehst du mich denn so aufgescheucht an, amice? Und du, liebe Frau, was spießest du denn den armen Philologen auf deine schönen Glutblicke?

MUTTER in Wut und Verwirrung. Ich will nicht, daß die Frage der Berufswahl –

VATER. Bravissimo! Das Kampfziel ist genannt, die Gegner treten in die Schranken! Aug' in Aug', so lieb' ich es!

MUTTER in ohnmächtiger Erregung. Ich will aber nicht, ich, die Mutter!

VATER unausweichlich. Und ich, der Vater, will!!

HUBERT innerlich bebend. Warum du dich so sehr dagegen sträubst, Mutter! Einmal muß es ja doch besprochen werden.

MUTTER mit der Furiosität der Schwäche. Gut! Auch gut!

REMIGIUS mit vor Erregung fast versagender, begütigender Stimme. Ich glaube, liebe Freunde, daß sich diese Frage ganz sine ira et studio lösen läßt –!

VATER. Ließe!

REMIGIUS schon sicherer. Verzeiht mir, ich meine nämlich ganz bescheiden: das erste Wort hat da weder Vater noch Mutter, sondern jener, um dessen Wohl und Wehe es doch einzig geht!

VATER. Angenommen! Hubert hat das erste Wort!

MUTTER. Aber sprich so, wie es dir ums Herz ist! Deine Mutter steht dir zur Seite!

VATER wetterleuchtend. Hubert hat das Wort!

HUBERT über alle hinweg ins Leere, leidend. Könnt ihr denn nicht – gut sein zueinander?

VATER aufzuckend, zutiefst erschüttert. Hast du es gehört, Remigius?

REMIGIUS nach einer Pause allgemeiner seelischer Betretenheit, mit großer Güte. Ich will dir helfen, Hubert!

HUBERT wie oben. Jetzt kann mir niemand helfen, guter Onkel.

REMIGIUS. So sprich jetzt, Hubert, frei aus dir heraus! Denk gar nicht daran, daß wir dir zuhören! Als wenn du zu dir selbst redetest, sprich!

VATER auch mit ermunternder Milde, gedämpft. Ja Hubert! Hör auf ihn! Dein Freund ist er nicht weniger als der meine! – Wovor bangt dir denn, Kind? Hab' ich dich jemals gebogen? Hab' ich dich nicht wachsen lassen, wie es kam? Oder hab' ich jemals ein Wort zu dir gesprochen von dem, was ich wünschte, daß aus dir würde?

HUBERT gequält, mit unwillkürlicher Betonung. Du nicht, Vater!

MUTTER eifrig. Und ich, wenn ich es getan habe, so war es nur, damit du nicht wider deinen Willen in eine Bahn gedrängt wirst –

VATER aufblitzend. Von wem?

MUTTER. Von dir! Von wem sonst?

VATER eisern. Schön! Wenn du so anfängst, werde ich das Verfahren abkürzen!

MUTTER wild. Jetzt nimm dich in acht, Hubert!

VATER aufbrausend. Warnst du ihn vor seinem eigenen Vater?!

MUTTER voll Haß. Du bist nicht wie ein Vater zu ihm!

VATER außer sich. Weib!!

REMIGIUS beschwörend. Sei ein Römer, Vinzenz! Was tat Lucius Ämilianus, als sie im Senat über ihn herfielen mit falscher Anklage?

VATER vor Kraft der Beherrschung bebend. Lucius Ämilianus – schwieg. Aber in den Falten seiner Toga brach er mit seiner Rechten die Finger seiner Linken aus dem Gelenk.

REMIGIUS leise. Und schrie er in seinem Schmerz?

VATER vor Beherrschung bebend. Lucius Ämilianus – schrie nicht. – Auch ich schreie nicht mehr, Remigius. Die beiden Freunde wechseln einen stummen Blick tiefsten seelischen Einverstehens.

 

Lange Pause.

 

HUBERT der sich mühsam erhoben hat, mit verstörtem Entschluß. Vater und Mutter – ich will nicht, daß ihr euch länger um meinetwillen quält. Ein ganzes Leben lang war ich zwischen euch der Zankapfel. Glaubt ihr, daß das meine Kindheit verschönt hat?

VATER zutiefst getroffen. Sprich weiter, Hubert!

MUTTER blickt beschämt, gefoltert, stumm vor sich hin.

HUBERT sich immer mehr fassend. Wäre ich stark, Vater, wäre mir – Freude mitgegeben, vielleicht – ich weiß es ja nicht – vielleicht könnte ich dann ein Leben ganz aus eigenem beginnen.

VATER tief, behutsam grollend. Woher hast du es denn, daß du nicht stark und freudig bist, Hubert?

HUBERT darüber hinweg. Aber so! – Irgendwas ist nicht ganz heil mehr in mir. Ist es der Wille? Oder überhaupt die Kraft, von selbst irgendwie hinaufzukommen? Ich weiß es nicht.

VATER mit beginnender Gegensätzlichkeit. Was soll das heißen?

HUBERT. Es ziemt mir ja nicht, mit euch zu rechten, Vater und Mutter, aber es ist schon so geworden mit mir, wie ich sage. Ich kann nicht mehr aus mir allein –

MUTTER erregunggeschüttelt. Was kannst du nicht mehr?

HUBERT. Beruhige dich, Mutter! Sei doch ruhig, Mutter! Ich meine ja nur: ich kann nicht aus mir allein, ohne eine Hilfe von zu Hause, draußen in der Welt –

VATER tief. Hast du denn kein Vaterhaus, Hubert?

HUBERT. Ein Vaterhaus gewiß – Rein wörtlich genommen, ein Haus, in dem mein Vater und meine Mutter wohnen – Ein Haus gewiß, in dem ich – Kind war und Knabe und –

VATER schmerzvoll. Aus dem es dich aber hinausdrängt – in die Welt!

HUBERT sehr behutsam. Nicht so sehr in die Welt –

VATER. Nur fort, nur hinaus aus dieser Hölle!

MUTTER. Wer hat denn dieses Haus zur Hölle gemacht? Wer?!

VATER tieferschüttert. Hörst du, Remigius, lieber vielleicht zugrunde gehn draußen irgendwo, als –MUTTER streitbar auf Huberts Seite. Er wird nicht zugrunde gehn! Solange ich lebe, nicht!

HUBERT. Nein, Vater, ich glaube auch, ich würde nicht zugrunde gehn, wenn ich nur von euch nicht ganz verlassen würde –

VATER überlegen. Ach so! Jetzt versteh' ich! Hart. Hat dir das deine Mutter eingeflüstert?

HUBERT erschrocken sich verwahrend. O nein! Es ist mein eigener ...!

VATER jäh. Oder Rabansers Gespinst?!

HUBERT. Mein eigener Gedanke!

MUTTER. Den ich unterstützen werde mit allen meinen Mitteln!

VATER höhnisch. Deinen Mitteln?

MUTTER mit Triumph. Das Vermögen gehört mir!

VATER am Losbrechen. Das Heiratsgut eignet dem Manne! Darüber verfüge ich!

MUTTER furios. Du?! Nicht einen Kreuzer hast du besessen! Folglich –!

VATER in letzter Beherrschung. Folglich?! – Hörst du, Remigius?!

REMIGIUS in die Erregung mitgerissen. Das ist doch jetzt nicht die Frage!

MUTTER ihn anfahrend. Wohl ist es die Frage! Ich werde doch von meinem Gelde mein Kind unterstützen dürfen!

HUBERT dringend. Es braucht ja nur ganz wenig zu sein, was du mir gibst, Vater. Ich will ja meinetwegen hungern im Anfang.

VATER. Wenig oder viel! Und wenn ich dir den ganzen Bettel in dein Bündel packe! Was aber dann? Was willst du damit anfangen?

MUTTER. Das ist seine Sache!

VATER mächtig. Es ist die meine!! – Nein, nein, nein, nein! So kommen wir nicht zum Ziel! Masken ab! Wahrheit! Sich mit höchster Anstrengung fassend. Hubert! Hör mich an! Wir zwei sprechen jetzt miteinander! Wir zwei! Niemand dritter! Du und ich! Mensch zu Mensch, Freund zu Freund! Weihe mich doch ein in deine Pläne! Verstehst du mich?

HUBERT paralysiert. Ja, Vater!

VATER darüber hinweg. Weihe mich doch ein in deine Pläne! Irgend etwas muß dir doch vorschweben, irgendwas! Sonst kommt man doch nicht daher und kündigt einem sozusagen die Hausgenossenschaft, wie einem Aftermieter, wie einem Dienstboten! Das haben – wir beide nicht verdient um dich! Macht eine abwehrende Geste. Ich weiß ja, daß du es nicht so gemeint hast, aber immerhin! Mach mir doch einen brauchbaren Vorschlag, irgendeinen! Ich will ihn prüfen, dir raten und helfen! Und noch eins! Ich will auch meine Träume zum alten Eisen werfen! Um meine Träume handelt es sich ja nicht – die sind ja verblasen, wenn ich die Augen schließe, aber du! Du mußt ja dann noch leben! Also, was willst du denn eigentlich? Bloß von zu Hause fort – ich begreife es ja – aber das ist doch kein Ziel, kein Beruf, kein Gedanke!

HUBERT verloren. Vater, ich –

VATER in vollem Sturm echter Vaterinbrunst. Gut, gut, gut! Laß gut sein! Du bist jetzt befangen, das läßt sich ja denken! Vom Gaukelspiel der Möglichkeiten bis zum festumrissenen Plane, der Weg ist weit; wir wollen ihn Schritt für Schritt miteinander gehn! Also! Zunächst was du nicht willst! Zum Beispiel dein Geld in die Bank legen und von den Zinsen leben – das willst du doch sicher nicht, dazu bist du zu fleißig, zu tätig! Auch trüg' es zu wenig! So willst du vielleicht nebstbei Stunden geben und einen Beruf ergreifen, irgendeinen, von dem du glaubst, daß ich dawider wäre! Du irrst, Hubert, du kennst deinen Vater nicht! Alle vier Fakultäten stelle ich dir frei!

MUTTER wild. Merkst du schon, wo das hinauswill, Hubert?! Ins brotlose Büffeln, bis deine Jugend dahin ist!

VATER zur Mutter. Apage Satanas! – Hubert, mein Kind, mein Sohn! Du brauchst auch meinetwegen nicht zu studieren! Obwohl –! Aber nein, nein, nein! Ich und meine Träume kommen nicht in Betracht! Es gibt ja auch noch andere Berufe, bei denen man ein gebildeter Mensch sein kann! Allerdings nur so nebenbei, in jenen gewissen Pausen, die freilich fast niemals kommen! Wähle in Gottes Namen einen solchen Beruf! Aber du, aus eigenem heraus, wähle! – Gut, auch das nicht! So fühlst du vielleicht irgendeine Sendung in dir: zum Maler, zum Musiker, zum Dichter! Das wäre ja ein großes Glück, ein Stolz, ein Emporstieg! Habe freilich an dir dergleichen noch nicht bemerkt! Kann mir aber entgangen sein, aus eigener Schuld! Was wissen wir schließlich von unseren Kindern?! Oder du hast es mit Absicht verborgen, hast dich dessen geschämt vor mir! Das gibt es ja, wäre begreifliche Keuschheit! Ist es also das? Planst du dergleichen?

HUBERT in verzweifelter Dumpfheit. Ich plane nichts mehr, Vater! Du kannst mit mir machen, was du willst.

MUTTER wild, empört. Wirfst du die Flinte ins Korn, Hubert?!

VATER seinen zunehmenden Widerwillen noch unterdrückend. Ich habe das nicht gehört! Ich will es nicht gehört haben, Hubert! Gott behüte mich, daß ich aus dir mache, was ich will! Dein Leben sollst du leben, nicht das meine! Laß dir das gesagt sein! Oder hast du mich je anders kennengelernt?! Mit wachsender Bitterkeit. Daß ich Leute nicht liebe, die sich im Perzentrechnen besser auskennen als im Schiller und Goethe, das ist eine Marotte von mir altem und altmodischem Manne! Ich lasse sie niemand entgelten! Immer grimmiger. Daß ich Menschen von Geist und Kultur vorziehe dem Gelichter, das stumpf von der Hand in den Mund, von Geschäft zu Geschäft lebt, das wirst du mir doch nicht verübeln! Daß ich vererben möchte an einen, der meine Sprache spricht, was ich erlernt, erfahren, erlitten – das sind doch nur so Gedanken! Die kannst du mir doch nicht verbieten! Ich würg' sie ja ohnehin nieder! Oder hab' ich dich je mit ihnen beeinflußt, geknechtet, geknebelt?! So wirst du doch hoffentlich frei sein in deinen Entschlüssen! Kannst ehrlich sagen, was immer du planst möchtest und vorhast? Nur sag es, um Gottes Willen, sag es endlich!

HUBERT aufklagend aus höchster Not. Vater, ich kann es nicht sagen! – Ich weiß nichts! Zerbrochen, ohne Sinn und Gedanken – ein Nichts!!

VATER aufflammend. So?! Ein Nichts bist du?! Woher bist du denn das?! Von wannen kommt dir denn dieses Nichtssein?! Hast du's gehört, Remigius?! Als ein Nichts bekennt er sich! Entfesselt. Wer unterfängt sich, meinen Sohn ein Nichts zu schmähen?! Nicht einmal meinem Sohne gestatte ich das! Verstehst du?! Mein Fleisch und Blut, das lass' ich mir nicht beschimpfen! Von niemandem! Auch von dir nicht! Oder du bist nicht mein Fleisch und Blut!

MUTTER stößt einen erstickten Schrei der Wut aus, ringt nach Luft.

HUBERT schreit auf. Vater!

REMIGIUS totenbleich. Vinzenz, um Gottes Barmherzigkeit willen!

VATER über sie hinweg, in der Ekstase der Qual, gewaltig. Wer hat mir mein Blut verseucht, den Samen meiner Lenden verdorben, daß er ein Nichts wurde, da er aufging?!

MUTTER in Raserei. Er ist wahnsinnig geworden!

VATER immer gesteigerter. Männer waren meine Väter hinauf bis ins zehnte Glied! Weiber meine Mütter, geduldig, sicher und stark! Wer hat mir mein Blut verseucht, den Samen meiner Lenden verdorben?!

MUTTER ihn übertönend. Wer hat dieses Kind gewollt?! Nicht ich war es, du!!

VATER. Sie lügt! Sei du jetzt mein Zeuge, Herr Gott! Sie lügt! Als sie zum Ekel sich ward in ihrer trostlosen Leerheit, zu mir bettelte sie: Ein Kind will mein Schoß jetzt, ein Kind! Als Füllsel für ihre Leere! Nicht ich hab's gewollt! Aus der Ekstase des Schmerzes zu irdischer Wut erwachend auf Hubert zu. Und jetzt ein Nichts?!! Dein Gesicht sieht in die Sippschaft deiner Mutter! – Geh fort, du Mensch, du Nichts von einem Menschen!

HUBERT in lebloser Erstarrung zurückgewichen, von Remigius schützend umfangen, hinaus auf die Veranda, wo man ihn sich losreißen und davonstürzen sieht.

REMIGIUS' STIMME von der Veranda. Du bist fürchterlich, Vinzenz! Furchtbar bist du! Auch er verschwindet.

VATER währenddessen, heiser. Jetzt nur du und ich! Jetzt die Abrechnung!

MUTTER wild, bewegt. Ja, abrechnen wir zwei – endlich!

VATER. Für ein ganzes, langes, verstümmeltes Leben!

 

Im Augenblick, da sie sich Aug' in Aug' einander zuwenden, fällt der Vorhang.

 

 

 

 

Actus tertius

Rabansers Behausung.

Der Dachboden eines Vorstadthauses. In der ungefähren Mitte des düsterphantastischen Raumes eine Art Verschlag, durch Mauerwerk und Holzwände gebildet, nach vorne zu jedoch offen und nur durch ein mächtiges Holzgatter abzuschließen, dessen beide Flügel nach links und rechts aufgeschlagen sind. Der rechte Gatterflügel lehnt sich an eine Mauer, in die die Kamine eingebaut sind und durch die ganz rechts eine eiserne Tür auf die Bodentreppe hinabführt. Der linke Flügel lehnt sich an eine Bretterwand, die einen kleinen Nebenraum des Verschlages gegen den Zuschauer hin abgrenzt Links davon der eigentliche Bodenraum, in dem man mannigfaches Gebälke, übereinandergetürmte Kisten und Kasten und den matten Schimmer aufgehängter Wäsche mehr ahnt als sieht. Der Verschlag selbst ist ein unregelmäßig viereckiger Raum. Sein Hintergrund wird von der geneigten Innenfläche des Daches gebildet und verfügt über eine große torartige Öffnung in den Himmel hinaus. In der linken rückwärtigen Ecke des Verschlages ist auf ein paar niederen Kisten mit alten, rot und weiß gestreiften Matratzen ein geräumiges Lager hergestellt. In der rechten

rückwärtigen Ecke steht ein uralter Kleiderständer, auf dem ein Anzug und ein Hemd hängen. An der schräg nach vorne verlaufenden gemauerten Rechtswand nächst dem Kleiderständer ein eisernes Waschgestell. Weiter vorne ein wackeliger Tisch, ganz an die Wand gerückt. Über ihm ein improvisiertes Regal mit Büchern, Broschüren, Heften, Zigarettenschachteln usw. Daneben links und rechts, mit Reißnägeln an die Wand befestigt, ungerahmte Blätter mit Bildnissen von Lassalle, Rousseau und Schiller. Vor dem Tisch ein verfallener Biedermeierstuhl, neben dem Tisch an der Wand ein ausrangierter weißer Gasthaussessel. Ganz vorne rechts eine niedere Truhe, über die ein Stück von einem alten Vorhang gebreitet ist. Darüber an der Wand ein kleiner japanischer Papierfächer, eine Laute, ein ausgestopfter Uhu und eine Stallaterne. Links vorne führt eine rohgezimmerte schmale Tür durch die Holzwand in den erwähnten kleinen Nebenraum des Verschlages.

Wenn der Vorhang aufgeht, ist der Raum vor dem Verschlage und der Vordergrund des Verschlages selbst von der brennenden Stallaterne matt erleuchtet. Durch die Dachöffnung scheint der Himmel der hellen, besternten Nacht herein und erfüllt den Hintergrund mit einem sanften, bläulichen Dämmer. Dort sitzt Taube auf dem

Rande der Lagerstätte, in sich zusammengekauert und dennoch sichtlich auf irgendein Erwartetes mit allen Nerven gespannt. Sie ist ein ungefähr sechzehnjähriges Mädchen mit kindlich dürftigen Formen und einem blassen, bei weitem älteren Gesicht von slawisch-zigeunerhaftem Schnitt. Ihr dunkles Haar hat sie im Nacken zu einem kleinen Knoten gebunden. Ihre ärmliche Tracht ist phantastisch zusammengestückelt ein kurzes, dunkles Röckchen eine Art Hemdbluse und eine farbig-gestreifte Schürze in der Art der dalmatinischen Gewebe. Ihre Beine und Füße sind nackt.

Man hat aus der Tiefe des Bodenraumes zwei weibliche Stimmen sprechen gehört. Von dorther kommen nun Frau Pogatschnigg, die Hausbesorgerin, mit einer brennenden Laterne und das Dienstmädchen, das einen leeren Wäschekorb trägt.

Die Pogatschnigg ist eine ältere, unwirsch aussehende Frau, ganz der Typus ihres Standes, das Dienstmädchen eine junge blonde Person vom Lande, simpel, ausdruckslos, aber trotzdem in ihrem Wesen und Gehaben mit dem schlichten Anteil begabt, den Arme für noch Ärmere haben. Es ist daher mehr als bloße Neugierde, wenn sie am Verschlage links, so daß sie von Taube nicht

gesehen werden kann, stehenbleibt und durch den vorstehenden Teil des Lattengatters hineinspäht. Auch Frau Pogatschnigg bleibt im Vordergrund stehen und blickt mit dem Ausdruck mißbilligender Besorgtheit auf Taube, die von all dem nichts merkt. Erst nach einigen Augenblicken beginnen die beiden Frauen miteinander gedämpft zu sprechen.

 

DIENSTMÄDCHEN. Da sitzt sie noch immer wie vor einer Stund' –

POGATSCHNIGG. Die sitzt wohl schon länger so und wartet auf ihn.

DIENSTMÄDCHEN. Wann hätt' er denn kommen sollen?

POGATSCHNIGG. Gestern auf die Nacht spätestens. Völlig närrisch war sie schon vor Freud' und Aufregung. Um Blumen hat sie mich angebettelt für den Tisch und zum Anstecken. Sind auch welk worden über Nacht, und das Essen steht heut auch noch dort für ihren Rabanser. Keinen Bissen hat sie angerührt.

DIENSTMÄDCHEN. So gern hat sie ihn?

POGATSCHNIGG. Auch alle Ursach'! Wo wär' die heute, wenn er nicht ist? Verhungert oder schlecht –

DIENSTMÄDCHEN. Leicht möglich, wo sie doch taub ist –

POGATSCHNIGG. Ein Elend auf der Welt.

DIENSTMÄDCHEN. Wo ist er denn eigentlich hin, der Rabanser?

POGATSCHNIGG. Zur Prüfung, gestern mittags –

DIENSTMÄDCHEN. Da könnt' er doch leicht daheim sein!

POGATSCHNIGG. Freilich. – Aber so ein junger Mensch hat halt noch nicht die Religion, wie wenn einem Gesetzteren ein Unglück passiert. Wirft die Hoffnung weg, und das Leben geht mit darauf.

DIENSTMÄDCHEN ereignis witternd. Was, Sie glauben ein Unglück, Frau Pogatschnigg?

POGATSCHNIGG. Weiß man's? Hängt ja schier alles ab für ihn von der Prüfung.

DIENSTMÄDCHEN. So gewissenlos wird er doch nicht sein!

POGATSCHNIGG. Das Leben nimmt sich keiner, der nicht glaubt, es muß sein. Mit dem Gewissen hat das nix zu tun, Fräulein Karolin'!

DIENSTMÄDCHEN. Das wär' ja schrecklich für das arme Ding!

POGATSCHNIGG vor sich hin. Na, solang die Mutter Pogatschnigg ist –

DIENSTMÄDCHEN. Das ist wohl wahr! Sie werden sie nicht verlassen!

POGATSCHNIGG in der Maske der Rauheit. Aber arbeiten heißt's dann für das Fräulein! Arbeiten und was verdienen! Händ' und Füß' hat sie ja. Kann s' die Lauten schlagen, wird s' einen Strumpf auch noch stricken können. Da braucht s' keine Ohren dazu!

DIENSTMÄDCHEN. Hört s' denn gar nichts?

POGATSCHNIGG noch immer polternd. Einen Schimmer wird s' schon haben. Was er ihr sagt, versteht sie alles. Ihm liest sie's vom Mund ab.

DIENSTMÄDCHEN. Ja, wenn unsereinem ein Sinn fehlt!

POGATSCHNIGG wie oben. Nur wenn eins pfeift oder aufstampft mit'm Fuß auf dem Erdboden, vernimmt sie's auch auf Entfernung, aber nicht mit dem Gehör, sondern hier herum, Geste. um die Schläfen, mit dem Gefühl.

DIENSTMÄDCHEN. Nicht zum glauben!

POGATSCHNIGG. Ja, unser Herrgott weiß halt doch immer noch seiner Kreatur zu helfen. Für eins, was er ihr tot macht, macht er ihr ein anderes um so lebendiger.

DIENSTMÄDCHEN. Ist völlig ein Wunder –

POGATSCHNIGG. Ist alles ein Wunder auf der Welt. – Kommen S' jetzt mit herunter, Fräulein Karolin'!

DIENSTMÄDCHEN gutmütig ergeben. Wohl! Können ihr ja doch nicht helfen.

 

Während die beiden sich anschicken rechts abzugehen, hört man polterndtappende Schritte und

eine unwillig räsonierende Männerstimme die Bodentreppe heraufkommen.

 

TAUBE wird lebendig, schnellt von ihrem Sitze auf und ist mit ein paar Schritten rechts vorne bei der Truhe und steht, ihre Wange lauschend hingeneigt, in ängstlich-freudiger Erwartung einige Augenblicke still. Sie hat die beiden Frauen gewahrt und bittet sie, mit dem Finger am Mund, um Stille.

POGATSCHNIGG erschüttert, leise. Da haben Sie das Wunder! Sie spürt wen die Stiegen heraufkommen!

DIENSTMÄDCHEN fast ängstlich vor dem Unbegreiflichen, leise. Meiner Seel'! Es kommt wer!

TAUBE in höchster Erregung. Höher – immer höher! – Jetzt? – Ihr Gesicht verfällt in abgespannt-hoffnungslosen Ausdruck. Nicht Rabanser! – Noch immer nicht. Sie läßt sich auf die Truhe nieder und schaut ganz starr und teilnahmslos vor sich hin ins Leere.

POGATSCHNIGG bei Taube, streichelt ihr mütterlich-mitleidig das Haar, hält dem Dienstmädchen die Laterne hin und sagt gedämpft mit verhaltener Bewegung. Leuchten S' einmal hinunter, Fräulein Karolin'!

DIENSTMÄDCHEN geht zur Tür, öffnet sie zaghaft. In ihrem Rahmen steht bildhaft-überra schend und überrascht.

 

Herr Melchior Magentrost. Er ist ein kleiner, stämmiger, vollsäftiger Mann von dem Aussehen eines wohlsituierten Weinreisenden. Glatzkopf, schwarzgefärbter, englisch geschnittener Schnurrbart, ebenso gefärbte Augenbrauen; diskret alkoholische Nase mit schiefsitzendem, goldenem Kneifer, über und neben den hin die kugelrunden, beweglichen, listigen und unbarmherzigen Äuglein rasche, mißtrauische, zwinkernde, lauernde und hurtig-prüfende Blicke schießen. Er trägt einen kurzen, gelbbraunen Sommerüberzieher, eine derbkarierte Hose, spitze gelbe Schnabelschuhe, vorne weit offenen Stehkragen, knallroten Schlips mit einer protzigen Brillantnadel. In der Linken hält er einen braunen, steifen Hut und ein ganz dünnes, schwarzes Spazierstöckchen mit filigraner Silberkrücke. Er redet mit verlogen-übertriebener Höflichkeit, hinter der eine große Brutalität jederzeit zum Sprunge bereit ist.

 

MAGENTROST volltönend, mit verschmitztem Lächeln. Guten Abend! Falls ich die Herrschaften gestört haben sollte, bitte ich um gewogene Verzeihung.

POGATSCHNIGG nach vorn kommend. Wer ist's?

MAGENTROST. Domiziliert hier, bitte, Seine Edel geboren Herr Doktor Theophil Rabanser?

POGATSCHNIGG mißtrauisch, trocken. Ein Herr Rabanser, Student seines Zeichens, wohnt hier.

MAGENTROST konstatierend. Dann bin ich am Orte. – Herumblickend. Luftige Gegend! Bei Katz' und Fledermaus. Nette Kundschaft.

DIENSTMÄDCHEN entfernt sich mit unterdrücktem Kichern.

POGATSCHNIGG sachlich. Was wünschen Sie von Herrn Rabanser?

MAGENTROST. Kann ich mit Seiner Gnaden nicht persönlich sprechen?

POGATSCHNIGG kurz. Nein.

MAGENTROST. Sehr bedauerlich! – Periculum in mora, wie die Herren Lateiner unter meinen Klienten sagen. Es ist nämlich – Gefahr im Verzuge!

POGATSCHNIGG mit beherrschtem Erschrecken. Was für eine Gefahr?

MAGENTROST mit plötzlicher Verbeugung. Terminsverlust, meine Gnädigste, Terminsverlust!

POGATSCHNIGG vor Beklommenheit grob. Reden Sie deutsch!

MAGENTROST unbeirrt, zieht die Uhr. Soeben, vor einer halben Stunde, ist das gefürchtete Ereignis, leider Gottes, eingetreten. Die Sache steht in Kürze wie folgt: ich habe Seiner Liebden behufs Ablegung der Reifeprüfung einen schwarzen Gehrock mit Seidenfasson und Atlasfütterung zu leihen die Ehre gehabt. – Ich heiße Melchior Magentrost, in Firma Balthasar Magentrost und Sohn; der Sohn bin ich! – Bemeldeter Rock nun wäre heute Schlag acht bei mir abzuliefern gewesen, was nicht geschehen ist.

POGATSCHNIGG etwas kleinlaut. Sie werden Ihren Rock schon wiederbekommen.

MAGENTROST tückisch. Leichter gesagt als getan, Madam! Woher wissen Sie, daß ich jetzt, nach Verfall des Termines, auf das Kleidungsstück noch Gewicht lege?

POGATSCHNIGG ihn durchschauend, wetterleuchtend. Sondern?!

MAGENTROST mit höhnischer Verbindlichkeit. Geld, meine Gnädigste, der volle Anschaffungspreis, das ist es, worauf ich seit dem englischen Gruße ein Recht habe! Zieht ein Papier. Hier steht es! Einverständlich, zwanglos und ordnungsgemäß rubriziert, mundiert und subskribiert! Bitte sich zu überzeugen!

POGATSCHNIGG mühsam gehalten, rauh. Mein lieber Herr Magentropf, oder wie Sie sonst heißen, ich werde Ihnen jetzt etwas sagen!

MAGENTROST. Ich lausche.

POGATSCHNIGG. Ich, die Emerentia Pogatschnigg, bürg' Ihnen dafür, daß Sie Ihr Sach' wiederbekom men, einen Fall ausgenommen!

MAGENTROST. Den Rock? Nein, das Geld!

POGATSCHNIGG immer drohender. Einen Fall ausgenommen!

MAGENTROST einlenkend. Der wäre?

RABANSER erscheint leise in der Bodentür und bleibt lauschend stehen.

POGATSCHNIGG rauh. Wenn der junge Herr vielleicht ins – Wasser gegangen sein sollte!

MAGENTROST ganz unberührt. Und wenn dies der Fall ist, wodurch der Rock einigermaßen schadhaft geworden sein dürfte und sintemalen es mir doch nicht zugemutet werden kann, meine Leihgegenstände auf den Trockenplätzen für Wasserleichen zusammenzusuchen –?

POGATSCHNIGG bebend an sich haltend. Dann bekommen Sie das Geld von mir, aber gleichzeitig –!

MAGENTROST hurtig ihr Papier und Bleistift hinreichend. Wollen Sie mir das nicht schriftlich geben?!

POGATSCHNIGG ihm das Zeug aus der Hand schlagend. Aber gleichzeitig mache ich gegen Sie die Anzeige bei der Polizei! Leutschinder! Hyäne! –

MAGENTROST maskenlos, außer sich, ordinär. Wie? Was? Polizei? Sind Sie bei Trost?! Mir wollen Sie mit der Polizei drohen? Mir, einem konzessionierten Gewerbe?!

RABANSER tritt mit ein paar raschen Schritten urplötzlich zwischen die beiden, der Pogatschnigg sanft, dem Magentrost unsanft die Hand auf die Schulter legend. Pax vobiscum! Brav, alte Wehmutter! Recht guten Abend, Herr Magentrost! – Beide starren ihn einigermaßen entgeistert an. Rabanser zieht gelassen den Rock aus und hält ihn an der Schlinge zwischen die beiden. Seht, welch ein Rock! Hier haben Sie ihn, Herr Magentrost! Nehmen Sie ihn schön über den Arm! Legt ihm den Rock unausweichlich über. Ohlala! Ruhe! Ich weiß schon: Terminsverlust! Ihn zur Bodentür führend. So und jetzt durch diese Tür über die Treppe! Alsdann halblinks kehrt, wieder drei Treppen! Immerfort abwärts, ohne Zaudern und Widerspruch, bis auf die Straße! An der zweiten Ecke rechts steht übrigens Ihr verehrtes Fräulein Tochter und scharmuziert mit einem Kanonier! Laufen Sie, laufen Sie! Vielleicht kommen Sie noch zurecht, um einem Familienereignis vorzubeugen! Wünsche wohl gespeist zu haben!

MAGENTROST der unter fortwährenden Protesten, wie: Das verbitte ich mir! Terminsverlust! Mein Geld! Unverschämt! bis auf die Stiege gelangt ist, schon halb unten, losbrechend. Sie werden von mir hören!

RABANSER ihm nachrufend. Nur ungern! Schlägt die Tür zu, nach vorne kommend. So! Das wäre erledigt!

POGATSCHNIGG die mit Zeichen des Beifalls die Szene begleitet hat. Bravo, Herr Rabanser! Dem haben Sie gut heimgeleuchtet!

TAUBE die den Tumult angstvoll gespannt und angestrengt beobachtet hat, in heller, erlöster Freude. Rabanser! [99]

[100⇒] RABANSER die Arme nach ihr ausbreitend. So flieg mir doch an die Brust, Taube!

TAUBE wirft sich ihm unter Lachen und Weinen an den Hals.

RABANSER hält sie an sich, streichelt sie inbrünstig, zärtlich, aber sein Gesicht hat den Ausdruck qualvoller Verstellung. Über Taube hinweg, leise, grimmig, weh. Sie haben mich fallen lassen, Mutter Pogatschnigg, die Hunde! – Still! Aufgepaßt! Diese da soll noch nichts davon wissen! Heute wenigstens noch nicht! Verstanden?! Löst sich von Taube los und lacht wild auf. So lachen Sie doch mit der ganzen strahlenden Breitseite Ihres falschen Gebisses! Lachen Sie doch! Er packt die Pogatschnigg bei beiden Händen und schwingt sie einmal im Kreise herum. Die Pogatschnigg macht gute Miene zum bösen Spiel, Taube klatscht vergnügt in die Hände.

RABANSER mit den Gesten des Essens, voll scheinbaren Übermuts. Hunger, Taube! Diese läuft zum Tisch und ordnet ihn.

POGATSCHNIGG herb. Steht ohnehin noch auf dem Tisch dort, das Nachtmahl von gestern! Nicht einen Bissen hat sie angerührt.

RABANSER schwer, abgewandt. Ich habe nur das eine Herz! Das brechen Sie mir gefälligst nicht. Sie wissen schon, für wen ich's brauche. [100]

[101⇒] POGATSCHNIGG einfach, mit dem Unterton verschämter Mütterlichkeit. Daß Sie nur wieder daheim sind! Hab' völlig schon Angst gehabt um Ihnen –

RABANSER verhalten. Ich auch, Mutter Pogatschnigg! – Wenn die Auf Taube weisend. nicht gewesen wäre und Sie nicht, kreuzbrave Menschenhaut, dann – weiß Gott! Da Taube sich herangeschlichen und zu beobachten scheint. In des Dreiteufels Namen, was stehen Sie denn da wie die hundertundsiebzehn Klagefrauen des Königs Abimelech?! Sehe ich aus, als ob ich Kondolenzcour abhielte?! Lachen Sie, hab' ich gesagt! Beide markieren Gelächter. Da Taube sich wieder entfernt hat, beklommen. Und für ein Jahr werden Sie mir schon noch manches kreiden müssen. – Wieviel hab' ich denn eigentlich bereits auf dem Kerbholz?

POGATSCHNIGG aus Zartgefühl grob. Deswegen, weil sie durchgefallen sind, brauchen Sie mich noch lang' nicht beleidigen! Wendet sich zum Gehen.

RABANSER unwillkürlich hell auflachend, ihr nach. Da hast du einen Kuß, alte Korybantin und Kupplerin!

POGATSCHNIGG sich losmachend. Pfui, schämen Sie sich! Gottloser Mensch Sie! Rechts ab. [101]

[102⇒] RABANSER einige Augenblicke an der Tür versunken, dann sich zusammennehmend. Und nun zu dir, Kartoffelprinzessin! Folgt der Komödie zweiter Teil! In tollem Überschwang des Selbstquälens. Wein, Taube, Wein! Ich verlechze! Trinken! Gestus. Liebfrauenmilch, Lacrimae Christi! Gereift, gegoren, geklärt Anno hunderttausend vor Buddha in Urgesteinschlüften bei Krummholz und Bartkiefern! In Rohre gefaßt und geleitet bis zu der grünspanumwitterten Pipe, Paphnuciusgasse sieben, im Dachgeschoß, Tür Nummer dreizehn! Wein, Taube, Wein!

TAUBE in kindlicher Freude des Dienens und Überraschens, hebt einen irdenen, braunen Wasserkrug unter dem Tische hervor und hält ihn springend und lachend hoch. Erst Gläser, Rabanser, erst Gläser!

RABANSER nach dem Krug greifend, mit ihr bal gend, mit grimmigem Humor. Ach was! Her damit! So weit braucht die Katzenjammersymbolik nicht zu gehn! An die Lippen den bauchigen Mischkrug! Anders trank nicht Achilles und der honigzüngige Nestor! Setzt den Krug an und macht ein paar gierige Züge, hält plötzlich inne und sieht Taube mit einem unbeschreiblichen Blick aus Überraschung, Beschämung und Zorn an.

TAUBE unbändig lachend, in die Hände klatschend. Wein! Wirklicher Wein! [102]

[103⇒] RABANSER stellt den Krug hart hin. Auch das noch! Aus gewürgter Kehle sie plötzlich anfahrend. Wo hast du den Wein her? Sie am Gelenk packend. Wo du den Wein herhast, Figur!?

TAUBE gedemütigt, am Weinen. Mutter Pogatschnigg –

RABANSER wild. Hab' ich dir nicht verboten, betteln zu gehn für mich? – Wollt ihr mich denn alle zum – Schmarotzer machen auf Gottes Erdboden? Zum hundeelenden Schmarotzer? Sieht an Taube vorüber, den Ausbruch bereuend, mit zunehmender, aber verhaltener Erschütterung. Und was ist das? Deckt den Teller auf. Seit wann essen wir kalten Braten zu Abend? Schiebt den Teller weg und läßt sich schwer nieder.

TAUBE behutsam. Ist denn nicht – Festtag heute? Fängt an, leise zu schluchzen.

RABANSER am Rande der Verstellung. Festtag? – Plötzlich wild auflachend. Ich ersticke an dieser Komödie. Läßt den Kopf auf den Tisch sinken.

TAUBE ihm übers Haar streichend. Guter Rabanser! – Hat man ihm wehgetan? Will [103][104⇒] er Taube nicht ansehn? – Ich spiel' ihm die Laute – ich sing' ihm!

RABANSER in schmerzlicher Abwehr. Geh! – Geh, sag' ich dir! Weist nach der Tür links.

TAUBE demütig, leise schluchzend langsam links zur Tür, wirft noch einen Blick zurück, dann ab.

RABANSER hebt nach einigen Augenblicken den Kopf, starrt eine kurze Weile in tiefer Trostlosigkeit vor sich hin, dann findet sein Blick die Tür, durch die Taube verschwunden ist. Als wollte er sie um Verzeihung bitten, faltet er nun wie ein Kind die Hände; im Ton großer Zärtlichkeit und schmerzvoller Reue. Taube! – Taube! Er läßt die Hände in den Schoß sinken und sieht ganz verloren vor sich hin ins Leere.

 

Auf der Bodenstiege Schritte, unsicher-hastige. Die Tür wird rasch geöffnet.

Hubert erscheint wie ein Erschöpfter, Verfolgter auf der Bühne. Totenbleich, ohne Hut, mit windzerrauftem schweißdurchnäßtem Haar, tastet er sich, mit den Händen in dem dunklen Raum nach Halt und Führung suchend, bis zum Verschlag vor,

an dessen Eingang er, an die Mauer gelehnt, stehenbleibt.

 

HUBERT wie mit letzter Kraft. Rabanser!

RABANSER auffahrend. Holla! Wer da?!

HUBERT dumpf. Ich – Hubert!

RABANSER aufschäumend. Du?! – Beherrscht, aber hart. Ich verhehle nicht mein Befremden!

HUBERT dringend. Du mußt mich anhören!

RABANSER scharf. Nach dem, was vorgestern –?!

HUBERT. Unseliges Mißverstehen!

RABANSER zügellos. Vor die Füße hätte ich dir dein Almosen werfen müssen und hab's nicht getan! Glaubst du, aus einem anderen Grunde, als weil ich zufällig darauf vergessen?! Red oder –!

HUBERT qualvoll sich aufbäumend. Rabanser! Dies alles wiegt federleicht in dieser Minute!

RABANSER aufblitzend. Was? Der Bettelstolz eines durchgefallenen Studenten? Meinst du das?!

HUBERT steht starr, gehemmt, dann plötzlich ein jähes Aufschluchzen und Wanken durch seine Gestalt.

RABANSER unwillkürlich mit einem Schritt auf ihn zu. Was hast du? Wie siehst du denn aus? Jammerfigur! Fängt ihn förmlich in seinem Arm auf und drückt ihn auf die Truhe nieder. Werde doch nicht gleich ohnmächtig! Schluck Wein gefällig? Macht eine Wendung zum Tisch hin, bleibt aber stehn.

HUBERT dies und das Folgende wie im Fieberdelirium. Aus, Rabanser, aus! – Gelaufen, gerannt, gehetzt! Furien an meinen Fersen! Lacht grell auf. Ihre Stimmen noch wirbeln auf meinem Trommelfell! –

RABANSER grausam. Wessen?

HUBERT. Ihre geschliffenen Blicke, wie Dolche, tanzen vor meinen Augen! Das war das Letzte!

RABANSER wild erregt. Wer oder was?! Subjekt, Prädikat!

HUBERT. Nein, nein, nein, nein! Nicht fragen! Ein Schuft, der sein Nest beschmutzt! Ein Nichts, aber kein Schuft! Almosen ich der Unlust an die Langeweile! Und als ich nicht mehr zu vermelden war, sahen sie aneinander vorüber! Genug, genug, genug!

RABANSER fast mit Triumph. Genug auch mir! Es wird Licht über dem Chaos!

HUBERT. Wie zwei Mühlsteine zerreiben sie mich, seit ich denke! Sand geworden, hilflos unnützer Sand! Jeder Windstoß wirbelt mich auf, verbläst mich! Aufklagend. Sie haben mich nicht gewollt!!

RABANSER mit wildem, grimmigem Auflachen. Nicht gewollt!? Das sieht ihnen ähnlich!

HUBERT jäh aufschnellend. Lach nicht, Rabanser! Du sollst nicht so lachen!

RABANSER voll Haß. Wie?! Mannsbilder, die zur Freite gehen, weil sie die Wirtshauskost ödet und das Waschweib bestiehlt?! Wie? Biedermänner, die den Familienkoller kriegen, weil sie der Hurenlohn reut und die Syphilis scheucht!?

HUBERT angstvoll, niedergeschmettert. Was soll das heißen?!

RABANSER immer grimmiger. Frauenzimmer, die sich zu Markte tragen, damit sie nicht ranzig werden und dem Bresthaus entgehen in ihren zahnlosen Jahren? Zuhälter bei Universalerbinnen! Kebsweiber bei schweißigen Versorgern und Verdienern?!

HUBERT. Rabanser!

RABANSER. Gesindel, das mit solcher Stirne Spottgeburten in die Welt setzt und über die Kinder der Lust den Schandfluch ausschüttet?! Wie?! Und ich soll nicht lachen!?

HUBERT. Lach, wie du willst! Nur hilf mir, ich bin am Ertrinken!

RABANSER. Was geht mich dieser Bankrott an? Soll ich der Strohhalm sein?

HUBERT. Ich kehre nicht mehr zurück, woher ich gekommen!

RABANSER. Flucht? Und ich dein Lehrer im Kneifen?!

HUBERT. Noch bin ich nicht stark genug, noch muß ich weichen!

RABANSER. Ohne es ihnen zuerst ins Gesicht zu schreien?!

HUBERT verzweifelt. Ich kann nicht anklagen!

RABANSER schneidend. Warum?!

HUBERT fassungslos. Es sind ja doch – meine Eltern! Wirft sich auf die Truhe.

RABANSER nach einer Stille, mit gesenkter Stimme. Ach so! – Ich habe nicht gewußt, daß dieses Wort noch immer so viel Pathos für dich besitzt. Da kann ich bei meiner Verkommenheit nicht mitreden. Habe den Elternzauber nie selbst verkostet, bloß eben ein – Findelbalg.

HUBERT wieder gesammelter, aber in dumpfer Fiebrigkeit. Rabanser! Zu keiner Seele noch hab' ich von all dem gesprochen. Zu dir nur, dem Ersten und Letzten. – Es ist furchtbar, Rabanser, Fleisch vom Fleische zweier Menschen zu sein, die einander hassen! Mich selber hassen sie ja nicht. Nur die Stunde verfluchen sie, die sie in mir verkettete.

RABANSER mit gebändigtem Grimm, vor sich hin. Als ob es ein Lottospiel wäre, einen Menschen zu machen und ihn hernach nicht scharmant zu finden!

HUBERT immer zerrissener. Verpfuscht, verkrüppelt fühlen sie sich in mir! Und ich – das grausame Widerspiel ihrer unversöhnlichen Kräfte in einem Herzen! Muß man da nicht entzweigehn? Kann da ein Wille wachsen zu sicherem Tun? Jede Empfindung schon an der Quelle vermischt, jedes Wort selbst zerspalten in Ja und Nein! Dort kann ich nicht bleiben! Dort einen die Teile sich nie! Dort festigt sich niemals die Achse! Und haltlos kreise ich in Verzweiflung. Verstehst du mich jetzt, Rabanser?

RABANSER rauh, in sich arbeitend, verschlossen. Nur weiter im Texte!

HUBERT. Aber befreit von ihrem Banne, der jede entschiedene Regung im Aufflug niederzwingt, werde auch ich mich sammeln! Was kann denn die Fremde Herberes drohen, als mißachtet zu werden von seinem eigenen Vater?! Und habe doch auch sein Blut in mir! Das wird sich schon aufwärtsringen. Davon genügt ein Tropfen, um Felsen vom Ort zu rücken! Aber dann, wenn es endlich vollbracht ist, wenn ich dastehen werde auf meinen eigenen starken Füßen, dann will ich es ihm schon weisen, dann wird auch er sein Kind nicht mehr verleugnen!

RABANSER nach einer kurzen Pause, mit etwas gesenkterer Stimme. Du träumst, Hubert! – Wieder hart und gestrafft. Aber der Augenblick ist nicht zum Träumen. Wir müssen das Senkblei tiefer auf Grund lassen. Bloß um eine Meinung über dich zu berichtigen, das lohnte den Salto mortale ins Fragliche nicht. – Auch ich habe zu dir noch nie – von mir gesprochen.

HUBERT. O tu es, Rabanser! Ich bin ja so durstig nach einem Menschenwort!

RABANSER mit immer wachsender innerer Erregung, die er nach außen durch Schärfe verbirgt. Auch wenn ich mit – Messern rede?

HUBERT erbangend. Mit Messern? – Muß denn das sein?

RABANSER scharf. Jawohl! Je schärfer, desto barmherziger! Mit Falzbeinen merzt man Geschwüre nicht. – Aufgepaßt! Erst ein paar Schritte auf und ab, dann starr in gebändigter Erregung. Als ich mit vierzehn Jahren aus dem Haus meiner Kindheit, dem – Waisenhaus, in diese Welt entlassen wurde, da hieß sie zunächst: die Straße. Man gibt dir zwar einen Vormund, aber was kümmerst du ihn, der dich nur kennt aus dem Wisch, ihm zugestellt wie ein Auftrag zur Zahlung der Steuer? – Allein! – Bist du jemals allein gewesen in deinem Leben?

HUBERT dumpf. So nicht.

RABANSER immer erregter. Ich glaub' dir's! – Nur Wüsten könnten es dir versinnbilden, was es heißt, so allein zu sein. – Du ließest dich in den Strom gleiten, und kein Hund würde fragen, wohin du verkommen. Höchstens – ein Name würde gelöscht mit der Zeit in irgendeinem Register, ein Bündel Papiere ad acta gelegt. Nichts weiter. Fast drohend. Aber die Ungewollten dieser Art – sind zäh!

HUBERT betroffen, gepeinigt. Sind sie das?

RABANSER. Zum mindesten hie und da – einer! Der will nicht Bierjunge werden, Cabskutscher oder Zuhälter! Hat die Hoffart im Blut, will Aufstieg, Geborgenheit – Bildung! Warum auch nicht?! Sie ist ja erhältlich, nur kuschen! – Armutszeugnis, Stipendium, Stundengeben! Da lernt man das Leben kennen! In dem sind Hunger und Frost noch gnädiger Rutenstreich. Doch die Entwürdigungen, das ewige Imverdachtstehn! Gerade daß sie dir nicht das Silberzeug vor der Nase wegräumen, wenn du ins Haus deines reichen Schülers zum Freitisch kommst! Da gehört schon  eine Chimborassoportion – Güte dazu, um nicht bösartig zu werden oder zerbrochen!

HUBERT mit einer Bewegung des Anteils, erschüttert. Rabanser –

RABANSER mit rauher Abwehr. Kein Beileid, wenn ich bitten darf! Scharf. Nicht um Anteil für mich, nur um Klarheit für dich wirbt diese Geschichte. Ich – habe ja ein Gebiß bekommen, das Kieselsteine zermalmt! Aber du? Du Vater- und Mutterkind! Könntest du auch nur Ähnliches auf dich nehmen?

HUBERT in innerem Aufruhr. Ich weiß nicht, mein Fall liegt anders, Rabanser!

RABANSER immer überlegener. Wohl liegt er anders. Denn was war dein Leben bisher?

HUBERT. Schlafen und träumen vorerst, dann aber jäh erwachen in einem Hause, das brennt! – Aber was geht es mich heute noch an? Ich werfe es hinter mich!

RABANSER. Wohl geht's dich auch heute noch an! Denn – Gleiten war es von Landung zu Landung. Du bist kein Fahrzeug zum Rammen. Das wird man nicht über Nacht!

HUBERT. Woher soll ich Kraft nehmen, wenn niemand an mich glauben will?

RABANSER. Niemals ward an eine Kraft geglaubt, die noch nicht bewiesen! Drum sage ich: bleib, wo du bist!

HUBERT. Das will und kann ich nicht!

RABANSER. Es lernt sich schon bei gedeckten Tischen und Lavendelbettzeug.

HUBERT mit Auflehnung. Das ist nicht alles!

RABANSER. Nicht alles, aber viel! Mehr, als du ahnst. Soll ich dir zeigen, wie viel es ist?

HUBERT mit dem Ingrimm der Schwäche. Du bist grausamer zu mir als – mein Vater!

RABANSER wild. Was gehen mich Väter an?!

HUBERT. Deine Überlegenheit willst du mich kosten lassen!

RABANSER. Das hab' ich nicht nötig! – Soll ich dir zeigen, wie viel es ist?!

HUBERT hitzig. Tu, was du willst!

RABANSER wild. Das habe ich immer getan und kann, was ich will! – Augen und Ohren auf! Die Verheißungen eines Zauberbudenausrufers sind Limonade gegen das, was ich dir zu bieten habe! Ich stampfe mit dem Fuße und kreische: hereinspaziert, Paradigma des Elends! Holla! Hereinspaziert, Phantom aus Jännernächten, wo man unter Brücken erfröre, wenn nicht ein Bettelstudent Ertränkungsabsichten hätte! Holla! Hereinspaziert, Gymnasiastendirne!

TAUBE ist von links zaghaft eingetreten und kommt langsam, mit lauschend seitlichhingeneigtem Gesicht, blaß, verweint und demütig in die Mitte des Verschlages, wo sie, den Blick auf Rabanser gerichtet, stehenbleibt.

RABANSER. Da hast du das Gaukelbild!

HUBERT verwirrt. Rabanser, wer ist –?

RABANSER im Paroxysmus des Selbstquälens auflachend. Wer!? – Schaudert's dich endlich? Schwindelt es dir vor diesem Kinoeffekt des unterirdischen Lebens?! Sieht sie nicht aus wie im siebenten Jahr eines Hungerkriegs? Fürcht dich doch nicht! Sie ist kein Gespenst! Sie leibt, lebt! Hat Blut in den Adern, wenn auch nur dünnes und fieberndes! Ist aber rosig wie Vogelblut und läßt sich auch husten!

HUBERT. Laß es genug sein, Rabanser!

RABANSER immer grimmiger. Noch lang nicht genug! Ich bin erst am Anfang! – Kind eines Bettelmusikanten, Lautenschlägerin zu seiner winselnden Geige! Absammlerin mit dem Blechteller! Wenn aber die Kupfer nicht reichten für seinen täglichen Fusel, dann schlug er sie! Schlug sie auf den kleinen geduckten Rücken, auf die frostwunden Händchen, ins verweinte Gesicht! Schlug sie und schlug sie, bis er sie taub schlug! Darum nenn' ich sie Taube! Ist dieses Wortspiel nicht zum Sterben komisch? Darf ich mir den Scherz nicht erlauben? Hab' ich das Püppchen nicht aufgelesen hart am Gefriertod? Ist sie deshalb ein Weibsbild, mit dem ich mich im Lotterbett wälze? Muß ich sie mir von Spürhunden besudeln lassen? Darf ich die Büttel, die sie mir rauben wollen, nicht über die Stiege werfen mit diesen meinen Armen?! Mit erschöpfter Stimme, aber furchtbarer Drohung. Und wenn sie wiederkommen mit ihren feisten, verschmitzten Fratzen – bin ich Auswurf, so brauche ich auch die Waffen des Auswurfs! Es soll sich mir keiner nähern! Er hat sich wie schützend vor Taube gestellt und steht nun wie einen Feind erwartend. Allmählich aber weicht diese Bereitschaft einer seelischen Erschöpfung. Die Arme sinken ihm herab, und er sieht aus, als wäre er stehenden Fußes in einen tiefen Schlaf verfallen.

HUBERT in dessen Gesicht inzwischen die Ruhe dumpfer Entschlossenheit eingekehrt ist, auf ihn zu, behutsam. Rabanser, wach auf! – Wach auf, Rabanser!

RABANSER sich mit großer Energie allmählich sammelnd, mit müder und wunder Stimme. Ich bin ja wach! – Bin ich etwa nicht wach? – Sollten meine Nerven ausgelassen haben? – So dreh' ich mir heut noch einen Strick aus ihnen und hänge mich auf an ihm. – Du bist in keiner guten Stunde gekommen, Hubert! Eigene Unbill macht hart gegen die Leiden anderer. – Verzeih mir!

HUBERT verhalten. Ich – kenne dich ja, Rabanser!

RABANSER. Und wenn du jetzt immer noch – Lust hast, zu dem, was du vorgehabt, so kannst du bei mir ja – bleiben. Dies – Rattenquartier beherbergt noch leicht einen Dritten. Anders kann ich dir nicht helfen.

HUBERT verloren. Ich weiß es, Rabanser, und – brauch' ja auch keine Hilfe mehr. Das war ja der – Gnadenstoß.

RABANSER müde, abwesend. Wem?

HUBERT. Wem? – Meinen Träumen.

RABANSER. Das ist gut, Hubert, die sind gar schlimme Verführer.

HUBERT. Dank – und leb wohl, Rabanser.

RABANSER. Auf – Wiedersehen.

HUBERT bedeutsam, leise. Wenn es ein Wiedersehen gibt

RABANSER in anderem Sinne. Ja – wenn!

HUBERT langsam wie im Traume ab.

 

Tiefe Stille, in der man Huberts Schritte auf der Treppe hört. Dann halten sie inne und gleich darauf ein langes, grelles, zerbrochenes Lachen von Huberts Stimme. Dann eilige, verhallende Schritte über die Treppe hinab.

 

RABANSER der noch dort steht, wo er von Hubert Abschied genommen, hat aus seiner Versunkenheit aufgehorcht. Was war das? – Täuschung der wunden Sinne. – Nichts. Er geht mit schleppendem Schritt zur Truhe und läßt sich nieder. Sein Blick fällt nun auf Taube, die ihm mit den Augen gefolgt war, ohne sich von ihrem Platze zu rühren. Ein wehmütiges Wiedererkennen geht über sein Gesicht, als würde er sich ihrer aus längst vergangenen Reiten allmählich erinnern. Wie sie mich ansieht mit ihren armen verängstigten Augen! Er winkt ihr. Zu mir her, Taube! –

TAUBE komm demütig-zögernd zu ihm und läßt sich zu seinen Füßen nieder, immer den Blick fragend zu ihm emporgerichtet.

RABANSER. Der einzige Mensch, dem sich mein Herz in Fluten der Liebe ergießen könnte, und – hört meine Stimme nicht. Das paßt in meine Legende. Er streichelt ihr Haar. Willst du nicht schlafen, Taube? Gestus.

TAUBE den Kopf leise schüttelnd, mit großer Zärtlichkeit in der Stimme. Ich bin nicht müde.

RABANSER zu ihr gebeugt. Ich schon! – Willst du nicht ein wenig essen? Gestus.

TAUBE wie früher. Ich bin nicht hungrig.

RABANSER mit ängstlich aufquellender Liebe. Nicht schlafen? Nicht essen? Du vergehst mir ja, Liebes! Du darfst mir doch nicht vergehn! Er drückt ihren Kopf wie schützend an sich. Für wen denn sonst leb' ich? Und leben will ich ja doch! Ich kann mich nicht unterkriegen lassen von dieser Schmierenkomödie! – Sie hört mich nicht. – Wieder zu ihr gebeugt. Es wird zwar nicht leicht sein, viel schwerer als früher. Es war ja schon Hoffnung. Und die haben sie mir versalzen – die Zöllner und Pharisäer! Bei aller Gedämpftheit und Müdigkeit immer erregter und grimmiger. Und wieder hungern! Hungern müssen! Das Wort verwürgen, das heilig die Zunge versengt, den Rücken krumm machen vor jedem genährten Lumpen! Von innerem Aufruhr gepackt, will er sich von Taube losmachen und aufstehen, wird aber von ihr mit bittender Gebärde festgehalten. Wie um sich irgendwie Luft zu machen, greift er nach der Laute an der Wand und reicht sie ihr hastig hin. Nimm dein Saitenspiel, mein süßer David, daß deines Saul Gedanken nicht häßlich werden! Sitz hier und spiele! Er ist aufgestanden und hat Taube gedeutet, auf der Truhe Platz zu nehmen. Sie tut's und greift leise Akkorde.

TAUBE. Auch singen?

RABANSER erregt mit dem Kopf nickend, aber mehr in Gedanken zu sich. Ja, sing mir auch, Taube, daß ich doch etwas vernehme, was aus einer Seele kommt! Einer inneren Zweifelstimme entschlossen antwortend. Es muß – muß gehn! Taube hat zu präludieren begonnen. Rabanser hat sich zu ihren Füßen hingestreckt, das Haupt in die Hand gestützt und an ihre Knie gelehnt. Von seelischer Erschöpfung übermannt, scheint er einige Augenblicke schlafend. Plötzlich, wie von einer Traumvision gepackt, richtet er sich etwas auf und spricht in wildem Schaudern vor sich hin. Aber Krankheit kommt! Durch die Risse zerschlissener Kleider, durch die Sprünge zertretener Sohlen: das Fieber! Und kein gütiger Arzt kühlt mir das glühende Kind! Wie um Hilfe gegen den Andrang der Gesichte flehend. Singe doch, Taube! – Sie hebt an, ganz leise zu singen: ein seltsam-schwermütiges Lied ohne Worte. Er, der ein wenig zurückgesunken war, sich allmählich wieder aufrichtend, wie im Traum sprechend, aber mit wachen Augen. Und möchte dennoch nicht satt sein wie jene Entgötterten! – Nicht um mich Sorge wissen, die Maske für Machtbegier ist! – Bin keiner, der Eltern vertrüge! Mit visionärer Steigerung nach innen. Was schiert mich, wer mich gezeugt?! – War es ein sterblich Paar? War's in der Wolke der Gott! – Bebte Gebüsch vom Sturme der Wollust in einer Sternennacht? – Urlaut der Wehen in einem Findelhaus! – So werden noch Riesen geboren, Riesen – Riesen! ...

 

Er schläft; über ihn hin singt Taube mit immer klarerer Stimme.

Vorhang.

 

 

 

 

Actus quartus

Wohnzimmer vor Mitternacht.

Es brennen nur die beiden Wandleuchter über dem Sofa, der Tisch ist noch so, wie er im Actus secundus verlassen wurde. Draußen die helle Nacht.

 

VATER ruhelos auf und ab, mit gedämpfter, aufgewühlter Stimme. Und ich sage dir, Remigius, was sich hier vor Stunden ereignete, das mußte endlich so kommen, ist nur einer langen Kette vorläufig- scheinbares Ende. – Zwanzig qualvollverhaltene Jahre!

REMIGIUS auf dem Sofa, voll des Nachklangs der Erregung. Warum waren sie so verhalten? Wozu war ich denn da? – Hättest du mir in deine Dunkelheit, ein einziges Mal nur, ein freundliches Fenster geöffnet, sie wäre dir nicht zum Dämon erwachsen.

VATER. Zum Dämon! Das ist das Wort. Mit wahrhaft flagellantischer Schmerzeslust zwang er mich, den Gang der Dinge zu belauern, lähmte mir die Hand, wenn ich eingreifen, die Zunge, wenn ich mitteilen wollte. – Im übrigen, ich hasse die Mitteilsamen, die jede Qual in Kleingeld des Jammerns umwechseln, ich hasse sie!

REMIGIUS mit innerem Gegensatz, aber behutsam. Dem Freunde gegenüber liegt dennoch ein gut Teil – Geringschätzung in solcher Verschlossenheit.

VATER. Sag' lieber Achtung, Remigius! Achtung, wenn ich mich gerade dir niemals anders zeigen wollte denn im Festtagsgewand der Seele! – Was wäre denn anders aus unseren Weihestunden geistig-menschlichster Gemeinschaft geworden? Möchtest du sie aus deinem Leben streichen? Wärest du lieber der Beichtvater meiner häuslichen Miseren gewesen?

REMIGIUS. Wenn du es so betrachtest, dann liegt freilich vielleicht die Schuld an mir –

VATER mit dem Unterton großer Zärtlichkeit. Schuld? Und an dir?

REMIGIUS klar und schlicht. Doch! Wie konnte ich so viele Jahre – blind neben dir einhergehn? Wie konnte ich nicht hinter deine – Maske schauen. Galt uns beiden nicht immer als oberstes Gesetz menschlicher Beziehung: einander erkennen ist Pflicht?

VATER innerlich arbeitend. Gewiß, Remigius. Aber von einer Maske dir gegenüber kannst du doch nicht sprechen! Da durfte ich ja immer sein, wie ich wirklich bin!

REMIGIUS behutsam. Und wie du heute warst – Frau und Kind gegenüber, warst du das nicht auch wirklich? War das ein anderer als du? Leise, gequält. Darüber werde ich wohl nie hinwegkommen.

VATER tief zerknirscht. Hast du denn nur einen Menschen in dir?

REMIGIUS vor sich hin. In mir? ... Hatte bisher nur einen Menschen außer mir: dich!

VATER mühsam. Und den hast du nicht mehr? Mit innerem Bitten. Du hast ihn doch noch, Remigius! – Sieh mich an!

REMIGIUS sieh mit schmerzhaft-zweifelndem Blick zum Vater auf und schüttelt dann unmerklich und stumm den Kopf, den er wieder senkt.

VATER nach einigen Augenblicken bange-fragenden Schauens plötzlich zusammenzuckend. Horch!

REMIGIUS nachdem er gleichfalls in der Richtung auf den Garten gelauscht. Nichts!

VATER gepreßt. Mir war, als kämen – seine Schritte.

REMIGIUS mit einem Anflug von Bitterkeit. Ich höre Huberts Schritte noch nicht!

VATER nach einer Pause mit Auflehnung. Wie ein Toller blindlings in die Nacht hinauszurennen!

REMIGIUS fast hart. Wie ein armes, todwundes, gehetztes Menschenkind!

VATER unbeirrt. Mein Blut in ihm, wäre es nicht verwässert, hätte so nicht die Flucht ergriffen! Hätte sich gestellt! Die Faust, wenn nötig, gegen den eigenen Vater gehißt ...!

REMIGIUS voll innerem Aufruhr. Und was hätte der Vater getan?!

VATER stark, aber gedämpft. Gebändigt hätte er es! Aber dann – das Knie gebeugt vor ihm – vielleicht! Steht starr wie aus Granit.

REMIGIUS blickt zu ihm mit dem Ausdruck geheimen Grauens auf, schweigt.

 

Schritte über den Gartenkies und herauf über die Veranda.

 

VATER sich rasch wendend. Jetzt!

ROSL wird im Rahmen der offenen Glastüre deutlich. Sie tritt einen Schritt ins Zimmer herein, ist sehr blaß, hat ein dunkles, wollenes Umhängetuch über den Schultern und spricht mit gramvoll erregter Stimme.

VATER seine Enttäuschung bezwingend, gepreßt. Nun?

ROSL. War jetzt auf dem Weg gegen die Stadt. – Auch einen Mann hab' ich gefragt, ob er jemandem begegnet ist ...

VATER beherrscht. Es geht gegen – Mitternacht ...

REMIGIUS aufgestanden, mit einem bestimmten Entschluß. Ist die Mutter schon schlafen?

ROSL vielsagend-bekümmert. O, nein ...

REMIGIUS. Weiß sie, daß Hubert ...?

ROSL. Sie hat mich nicht nach ihm gefragt, und ich hab' ihr's – verschwiegen.

REMIGIUS. Was tut sie?

ROSL wirft einen Blick auf den Vater und schweigt.

REMIGIUS. Ich weiß genug.

VATER seiner inneren Erregung einen Augenblick nicht ganz Herr. Wozu dies alles? Jetzt ist die Frage nicht nach – der Mutter! Wieder beherrscht, aber nicht mehr ganz sicher. Gehst du ihn wieder – suchen, Rosl?

ROSL leise. Gerne.

VATER sehr mühsam. Ich wäre dir – dankbar.

ROSL verliert sich in den Garten. Tiefe Stille. Der Vater in mächtiger innerer Erregung starr, zugleich sichtlich gegen ein Erwartetes gewappnet.

REMIGIUS mit der Stärke und Sicherheit dessen, der einen guten Entschluß gefaßt, unausweichlich in seiner Güte. Es ist jemand in diesem Hause, der ist allein und – weint, Vinzenz!

VATER wild-verstockt, aber beherrscht. Weiberart!

REMIGIUS immer unbeirrbarer. Dieses Weib hat dir – ein Kind geboren!

VATER. Du tust nicht gut, mich daran zu erinnern.

REMIGIUS. Dieses Weib hast du heute vor seinem Kinde – erniedrigt! Ihm die Frucht seiner Wehen wie wertlosen Abfall vor die Füße geworfen!

VATER immer wilder. Dieses Weib hat Ränke gesponnen hinter meinem Rücken wider mich!

REMIGIUS. Sie zog ihr Kind zu sich wie du es zu dir. Das ist Mutterrecht.

VATER. Über Mutterrecht geht Vaterrecht!

REMIGIUS. Über allem Recht ist Einsicht.

VATER rauh. Was willst du von mir?!

REMIGIUS. Versöhnung!

VATER. Ich kann nicht – lügen!

REMIGIUS. Das sollst du auch nicht!

VATER im qualvollsten Kampf. Ich kann sie jetzt nicht sehen! Ihr Anblick könnte mich wieder – schlecht machen!

REMIGIUS. So leise schläft das Böse in dir?!

VATER bedrängt, fast flehentlich. Führe mich nicht in Versuchung!

REMIGIUS unbeirrt, bedeutsam, stark. Es geht um Schicksale!

VATER. Du bist ein starker Apostel deiner Meinung, Remigius!

REMIGIUS bedeutsam. Vielleicht, weil auch ich viel zu verlieren habe in dieser Sache!

VATER ahnungsvoll. Du?!

REMIGIUS klar, unbeugsam. In einem Antlitz, das ich liebe, vertrag' ich dunkle Male nicht. Gesenkt. Ich könnte dir nicht mehr – ins Gesicht sehn.

VATER nach einem letzten jähen inneren Aufbäu men, bezwungen. Das Weib – mag kommen!

REMIGIUS über den ein Leuchten der Güte geht. Ich – danke dir, Vinzenz! Er geht, mehrmals nach dem Freunde zurückblickend, links ab.

 

Tiefe Stille; in ihr nur das schwere Atmen des Vaters, der rechts vorne hochaufgerichtet steht. Eine nahe Turmuhr schlägt drei Schläge. Gleich darauf setzt die Standuhr auf dem Konsoltischchen mit elf rascheren und drei langsameren Schlägen ein.

 

REMIGIUS erscheint mit der Mutter von links, er geleitet sie zum Sofa.

MUTTER die ein loses dunkles Hauskleid und um die Schultern einen schottischen Schal trägt, folgt ihm mit sichtlichem Widerstreben. Ihr Gesicht ist verweint, ihr Wesen hat etwas Geschlagenes, Gedemütigtes.

REMIGIUS mit großer Güte und werbender Herzlichkeit. So, und nun nehmen Sie Platz, liebe Frau meines Freundes! Daß Sie hier sitzen und ein Weilchen bleiben, ist vorerst alles, worum ich Sie von Herzen bitte. Er geht nun ein paar Schritte in den Hintergrund und sieht von dort aus den Vater erwartungsvoll an.

VATER tief. Wir haben heute einander – recht weh getan, Mutter ...

MUTTER unterdrückt ein jähes Aufschluchzen, dann mit versuchter Härte. Einander? – Kann man dir wehtun? – Könnte man's doch!

VATER. Dein Samenkorn ist unter Steine gefallen, Remigius!

REMIGIUS leise, bittend. So dürfen Sie nicht sprechen, liebe Freundin!

MUTTER bitter, aber ohne Kraft der Bitterkeit. Wenn man durch Jahr und Tag mitgemacht hat, was ich ...! Ein Dienstbote hat es besser.

VATER. Hab' ich denn in Saus und Braus des Glückes gelebt?!

MUTTER. Aber immer doch nach deinem Willen.

VATER. Wer Willen hat, kann nicht gegen ihn leben!

MUTTER. Meinen aber und den des Kindes hast du gebrochen!

VATER immer kälter. Das alte Märchen! Ein Wille, der sich brechen ließe, wär' keiner.

MUTTER. Das ist eine gar billige Ausrede.

VATER. Ist meine Lage so schwach, Remigius, daß ich der Ausreden bedürfte?

REMIGIUS mild-verweisend. Jetzt handelt es sich nicht um Stärke, sondern um Güte, Vinzenz!

MUTTER bitter. Güte! Wann hat er die je gehabt! Was immer er spricht, ist Hochmut und Verachtung für alle, die anders sind als er!

VATER. Man hat das Recht auf Menschen, die einem gleichen.

MUTTER. Wer gibt einem dieses Recht?

VATER. Niemand, wenn man es nicht hat!

MUTTER mit ohnmächtigem Haß. Das sieht dir ähnlich!

REMIGIUS in wachsender innerer Erregung. Sprecht jetzt nicht davon, ihr Lieben! Von euch und von euerem Kinde ist jetzt die Rede! Auf daß der kommende Tag euch anders finde vor seinen Augen als ...

VATER wieder beherrscht. Wird dies auf diesem Wege möglich sein?

REMIGIUS. Es muß und wird, wofern ihr guten Willens seid.

VATER. Bin ich es nicht?

REMIGIUS. Du hast es auch leichter, Vinzenz; dir winkt Gottes Finger deutlicher als deinem Weibe. Die weiß ja nicht, daß Hubert – noch nicht zurück ist!

MUTTER auffahrend. Was soll das heißen? Hubert? Ist Hubert fort? Auf den Vater zu, drohend. Was hast du ihm getan?!

REMIGIUS aufflammend. Nichts anderes als Sie selbst, als ihr beide in eurer zügellosen Wut, einander zu treffen!

MUTTER wild. Das ist nicht wahr! Sprich du, Mann!

VATER mühsam beherrscht. Was willst du von mir hören?!

MUTTER. Wo mein Kind ist!

VATER. Ebenso könnte ich dich fragen: wo ist das meine?!

REMIGIUS in edlem Zorn. Spricht hier Gott zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel?! – Beuget euch doch endlich, ihr Hoffärtigen!

MUTTER furios. Er ist Kam!

VATER am Rande der Beherrschung. Dein Rat war schlecht, Remigius!

MUTTER in plötzlich obsiegender Angst. Hubert – Hubert! Ja, warum sucht ihn denn niemand?!

VATER von ihrer Angst angesteckt, unsicher. Es ist geschehen.

MUTTER immer hilfloser in ihrer Angst. Geschehen? Geschehen? – Wer? – Und? Und?

VATER immer unsicherer. Seine Rückkunft wird gemeldet werden.

MUTTER. Rückkunft gemeldet werden? Das ist alles? Ja, woher weiß man denn –? Sie bricht in ein hilflos-angstvolles Schluchzen aus.

VATER selbst angstgepackt, nicht ohne Anteil. Das war immer alles, was sie konnte!

REMIGIUS bei der Mutter, gedämpft, erregt. Dafür ist sie ein Weib, Vinzenz.

VATER. Es gibt auch Frauen, die dem Manne Stütze sind in ungewissen Augenblicken!

MUTTER geschüttelt, abwesend. Wer war denn mir Stütze?

VATER. Bist du so schwach von Gedächtnis? Wann immer Schweres kam, wer nahm es auf seine Schultern?

MUTTER. Ich! Wer andrer als ich?

VATER. Ja, das Jammern und Wehklagen machtest du zu deinem Anteil! Aber die Abwehr, die Tat – ich bis ins Kleinste!

REMIGIUS. War es nicht deine Pflicht?

VATER. War's nicht auch die ihre?

MUTTER plötzlich ganz verändert, starr. Was reden wir denn da? Wovon ist denn die Rede? Losbrechend. Ich halte es nicht mehr aus! Sie zieht ihren Schal fester um die Schultern und will über die Veranda.

REMIGIUS sie aufhaltend. Was haben Sie im Sinn? Wohin –?

MUTTER. Ihn suchen! Fort von hier!

REMIGIUS. Das können Sie nicht, in der Nacht allein! Blickt auf den Vater.

MUTTER. Lassen Sie mich! Auch er ist in der Nacht allein!

VATER jäh, aus tiefster Tiefe. Elisabeth!

MUTTER von seinem Ton gepackt, einen Augenblick innehaltend. Was willst du?

VATER. Willst du mich – mitnehmen?!

 

Die Mutter steht schweratmend, der Vater halb abgewandt in großer Erschütterung, zwischen beiden Remigius mit leuchtendem Antlitz. Eilige Schritte durch den Garten über die Veranda.

 

ROSL strahlend, mit gedämpftem Jubel in der Stimme. Er kommt!

VATER ungläubig, aufleuchtend. Kommt?!

MUTTER mit einer Wendung, als wollte sie in den Garten, leise aufschluchzend. Hubert! – Kind!

REMIGIUS sie an der Hand nehmend. Still!

Alle stehen in lauschender Stellung lautlos, man hört nur die Freude in ihren Atemzügen. Rasch-vorsichtige Schritte über den Gartenkies an der Veranda vorüber, dann verhallend.

 

MUTTER vor Freude schluchzend. Zu ihm! – Jetzt müßt ihr mich doch zu ihm lassen!

 

Rosl entfernt sich unbeachtet.

 

REMIGIUS leise, doch mit steigender Stärke des Gefühls. Nicht heut' mehr! Der hat heimgefunden, der ist im Hafen. Aber zwei anderen glitt ein Licht da draußen soeben vorüber, damit sie einander suchen und – finden! Versteht ihr mich wohl, ihr lieben beiden? Oder wollt ihr die Boten zurückrufen, die schon unterwegs waren aus eueren Her zen? Das glaub' ich nicht, das kann ich doch nicht glauben! So undankbar können Menschen doch nicht sein!

MUTTER leise. Ich bin nicht undankbar ...

REMIGIUS leuchtend. Hast du's gehört, Vinzenz?! Da wirst du doch nicht zurückstehen wollen. Wunden, die man geschlagen, heilen, das ist doch nicht so ganz unwürdig eines Mannes, und ist er noch so gewaltig!

VATER aufgewühlt, wund. Und wer heilt mir die meinen?

REMIGIUS. Ist dir denn nicht eben ein großes Glück widerfahren? Auf solche Gnaden hin kann man schon ein bißchen was wagen! – Kommen Sie näher, liebe Freundin! – Wenn Gott schon Brücken schlägt von Ufer zu Ufer, darf man so kleingläubig sein, sie nicht zu betreten?

VATER schwer, aber milde. Wenn seine Brücken nur halten, Remigius!

REMIGIUS immer heiterer. So ein übler Baumeister ist er doch nicht, Vinzenz! Aus Spinnweben baut er doch nicht! Was soll er denn noch tun, um dir zu deuten?

VATER hebt langsam die Hand und hält sie, halb abgewandt, seiner Frau hin.

MUTTER leise schluchzend. In Gottes Namen! Ihre Hände berühren einander einen Augenblick lang.

VATER die Hand wieder sinken lassend, tief. Im Namen – unseres Kindes.

REMIGIUS leise. Das war – lieb von euch.

VATER halb abgewandt nach ihm tastend und ihn mit verhaltener Zärtlichkeit zu sich ziehend, an ihn gelehnt, ganz milde. Wo hast du diesen Glauben her, du Knabe, du – ewiges Kind?

REMIGIUS wirklich wie ein Knabe verwirrt, errötend, gütig schmollend. Immer nennst du mich Knabe und jetzt gar nur ein Kind! Und bin doch schon an die Siebzig ...

 

Zwischenvorhang langsam leise.

Die Musik aus dem Heurigengarten setzt mit der Introduktion eines Walzers ein und dauert weiter, wenn der Vorhang bereits wieder aufgegangen ist.

Huberts Mansarde.

Helle Nacht. Weiße Wolken ziehen über den Himmel, auf den man über die windbewegten Wipfel der Gartenbäume blickt. In der Ferne der von Lichtern gekrönte Hügel. Eine Kerze auf dem Tische ist fast niedergebrannt. Hubert allein, mit hastigen Schritten auf und ab, einen Brief in der Hand. Er ist verstört, bleich, lacht, murmelt und spricht zu sich wie im Fieber.

 

HUBERT nachdem er ein paarmal in sich hinein gekichert hat, mit selbstparodierendem Pathos vor sich hin. Zum Vollstrecker meines letzten Willens ernenne ich meinen Freund Theophil Rabanser! Er legt den Brief auf den Tisch, steht einige Augenblicke verloren; dann plötzlich wieder aufgepulvert. Genug, genug, genug des hämischen Gaukelspiels! Sterben! Die Juristen sagen, ein lebender Hase sei eine unbewegliche Sache, herentgegen ein toter Hase eine bewegliche. Toll, meine Herren Doktores! So will ich nach diesem Rezept einmal versuchen, aus mir eine bewegliche Sache zu machen. Lacht. – Ein lebender Leichnam läßt sich aus der Welt schaffen, ein toter Leichnam nicht. Ich will aus mir etwas machen, was nicht aus der Welt zu schaffen ist, indem ich mich aus der Welt schaffe. Lacht. O, wäre ich nie emporgetaucht an das Licht, das die Menschen beseligt! Mir war es kein süßes Licht. Ich schließe die Augen, Amen. – Als sie heute einander mein Dasein vorwarfen, wie einen schmutzigen Fetzen einander vor die Füße und ins Gesicht, wo waren deine Wunder, Allmächtiger, mich in die Protozoe zurückzuwandeln, aus der ich mich auf dem Umweg über die Kaulquappe emporgeformt zu deinem Ebenbilde? – Wo waren deine Wunder, Allmächtiger? – Lieber ausgespült werden aus dem Allerweltsschoße einer Straßendirne, als zum Fluche werden im biederen Mutterleib einer Ehefrau! – Eltern, du Klang, bei dem sich Kniee beugen können wie vor offenen Himmeln! – Mir war ein Peitschenhieb der Name Vater und einer Horniß Biß der Name Mutter. – Sie haben mich immer gezerrt, herüber, hinüber. Warb der eine um mich, so warb er mich gegen den andern. Was konnt' ich dafür, ich ungewolltes, ich einsames Kind? – Bleibt vor der Kerze stehen. Willst du mich zur Eile treiben, elender Talgstumpf? Wirst mir dein bißchen Deprofundis-Licht schon noch ein Weilchen gönnen müssen! Sonst, eh ich mich selber ausblase, blase ich dich aus! Lacht.

Nur eine noch! – Nicht weinen, süße, blondselige Rose! – Wisch dir die Augen in das Geschirrtuch, eh du die Gans aufträgst zum Leichenschmaus! Du hast sie doch nicht verbraten? Sonst wird dich die Mutter jagen! – Wisch dir die Augen in das Geschirrtuch, blondselige Rose! Sie sollen es nicht begeifern, daß es Tränen gibt, die für mich fließen. – Ich hätte dich gern auf den Mund geküßt, blondselige Rose! – Es ist bitter, in das gewisse dunkle Loch zu fahren, ohne es vorher beim Weibe versucht zu haben. Lacht krampfhaft auf, reißt sich zusammen. Delinquentenhumor, pfui Teufel! Man speit nicht auf Heiligtümer! Man stirbt! Ehrlich, einfach, ohne Seitenblicke und schweigsam! Mit ein paar großen Schritten auf den Schreib tisch zu, reißt eine Lade auf, holt eine kleine Flaubertpistole und eine Schachtel mit Patronen heraus. Alle Bewegungen wie im Fieber. Mordeisen, Spatzenschreck, Katzentod, rostiges Terzerol, heraus! – Geschehen. – Den Knackhahn gespannt! Da der Hahn nicht halten will, ihn nochmals grimmig zurückreißend. Halte, Objekt! – Geschehen. – Laden! – Pulver und Blei, Kaliber sechs Millimeter, hinein in den Drall! – Geschehen. – Die Seele empfohlen dem allmächtigen Lenker Himmels und der Erde! – Macht mit irrer Hand das Zeichen des Kreuzes. Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. – Geschehen. – Angelegt, gezielt, gefeuert! Eins – zwei – und –! Wer klopft?! Schlägt ein wildes Lachen auf, ruft gegen die Tür. Fremden ist der Eintritt verboten! Zu spät! Bin eben dabei, die Frage der Berufswahl zu lösen, liebe Eltern! Lacht. Aus einem unbeweglichen Hasen einen beweglichen zu machen, liebe Eltern! Es knallt ein wenig! Erschreckt nicht! Er reißt die Pistole an die Schläfe. Feuer!

STIMME VON DRAUSSEN leise, ängstlich, dringend. Hubert!

HUBERT wild. Kann man in diesem Hause nicht einmal sterben!? Feuer, kommandiere ich, Feigling! Lauscht gierig in der Richtung der Tür.

STIMME VON DRAUSSEN lauter, angstvoller, dringender. Hubert!!

HUBERT halb Schluchzen, halb Jubel. Rosl! Die Hand mit dem Revolver sinkt ihm herunter. Engel des Lebens! – Ich komme! Er steckt den Revolver unbewußt in die Tasche.Die ungeheure Spannung seiner Nerven entlädt sich in einem abgerissenen tränenlosen Schluchzen und in einem Stammeln unverständlicher Worte. Die Hände vorgestreckt, tastet er sich gleichsam bis zur Tür. Mit unsicheren Griffen findet er Schnalle und Schlüssel. Er drückt die Wange an die Tür, der Sturm legt sich, wie unwillkürlich dreht er den Schlüssel im Schloß, öffnet.

 

Rosl erscheint im Türrahmen. Man hat das Gefühl, die beiden würden im nächsten Augenblicke einander in die Arme sinken. In beiden aber obsiegt die Schüchternheit junger Menschen. Nach Blicken, die erwartungsvoll ineinandergetaucht, sehen sie aneinander vorüber. In ihren Stimmen aber bebt die Erregung und Befangenheit nach, gibt ihren Worten etwas Uneigentlich-Traumhaftes, Beklommenes.

 

ROSL noch an der Tür, abgewandt.

Ich hab' dir noch nicht dein Bett gemacht –

HUBERT mit dem Unterton der Enttäuschung.

Das trieb dich, nach mir zu sehn?

ROSL.

Hab' dich kommen gehört –

HUBERT.

Hast noch gewacht?

ROSL.

Wollt' eben schlafen gehn.

 

Sie schreitet, ohne aufzublicken, an ihm vorüber zum Bett und deckt es auf. Der Wind rauscht draußen durch die Baumkronen und legt sich wieder.

 

HUBERT ist nach links zum Schreibtisch gegangen, sieht Rosl heimlich zu.

ROSL.

Brauchst du sonst noch irgend etwas vielleicht?

HUBERT beziehungsvoll.

Werd' wohl nichts mehr brauchen, mein Kind.

ROSL.

Ich schließ' dir das Fenster. Der Wind ist so feucht –

HUBERT.

Laß nur offen! – Ich liebe den Wind

ROSL.

Das Wasser ist noch nicht zu Bett gestellt –

HUBERT.

Tut nichts.

ROSL.

Und die Kerze fast abgebrannt –

HUBERT.

Die wird schon noch reichen für diese Welt.

ROSL nachdem sie einander beklommen angesehen.

Gute Nacht –

HUBERT leise.

Gibst du mir nicht die Hand?

 

Sie geben einander, ohne aufzublicken, die Hände und halten sich.

 

HUBERT zögernd, gehemmt.

Rosl, wir waren Kinder bisnun,

Doch ich bin jetzt – ein Mann.

Willst du mir nicht etwas Liebes tun?

ROSL leise, befangen.

Gerne, wenn – ich es kann.

HUBERT.

Und ob du es könntest! – Komm, setz dich zu mir!

Weiß Gott, wann es wieder geschieht –

Willst nicht?

ROSL bei ihm, der sich auf die Ottomane niedergelassen stehenbleibend.

Was soll ich denn tun bei dir?

HUBERT nachdem er sie verstohlen-zärtlich angesehn, wieder gehemmt.

Ein Lied sollst mir singen – ein Lied.

ROSL.

Ein Lied? – Das ist gar schon lange her,

Daß ich keine Lieder mehr sing'.

HUBERT.

Wohl wahr! Als wenn's eine Ewigkeit wär':

»Von eitel Golde« der Ring! –

Sag, denkst du noch, wie deine Mutter war?

ROSL.

Sie kommt mir noch manchmal im Traum,

Wie sie leibt und lebt.

HUBERT.

Auch so blond von Haar,

Wie du bist?

ROSL.

So blond – wohl kann.

HUBERT.

Und dein Vater?

ROSL.

Den strafe der liebe Gott!

HUBERT.

Was ist dir?

ROSL.

Der war kein Christ.

Hat meine Matter gebracht in Spott –

Weiß nicht, wer mein Vater ist.

HUBERT.

Verzeih mir, Rosl, daß ich gefragt –

ROSL.

Jetzt kennst du meine Schand'.

HUBERT.

Hat mancher ganz anders, als man so sagt,

Seinen Vater nicht gekannt.

Leicht wärst du gar nicht so lieb und gut,

Wär's anders gewesen, weißt?

Doch so hast du Liebe in deinem Blut!

ROSL.

Was man so Liebe heißt!

HUBERT.

Komm wieder zu mir!

ROSL.

Es ist Mitternacht,

Und ich muß morgen wieder bald heraus.

Du weißt, die Mutter hat auf alles acht,

Will Ordnung haben früh um Herd und Haus –

Bist auch schon müd'. Wie deine Stirne glüht!

Der Tag war – heiß. Geh schlafen, ruh dich aus!

HUBERT.

Wohl heiß. Doch schlafen? – Rosl, sieh mich an! –

Wenn ich mein Schaun in deins zur Ruhe schicke,

Erfaßt die Ahnung mich von einem – Glücke,

Sinn alles Sinns zu bilden angetan.

Du hast mich nie betrübt!

ROSL.

Auch du mich nicht.

HUBERT.

Wie kommt das?

ROSL.

War doch Kameradenpflicht!

HUBERT.

Nur Pflicht?

ROSL.

Was sonst?

HUBERT.

Und jener Sommertag?

ROSL.

Was meinst du?

HUBERT.

Damals auf dem Lande,

Als Kinder noch! – Wir wateten im Sande

Des Hechtenteichs, der bei der Mühle lag.

Du hattest Schuh und Strümpfe ausgezogen;

Da stach dich was, der Stich ward rot und hoch,

Da hab' ich dir – erinnerst du dich noch? –

Das Gift mit meinen Lippen ausgesogen.

ROSL.

Und warst vor Schrecken ganz sonderbar –

HUBERT.

Weiß Gott, ob es nur vor Schrecken war.

ROSL.

Was denn?

HUBERT.

Da hat ja zum einzigen Mal

Mein Mund deine kühlwarme Haut berührt –

Hab's lange nachher noch als Lust und Qual

Durch all meine Adern strömen gespürt.

ROSL.

Was dir für komisches Zeug einfällt!

HUBERT.

Nicht so komisch wie es dir scheint!

Hab' oft bis zum Morgen die Stunden gezählt

Und nach dir mich versehnt und verweint!

Und heute – ist mir wieder zumut',

Als bekäm' ich zu kosten dein süßes Blut,

Als wär' mir was Liebes vermeint.

ROSL.

Das ist nur, das ist nur, weil wir zu zweit

Allein sind in später Stund' –

HUBERT.

Nein! Es ist das Strömen der Ewigkeit

Von deinem zu meinem Mund.

ROSL.

Das ist nur, weil heute der böse Wind

Das Blut so sündhaft versucht –

HUBERT.

Nein! Es ist das Blühen, dein Blühen, Kind,

Das Segen will werden und Frucht!

ROSL.

Was soll denn dann werden, werden aus mir?

Sie jagen mich ja hinaus!

HUBERT.

Ein Leben soll werden, ein Leben aus dir!

Und wo du bist, bin ich dann zu Haus!

ROSL.

Du bist ja noch nichts, und ich bin arm!

Und käme noch eins dazu,

Wer schafft ihm zu essen, wer hielte es warm?

HUBERT.

Wer anders als ich und du?

ROSL.

Das gäb' ein gar trauriges Ende bald!

HUBERT.

Kein Ende, wenn nicht der Tod!

ROSL.

Aber die Straßen sind hart, und die Nächte kalt,

Und der Hunger ist bittres Gebot!

HUBERT.

Hat denn nicht Gott seine Wunder gebreitet?

Leiden die wilden Lilien Not?

Alles, was sich aus Erden bereitet,

Ist Stillung und Labsal –

ROSL.

Aber nicht Brot!

HUBERT.

Quöll' nicht aus deinen gesegneten Brüsten

Gierigem Mündlein Nahrung zu?

Und wenn wir einander hielten und küßten –!

ROSL.

Schön wär' es schon!

HUBERT.

Schön wird es auch, du!

Irgendein Hüttlein, aus Hölzern gezimmert,

Flamme strahlt Wärme, Lampe glüht Licht,

Kleines Fenster, von Blumen umschimmert,

Und hinter Blumen dein liebes Gesicht!

ROSL.

Hoffst du das wirklich?

HUBERT.

Soll ich denn nicht?

Und, denk du nur: Arbeit! Arbeit! Arbeit!

Mit rüstigen Händen

Wirkliches fassen

Und wirklich vollenden!

Mit heiter messenden Füßen

Eigene Erde begehn,

Täglich die Sonne grüßen

Bei ihrem Auferstehn!

Pflanzen und Tieren vertraut sein,

Dem Rätsel von Blüte und Frucht,

Eingesetzt, eingebaut sein,

Gnadevoll heimgesucht!

Sorgen, wenn man gemäht hat,

Wie neu die Brache gebiert,

Ernten, was man gesät hat,

Säen, was Ernte wird!

ROSL.

Will aber auch gelernt sein!

HUBERT.

Ist unser von Anbeginn,

Trotz allem Der-Erde-Entferntsein,

Ureingeborener Sinn!

Oder bebt nicht der Allmutter Schoß,

Jauchzt nicht der Wässer Sturz

Von Kräften, segengewillten?

Träumt nicht in Stollennächten

Von Schmelzglut das Erz?

In Wipfelbedrängnis

Von goldner, bewimpelter

Maste Tanz nicht der Stamm?

Der Woge unbändige Flanke,

Bäumt sie sich, stöhnt sie nicht

Nach kreisender Schrauben

Sausendem Schaufelhieb?

Alles, was ist, will Hände!

Ding, Kreatur, Element:

Hände!

Ordnende, fördernde, formende!

Hammerhand, Axthand, Pflughand!

Hände an Winden und Hebeln,

An Steuern und Essen Hände!

Hände, Hände!

Sind denn die meinen zu schlecht,

Um anzufassen am Triebwerk?

Um mitzulenken, mitzuschaffen,

Mitzuheimsen?

Ein Herz, das mir glaubt,

Und Riesenkräfte

Stürzen in diese Muskel!

Flammenströme

Schießen aus diesem Gehirn!

Habe auf Gottes Erden

Niemanden mehr, nur dich!

So hilf du und glaube!

ROSL benommen.

Ich glaub' ja!

HUBERT überhitzt.

Glaubst mir? Glaubst wirklich? Glaubst?!

Halle es wider,

Kristallen Gebälke

Ewigen Himmels!

Ein Mensch ist gefunden,

Der glaubt!

Einer!

Halle es wider,

Kristallen Gebälke! –

Doch jetzt kein Wort mehr!

Entschlossen, verschwiegen:

Wagen, vollbringen, tun!

Komm mit mir! Fort!

Noch jetzt! Heute nacht!

ROSL zitternd.

Wohin?

HUBERT ungeduldig.

Gleichviel!

Was zögerst du, starrst?

Fiebre ich Wahnsinn?

Mißglaubst du mir schon?

ROSL.

Ist dir's auch wirklich Ernst?

HUBERT auffahrend, immer grimmiger, hitziger.

Ernst, Ernst! Wie es mich ekelt,

Dies klebrige Spießerwort!

Ernst ist, was flickt, strickt und häkelt,

Ernst ist, was schachert und mäkelt,

Was über Büchern verdorrt!

Ernst sind sie beim ewigen Kauen

Am uralten Sauerteig,

Ernst im Bett ihrer Frauen,

Beim Essen, Trinken, Verdauen,

Ernst, wo zum Lachen zu feig!

Ernst sind sie, wo sie verstummen,

Weil ihre Weisheit zu Spott,

Ernst ist der Tanzschritt der Krummen,

Ernst ist das Pathos der Dummen,

Ernst ist der Freude Bankrott! –

Doch ich will leben! Leben will ich, leben!

Begreifst du diesen urgebornen Drang?

Nicht hingekrümmt an Vorgedachtem kleben,

Nicht keuchen unter Lasten! Leben, schweben

In Blutes ungehemmtem Überschwang!

Was schert mich, woher ich für morgen

Hernehme das lumpige Geld!

ROSL.

So willst du für uns nicht sorgen?

HUBERT.

Gesorgt wird genug auf der Welt! –

Und nun zu mir her, solange noch Zeit!

Sonst wird es am Ende zu spät!

Für meine drübere Seligkeit

Verzicht' ich auf dein Gebet!

Hier noch, solange das Herz mir schlägt,

Mußt du dich meiner erbarmen,

Ich habe noch niemals ein Weib gehegt

In meinen verschmachtenden Armen!

Komm, küss' mich!

ROSL bebend.

Und wirst du, wenn ich's gewähr',

Auch brav sein und nicht am End'

Noch mehr verlangen?

HUBERT mit der Gier des Gehirnes.

Noch mehr! Immer mehr!

Das schwör' ich beim Sakrament!

 

Zieht die Bebende wild an sich.

 

ROSL in voller Hingebung mit versagender Stimme.

Da bin ich!

 

Sie küssen einander immer wieder.

 

HUBERT zwischen Angst und Entzücken.

Ist es denn wirklich,

Daß ich dich halte?!

Unter den Füßen

Mir schwankt der Raum,

Alles so Finstere,

Alles so Kalte

Löst sich in Wärme

Und lichten Traum!

Aus allen Tiefen drängt

Wohliges Treiben,

Lippe an Lippe hängt,

Süßes Beweiben!

Schauer in Schauer bebt,

Tausendfach: Ich!

Endlich erfüllt, erlebt! –

Ängstet es dich?

ROSL hingegeben.

Nicht Angst mehr vor Sünde

In meinem Blut!

Was ich empfinde,

Ist ja so gut –

HUBERT.

Zärtlich und wortbegabt

Sonst zaghafter Mund!

ROSL vergehend.

Nie noch so liebgehabt!

HUBERT.

Küss' mich gesund!

ROSL vergehend.

Bleischwer hängen

Die Kleider an mir –

HUBERT nur im Tone sinnlich.

Wenn sie dich engen,

Ich helfe dir –

 

Er nestelt ihr die Bluse am Halse auf.

 

ROSL ihm wehrend und doch helfend.

Laß! Nicht!

HUBERT.

Warum?!

Du bist ja so schön –

ROSL zurückgesunken, mit abgewandtem Gesicht.

Sieh mich nicht an!

HUBERT.

Ich muß dich sehn!

 

Ihr immer wieder Brust und Hals küssend.

 

Neidischer Hülle

Endlich entblüht,

Zärtliche Fülle

Duftet und glüht.

ROSL von Sinnen.

Was tust du?!

HUBERT.

Trinken!

Gib noch, gib noch!

ROSL.

Mir ist zum Versinken –

So nimm mich doch!

HUBERT immer unsinnlicher.

Ja, nehmen dich!

Beschwichtigen

Den glücklichen Aufruhr

Deines Bluts.

Aus stürmenden Atems

Wogenschlag

Retten das kleine

Angstvoll pochende Herz

Entblättern

Das Wunder deines Leibes,

Und dann –

Anbetend, erschüttert

Hinknien vor so viel

Gnadelächelnder Reinheit

Und wie in Kindertagen

Die Lippen wieder pressen

Auf die kleine

Brennende Wunde

Deines tausendmal

Geträumten Fußes ...

Weinst du?

Warum weinst du, Geliebte?

Hab' ich zu nah dir getan?

Siehe, ich knie ja vor dir –

Kein Wunsch mehr lästert,

Kein Ungeziem

Zu dir mehr empor!

Nur traurig bin ich,

Zum Sterben traurig ...

ROSL deren ganzer Körper von einem plötzlichen Weinen geschüttelt war, richtet sich jetzt auf; ihr Gesicht ist verfallen, ihr Körper wie zerschlagen. Sie hat die Hände um ihre Knie gefaltet und sieht über Hubert hinweg ins Leere. Nun beginnt sie, mechanisch ihre Bluse zuzuknöpfen.

HUBERT angstvoll.

Was hast du?

ROSL tonlos.

Nichts.

HUBERT.

Doch, doch!

ROSL.

Steh auf und sei

Vernünftig –

HUBERT traurig.

War ich es nicht?

ROSL bekümmert.

O, sehr!

HUBERT schmerzlich zusammenzuckend.

Der Traum vorbei.

ROSL.

Mich fröstelt.

HUBERT.

Ja. – Auch mir ist bitterkalt!

Mir ist, als wär' ich – tausend Jahre alt.

 

Er sieht sie forschend an, dann gequält.

 

Du lächelst? Lächelst du?!

ROSL ins Leere.

Ich glaube kaum.

HUBERT mit angstvoller Wildheit.

Du, schau mich an!

ROSL an ihm vorübersehend.

Wozu?

HUBERT ihr Gesicht zu seinem emporhebend, nachdem er lange drin geforscht.

Vorbei der Traum!

 

Wieder fast mit Grimm.

 

Noch einen Kuß!

 

Er küßt sie, die es starr geschehen läßt.

 

Wie Eis! –

 

Rosl löst sich von ihm los und geht mühsam zur Tür, wo sie abgewandt stehenbleibt.

 

HUBERT wie ein Ertrinkender.

Bleib, Rosl, bleib!

ROSL traurig, ohne Vorwurf.

Es ist ja doch zu nichts. Dir bin ich ja kein Weib.

 

Ab.

 

HUBERT nach ein paar Schritten auf die Tür zu, ganz starr.

Kein Weib? – Auch dieses noch! – Gott sei's geklagt,

Kein Mann bin ich, ein Nichts! Auch da versagt.

Ein Ende, Ende jetzt! In Gottes Namen! –

Mir war es kein süßes Licht –

ich schließe die Augen. Amen.

 

Die Heurigenmusik setzt mit einem Marsch ein, der, von angeheiterten Stimmen nicht durchwegs richtig mitgesungen, von Johlen und Lachen begleitet, ziemlich rasch näherkommt.

 

HUBERT sich plötzlich zusammenreißend, mit wildem, krampfhaftem Auflachen, in einander überstürzenden Sätzen. Holla! Kehraus im Lustgarten! Es drängt bereits heftig zur Katastrophe! Sonst kotzen mir die Schweine noch in meine Agonie! Mit fiebernden Händen an seinen Taschen herumtastend. Wo hab' ich denn nur den alten Nußknacker? Begnadete Eingebung: Nußkern – Menschengehirn! – Da bist du! Heraus mit dir! Meine Schale ist zum Platzen! Nur lustig lustig! Ich komm' schon zum Abmarsch! Er stürmt, den Revolver in der Hand, auf den Balkon.

 

Der heitere Zug zieht eben unten am Garten vorüber. Die Instrumente werden nun beinahe übertönt von dem Gewirre der lachenden, singenden, johlenden und rufenden Stimmen. Man sieht den roten Widerschein von bengalischen Zündhölzern und Lampions auf den Gartenbäumen.

 

HUBERT im Paroxysmus, wild gestikulierend, in den Tumult hinunterschreiend. Lustig! Lustig!! Lustig!!! Wenn zwei spielende Banden einander begegnen, hat die eine das Spiel einzustellen! Exerzierreglement für die Infanterie! Ich stell' es schon ein, das Spiel, ihr besoffene Bande!

 

Durcheinander von teils gemütlichen, teils

drohenden Zurufen von unten her, während sich die Musik immer mehr entfernt.

 

HUBERT mit rasendem Lachen, immer wieder zurückrufend. Wie? – Antialkoholiker! – Antimusikaliker! – Antierotiker! – Wie? – Im Neunzehnten! – Lebensunfähig! – Lebensmüd'? – Ein Nichts auf zwei Beinen! Ein Nichts – Nichts – Nichts!!! Lacht nicht, Idioten! Pulverblitz und Knall an Huberts Schläfe. Es reißt ihn jäh herum. Die Pistole fliegt aus seiner Hand ins Zimmer. Er erfängt sich am Türstock der Balkontür, gleitet an ihm nieder und fällt dann quer über den Balkon, mit letzter Kraft schreiend. Zu Hilfe! – Ich will nicht sterben! Stirbt.

 

Die Stimmen unten haben sich nach dem Schusse zu einem einzigen Aufschrei zusammengeballt, sind dann einen Augenblick totenstill geworden und sammeln sich nun wieder zu anschwellender Erregung. Poltern über die Treppe herauf.

 

VATER mit offenem Rock, hereinstürmend. Hubert! Sucht ihn mit den Blicken, wird seiner gewahr, wirft sich zu ihm nieder, reißt ihn empor, starrt in sein totes Antlitz, läßt ihn wieder sinken und richtet sich auf. Er steht ein paar Atemzüge lang starr, an die Tür gelehnt, dann kommt er mit fast gehetzten Schritten nach vorne bis an den Stu diertisch. Gesicht und Gestalt sind bereits wieder gefaßte Härte geworden, nur die Hände, die sich auf die Tischkante stützen, zittern gewaltig, Nun bemerkt er plötzlich den Brief auf dem Tisch. Ohne die Hände von der Kante zu lassen, beugt er sich gierig über ihn, liest die Aufschrift; mit tonlos-verstörter Stimme. An Theophil Rabanser! Nun löst sich seine Rechte von der Tischkante. Ohne aufzuhoren, sich auf sie zu stützen, tastet er mit ihr bis zum Briefe, verkrallt sich in ihn und hält ihn zerknüllt in der Faust.

 

Im Hause unten ist indessen ein Schrei laut geworden, kommt höher, über die Treppe, immer höher, zur Tür herein; halbangekleidet, mit wirrem Haar, die Mutter. Ihr folgt Rosl.

 

VATER hat den Schrei emporkommen gehört; einen Augenblick lang zuckt furchtbarer Triumph über sein Gesicht; dann weicht dieser dem Haß und der Anklage. Der Mutter entgegenschreiend und in den Hintergrund weisend. Dort! – Tot!!

MUTTER einen Augenblick lang versteint, dann losbrechend. Dein Werk! Stürzt in den Hintergrund, sinkt über Hubert.

VATER mit letzter Kraft der Anklage. Dein Blut! Bricht innerlich zusammen. Das meine – flösse nicht – auf der Erde!

 

Die Stimmen unten nur mehr ein erregtes Murmeln, die Musik schon ganz in der Ferne.

Vorhang. [170]

 

 

 

Actus quintus

Phantasticus

Bibliothek.

Hoher und weiter Raum. Überall an den Wänden offene Bücherschränke bis zur braungetäfelten Decke empor. Die Mitte des Hintergrundes bildet ein breiter Bogen, der mit einem dunklen Samtvorhang abgeschlossen ist. Links vorne, in die Bücherwand eingelassen, eine schmale, braune Holztür. Weiter rückwärts links ein hohes Bogenfenster, das offensteht, in den Garten und Himmel hinaus. Beim Fenster ein mächtiger Schreibtisch, mit Büchern und Papieren bedeckt. Außerdem auf dem Tisch: ein monumentales Tintenzeug, eine kleine Bronzebüste Goethes und eine Studierlampe mit grünem Seidenschirm. Vorne in der Rechtswand eine geräumige Nische, in die ein Rundsofa eingebaut ist. Dabei ein großer, runder Lesetisch mit Büchern, Zeitschriften usw., darüber eine Pendellampe mit grünem Seidenschirm. An der dem Zuschauer zugekehrten Nischenwand ein hohes, schmales, dunkles Ölbild, einen Herrn im Staatskleide des achtzehnten Jahrhunders mit Ordensband und Stern darstellend.

Wenn der Vorhang aufgeht, ist die rechte Seite der Bühne von der Nische her, in der die Lampe brennt, matt erhellt. Der Hintergrund der Bühne liegt in tiefer Dämmerung, die sich in das Dunkel des Vorhanges verliert. Durch das Fenster links fällt das drohende Zwielicht eines spätnachmittäglichen Gewitterhimmels herein. Man hört während des ganzen Aktes, bald anschwellend, bald abnehmend, das Rauschen der Gartenbäume. Der Wind stößt von Zeit zu Zeit an die nach innen geöffneten Fensterflügel und bewegt die Papiere auf dem Schreibtisch. Häufiges Wetterleuchten, manchmal ganz ferner Donner.

Der Vater steht, an den Schreibtisch leicht angelehnt, und starrt durchs Fenster hinaus in die Gewitterlandschaft. Er trägt dunklen Anzug und schwarze Binde. Er ist bleich und scheint um viele Jahre gealtert.

Remigius gleichfalls blaß und gramvoll verfallen, sitzt beim Tisch der Nische in einem Lehnstuhl. Er hat ein altes, in Schweinsleder gebundenes Buch seitlich vor sich auf dem Tisch und liest daraus mit gedämpfter, ergriffener Stimme vor: den Anfang des sechzehnten Kapitels des zweiten Buches von Marc Aurels Selbstbetrachtungen in lateinischer Übersetzung.

Es klingt traurig und feierlich wie die Sterbegebete

der Priester.

 

REMIGIUS den Text vorerst überlesend. Vita humana momentum. Natura fluxa, sensu obscurus. Anima vaga, fortuna ambigua. Quod coporis, flumen; quod animae, somnium atque fumus. Vita militia et hospitis in peregrino mora. Quidnam est ergo, quod nos deducat?

VATER vor sich hin, aus schmerzlicher Tiefe. Vita humana momentum: Des Menschen Leben ein Augenblick –

REMIGIUS behutsam nachhelfend. Natura fluxa, sensus obscurus –

VATER. Unrast sein Wesen, sein Fühlen Dunkelheit –

REMIGIUS. Anima vaga, fortuna ambigua

VATER. Die Seele ein Kreisel, das Schicksal rätselhaft –

REMIGIUS. Quod corporis, flumen; quod animae somnium atque fumus

VATER. Was des Leibes, ein Strom; was der Seele, Traum und Rauch –

REMIGIUS. Vita militia et hospitis in peregrino mora

VATER. Dasein ein Kampf und eines Wanderers Rast in fremdem Land –

REMIGIUS. Quidnam et ergo, quod nos deducat?

VATER mit ratlos erhobener Stimme. Wo ist der Stern, der uns in diesem Wirrsal führte?

REMIGIUS mit inniger Betonung. Sola et unica: philosophia. – Einzig und immer nur: Liebe zur Weisheit. –

VATER. Das eben ist der Zweifel dieser Stunde. – Siehst du, Remigius, der diese Sätze schrieb, ein Magier der Seele und ein großer Kaiser – Torheit und Schwachmut, Eitelkeit und Hoffart schmolz ihm die reine Glut des Denkerblicks wie Schlacken von seinem Herzen, und Worte fand er, ins Tiefste alles Menschlichen zu leuchten. Und seinen Sohn, den Kommodus, der Metze Kind, hat auch er nicht gekannt! Auch er nicht! Da stockt alle Weisheit. –

Ja sprängen, wie aus dem Haupte des Zeus die gewaffnete Pallas Athene, ja wüchsen aus Vaters Blut und Gehirn allein, aus selbstherrlicher Zeugung, dem Manne die Kinder, dann, vielleicht dann, wüßte er um seine Söhne und Töchter! – Doch so?! Gemengt mit fremdem Dunkel, empfangen, gebildet, gesäugt von anderem, Fremdem – anima vaga, fortuna ambigua: ihre Seele ein Kreisel, ihr Schicksal rätselhaft.

REMIGIUS. Du lästerst, Vinzenz, lästerst Gott und die ewigen Gesetze alles Werdens!

VATER. Ich lästere nicht, Remigius, sag nicht, daß ich lästere! Einen Ausweg darf ich doch nennen aus all dieser Ohnmacht!

REMIGIUS. Könnte sie nicht ein Anfang sein – der Demut?

VATER. Demut! – Um dieses Kindes willen habe ich gelebt wie ein Römer! Mehr noch! Wie ein Heiliger hab' ich gelebt um seinetwillen in steter Bereitschaft. Und die Erfüllung kam ja auch. Nur anders, Remigius, anders!

REMIGIUS behutsam. Und du hast doch dies Kind nicht gewollt –

VATER stark aber gedämpft. Ja! Nicht gewollt! – Ich nehme kein Jota von diesem Wort! – Doch als es dann da war und glich mir –

REMIGIUS. War es dennoch ein Glück ...

VATER. Wohl! – Ein Glück das war es. Plötzlich mit qualvollem Ingrimm. Aber nicht lange! Denn plötzlich, über Nacht, aus dem Nichts, erschien dann das andere! Wuchs, wuchs, wuchs! Gespenstisch, unheimlich, feindlich! Ergriff Besitz von ihm, nahm überhand, überschwemmte, versandete ihn, durchdrang ihn! Nur ich sah es, niemand anderer! Nur ich! Und habe schon damals die Mischung geprüft, Kinderworte auf die Goldwaage gelegt, und manchmal waren meine Gedanken nicht die – eines Vaters!

REMIGIUS. Ich habe Angst vor dir, Vinzenz, Angst!

VATER in der Leidenschaft des Bekennens. Die Wahrheit! Ich bin nur ein redender Mund der Wahrheit! Mein Geist ist bloß nicht benommen vom Dufte eines Fleisches, weil es aus meinem! Den törichten Stolz des Samens habe ich nie gekannt! Daß meine Lenden zeugen konnten, vermochte nicht, mein Urteil zu umnebeln. Daß ich aber aus jenem einen Menschen bilden wollte, ohne meine Schlacken und mit dem ganzen Edelgold seiner neuen göttlichen Seele, das war die Zeugung, nach der ich brannte!

REMIGIUS. Und war's denn nicht möglich, Vinzenz?

VATER. Sieh diese Bücher, Remigius! Schätze unsterblichen Geistes, aufgebaut wie Pilaster eines Domes empor zum Gewölbe! Erlesen und hochgeschichtet als meiner Liebe Zeugnis und Erbe für ihn. Ist keines darunter, das ich nicht eingestellt mit dem Gedanken, er würde es einst ersehen aus Tausenden in irgendeiner Stunde seines Lebens! In irgendeiner, wo der Mensch sich erheben will über sein Ich oder es verzehnfacht fühlen will in einem anderen, größeren! Aber er! Er mochte meine – seine Bücher nicht! Verschmähte sie, konnte ohne sie leben!

REMIGIUS. Hast du denn der Bücher bedurft, ehe du das Leben kanntest?

VATER. Sie waren mein Leben, ehe ich das kannte, was man Leben heißt, und sie wurden erst recht mein Leben, als ich ums wirkliche wußte. Ds scheint ja nur ein geringes, ein vergeßbares Anderssein, und doch war's ein Abgrund, der zwischen uns klaffte. Und Kassandrastimmen raunten aus seinem Dunkel!

REMIGIUS. Davon hast du mir nie gesprochen!

VATER immer leidenschaftlicher. Nein niemals, nie! Nicht einmal dir, meinem liebsten Freunde! Und weißt du warum, Remigius? – Weil ich feig war, feig und abergläubisch wie eine alte Sybille! Ich wollte meinen Gedanken nicht Fleisch und Blut machen, habe mich gefürchtet vor ihrer lebendigen Wahrheit! In die Wesenlosigkeit selbstquälerischer Träume wollte ich sie niederhalten! Aber sie waren stärker als ich; hinter ihnen stand die Wirklichkeit mit dem furchtbarsten ihrer Gesetze: Ursach' und Wirkung! Und unaufhaltsam vollzog sich das Unaufhaltsame!

REMIGIUS. So wußtest du, daß es so kommen würde?

VATER fast aufschreiend. Ich wußte es, Remigius! – Freilich das Wie des Vollzuges, das konnt' ich nicht vorwissen. Aber daß da ein Mensch war, nicht kalt und nicht warm, nicht hart und nicht geschmeidig – dies stand mir fest vom ersten Stammeln seiner Wünsche an. Mit wund-gesenkter Stimme. Wie er heute da drinnen liegt, – daß er mit einer Kinderpistole.. Die Stimme versagt ihm. dieser Tod, Remigius, ist nur eine Zufallsmaske der Notwendigkeit. Sein Leben wäre vielleicht fragwürdiger geworden als dieses kindisch-trotzige Sterben, dies unbedachte, armselige Die-Tür-Zuschlagen vor Kampf und Entscheidung. – Mit schmerzvoller Liebe. Darum wollte ich ihn ja führen, ich! Ich, der sein Gesundes wußte und sein Brüchiges, seine Federkraft und seine toten Punkte! Meinetwegen hätte er sich hinabstürzen mögen in die Zwielichtschichten der Menschheit! Hochmut der Klasse war nicht mein Widerrat! Aber ohne Vorbehalt hätt' er es wagen müssen, ohne sich vorher gegen Gefahr zu versichern! Glauben können hätte ich müssen, daß seine noch so entwürdigten Hände die Sonne zu sich herunterreißen würden, wenn sie nicht Miene machte, ihn zu sich emporzuziehen auf golden herabgelassenen Tauen! Der Mensch aber war er nicht! ...

REMIGIUS. Du warst ein solcher!

VATER. O, lassen wir das, Remigius! In mir ist gar manches Dunkel! – Aber an ihm wollt' ich es sühnen, gutmachen! Nur eines weiß ich: als wenn es Gottes Ratschluß gewesen wäre, einen Vater zu schaffen, einen wirklichen Weiser an den Kreuzwegen eines jungen irrenden Menschensohns, so hat er mein Maß gerüttelt, meinen Teig geknetet, mich auf Gipfel geführt und versucht in der Wüste! ... Und jetzt ist das alles – sinnlos geworden! Anima vaga – die Seele, das Leben ein Knabenkreisel, der plump in die Ecke kollert, wenn seine Drehkraft erschöpft ist ... Ich habe – habe ein Kind gehabt, aber, Remigius, es – lebt nicht mehr ...

REMIGIUS behutsam, weh. Hattest du es denn, da es lebte?

VATER mit neuem Ansturm der Leidenschaft. Hatte es, soweit es mir glich! Hatte es, hatte es, weil es lebte! Da war noch nicht alles verloren! Ich hätte die Eulennester schon noch ausgemerzt aus dem Morschen seines Stammes! Hätte es schon noch niedergerungen das Fragwürdige in ihm! Durch meiner Liebe Fron! Niedergezwungen das – andere, das Fremde in seinem Blute! Es waren ja so viele nach ihm aus!!

REMIGIUS mit gespanntem Grauen. Wer waren diese vielen?

VATER mit schaudernder Heimlichkeit. Eine! Durch sie Unzählige und diese Zahllosen in – einem!

REMIGIUS geschüttelt. Ich verstehe dich nicht, Vinzenz! Du fieberst!

VATER immer fieberhaft-gesteigerter. Eine! Aber diese eine war – Legion! Ahnenreihen kauerten hinter ihr. Gesichter, Remigius, Gesichter! Und sein Antlitz schillerte von diesen vielen vergangenen Gesichtern! Es waren keine guten Gesichter, Remigius! Fratzen von Krämern! Feixende Visagen von Lakaien, Trinkgeldnehmern und Prozentemachern! Gesichter, Gesichter! Stumpfe Masken von Wirtshausbrüdern, Kegelschiebern und Tarockspielern! Pfiffige Grimassen von Kreaturen, die so können und anders, die Wasser in ihren Wein gießen, die lauer essen, als es gekocht ist! Gesichter, Gesichter! Remigius, Gesichter! Über die Schultern schielten sie ihm, in seinen Mundwinkeln grinsten sie, aus seinen Augenecken zwinkerten sie! Und sie hatten Ohren, die für mich taub waren, hatten Blicke, die mir mißtrauten, Münder, die das Lästern verbissen über mein Heiligstes! Ich hatte keine Macht über sie! Sie waren stärker als ich, als er! Äfften mich und ihn! O wie haßte ich diese Gesichter, und wie haßten diese Gesichter mich! In plötzlich haßvoller Empörung. Wer war der Mensch, der meinen Namen trug wie einen Hut, durch Zufall gefunden?! Und meiner Seele durfte er ein Zerrbild sein!!

REMIGIUS außer sich. Dem Fürchterlichen antwortet Gott fürchterlich!

VATER in wilder Lästerung empor. Es gibt keinen Gott. Wäre er gerecht, warum dies mir, gerade mir?! Wäre er gütig, warum bringt er Knaben zur Strecke?! Denn – diese Gesichter, Remigius, die hatten Sinne, die gierig einschlürften, was mir nach Fäulnis stank! Hatten Organe, die Gift ansogen und ausschieden in die Keimzellen seines Lebens! Und wenn mein Blut in ihm einen Anlauf nahm, die Gesichter aus seinem anderen Blute lachten des Hohn! Und war er am Wählen, sie raunten ihm Zweifel ein! Und war er am Glühen, aus ihnen schoß ihm Eiseskälte ins Herz! Sie bogen seinen Edelwuchs, nagten an seinen Wurzeln, höhlten ihn, morschten ihn, stürzten ihn, daß er da drinnen liegt wie eine gebrochene Binse, wie eine taube Ähre, wie – wie – wie ...! Sammelt sich zu etwas Furchtbarem.

REMIGIUS mit abwehrend-beschwörender Geste. Laß es beruhen, Vinzenz! Wühl nicht darinnen!

VATER unbeirrt, ihn übertönend. Und diese Gesichter, Remigius, sie suchten Verbündete, Spießgesellen, Helfershelfer außer seinem Blute, überall, gegen mich! Wo immer mein Widerpart in einer Kreatur Fleisch geworden, sie fingen sein Antlitz auf wie in einem Spiegel und hielten es mir entgegen wie das Haupt der Medusa! Und ich – ich konnte es nicht abhauen, sonst traf ich mein Kind!! – Wild, knirschend, heiser vor Haß, auf Remigius zu und ihn anpackend. Hast du den Studenten gekannt, den hinausgeworfenen, gefallenen, den Sudelschreiber, den Zuhälter, Findelbalg, das entgleiste Genie?! Ihn, dem er nachlief, bis in die letzte Stunde! Dem er uns alle opferte, dem sein einziger Abschied galt, der einzige Brief!! Mit den Zähnen hätte ich die Hülle wegreißen mögen, mit den Zähnen die Hülle von diesem letzten Geheimnis meines Kindes! Und tat es nicht! Stellte ihn dem Mörder zu! In furchtbar qualvoll-rasender Abwehr. Denn er war der Mörder, nicht ich! Nicht ich! Er gab ihm den Todesstoß, nicht ich! Wer sagt, daß es anders gewesen?! Sein Gesicht war es, das er zuletzt trug! Nicht meines! Das hätte sich nicht in den Staub gewühlt, zerfetzt von einem Bleistück! Das hätte sein Blut nicht verschüttet wie trübes Spülicht! Sein Gesicht war es, nicht meines! Willst du die hämische, hündische, schadenfroh blinzende Fratze sehn im wächsernen Antlitz meines Kindes?! Komm mit mir, Remigius, komm mit! Er drängt Remigius mit sich zum Vorhang.

REMIGIUS sich ihm in den Weg stellend. Laß die Toten ruhen, Vinzenz! Laß die Toten ruhen!

VATER im Paroxysmus. Sie ruhen nicht! Sie leben! Nur ich bin gestorben! Nur mein Antlitz ist weggewischt vom Antlitz meines Kindes! Doch die anderen Gesichter, die toten, gewesenen, leben, leben! Zusammengeballt und -geklittert zu einer einzigen grinsenden, feixenden, zwinkernden, giftigen Fratze, des anderen Fratze! Willst du sie sehen, Remigius, willst du sie sehen?!

REMIGIUS mit ihm ringend. Wahnsinn, Vinzenz!

VATER sich losreißend, die Hände emporwerfend. Es soll Wahnsinn sein! Herr Gott im Himmel, laß es Wahnsinn sein! Ein Wunder! Ein Wunder! Wische sie weg die anderen Gesichter! Wische sie weg! Gib ihm endlich das meine!! Auf den Vorhang zustürzend.

REMIGIUS mit letztem Versuch, sich ihm in den Weg zu stellen. Ich lasse dich nicht, Vinzenz! So geht man nicht zu Toten!

VATER ihn beiseiteschiebend. Weg frei dem Vater zu seinem Kinde! Reißt den Vorhang auseinander, taumelt zurück. Gespenster, Remigius, Gespenster! – Aufschreiend. Rabanser! Windstöße fegen durchs Zimmer, die Papiere auf dem Schreibtisch fliegen auf, die Lampe verlischt. Der Vater ist zurücktaumelnd bis in den Vordergrund rechts gelangt und steht nun wie zum Sprung geduckt, die Augen auf das Bild des Hintergrundes gerichtet. Seine Glieder beben in furchtbarer Erregung.

REMIGIUS ist nach links zu gegen den Schreibtisch zurückgewichen, den Blick gleichfalls auf den Hintergrund gerichtet.

 

Jenseits des nun weit offenen Vorhanges ist ein schwarzausgeschlagenes weites Gemach sichtbar geworden, dessen Hintergrund, fast der ganzen Breite nach, von einem rechteckig umgrenzten Ausblick in das ziehende Gewölke des

bläulich-bleiernen Gewitterhimmels eingenommen wird. Scharf und dunkel gegen diesen Himmel steht in der Mitte des Gemaches auf einem Podest, zu dem ringsum zwei Stufen emporführen, der Katafalk mit Huberts Leiche, zu Häupten des Toten flankiert von je einem hohen zweiarmigen Leuchter, dessen rote Flammen im Zugwinde heftig flackern und schwelen. Duft von brennendem Wachs und Weihrauch verbreitet sich. Am Himmel Wetterleuchten und ganz ferner Donner.

Auf dem Podeste links, mit gesenktem Haupt, den Blick auf das Antlitz des Verstorbenen gerichtet, bleich, versunken Rabanser in seiner gewöhnlichen Tracht, den Mantel um die Schultern, den Hut in der Hand. Durch den Ausruf seines Namens aufgestört, wendet er nun den Blick vom Toten ab, sendet ihn suchend in den Vordergrund der Bühne, und gewahrt den Vater. Über sein Gesicht geht eine jähe Bewegung, sein ganzer Körper strafft sich, verharrt einige Augenblicke so und nimmt dann die ihm eigentümliche lässige Haltung an, in der er langsam vom Podest heruntersteigt, mit ein paar Schritten in den Rahmen des Vorhangbogens tritt und daselbst stehenbleibt. Sein Blick richtet sich nun fest und erwartend auf den Vater.

 

RABANSER nach einer Pause, mit klarer, kalter Stimme. Sie haben mich gerufen; hier bin ich –

VATER wie einem Gespenst gegenüber, zwischen Haß und Grauen. Wer sind Sie?

RABANSER. Ich heiße Rabanser! Das wissen Sie so gut wie ich.

VATER an sich haltend. Richtig! – Nun ist Ihr Werk vollbracht!

RABANSER bedeutungsvoll, stark. Das meine?

VATER sich zwingend. Rechten wir nicht darüber! Feilschen wir nicht um den Anteil an dieser Schuld!

RABANSER überlegen. Ich feilsche nicht! Lasse sie Ihnen ganz und gerne.

VATER auffahrend, dann mit grimmiger Demut. Gut, gut, gut! Ich löcke nicht wider den Stachel, mucke nicht gegen die Peitsche! Sie haben mich ja an der Kandare!

RABANSER. Nicht daß ich wüßte!

VATER. Doch, doch! Sie halten ja einen Schatz in Händen, um den ich bitten muß, demütig betteln bei einem –

RABANSER scharf, schneidend. Auswürfling!

VATER hohnvoll, aber gebändigt. Gott behüte! Eher zerbiss' ich die Zunge, als daß ich dergleichen auch nur dächte! Ich muß mich ja mit Ihnen verhalten, und wenn ich ersticke!

RABANSER. Was wollen Sie!

VATER mit unterdrücktem Flehen. Den letzten Brief meines Kindes!

RABANSER hart. Der ihn schrieb, hat mich dazu nicht beauftragt.

VATER wieder aufflammend und sich beherrschend. Sie nehmen letztwillige Verfügungen genau! Ich – achte Sie darob. Ich habe Sie – immer geachtet! – Freilich, daß Sie Ihr Mütchen kühlen an einem, der auf der Erde liegt –! Aber nein, nein, nein! Ich wünsche mich bei Ihnen nicht unbeliebt zu machen! Es entglitt mir nur so. Wieder fast demütig. Geben Sie mir den Brief.

RABANSER ungerührt. Noch ist es nicht an der Zeit.

VATER. Noch nicht? Noch immer nicht? – Sie haben das Herz eines –! Sich wieder demütig machend. Verzeihen Sie! Ich hatte nicht die Absicht, Sie zu beleidigen! Genügt Ihnen das? Nur sagen Sie, bitte, was stand in dem Brief? Sind Anklagen in ihm?

RABANSER. Wenn, der ihn schrieb, anzuklagen fähig gewesen wäre, er läge nicht auf der Bahre.

VATER immer unbeherrschter. Bündig gesprochen, junger Herr, knapp, logisch und unwidersprechbar. Er läge nicht auf der Bahre! Er nicht! Ein anderer vielleicht, das wollten Sie doch bedeuten?

RABANSER. Der Kampf, den wir kämpfen, fordert nicht Tod und Blut!

VATER höhnisch. Nicht Tod und Blut! Das doch nicht! Sehr gütig. Aber immerhin! Kampf! Von wem gegen wen?! War auch mein Sohn bei den Kämpfern?

RABANSER. Nein! Er hörte nicht die Stimmen der Ungeborenen. Er warf die Waffen weg, ehe er antrat.

VATER. Da haben Sie wohl recht! Die Stimmen der Ungeborenen hörte er nicht! Darin glich er mir wie ein Ei den andern! Er war überhaupt ein wenig altmodisch, nicht ganz auf der Höhe, kaum so recht lebensfähig! Sie nannten sich seinen Freund und haben ihn nicht sonderlich geachtet!

RABANSER stark, mit Betonung. Ich baute nicht Türme auf seine Schultern und verfluchte ihn nicht, wenn sie stürzten!

VATER immer ingrimmiger. Ein gutes Wort, ein wahrhaft begnadetes Bild! Auf Alpha und Beta folgt Gamma! Kühl wie Eisblumen! Der Aphorismus eines Henkers! Allein – was war Ihnen dieser Mensch!? Aber die Liebe – nach meinem bescheidenen Dünken – die Liebe will bauen, will bilden nach ihrem Ebenbild! – Schlacken, junger Herr, Schlacken eines törichten Herzens! Immer gewaltiger. Liebe ist Willen zum Ich! – Verjährter, tyrannischer Wahn! Ich gebe es zu, ärgern Sie sich nicht daran! – Besonders wir Alten sind einmal so, wir Väter! Wollen uns fortsetzen in Fleisch und Blut! In Seele und Geist! Haben gequadert ein Leben lang, daß unser Sinn nicht Unsinn werde! Wollen Bestand, Veredlung, Erben!

RABANSER. Sklaven!

VATER stark. Sogar das! Wenn es nicht anders geht! Sogar Sklaven! Alle Liebe ist Tyrannei! Aller Bestand ist Tyrannei! Er knechtet die Zeit! Die Jugend johlt: In tyrannos! Aber wir beugen sie!! RABANSER. Nur die Armseligen! Die Edlen gehen lieber zugrunde, wenn sie nicht hart genug!

VATER immer hemmungsloser. Nur die Irregeleiteten gehen zugrunde!

RABANSER mit Gestus gegen den Toten hin. Und jener?! Wer hat ihn irregeleitet?

VATER voll Haß. Sie! Wer andrer als Sie?!

RABANSER stark, mit überlegener Ironie. Delirium des schuldigen Bewußtseins!

VATER entfesselt. Sie, der Holzwurm in seinem Gebälk! Sie, die Stimme alles Fauligen in seinem Blut! Ihr verkommenes Beispiel der Lockvogel auf die Kehrichtseite des Daseins! Sein Leben ein Kunstwerk, vorgedacht von meinem Herzen! Sie haben die Luft ihm verpestet, in der er gedeihen gesollt! Sie mit dem Afterwitz einer Kreatur, so die Welt von unten her anschaut und nicht von oben!

RABANSER mit erhobener Stimme, stählern. Was heißen Sie unten und oben! Ist wirklich, wo Sie sind, oben? Ist es so herrlich dort oben, wo Sie sind?! War nicht einer, der lieber Würmer in seinen Mund nahm, als dort zu fristen, wo Sie von ›oben‹ prahlen? Ist Gottes Erde ein Zinshaus, in dem die Bewohner nach dem Stockwerk gelten? Jener hätte lieber in Kellern gehaust und schimmeliges Brot gegessen als Pfauenzungen am Zwietrachttisch seiner Eltern!

Während der letzten Antwort Rabansers hat sich ferner Gesang, ein Chor von Knaben und Jünglingen, verdeutlicht und verstärkt. Nun scheint er, wenn auch noch immer gedämpft, dem Himmelausschnitt im Hintergrunde der Szene zu entströmen. Andere Knaben und Jünglinge in dunkler Kleidung kommen jetzt einzeln und in zwanglosen Reihen in das dunkel ausgeschlagene Gemach. Einige legen Blumen am Sarge nieder. Der Raum füllt sich während des Folgenden allmählich ganz mit solchen jungen schweigenden und trauernden Gestalten, die den Katafalk umgeben und zum Toten emporblicken. Dem Gesang der Knaben und Jünglinge hinter der Szene, einer schwermütig-feierlichen Melodie, liegt der folgende Text zugrunde.

 

Homo natus de muliere, brevi vivens tempore, repletur multis miseriis.

Qui quasi flos egreditur et conteritur, et fugat velut umbra, et nunquam in eodem statu permanet.

Constituisti terminos eius, qui praeteriri non poterunt.

Recede paululum ab eo, ut quiescat, donec optata veniat, sicut mercenarii, dies eius.

Hiob 14.

 

VATER unmittelbar auf Rabansers letzte Worte, aufschreiend, getroffen. Lüge! Lüge! Es muß Lüge sein! Ich will, daß es Lüge ist!!

RABANSER mit heller, mächtiger Stimme. Die Wahrheit! Steigen Sie endlich herab, alter Mann, vom Kothurn Ihres Oben! Herunter vom Schaukelpferd Ihres grausamen Ichwahns! Wie ein Unhold haben Sie gehaust in der Seele dieses Kindes!

REMIGIUS mit erhobener Stimme. Vinzenz!

VATER mit verzweifelter Überredung. Hör nicht auf ihn, Remigius, hör nicht auf ihn! Zur Stimme der Wahrheit will er sich erdreisten, das Niemandskind, und redet nur Schellengeklingel!

RABANSER immer gesteigerter. Wer sind Sie, daß Sie nicht das Knie zu beugen brauchten vor dem neuen Menschen?!

REMIGIUS hochaufgerichtet. Vinzenz!

VATER. Hör nicht auf ihn, Remigius, hör nicht auf ihn! Zur Stimme des Gewissens will er sich erdrei sten und schüttet nur Bitterkeit aus wie ein unreifer Knabe!

RABANSER. Wer sind Sie, daß Sie einen Abklatsch fordern dürften von Ihnen als Urbild?!

REMIGIUS. Vinzenz!! Er verliert sich nach links.

VATER. Hör nicht auf ihn, Remigius, hör nicht auf ihn! Zur Stimme der Toten will er sich erdreisten und hat noch kein Leben gemacht!

 

Die Mutter ist indessen, auf Rosl gestützt, durch die Tür links vorne eingetreten und steht in Starrheit und Abwesenheit des Schmerzes wie eine Somnambule. Beide Frauen sind in schwarzen Gewändern.

 

RABANSER der Huberts Brief aus der Tasche genommen und entfaltet hat. Die Toten bedürfen nicht meiner Stimme! Ihre erzenen Zungen läuten aus Gräbern!

VATER aufschreiend. Der Brief, Remigius, der Brief!

RABANSER mit erhobener Stimme, lesend und den Gesang, der immer mehr an Kraft zugenommen, übertönend. »O, wäre ich nie emporgetaucht an das Licht, das die Menschen beseligt! Mir war es kein süßes Licht! Die, deren Kind ich bin, haben mein Werden nicht gewollt! Ein Stolpern bin ich ihrer Lust, mehr nicht. Und als ich nicht mehr zu vermeiden war, sahen sie aneinander vorüber. Mein Leben war zwischen Fluch und Fluch! Was in mir des einen war, haßte der andre. So trete ich aus das giftige Unkraut, und den Frieden oder die Wahrheit vielleicht gebe ich Vater und Mutter.«

 

Die Mutter ist aufschluchzend in den Stuhl am Schreibtisch gesunken, verbirgt ihr Gesicht in den Händen und verwächst mit Rosl, die zu ihren Füßen kniet, zu einem einzigen Dunklen.

 

VATER gefoltert. Das schrieb – das schrieb mein Kind!! Plötzlich rasend. Ich bin nicht schuldig! Auf die Mutter weisend. Sie ist schuldig, das Weib ist schuldig! Mehr schuldig als ich!

RABANSER überwältigend. Schuldig von Anbeginn nur der Mann! Das Weib immer nur Werkzeug! Der das Kreuz hub auf seine Schultern, ein Mann! Die er tilgte, die Sünden von Männern!

VATER außer sich. Ich bin Ihnen nicht rechenschaftpflichtig! Wer gibt Ihnen Fug und Gewalt zu richten?!

RABANSER über ihn hinweg. Nicht Richter ich, nicht Richter an Ihnen! Sie sind gerichtet! Nur die Stimme bin ich von Millionen Hingestorbener am Frevel der Zeugung! Und die Rufe der Ungeborenen wachsen aus mir zum Donner!

VATER. Geklapper, das ich nicht fürchte!

RABANSER. Vielleicht doch! Mächtig, schneidend. Wer hieß Sie die Mutter verachten in ihrem Kinde?! Wer hieß Sie das Weib, das Sie verachtet, zur Mutter machen?!

VATER getroffen, stammelnd. Dunst der Sinne, der ihre Seele mir deckte, nur die blanke Hüfte mir freigab!

RABANSER über Raum und Zeit. Sinne?! Sprecht ihr noch von Sinnen?! Längst der heilige Strom eurer Lenden zum knechtischen Rinnsal geworden, das eurer trüben Geschäfte Mühlen euch treibt! Längst der Weiser aus eurem Blut zur Rute geworden, die sicherer Gold als Quellen der Lust aufspürt! Im weiten Umkreis der Schöpfung nur ihr so entartet, Weiber zu trächtigen, derer ihr nicht begehrt! Und es geht doch um Menschen! Wundert es euch, wenn Gottes Ebenbild verpfuscht ist in ihnen? Wenn ihr sie belauert und sie euch vermeiden lernen?!

VATER geschüttelt. Posaunen! Ich höre Posaunen, Remigius! – In jähem Erschaudern. Ist denn niemand bei mir mehr, niemand? Er läßt sich schwer am Tische rechts nieder.

REMIGIUS schmerzvoll, wie ein Echo aus dem Dunklen. Niemand!

 

Es ist seit Beginn der Szene, seit dem Verlöschen der Lampe immer düsterer geworden auf der

Vorderbühne. Nur von links durchs Fenster scheint noch stumpf-geisterhaftes Tageslicht herein, das auch immer mehr versiegt. Die Gestalten: Remigius, die Mutter, Rosl gehen immer mehr in Dunkelheit auf. Nur Rabansers Gestalt steht deutlich-schattenhaft unter dem Bogen hochaufgerichtet. Der Gesang hinter der Szene ist ganz leise geworden, ferne Glockentöne werden hörbar.

 

RABANSER CHORAGETES magna cum miseratione.

Wer darf solchen Herzens

Einen Menschen aufwecken

Aus dem Schlummer des Nichtseins?

Schläft er nicht in süßester Dämmernis

Angstverschont, notgefeit, wunschlos?

Schläft er nicht

Keimgeborgen, erdeneins, gotteins?

Hörtet ihr seine Stimme

Jemals rufen nach euerem Leben?

Ihr ruft ihn, nicht er euch!

Und ist er dann da, ans Licht gezwungen,

Ist nicht sein erster Laut Schrei?

Blendung das erste Gefühl seiner Augen?

Hunger das erste Wissen von seinem Ich?!

Menschenanfang ist Leidbeginn!

Lebensbeginn ist Sterbens Anfang!

Wer ist so ruchlos,

Einen Menschen zu wecken

Aus dem Schlummer des Nichtseins?

Wer, der nicht tausendmal ihn vorher

Gezeugt hat aus seiner Liebe Sehnsucht?

CHORUS PUERORUM voces dolorosae.

Ach, wie bald war die Wonne vorüber,

Da sie noch lächelnd kamen zu unseren Bettchen,

Da wir uns schmiegten mit jedem kleinen

Schmerzchen an ihre geneigten Wangen!

Selbst das Weinen war Jubel

Und köstlich: Bekennen!

Aber süßeste Tröstung:

Zärtliches Dämmern in ihren verzeihenden Augen

Und der Stimme, die strafte, erneuertes Blühn!

PATER CONFESSOR vox poenitentiae e tenebris.

O, wie ein Zicklein war er,

Da er, ein Kind noch, sprang über Wiesen,

Und im goldenen Flaum seines Scheitels

Koste die Sonne.

Warum war ich der Hirte nicht, liebreich ihn weidend?

Warum kniete ich nicht

Vor dem Wunder der neuen Seele?!

Evanescit.

CHORUS ADOLESCENTIUM voces acerbae.

Und immer wieder pocht gläubige Kinderhand

An die Herzen, aus denen sie Blut empfing,

Und nirgends, nirgends wird zögernder aufgetan!

Die Dienstmagd, die unser gewartet,

Vertrauter aus fremdestem Blut,

Gespielin des Zufalls, Geliebte des Zufalls selbst

Weiß mehr um die heimlichen Wünsche

Unsrer Gebete denn jene,

So uns beten gelehrt!

RABANSER CHORAGETES ekstatice.

O, daß dies anders würde,

Ihr jungen Menschen!

Daß doch ein Tag euch erglühte

Im purpurnen Aufgang der Zeiten,

Daß er doch käme

Auf goldener Adler Fittich gebraust!

Und ihr trätet, ihr Kinder,

Trätet vor euere Eltern,

Fragtet: Wie war es,

Da ihr einander freitet?

Stiegt ihr geheiligten Sinnes

Ins menschenzeugende Bette?

Und es lächelten jene

Holdester Zwiesprach' euch zu:

 

Cum choro adolescentium.

 

Schön sind deine Mutter-Augen, Kind!

In Frühlingsnächten

Sah ich sie selig vergehn am Hauch meiner Küsse!

 

Cum choro puerorum.

 

Schön ist deine Vater-Stirne, Kind!

In Kummernächten

Kühlten sie meine Hände von Sorgens fiebernder Qual!

 

Cum choro adolescentium.

 

Schön ist deine Mutter-Demut, Kind,

Ihr dienendes Feuer

Weihte dem Müden zum Feste alltäglichstes Mahl!

 

Cum choro puerorum.

 

Schön ist deine Vater-Stärke, Kind!

Und führte das Steuer

Unserem Schifflein durch Wogen und Wetterstrahl!

 

Cum choro puerorum atque adolescentium.

 

Schön bist du, Kind, ureinigen Willens Vermächtnis,

Unseres Daseins zeugend-gezeugtes Gedächtnis,

Liebendes Sinnbild liebend glücklichster Wahl!

 

Solo cum sono tubarum.

 

Oder wär' es nur Würfelspiel

Auf gerad oder ungerad,

Männersamen zu geuden in Weiberschoße?!

 

Coelum erubescit.

 

CHORUS PUERORUM ET ADOLESCENTIUM deinde quasi Eumenidum.

O, wie sät man uns wahllos

Über die Erde hin!

O, wie mäht man uns zahllos

Kalter Gebärde hin!

Ob es Gesetze gilt,

Die wir nicht beschlossen,

Ob es Schätze gilt,

Die wir nicht genossen!

 

Nacktgeborene wir,

Was sind wir? Nur Sternes Bürger!

Wortlosgeborene wir,

Was gilt's uns, in welchen Lauten

Wir Brot aussprechen lernen oder Gott?

Leibes Hunger, der Seele Hunger

Weiß Erde und Himmel nur!

Aber Grenzen sind da, von Vätern gesetzte!

Aber Zungen sind da, von Vätern verhetzte!

Und die Welt loht auf in Glut!

Blut

Lechzt die entfriedete Scholle, Blut!

Unser Blut!

Weh! Weh! Weh!

 

Aus Millionen Wunden träuft es uns!

Furchtbar entbunden verläuft es uns!

Ach die Sonne ersäuft es uns!

Weh! Weh! Weh!

 

O, die sich nimmer uns beugen,

Brennende Quellen zu stillen,

In Mutterhuld,

O, die den Menschen zeugen

Nicht um des Menschen Willen,

Ihrer die Schuld!!

Weh! Weh! Weh!

VOX PATRIS E TENEBRIS INFIMIS.

Posaunen! – Posaunen! – Posaunen!

VOCES APOKALYPTICAE DE COELIS CANTANTES campanis male sonantibus.

Dies irae, dies illa

Solvet saeclum in favilla,

Teste David cum Sybilla.

 

Finis

 

 

 

 

[Anmerkung]

Dem zu Beginn des Actus quintus in freier Weise verwendeten Zitate aus den Selbstbetrachtungen des Marc Aurel liegt ein griechischer und lateinischer Text des achtzehnten Jahrhunderts zugrunde. Bei der Übersetzung ins Deutsche diente in einzelnen Wendungen die Übersetzung von Otto Kiefer (Eugen Diederichs, Jena 1906) zum Vorbilde.