Anton Wildgans
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Der Burgtheaterdirektor

Der Burgtheaterdirektor

Eine ausführliche Beschreibung der Zeit der beiden Burgtheaterdirektionen erhalten in dem Buch "Anton Wildgans und das Burgtheater" von Lilly Wildgans

DER  BURGTHEATERDIREKTOR ANTON WILDGANS

Von Franz Hadriga

 

Die Rolle und der Stellenwert des Burgtheaters im gesamtösterreichischen, speziell natürlich im Wiener Kulturleben ist die einer Institution, die man als eine Art Herzensangelegenheit dieses Volkes ansehen könnte. Zumindest war es lange Zeit hindurch so.

Bis 1918 kaiserliches Hoftheater fand es auch in der Republik beachtliche öffentliche Anteilnahme. Die enormen finanziellen Leistungen des Staates für die beiden großen Bühnen, Oper und Burgtheater, das ja lange Zeit als das „deutsch­sprachige Nationaltheater" angesehen wurde, sind weitgehend von der Zu­stimmung des Volkes getragen. Die künstlerischen Leistungen, die man naturge­mäß erwartet, sind daher berechtigte Forderungen der breiten Öffentlichkeit und Gegenstand berechtigter und unberechtigter Kritik.

Gerade dafür machte man, und macht es immer noch, deren Leiter verantwort­lich. An das Amt des Burgtheaterdirektors werden daher andere Maßstäbe als an andere Theaterleiter gelegt.

Einer der interessantesten, umstrittensten und wohl auch bedeutendsten war Anton Wildgans. Seine persönliche, bereits aus der Jugendzeit stammende Liebe zum Burgtheater, sein Gerechtigkeitssinn, sein künstlerisches Verantwortungsbe­wußtsein, vor allem aber sein Idealismus, mit dem er Aufgabe und Funktion des Burgtheaters sah, bereiteten ihm in der Konfrontation mit den durchaus nicht idea­len Realitäten des Amtes ein Schicksal, an dem er zerbrach und menschlich schei­terte. Idealisten sind ja immer irgendwie gefährdet.

Die Idee des Burgtheaters lag für ihn auf einer hohen Ebene. Er sah darin „nicht nur eine Unterhaltungsstätte, sondern gleich den Universitäten eine Bildungsstätte ersten Ranges". Wie weit diese Auffassung heute noch aktuell ist, mag als Frage im Raum stehen.

Wildgans hatte sich um dieses Amt nicht beworben, er mußte mit einigem Nachdruck dazu gedrängt werden und entschloß sich nur im Hinblick auf die dama­lige Krisensituation des Theaters dazu. Er war der erste Burgtheaterdirektor der Republik und daher nicht mehr von der kaiserlichen Gnade, sondern vom politi­schen Wechselspiel der Parteien abhängig. Daß er keiner Partei angehörte, war zu­nächst, neben seinem Ruf als Dichter - er galt als einer der führenden Dramatiker Österreichs - für seine Berufung wesentlich. Gerade die Parteiunabhängigkeit wur­de aber beim später ausbrechenden Konflikt mit der Bürokratie sein Handikap. Er fand von keiner Seite Unterstützung. Woran er im Verlauf seiner eineinhalbjährigen Tätigkeit scheiterte, waren nicht die künstlerischen Leistungen - Wildgans war auf ein hohes Niveau und einen guten Ausgleich zwischen einem überkommenen und zeitgenössischen Repertoire bedacht und fand diesbezüglich auch Anerkennung, -sondern die mit diesem Amt verbundenen verwaltungstechnischen, wirtschaftli­chen, politischen Umstände. Die Gegensätze zwischen dem sozialdemokratischen und bürgerlichen Lager waren damals unüberbrückbar.

Ein heute noch bestehendes großes Verdienst der ersten Direktionszeit von Wildgans ist die Angliederung des Akademietheaters als zweite Bühne an das Burgtheater. Leider ist das vielfach schon aus dem Bewußtsein verschwunden.

Daß eine profilierte Person und Position auch Gegner auf den Plan ruft, musste

auch Wildgans erfahren. Zu den bekanntesten, deren zum Teil sarkastische und sogar bösartige, wenn auch durchaus nicht immer berechtigte Kritik, die bis heute noch nachwirkt, zählen Karl Kraus und Robert Musil.

Verbittert durch den Konflikt mit dem Vertreter der Staatstheaterverwaltung und außerdem durch Krankheit gehandikapt, reichte Wildgans seine Demission ein. Er betrachtete seine Bemühungen als gescheitert: „Ich fiel, weil ich meine Pflicht auch dann getan habe, wenn sie Mächtigen unbequem war." Die verschiedenen Ehrungen, der Hofratstitel, das Ehrenzeichen der Universität Wien, die Ehrenmit­gliedschaft der Akademie der bildenden Künste trösteten ihn kaum. In einem Ge­dicht aus dieser Zeit heißt es: „Mein Herz ist tot. Ich weiß nicht wann und wie es mir gestorben."

Die nachfolgenden Jahre waren nicht nur für den krisengeschüttelten Staat, sondern auch für Wildgans privat sehr schwierig. Gesundheitliche Probleme und die Folgen der Inflation hatten ihn hart getroffen. Die Anerkennung als einer der führenden Dichter Österreichs, die freundschaftlichen Kontakte mit den Literaten seiner Zeit, die Rang und Namen hatten, wie Schnitzler, Hofmannsthal, Mell, Werfel, Zweig, Csokor u. a. und die Verbreitung seiner Dichtungen auch in Deutschland kamen einer reichen dichterischen Produktion zustatten.

Die bedrängende wirtschaftliche Lage war schließlich zum Teil dafür maß­gebend, daß er in einer damals akut gewordenen Krise des Burgtheaters trotz Abratens vieler Freunde und eigener Bedenken sich entschloß, 1930 nochmals die Direktion des Burgtheaters zu übernehmen. Man hatte ihn von höchster politischer Seite dazu gedrängt. Trotz der üblen Erfahrungen der ersten Direktion meinte er, es seinem geliebten Burgtheater zu schulden.

Zunächst war die Direktionsarbeit sehr erfolgreich und fand Anerkennung. Aus dieser Zeit stammt die Realisierung einer für das Theaterleben wertvollen Ein­richtung, nämlich eines „Burgtheaterstudios" als Experimentiertheater vor allem für die jungen Mitglieder des Ensembles. Es bewährte sich lange Zeit.

Die Gegner des Anton Wildgans entwickelten Intrigen, die nicht nur von Per­sonen ausgingen, die das Amt anstrebten, sondern auch von politisch-weltan­schaulicher Seite her. Sie fanden nach einem Regierungswechsel beim neuen Unterrichtsminister Gehör.

Anläßlich der Feier zum 50. Geburtstag, die überdimensional verlief, trat die Gegnerschaft zwar etwas in den Hintergrund, sie brach aber bald darauf unverhüllt hervor. Sein Idealismus, „das Burgtheater wieder zu dem zu machen, was es ein­mal war, nämlich zu einer der führenden europäischen Kulturstätten", scheiterte vor allem an der wirtschaftlichen Depression. Es war die Zeit der großen Welt­wirtschaftskrise, und man dachte sogar an eine Umwandlung des Burgtheaters in ein Kino. Auch seine parteiendistanzierte Grundeinstellung und sein bedrohlicher Gesundheitszustand hinderten ihn an einer kämpferischen Gegenwehr. So fühlte er sich veranlaßt, mit dem 1. Jänner 1932 zu kündigen.

Er mußte seinen Einsatz für die „Idee" des Burgtheaters als gescheitert anse­hen. Viele bedauerten seinen Schritt und bewerteten die Vorgänge als ein großes Unrecht an dem Mann, dessen persönliche Integrität niemand bezweifelte. „Er ist

nicht über seine Fehler, sondern über seine Tugenden gefallen", hieß es in einer Pressestimme.

Die tiefe seelische Bedrückung wurde kaum durch einige großartige Erfolge „seines" Burgtheaters gemildert, wie etwa die vielbejubelte Premiere „Das Große Welttheater", die großartige Aufführung von Goethes „Torquato Tasso" zu dessen 100. Todestag in Weimar, und vor allem des „Faust", an dessen Inszenierung Wildgans wesentlich mitgearbeitet hatte.

Die Ernennung zum „Ehrenmitglied des Burgtheaters" als Dank des Ensembles bereitete ihm noch eine große Freude.

Wildgans hat in verschiedenen Abhandlungen und Artikeln seine „Idee" vom Burgtheater dargelegt. Mit einem gewissen Bedauern ist zur Kenntnis zu nehmen, wie wenig man in späteren Zeiten sich darum bemüht hat, zu klären, welche Funktion und Bedeutung es für das österreichische Kulturleben haben könnte und was der vielleicht idealistischeste Direktor darüber zu sagen hatte, etwa in seiner 1926 verfaßten Abhandlung mit dem Titel „Die geistige Sendung des Burgtheaters in der Republik"20 und in dem Artikel „Folgerungen aus Weimar".21

Wenige Monate nach seinem Ausscheiden starb Anton Wildgans. Das Burg­theater übernahm die Bestattungsfeierlichkeiten als letzten Dienst an dem Direk­tor, der diese Institution so sehr geliebt hatte.