Anton Wildgans
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Liste der Gedichte zeitlich geordnet

Gedichte von J - S

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Jahrmarkt

(Geschrieben 1902; Erstveröffentlichung in „Tiefer Blick“ 2002 von Evelyn A. Hahnenkamp – Anmerkung: Erste Fassung von „Harlekinade")

 

Kommt herein ihr edlen Herrn und Frauen!

Alles mögliche ist hier zu schauen. –

Eure Herzen könnt ihr hier erbauen.

 

Vor allem einmal in diesem Schreine

seht des heiligen Ixtus Gebeine -

sie sind ihm auf seinem irdischen Wallen

drei viermal zusammengefallen.

Man hat sie begraben und ausgegraben,

so dass wir sie jetzt viermal haben.

Zu sehen ist gleich daneben da

das Schweißtuch der Veronica.

 

Noch beklebt mit Blut und Haaren -

auch in mehreren Exemplaren.

Die Vorhaut Christi, die Milch seiner Mutter

und dann das wiedergegebene Futter

von jenem gebenedeiten Eselein,

auf dem der Herr ritt zur Stadt hinein -

indes es klang auf Straße und Buden -

Hosiannah - dem König der Juden.

Das letzte und beste - nun öffnet Augen und Ohren

das Hymen, das Jungfrau Maria verloren,

als sie auf ihrer Himmelfahrt,

zu sehr vom Winde gerüttelt ward.

 

Und wenn ihr das glaubt, so sollt ihr erfahren

einen Ablass von mindestens hundert Jahren.

Nun werft euer Scherflein in den Opferstock rein,

dann geht ihr sicher ins Himmelreich ein.

 

Hallo - hallo - mein leerer Teller

sperrt seinen hungrigen Rachen auf –

Hereinspaziert -! Nur zwanzig Heller –

Geboten wird genug vollauf –

Alles will ich euch sehen lassen,

Bocksprünge, bizarre Grimassen.

Ich spiele Verbrecher und Idioten

und imitiere das Schnarchen der Toten.

Alle Tierstimmen mögt ihr vernehmen.

Euch freuen an allen Phänomenen.

Nur lachen sollt ihr und euch ergötzen.

Halt da - was kümmern dich die Fetzen.

Was? - Ob ich da hinten noch ein Zimmer.

Ja - Und was das für ein elend Gewimmer.

Oh pardon - dass es euch stört,

ich hatte keine Ahnung, dass man das hört –

Sie glauben am Ende, das man sie quäle –

Wen, fragen Sie?

Ach, nur meine Seele.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Junge Bäuerin

(Geschrieben vor 1911; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Und hättet der Liebe nicht“ 1911)

 

In dir ist Adel – wenn dein Kleid auch rauh

Wie deine Hände, welche rüstig werken.

Du bist noch Mädchen aber fast schon Frau,

Denn deiner Hüften weitgefügter Bau

Läßt mütterliche Eignung ahnend merken.

 

Dein Auge ist wie Abend auf dem Teich,

Und über deiner Stirne glatte kühle

Wölbt sich der Haare blondes Schattenreich

Und senkt sich um den Nacken schwer und weich,

Daß er drin ruhe wie in seidnem Pfühle.

 

Und dies dein Mund: wie eine rote Frucht,

Hineingeschmiegt ins volle reiche Blühen,

Das aus der üppig-zarten Brüste Bucht

Am Hals sich auffrankt und die Sonne sucht,

Ihr perlentreibend, bräunendes Beglühen.

 

Was wir die Liebe preisen, ist ein Krampf,

Ein Wechselbalg aus trägem Blut und Nerven,

Ein Wahngebild im schwülen Kesseldampf

Arg überheizter Hirne, ist ein Kampf,

In den uns langgehemmte Triebe werfen.

 

Doch dir ist Liebe, was der blanke Pflug

Der jungen Erde ist in starken Händen.

Sie will es freudig, daß sein scharfer Bug

Auffurche sie dem Samen, tief genug.

Und heilig wie ein Herd sind deine Lenden,

 

Aus denen du wie liebes warmes Brot

Söhne gebären wirst mit sehnigen Leibern,

Die einst uns schirmen wider Feind und Tod,

Die Stein und Eisen werden in der Not

Und nicht zugrundegehen an den Weibern.

 

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Junges Volk

(Geschrieben Anfang 1923 in Graz-Rosenberg, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Gedichte um Pan“ 1928)

 

Sterne zittern schon in Zweigen,

Kleiner Bach blinkt abendlich

Windgedämpfte Wirtshausgeigen

Schmachten her mit süßem Strich

Zu der Bank umbuschten Schweigen.

 

Ferner Straße später Wagen

Rattert seine müde Fuhr´,

Aufgescheuchte Amseln schlagen,

Lauten zirpen hell in Dur,

jugendlich vorbeigetragen.

 

 

(Erste Version:

Sterne hängen schon in Zweigen,

und der Bach blinkt abendlich.

Windverwehte Wirtshausgeigen

schmachten her mit süßem Strich

auf des Weges dunkles Schweigen.

Straßenfern ein später Wagen

rattert seine müde Fuhr.

Aufgeregte Amseln schlagen.

Lauten zirpen hell in Dur,

jugendlich vorbeigetragen.)

 

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932            

 

 

Kammermusik

(Aus dem unvollendeten Zyklus „Sonett an meine Söhne – Geschrieben 13.11.1925, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Ich beichte und bekenne“ 1933 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans – Anmerkung von Lilly Wildgans: Ohne Musik wäre das Leben von Anton Wildgans undenkbar gewesen. Er war ein vorzüg­licher Geiger, dessen Hände selbst dem primitivsten Instru­ment eine Fülle des Wohllautes entlocken konnten. Unbe­schadet seiner Fähigkeit zur Improvisation, huldigte er aber auch mit Leidenschaft dem Quartettspiel am ersten Pult und führte seinen musikalisch hochbegabten älteren Sohn schon im zarten Knabenalter in diese reiche Welt ein. Die Stimmung des Gedichtes „Kammermusik" wurde bei uns daheim oft und oft erlebt)

 

Ein Wintersonntag, traute Abendneige,

Da kommen Freunde zur Musik ins Haus.

Schon packen sie die Instrumente aus,

Ich höre heut’ nur zu und träum’ und schweige.

 

Ans Fenster pocht gefrorenes Gezweige,

Im Ofen summt gedämpftes Sturmgebraus.

Nun wählen sie ein Stück von Mozart aus,

Mein Ältrer spielt statt mir die erste Geige.

 

Wie er die Geige nimmt, die Geige hält!

Seh’ ich mich selbst im Traum? Sind diese herben

Und klaren Töne nur von ihm beseelt?

 

Fühlt dies ein Kind? Kann man sich so vererben?

Da weiß ich tief: Musik bleibt in der Welt,

Musik aus meinem Blut! Und ruhig darf ich sterben.

 

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Kehraus

(Geschrieben Herbst 1907; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909; - Anmerkung von Lilly Wildgans: Während der gemeinsamen Spätherbstwochen des Jahres 1907 in Sulz erlebt)

 

In roter Lohe brennt der Wald

Vom Herbste, der ihn angezündet,

Und wo sich dunkle Kuppe ründet,

Steht Flamm an Flamme dicht geballt.

 

Die Wolken steigen auf wie Rauch

Von viel verstreuten Scheiterhaufen,

Und kalte harte Winde schnaufen

Die Feuer an mit scharfem Hauch.

 

Da sprühn von knarrendem Geäst

Die Blätter ab wie rote Funken

Und glimmen noch, wenn sie gesunken

Auf schwarze Erde, frostdurchnäßt.

 

Bis grau versank in Aschengraus,

Was Lieb’ und Laut und Licht gewesen –

Dann nimmt der Winter seinen Besen

Und kehrt den toten Tand hinaus.

 

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Kind der Liebe

(Geschrieben vor 1909; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909; - Anmerkung von Lilly Wildgans: Verzweiflung über die Stürme der Sinne)

 

Im Moderlicht der fahlen Nebelnacht

Hat meine Jugend nach dem Glück gehungert.

In Dirnenarm, in feiler Fäulnispracht

Hat meine Liebe ihre Kraft verlungert.

Mit Ekel habe ich mein Blut gepaart

Und meiner Seele Menschenstolz verloren,

Zu Bethlehem im Stamme Juda ward

Der Welten Heiland tot für mich geboren.

Bin doch gezeugt bei wildem Liebeslaut,

Bin doch kein Kind rauschlügender Gebärde!

Doch all mein Teil auf Gottes lichter Erde

Ist dieser Trieb, der mich mit Peitschen haut,

Bis meiner Träume leuchtendes Panier,

Ein toter weißer Falke, liegt im Sumpf,

Der Wille stirbt in lüsterne Begier –

Dann erst – dann endlich grinst das Tier Triumph! 

 

 

 

Anton Wildgans                   

1881 – 1932

 

 

Kinderaugen

(Geschrieben 1916, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Dreißig Gedichte“ 1916 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Immer wieder beschäftigte den Dich­ter dieser kindhafte, noch nicht sündig gewordene, sich in dem Blick der Augen spiegelnde Seelenbereich, der ja doch der Versuchung eines Tages preisgegeben sein wird und ihr sogar um der inneren Abhärtung willen wird erliegen müs­sen. Denn sonst wäre ja der Sieg der anderen, der Erfah­reneren, Brutaleren nicht zu vermeiden. Wie sehr er sich mit seinem Inhalt identifizierte, zeigt der Platz, den er ihm als Ausklang des Kapitels „Pötzleinsdorf" im Heimatbuch „Musik der Kindheit" anwies)

 

Kinderaugen, wie Seen rein,

Von lenzenden Ufern umschlossen,

Perlen, in die ein flüchtiger Schein

Himmlischen Leuchtens gegossen.

 

Kinderlippen, wie Blüten hold,

Heimlichem Reifen gesegnet,

Kindertränen, heiliges Gold,

Das auf Blumen regnet.

 

Kinderfragen, so hell und klug,

Süßer Torheit Geläute,

Nennt mir den Weisen, der weise genug,

Daß er sie alle deute!

 

Kinderwünsche, wie Segler im Meer,

Und Wunder an ihren Borden —

Kinder! Wie lange ist das her,

Und was sind wir geworden!

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Klimakterium

(Geschrieben 1917; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Mittag“ 1917; - Anmerkung: Im „Buch der Gedichte“ unter dem Titel „Einer Alternden“ aufgenommen)

 

Nimm Abschied, Weib! Söhne und Töchter wachsen

Heran dir, freien wollende. Jetzt ist

Für Augenspiel und männertolles Girren

Die Zeit nicht mehr. Was nützt es, in die Speichen,

Die unerbittlich-unaufhalsamen,

Zu greifen, wenn der Schläfen Haar schon graut,

Des Fleisches Formen haltlos überquellen

Und deine Hände, wissend um das Spiel

Verliebter Nächte, welker worden sind

Denn Laub nach Frost? Sei auf der Hut,

Daß nicht Verrat durch sie geschieht daran,

Was du geheim vielleicht noch sinnst im Blut!

Wenn einst vergor, was Blasen heute noch

Längst ungemäßer Wünsche treibt in dir,

Und wenn der Quell, der annoch flutende,

Deines Geschlechtes wird versickert sein,

In deinem Antlitz dann geschrieben stehn

Wird jedem deutbar, ob es Freude war

Oder nur Lust, wes du als Liebe pflagst.

Der Tierheit bar wird dann dein Menschliches

Am Lichte sein. Gewogen und gezählt

Wird es von deinen Kindern werden. So gib acht!

Noch darfst du wählen: Segen oder Fluch!

Zu leicht befunden! wär’ ein schlimmer Spruch.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Komm, die Dämm´rung sinkt hernieder . . .

(Geschrieben vor 1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

Komm, die Dämm'rung sinkt hernieder,

Graulich flackert's im Kamin —

Hörst du,, wie die alten Lieder

Flüsternd durch den Dämmer zieh'n?

Süsse Stunden, die erstarben,

Senden grüssend ihren Hauch,

Und in neubelebten Farben

Taucht manch hold' Ereignis auf:

All' die tausend Liebesworte,

Die die Sehnsucht uns gelehrt,

Zieh'n wie träumende Akkorde

Durch die Stille, kaum gehört ...

 

Komm, die Dämm'rung sinkt hernieder,

Leg' dein Köpfchen sacht und leis

An die Brust mir traulich wieder,

Und ich sag' dir, was ich weiss

Noch von all' dem, was entschwunden,

Ach so bald, genossen kaum —

Dass wir uns ersehnt, — gefunden,

War ja nur ein Frühlingstraum.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Komödie

(Geschrieben und übertragen aus dem Italienischen 1924, Erstveröffentlichung in „Sonette aus dem Italienischen“ 1924; Sonette von Giuseppe Parini Zucca, Italien)

 

Der Zettel kündet grell: Ein Stück zum Lachen!

Der Titel: Leben! Nur in einem Akt!

Personen: Hunde.  Und man lacht sich nackt,

Viel mehr, als die Plakate es versprachen.

 

Und auf der Bühne immer tollre Sachen!

Da stockt das Spiel! Und Aug' um Auge flackt,

Wie jäh von Abgrunds Schwindel angepackt.

Fiel's dem Souffleur ein, sich davon zu machen'

 

Nicht doch. Nur eine Alte tritt geräuschlos

Zum Saal herein.  Ein schwarzer Flor umwellt

Das Haupt, das haarlos, die Gestalt, die fleischlos.

 

Ich sah sie oft, von Dürer dargestellt.

Und schrill aus ihr bricht lachendes Gekreisch los!

Da schluchzt das ganze Haus. Der Vorhang fälllt.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Lastenstraße

(Geschrieben 1907; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909; - Anmerkung: Gemeint ist jene große Strasse in Wien, die hinter dem Rathaus verläuft)

 

Schwer hüllt des Sommertages schwüle Brunst

Die lange Straße ein in Staub und Dunst.

 

Keuchende Pferde stampfen schwergeschirrt,

Die Achsen ächzen und das Pflaster klirrt.

 

Träg ist der Trott, mit eingekrümmtem Rumpf

Kauern die Kutscher, und ihr Blick ist stumpf.

 

Weiß jeder doch von allem, was er führt,

Das ihm daraus kein kleinstes Stück gebührt:

 

Kein Ziegel für sein eigenes Gemach,

Kein Eisen und kein Balken für sein Dach;

 

Drum hocken sie, die Augen stumpf verglast,

Und führen willenlos die fremde Last.

 

Hurtig vorüber an den Wagenreihn

Ein Karren knarrt und holt sie alle ein.

 

Ein Kasten, schwarz bespannt, und obenauf

Verdorrt ein Bettelkranz am Deckelknauf.

 

So eilig? Ach, was stumm und eingesargt,

Ist leichte Ware auf des Lebens Markt.

 

Sie aber greifen fromm an ihren Hut,

Sinnend: Der hat’s vollbracht und dem ist gut.

 

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Le crepuscule du soir

(„Abenddämmerung“ nach Charles Baudelaire; Geschrieben 1909; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909)

 

Der Abend, des Verbrechens Spießgeselle,

Schleicht leis’ heran. Da schließt des Himmels Helle

Sich wie ein weites, dunkelndes Gelaß –

Jede Begierde wächt ins Übermaß.

 

Abend, du lieber – Trost der wackern Leute,

Denen zu sagen ziemt: Wir haben heute

Gearbeitet – du bist es ja, der segnet

Verzehrten Geist, dem wildes Weh’ begegnet,

Rastlose Stirn, die sdchwer von Denkens Wucht,

Gebeugten Mann, der müd sein Lager sucht.

 

Indes erwachen wie aus Schlafes Schwere

Verruchte Geister in der Atmosphäre,

Fenster und Dächer streift ihr Flügeldroh’n.

Beim windgescheuchten Flackern der Laternen

Wimmelt jetzt aus Spelunken und Tavernen

Ameisengleich die Prostitution.

Und findet Wege, wo sie niemand ahnt,

Dem Feinde gleich, der einen Handstreich plant,

 

Und wühlt im Rumpf der Stadt nach Kot und Resten,

Bandwürmern gleich, die sich im Menschen mästen.

Und hier und dort hört man die Küchen prasseln.

Von Bühnen kreischt es, die Orchester rasseln,

Indes sich zu den Spielern an den Tischen

Gauner und Dirnen als Komplizen mischen.

Die Diebe aber wollen auch nicht rasten,

Raffen das Geld aus leiserbrochnen Kasten,

Um es am andern Morgen zu versaufen

Und ihren Liebchen neuen Putz zu kaufen.

 

In solcher Stunde, meine Seele, löse

Und sammle dich vom störenden Getöse.

Jetzt ist es, wo die Kranken schlechter werden,

Das Dunkel drosselt sie, all ihr Beschwerden

Vollendet sich im selben finstern Schlund,

Ihr Stöhnen seufzt durch die Spitäler, und

So mancher wird mit seinen Lieben nimmer

Zu Abend essen im durchwärmten Zimmer.

 

Die meisten freilich haben nie gewußt,

Was leben heißt und eigenen Herdes Lust. 

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Leben und Liebe

(Geschrieben 22.10.1900; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

Ich sah das Leben auf der Schwelle,

Wie es zu scheiden sich besann

Und rückgespült von eigner Welle

Auf's neu' den alten Kampf begann.

 

Ein Abend kam mit dumpfem Bangen –

Die Liebe an der Schwelle stand –

Sie winkt' noch weinend mit der Hand

Dann aber ist sie still gegangen.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Legende

(Aus dem Alltag des Krieges, Geschrieben November 1914 als fünftes Flugblatt; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Österreichische Gedichte“ 1914 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Für einen Menschen von der Heimatverbundenheit Anton Wildgans' mußte der Ausbruch des Weltkrieges im Jahre 1914 die tiefsteingreifende Durchschütterung bedeuten. Ein Venen­leiden machte ihn zu jeglichem Frontdienst untauglich und daher außerstande, auf diese Weise sein Teil Hilfe für das Vaterland beizutragen; so nahm er seine Zuflucht zu jener Aus­drucksform, die ihm zu Gebote stand: zum Gedicht)

 

Wann war es doch? Der Wald, das Haus, der Stall.

der Auslaufbrunnen, der plätscherte in der Nacht.

Die Scheune von Moos und Stroh überdacht,

der Duft gespaltenen Holzes; und überall

auf den Hängen und Wiesen rings um das Haus

kamen die gelben und weißen Blumen heraus,

und Obstbaum an Obstbaum stand, und Wind war und Blütenfall.

 

Und dann auf einmal gab es in jeder Ortschaft Fahnen.

Was rüstig und jung war, wurde von ihnen eingeholt.

Und viele Greise waren plötzlich Veteranen

und trugen Federhüte und Litzen aus Gold.

Der Bürgermeister sprach mit Tränen im Blick,

bis zum nächsten Bahnhof begleitete die Musik,

und ein langer Lastzug kam tausendstimmig herangerollt.

 

Und wenn ich nimmer Wiederkehr

Zu Weib und Kind,

Gottes Güte ist wie das Meer,

Gottes Gnade ist wie der Wind,

treibt jedes Schifflein vor sich her,

bis dass es seinen Hafen findt.

Lebt wohl, Weib und Kind,

wir sehen uns nimmermehr!

 

Und dann im Waggon: Sechs Pferde oder vierzig Mann.

Tag und Nacht und immer wieder Tag und Nacht.

Und Frauen bringen Wasser und Kinder Blumen heran.

Und viele Felder, beladen mit güldener Frucht

Vaterland, Heimatland, noch immer lächelnd in aller Not.

Wo ist die Grenze, wann ist der Tod?

Vielleicht schon morgen: die Schlacht.

 

Und die Sonne ist ohne Mitleid, die Nächte sind furchtbar klar,

die Sterne zittern vor Frost am Firmament.

Die Füße marschieren, marschieren - jeder Tag ein Jahr -

der Gaumen ledern, die Zunge ein hölzerner Klöppel, der brennt.

Und jede Stunde wirft einen schwereren Stein

heimtückisch in den Tornister hinein.

Kein Feind und kein End!

 

Annemarie, mein braves Weib,

Deine Hände haben jetzt doppelt zu tun.

Und nachts musst allein in der Kammer ruhn,

und ist doch gesegnet dein treuer Leib.

Wer wird dir in deiner schweren Stund

über die Stirne streichen und küssen den bleichen Mund?

Annemarie, mein armes, gesegnetes Weib!

 

Doch da auf einmal: woher, woher?!

Zehntausend Peitschen über den trottenden Reihn.

Und nirgends ein Feind! Kein Rauch, kein Schein!

Die Hände fiebern am Schloss vom Gewehr.

Ein Gaul reißt aus. Rasch gedeckt und geduckt.

Aber die Hölle, die Hölle spuckt

ätzenden Abschaum von obenher.

 

Keine ehrlichen Kugeln! Nur Todesgeschmeiß:

Stechfliegen, Hornissen! Ein Gereiß und Gebeiß!

Ein langer Mensch wälzt sich und keucht wie ein Hund.

Schaumflocken stoßen aus seinem Mund,

seine verdrehten Augen sind zum Bersten weiß.

Und der Feldwebel übernimmt den Befehl.

Und reißt den Säbel empor und brüllt: Sturm!

 

Und irgendwo soll ein Friedhof sein und ein Turm:

Wer sieht ihn?! Aber - Gott, die befehle ich meine Seel! –

Laufschritt vorwärts! Nur Sturm, nur Sturm!

Wer wird im Frühling fuhren für euch den Pflug,

Weib und Kind?

Gott hat mich gefunden. Ich hab genug.

Mein Blut, mein Blut rinnt, rinnt.

Ein schwerer, großer, dunkler Strich

geht quer durch mich.

Lebt wohl, Weib und Kind!

 

Nachschrift:

Er hieß Hollerbeck oder Holubetz.

In der Verlustliste neun oder zehn

fand man ihn unter den Toten stehn.

Er hatte nicht viel mehr als sein Leben.

Das hat er gehorsam gegeben

für Eid und Gesetz.

Nicht einmal Gott hat ihn sterben gesehen.

 

(Die letzte Zeile wurde von Wildgans auf Drängen von Hugo von Hofmannsthal umgeschrieben in: „Nur Gott hat ihn sterben gesehn")

 

 

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Letzter Wille

(Geschrieben 11.2.1906; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909; - Anmerkung von Lilly Wildgans: Bald nach unserem Bekanntwerden schenkte ich Anton Wildgans ein Bild von mir. Auf dieses Bild wird in dem Gedicht hingewiesen)

 

Und wenn ich kalt bin, kleidet mich in Frack

Mit weißen Handschuhn und geknüpfter Binde,

Und zieht mir Schuhe an aus blankem Lack,

Daß ich als Mann von Welt und von Geschmack

Den parkettierten Weg zur Hölle finde.

 

Ich möchte nämlich nicht, daß drüben man

Sich hämisch denkt: Nun kommt er doch als Büßer –

Was ich getan, hab’ ich mir selbst getan,

Und lebte ich als Ludrian,

So will ich sterben nicht als Spießer.

 

Ferner verbiete ich, daß man ein Kreuz

In meine Hände lege und sie falte.

Dies wäre eine Fratze meinerseits –

Ich will ein Mädchenbild von keuschem Reiz,

Daß ich es fest am stummen Herzen halte.

 

Denn hab’ ich auch auf dieser Erde nie

Mit andern mich als Dirnen abgegeben,

Ich bin Bankrotteur der Phantasie,

und irgendwie

Muß es doch anders sein im andern Leben.

 

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Letzte Erkenntnis

(Geschrieben 24.5.1924, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Gedichte um Pan“ 1928 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Nur ein über alle Blendung durch Ehrgeiz und Erfolgbedürfnis Hinausgelangter, nur ein jenseits alles bloßen Scheines zu dem tieferen Wesen der Zu­sammenhänge Vorgedrungener vermochte ein Gedicht wie dieses zu schreiben. — Ich entsinne mich noch des Tages, an dem ich das Gedicht zum erstenmal von dem Dichter selbst vorgetragen hörte, an den Ausdruck seines Antlitzes, den Klang seiner Stimme. Damals konnte ich mich der Tränen nicht erwehren, so sehr überwältigte mich die Empfindung: „Wieviel muß dieser Mann gelitten haben!")

 

Willst du gleich die Früchte greifen?

Hast doch eben erst gesät!

Laß sie werden, laß sie reifen:

Früh ist Arbeit, Ernte spät.

 

Läßt kein Wachstum sich beschleunen,

Ihr Gesetz hat jede Saat,

Rüste Werkzeug, baue Scheunen

Für die Fechsung, für die Mahd!

 

Heimsen andre Pflüger eher,

Voll Geheimnis ist die Welt;

Sei kein Neider, sei kein Späher

Nach des Nachbarn Ackerfeld!

 

Glaubst du vor dem Schnitt zu sterben,

Sei nicht bange um die Frucht!

Kein Ertrag bleibt ohne Erben,

Keine Tat bleibt ungebucht

 

Wer im Werk den Lohn gefunden,

Ist vor Leid und Neid gefeit,

Denn er hat sich überwunden

Und kann warten und hat Zeit.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Letzte Instanz

(Geschrieben 20.3.1911; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Und hättet der Liebe nicht“ 1911; Anmerkung von Lilly Wildgans: Im Jahre 1911, vor Antritt seines einjährigen Urlaubs, von dem er nicht mehr zu Gericht zu­rückkehren sollte, war Anton Wildgans während einiger Monate dem von ihm sehr verehrten Präsidenten des Ober­landesgerichtes, Dr. Paul von Vittorelli, zugeteilt gewesen. Der junge Auskultant bekam von dieser Stellung aus Ein­blick in die von allen persönlichen Bindungen entkleidete allerletzte Phase eines Prozeßverfahrens)

 

In die Talare, die mit Hermelinen

Verbrämt sind, majestätisch eingehüllt,

Sitzen die greifen Sieben, während ihnen

Der eine aus dem Akt ein strenges Bild

Des Falles gibt, der längst sich abgespielt

Und irgendwo im weiten Reiche.

 

Gelärm und Leidenschaft des Streites schrillt

Nicht bis zu ihnen her – was Jagen war

Nach Sieg und Vorteil, schon ein Jahr

Vielleicht ist es gebannt,

Gefangen in Gehirne. Sichtender Verstand

Hat es geordnet, regelrecht durchdacht

Und mit der Klarheit manch durchwachter Nacht

Durchleuchtet.

 

Und nun, des wirren Beiwerks bloß und bar,

Ist es auf einmal nicht mehr ohnegleichen

Und trägt für ihren scharfen Blick die Zeichen

Dessen, was schon zu tausend Malen war.

 

Vielleicht, daß noch ein Nichts, ein Etwas bleibt,

Das diesen Fall von andern unterscheidet.

Allein, die Hand, die an dem Urteil schreibt,

Vermeidet,

Daran zu rühren, weil es nicht entscheidet.

 

Und ein Gerippe legt die Wage hin

Und nimmt das Schwert und macht sich selbst zum Boten

Des Spruches, welcher seinen Sinn

Schon längst verloren, und zerhaut den Knoten.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Leugner

(Geschrieben um 1911, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

Wann halfst du jemals den Gerechten, Gott?

Ihr Glück ist Zufall, ihr Triumph ist selten,

Sie sind in deiner besten aller Welten

Der Starken Spielball und der Schlechten Spott.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Liebesnacht

(Geschrieben 19.11.1909; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Und hättet der Liebe nicht“ 1911, später als „Triptychon der Liebe“ mit „Und dann war Sommer“ und „Herbst und Ende“ zusammengefasst)

 

Das war die Nacht, die aller Nächte Preis –

Erinnerst du dich noch an unser Zimmer?

Die kleine Gasse draußen lag so weiß

Und blank im maienkühlen Mondenschimmer,

Wie atmend bauschten sich und wogten leis

Die bleichen Stores, durchrieselt vom Geflimmer,

Und über Dächer kam in vollen Wogen

Blühender Gärten feuchter Duft gezogen.

 

Da waren wir zum erstenmal allein

In solchem Frühling und zu solcher Stunde.

In schlanken Kelchen schäumte kalter Wein,

Orangen bluteten aus kühler Wunde,

Die Kerzen gaben lieben blassen Schein,

Nur manchmal wehten Worte uns vom Munde,

Und wie sie tief in unsre Seelen sanken,

Erblühten sie zu südlich-reichen Ranken.

 

Und dann – ich weiß nicht mehr, wie alles kam,

Wie zögernd sich dein sanftes Blut erwehrte,

Als ich, die Rosen jäh erblühter Scham

Beseligt pflückend, höchste Gunst begehrte.

Ich weiß nur, daß ich alles Süße nahm:

Das gern Gegebene und kaum Gewährte,

Und daß wir dann in einen traumlostiefen,

Erlösten Schlummer Brust an Brust entschliefen.

 

O, nicht für lange! – Immer wieder trieb

Zu jähem Aufruhr uns erneutes Sehnen,

Und leise Frage: „Hast du mich denn lieb?“

Heischte Beweise, gab uns Lust und Tränen;

Und dann, wie Pferde unter heißem Hieb,

Griffen die Sinne aus in roten Mähnen,

Und da sie, unsern Willen schleifend, rannten,

Lechzten die Lippen und die Lider brannten.

 

Dann kam der Morgen, mählich, ungeglaubt,

Herbeigeschleppt von grauen Geisterhänden –

Der kleine Raum, der Dunkelheit beraubt,

Umwuchs uns kalt mit fremden Gegenständen.

Da standen unsre Worte wie entlaubt

Und ausgehöhlt von brünstigem Verschwenden,

Und unsre müden Sinne, wunden Nerven

Begannen, sich für Häßliches zu schärfen.

 

Da war des Tisches wüst verschobnes Tuch

Und da noch Wein, daß er getrunken werde,

Dort einer halben Frucht verwester Bruch,

Und welke Blumen lagen auf der Erde –

Ein faulig, süßlich, gestriger Geruch,

Eine erstickte, grinsende Gebärde –

Ich weiß nicht mehr, wie wir aus jenen Stunden

In unsre Liebe wieder heimgefunden.

 

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Lied der Strassen

(Geschrieben 1909, Erstveröffentlichung in „Gesammelte Werke Band I: Gedichte“ 1930 – Anmerkung von Anton Wildgans: „Meine Vorliebe für Orte an weithinreichenden Strassen – Semmering, Mönichkirchen.“)

 

Werke sind wir eurer Hochgedanken,

Mühsam werden wir durch eure Hände —

Aber nur den Anfang, nicht das Ende

Gebt ihr uns, denn wir sind ohne Schranken!

 

Leblos scheinen wir wie Stein und Mauer

Unter Sonnenbrand und Sturmeshieben,

Doch wir leben, denn wir können lieben,

Und wir liegen immer auf der Lauer!

 

Aber Freunde sind wir lieber, Gatten,

Eingeweiht in alle Heimlichkeiten,

Eurer Fenster späte Schimmer gleiten

Über uns und alle eure Schatten.

 

Eure Dirnen, Bresthaften und Armen,

Die um falscher Ordnung willen schmachten,

Und die Einsamen, die euch verachten,

Suchen uns, denn wir sind das Erbarmen.

 

Und wir dulden eure Narrenzüge,

Eurer harten Füße blindes Treten

Hinter Heiligen und Trugpropheten,

Euren Götzendienst vor Macht und Lüge.

 

Siegeszeilen eurer Schlachtenlenker,

Bühnen demagogischer Gelüste,

Tragen wir Triumphe, Blutgerüste,

Krönen heute und sind morgen Henker.

 

Und wir dauern noch, wenn längst zunichte

Eure Macht von Fürsten und Tribunen,

Andre Völker deuten dann die Runen

Unserer Steine — wir sind die Geschichte!

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Lied des Schmarotzers

(Geschrieben 9.5.1917, Mönichkirchen; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Mittag“ 1917)

 

Bin arm geboren! Was kann ich dafür?

Und habe eines Genießers Nerven!

Taug nicht als Bettler vor fremder Tür,

Laß mir von niemand den Bissen vorwerfen!

Sei, wer da Lust hat, des Glückes Ertrotzer

Im Schweiß seiner Stirne! Beim Element,

Arbeit ist doch nur das Aftertalent

Der Unbegabten! Und ich bin – Schmarotzer!

 

Das ist kein Gewerbe für einen Tropf!

Da gilt es: Kenntnis der menschlichen Schwächen!

Es kann nur ein universaler Kopf

Mit jedem in seiner Sprache sprechen!

Zum Glück sind die meisten, die was besitzen,

An irgendeinem Punkte faul;

Dort brauch ich Sporen und jage den Gaul,

Bis seine Flanken Dukaten schwitzen.

 

Der eine will Freundschaft, ihm spiele ich Treue!

Ein zweiter will Demut, dem komm ich devot!

Mit Alpha schwärm ich für Himmelsbläue,

Mit Beta wälz ich mich wacker im Kot,

Und hält sich Gamma für einen Dichter,

Ich finde seine Verse famos!

Ist keine Lüge so grenzenlos,

Daß sie nicht geglaubt wird von diesem Gelichter!

 

Dafür nun leb ich im vornehmsten Stile

Ganz wie ein Jobber oder Baron!

Fahre und reite, rauche und spiele,

Zahlen mag es mein Herr Patron!

Möchte er geizen, will er sich spreizen,

Lüft ich die Maske von meinem Haß!

Hei, das wirkt wie ein Aderlaß!

Nichts ist gewagter, als mich zu reizen!

 

Und so sitz ich am Tische der Prasser,

Gern gesehn und gefürchteter Gast!

Ihre Weine trink ich wie Wasser,

Lang’ in die Schüsseln, so tief es mir paßt!

Ihre Kapaunen, Trüffeln und Krebse

Sind meinem Gaumen der Sinn der Welt,

Und wenn mir von einem das Weibchen gefällt,

Ihn mach ich zum Hahnreih und sie mir zur Kebse!

 

Und das ist recht so, ihr satten Quiriten,

Die ihr den Menschen nach Talern schätzt!

Euch in den Nacken den Parasiten

Hat Gott-Satan als Bremse gesetzt!

Als den Sendvogt derer, die darben,

Als die Schlange ins Paradies,

Als den Rachegeist der Genies,

Die durch euch am Hunger verstarben! 

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Lied eines armen Teufels

(Geschrieben 1909, Erstveröffentlichung im Band „Zeit und Welt“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948)

 

Ich habe den Tag verschlafen,

In der Nacht bin ich auf und wach,

So machen´s die herren Grafen,

Und ich mach´s ihnen nach.

 

Nur mit dem Unterschiede,

Daß ich´s nicht deshalb tu:

Die Nacht ist voller Friede,

Sieht mir niemand beim Hungern zu -

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Los der Armen

(Geschrieben 1906/1908, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Buch der Gedichte“ 1929 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Beschloß in erster Fassung den fünften Akt der Tragödie „Armut")

 

Die Armen sind geboren wie andre aus Mutterleibern

und Geist und Körper und Sinn sind wie der anderen Menschen,

und Frühling und Nächte und Sonne und Duft der Blumen gelten

wie allen auch ihnen, und doch ist alles anders, wenn es

den Armen begegnet: Geborenwerden und Sein und der Frühling,

Not wird alles für sie. Das Menschliche zur Bedrängnis.

Nur Zeichen dürfen sie tun, nicht wirkliches Leben verbringen:

Labsal an ihren lippen wird Bitternis. Die Freude

zur Sorge, die liebe zur Angst und Kinder zum Hunger und Fluche.

Sie müssen die Reichen seh'n, wie sie achtlos verscheudern

zu Lust und Vergnügen, zur Tötung der Langeweile,

was ihnen mangelt, womit sie erretten könnten ein Liebstes,

vielleicht von Krankheit, vom Tode! - Sie müssen immer sehen!

Doch jene können die Armen fliehen - sie können sie meiden -

und fliehen sie nicht, so ist es doch nur das Geld, das die Armen

besucht, das Geld, nicht die Herzen! - Wer Geld hat, kann sparen am Herzen,

er braucht nicht zu zahlen mit sich, er braucht nicht zu opfern

mit sich. Er kann in die Tasche greifen - loskaufen sich vom Erbarmen,

vom Dienen von Mensch zu Mensch, vom Aufwand der köstlichen Stunden.

Er kann sein Leben verlängern durch Geld, dem frohen Genuss.

Aber die Armen müssen immer zahlen mit sich, mit ihrem

Vorhandensein zu eigenem Zweck, mit Freiheit, Sonne

und Frühling. Sie haben nicht Weib, nicht Kind, nicht liebe und Freude,

und haben sie manchmal Geld, so wird es für sie nur höchstens

Notpfennig, Angst des Verlustes oder ihrer entwöhnten,

der Freude entwöhnten Sinn Versuchung, zusammenzudrängen

in eine rasche Minute lichtlosen Lebens lange

Entbehrung. Darum ist alles für die Armen so anders.

Sie dürfen nur Zeichen tun, als lebten sie, dürfen nicht leben

und haben nicht Herd und Heim, nicht Gold, nicht Freude und Sonne,

nur Sorge, nicht Weib und Kinder, nicht Blumen, Freiheit und Frühling,

nicht Herzen zu eigenem Zweck. Mit allem müssen sie zahlen.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Machtspruch

(Geschrieben 7.3.1903, Erstveröffentlichung in „Die Zeit“, Wien Nr.2770, Beilage Die Sonntags-Zeit am 12.6.1910; Erstveröffentlichung in Buchform im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

Siehe, mit Verschwenderlaune

Kommen Stunden in den tagen,

Locken dich mit leisem Raunen

Oder wecken mit Posaunen

Schmetternd dein verschämtes Wagen.

 

Doch du lässt dich nicht befeuern,

Zweifelst, willst dich selbst behalten –

Ende lässt sich nicht beteuern,

Und versuchst du kaum, zu steuern,

Wird das Leben dich zerspalten.

 

Und das Glück wird dich vertauschen

Gegen andere, die ringen,

Sich vergeben und berauschen,

Doch, im Lärme lebend, lauschen

Lauten, die zutiefst erklingen.

 

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Magisches Porträt

(Geschrieben und übertragen aus dem Italienischen 1924, Erstveröffentlichung in „Sonette aus dem Italienischen“ 1924; Sonette von Giuseppe Parini Zucca, Italien)

 

Mann oder Weib?  Weiß Gott. Dies Konterfei

Gibt eines Menschen Antlitz nur in Resten

Und hält den Zweifel, den es weckt, zum besten:

Ist dies ein Papst? 'ne Hure? Ein Lakei?

 

Jetzt blickt es Leid!  Doch sieh, es grinst dabei!

Und sein verjährtes schimpfliches Gebresten

Verdeckt es mit theaterhaften Gesten.

Es lebt!  Genug!  Warum, ist einerlei.

 

Und dieser Molch, zu Ja und Nein bereit,

Dies Schreckbild, dieses Spottgesicht ist so,

Daß es uns äfft durch viele Ähnlichkeit:

 

Sah nicht ein Freund so aus, ein Weib, ein Feind?

Ein Lebender, ein Toter irgendwo? —

Doch schau genau! — Bist du nicht selbst gemeint?

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Mahnung

(Geschrieben vor 1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

Wandle deine stillen Pfade,

Blasser Himmelspilger du,

Senk' auf mich den Strahl des Friedens,..

Leih' dem müden Wand'rer Ruh'.

 

Vor mir gleitet treu mein Schatten,

Mahnt mich an des Todes Bild,

Das mit seinem dunklen Ahnen

Gift in meine Freuden quillt.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Mai

(Geschrieben 1916, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Dreißig Gedichte“ 1916 – Anmerkung von Anton Wildgans: „Jedes Jahr aufs neue erlebt...“)

 

In allen Gärten blüht der Mai,

Die Sonne steht in seinem Solde,

Der Himmel, blau und wolkenfrei,

Ist ganz durchwirkt von ihrem Golde.

 

Die alten Häuser in der Stadt

Lächeln mit blinkenden Fassaden,

Und seine weiße Flache hat

Der allerkleinste Krämerladen.

 

Und in den Straßen bunter Schwärm

In leichten, lichten Frühlingstrachten,

Die ganze Welt geht Arm in Arm

Und will vor lauter Lust verschmachten.

 

Die Mädchen tragen frei den Hals

Bis zu den Brüstlein unterm Mieder,

Sogar die Pfützen allenfalls

Spiegeln den blauen Himmel wider ...

 

Was tatst denn du die lange Frist,

Mensch mit den bleichen Wangen,

Der du verschneit gewesen bist,

Was tatst du denn die lange Frist,

Um diesen Frühling zu empfangen?

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Mater dolorosa

(Geschrieben vor 1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

I.

Blick in deiner Reinheit Strahlen,

Selige, auf mich hernieder —

Aus der Liebe bangen Qualen

Hebe mich auf Glanzgefieder.

 

Ferne wie zur heiligen Sonne

Sehn' ich mich aus meinen Nöten

Süsse, herrliche Madonne,

Lass mich beten, lass mich beten.

 

II.

Du siehst mich hier im Staube liegen

In meinen Sünden Wahnsinnsdüstern —

Zu dir — zu dir die Wünsche fliegen

So frevelnd kühn, so wild und lüstern.

 

Wirf sie hinweg, die Dornenkrone,

Die blutig um dein Haupt sich schlingt,

Die das Geschick mit frechem Hohne

Auf deine zarten Schläfen zwingt.

 

O werd, was du gewesen, wieder,

Eh' man zur Heiligen dich verflucht hat,

Und steige dann als Weib hernieder

Zu mir, der seinen Gott versucht hat.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Mater fidelis

(Geschrieben vor 1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

O netze mich mit deinen Tränen,

Du schmerzenreicher Engel du —

0 stille in der Brust mein Sehnen,

Gib' meiner Seele Rast und Ruh' —

 

Als Büsser liege ich im Staube

Vor deiner Reinheit Majestät, —

Weil Hoffnung, Liebe und der Glaube

­In deinem Aug' geschrieben steht.

 

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Mater solatrix

(Geschrieben vor 1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

O gib' mir eine Träne,

Du heilig' Gnadenbild,

Wie sie vom Menschenauge

So schmerzbefreiend quillt.

 

Muss ich mit starren Blicken

Denn in mein Elend schau'n,

Wenn Engel milden Balsam

In Augen and'rer tau'n?

 

O weinen, weinen können,

So heiss, so heiss, so wild - !

Ich bet' um eine Träne,

Du süsses Gnadenbild.

 

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Mein Kind

(Geschrieben 1925, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Ich beichte und bekenne“ 1933 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans – Anmerkung von Lilly Wildgans: Dieses Gedicht ist jenem Bereich der Seele gewidmet, der, abseits von der gesetzmäßigen und durch das Schicksal bedingten Entwicklung, die unberührbare Substanz bewahrt: die von Schuld noch nichts ahnende Reinheit der Kindheit. Diese „unzerstörbare Kna­benhaftigkeit" war im Wesen von Anton Wildgans für Tie­ferschauende in sehr starkem Maß erfühlbar)

 

Tief in der Seele mir schläft ein Kind.

Du Schifflein im sicheren Hafen,

Was weißt du von Woge, was weißt du von Wind,

Die meine täglichen Feinde sind –

Ich lasse dich ruhig schlafen.

 

Nur manchmal, wenn mir ein Glück geschieht,

Oder noch öfter ein Kummer,

Wenn etwas gelungen oder missriet,

Dann regst du, dann hebst du dein träumendes Lid

Aus deinem seligen Schlummer.

 

Dann blick´ ich in deine Augen tief,

In deine reinen und braven.

Und ist mir, als ob ich auf Wiesen lief´,

Und ist mir als ob ich die Mutter rief:

Komm schlafen, mein Kind, komm schlafen !

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Meine alte Geige

(Jänner 1916 – Lilly Wildgans: Sie hat auch heute noch ihren Platz in des Dichters Arbeitszimmer und wurde bisher von vielen, die seine Andenkensstätte besuchten, voll sichtlicher Rührung betrachtet, wenn etwa das Gedicht vorgetragen wurde. Diese Geige erfüllte im Leben von Anton Wildgans die Rolle eines engverbundenen Freundes; wie oft vertraute er ihr alle Stürme und Not seiner Seele in Form einer freien, gewaltigen Phantasie mit solch hüllenloser Aufgetanheit an, wie er sie kaum jemals einem Menschen gegenüber auf­brachte. Eine Quelle der lautersten Freude war ihm diese Geige, sie enttäuschte ihn nie)

 

Einst, als es mir im Leben schlecht erging

Und alles schon versetzt war: Uhr und Ring,

Die Kette und so manches andre mit,

Entschloß ich mich zum allerschwersten Schritt,

Nahm meine alte Geige aus dem Schrein

Und trug sie fort, ein wenig Geld zu leih'n.

Genau besah, beklopfte sie der Mann

Und sagte endlich: Viel ist nicht daran —

Und fügte bei mit hämischem Gesicht:

Von einem alten Meister ist sie nicht.

Ich würgte Widerspruch und Weh hinab

Und nahm das wenige, das er mir gab.

 

Manch schweres Jahr seit damals ging dahin,

Doch oft noch kommt mir jenes Wort zu Sinn,

Das mir der alten Geige Ton gekränkt.

Die haben mir die Eltern einst geschenkt.

Der Vater, arbeitsmüd und abgehetzt,

Hat oft zu kargem Mahle sich gesetzt

Und bloß gelächelt, wenn es wenig war.

Die Mutter trug so manches liebe Jahr

Dasselbe immer wieder neue Kleid

Und hoffte bloß auf eine beßre Zeit.

Und haben beide es sich abgespart,

Auf daß dem Kind die teure Geige ward.

 

Drum, mag sie auch von keinem Meister sein,

Mir trägt sie einen sanften Heiligenschein.

Mir klingt in ihrer Stimme immer mit,

Was Mutter duldete, was Vater litt.

Und weiß erst heut, warum es weh getan,

Als jener meinte: Viel ist nicht daran.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Meinem alten Lehrer

(Geschrieben 1914 für Professor Dr. Wilhelm Jerusalem, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Dreißig Gedichte“ 1916 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Mit dieser Ge­lehrten- und Lehrerpersönlichkeit außergewöhnlichen Forma­tes aus dem Piaristengymnasium Wien verband den Dichter auch in späteren Jahren die vereh­rungsvollste und herzlichste Freundschaft.)

 

Noch fühle ich die kahlgetünchten Wände,

Beklemmung morgendlichen Lampenlichts,

Die Unerbittlichkeit der Gegenstände

Des lieblos abgespulten Unterrichts.

All diese Stunden waren ohne Ende,

Und jenseits ihrer, grauen Angestchts,

Schon lauerten des Lernens stete Sorgen,

Die wachen Nächte und die Angst vor morgen.

 

Da tratst Du ein mit unbetonten Schritten,

Nicht wie ein Vogt, der einzuschüchtern naht.

Gleich legten sich die wilden Knabensitten,

Die Horde ward zum eingeteilten Staat.

Und Du, der gute Patriarch inmitten

Der lauschend hingebeugten Menschensaat,

Gabst mühelos von Deiner Arbeit Ernten,

So daß auch mühelos wir von Dir lernten.

 

Ein Lehrer warst Du, nicht ein Überwacher,

Und, unbewacht, bezähmte uns die Scham.

Mitschüler warst Du — nicht ein Widersacher –

Der mit uns, an uns zur Erkenntnis kam,

Dem willigzagen Schritt ein Wegemacher,

Ein Sonderer von Menschenwert und Kram.

Vor Deinem Ohr ward jede Phrase nichtig,

Und immer nur die Sache war Dir wichtig.

 

Dies ist die Zehrung, die Du mitgegeben

Den Schülern auf den vielverzweigten Pfad.

Das bloß Gesagte kann sich überleben,

Fortwirkt und -bildet nur des Lehrers Tat.

Die Deine war: daß Beispiel Du gegeben,

Nicht w a s nur, w i e auch man zu wissen hat.

So ward sonst flüchtig Haftendes beständig

Und bloßer Stoff durch Sittlichkeit lebendig.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Melancholia (Verträumnis)

(Geschrieben 1908 in Schloss Mokritz; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909; - Anmerkung von Lilly Wildgans: Mokritz, in Slowenien bei Jessenitz an der Save gelegen, war das Stammschloß der Grafen Auersperg und Anton war bei seinem Freund Friedrich von Gagern dort zu Gast)

 

Jetzt stirbt der Wälder Gott – und wie der schrille

Ton einer Flöte, die des Meisters Hand

Entsank und die ein böser Stümper fand,

Schüttert der Nord durch brauner Wipfel Stille.

 

Doch morgen ist vielleicht ein Tag, so sommerschön,

Daß du aufhorchend in besonnten Auen

Der Flößer Stimmen hörst, die auf dem blauen

Strom niederfahren von den Höhn.

 

Da sinnst du schnell auf manchen lieben Gang,

Den du versäumt den Sommer lang,

Und soviel Blumen als vielleicht noch blühn,

Willst du mit eilfertigen Händen pflücken,

Lebloses Glas mit welkem Tand zu schmücken –

Und bliebst daheim, da Leben war und Grün...

 

Narr deiner selbst, nicht weiser durch die Jahre,

Noch heute stirbt der Wälder großer Gott!

Und du, wie immer noch an jeder Bahre,

Nach Leben suchend in den starren Zügen,

Erkennst in des Besinnens jäher Not:

Armut war deiner Träume Selbstgenügen.

 

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Memento mori

(Geschrieben 1905; Erstveröffentlichung in „Tiefer Blick“ 2002 von Evelyn A. Hahnenkamp)

 

Dort - an der Schwelle jenes Hauses stand der Tod.

Er zögerte ... dann trat er hastig ein. –

Durch bleiernes Gewölke brach ein Sonnenstrahl,

klomm durch die Fenster und beschlich das Haupt

des Sterbenden mit krausen Lichtern.

 

Ein Glorienschein im letzten Augenblicke –

dem Lebenden versagt - hielt kurze Zeit

die marmorblasse Stirne eng umschlossen,

und dann versank er sacht in graue Dämmerung,

und in Vergessenheit sinkt auch - der Tote.

 

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Mißfallen der Toren

(Geschrieben nach 1917, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

Mißfallen der Toren, der Niedrigen Tadel

Ist Ehre dem Manne vom inneren Adel.

Man soll sich nicht ärger, man soll nur betrachten,

Nur lieben den einen, den andern verachten.

Soll nicht die Toren wollen bekehren,

Soll nicht die Esel singen lehren!

Ist eine ganz vergebliche Plage,

Kommt nichts Gescheites dabei zutage.

Für das Gute in guten Stunden

Haben sich immer noch Gute gefunden.

So hab´ ich´s gehalten in all den Jahren

Und bin damit immer recht gut gefahren.

 

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Morgen im Schloß

(Geschrieben 1906, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Dreißig Gedichte“ 1916 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Gräfin Mathilde von Auersperg gewidmet - Mokritz, in Slowenien bei Jessenitz an der Save gelegen, war das Stammschloß der Grafen Auersperg und Anton war bei seinem Freund Friedrich von Gagern dort zu Gast. Der Inhalt des Gedichtes wurde im Jahre 1906 mit der damals achtzigjährigen Gräfin Mathilde Auersperg, der Großmutter des Freundes Friedrich von Gagern, erlebt)

 

Und draußen war ein grüner Sommermorgen.

Die greise Gräfin mit dem Silberscheitel,

Die weißen, kühlen Alabasterhände

In ihres Kleides schwarzem Schoß gefaltet,

Saß gegenüber mir beim Tee und sprach . . .

Und sprach von milden, blassen, fernen Dingen,

Von Myrtenkränzen, die in Goldhaar welkten,

Vom Hörnerjubel längst vergeßner Jagden,

Von reicher Feste längst vergilbten Bannern,

Und sprach von Stimmen, die das Leben brach,

Von Lachen, das verklang, und Tränen, längst gestillt,

Und immer war's, als suchten ihre Blicke

Die Dinge rings, die Bilder an der Wand,

Als fragte sie in liebreich leiser Zwiesprach

Die stillen Augen nachgebliebner Toten:

“Nicht wahr, so war´s?“  — und hörte ihre Antwort.

 

Und draußen war ein grüner Sommermorgen

Es huschten frohe Strahlen auf den Tisch

Und ruhten funkelnd auf dem bleichen Silber

Der altverzierten, ehrwürdigen Kannen

Und draußen, auf dem Mamorflur der Halle,

Wie Morgenglöckchen in den blassen Frieden,

Erklangen plötzlich helle Kinderstimmen.

 

Da waren sie auch schon und hatten schnell

Die weißen kühlen Hände sich erobert

Der Knabe und das Mädchen, gold und braun.

Wie glühte in der weichen Glieder rund

Nach reinem Schlaf der ungeduldige Trieb

Die jungen Kräfte spielend zu verbrauchen !

Und waren diese Händchen nicht gemacht,

Das Sonnenlicht wie Falter zu empfangen,

Und dieser Kinderaugen blauer Brunnen

Nicht übervoll, der Seelen Durst zu stillen - ?

 

Da sind sie längst entschlüpft, und ferne schon

Wie Morgenglöckchen in den blassen Frieden,

Erklingen ihre hellen Kinderstimmen.

Die greise Gräfin mit dem Silberscheitel,

Die weißen, kühlen Alabasterhände

In ihres Kleides schwarzem Schoß gefaltet,

Sann ihnen nach und lächelte und schwieg . . .

Und draußen war ein grüner Sommermorgen.

 

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Müd´

(Geschrieben vor 1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

Ich hab' ja kaum die Bahn beschritten

und schon so müd', so sterbensmüd' –

Es wankt der Fuss bei seinen Tritten,

Stockt in der Brust das Wanderlied —

 

Ist es der Lenz, der in die Glieder

Dies bangende Ermatten senkt,

Im Ahnungsfluten seiner Lieder

Das gegenwä'rt'ge Lied ertränkt?

 

Ist es der Herbst mit seiner Küble,

Die keine Knospe blühend küsst?

Ist es das Sterben der Gefühle,

Das mich mit mattem Atem grüsst?

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Mußt dich oftmals quälen lassen . . .

(Geschrieben 1925, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

Mußt dir oft den Kopf zerbrechen,

Daß das Wort vom Sinne satt !

Leichter ist es, schön zu sprechen,

Wenn man nicht zu sagen hat.

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Musst dir oft den Kopf zerbrechen ...

(Geschrieben um 1925, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

Mußt dir oft den Kopf zerbrechen,

Daß das Wort vom Sinne satt!

Leichter ist es, schön zu sprechen,

Wenn man nichts zu sagen hat.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Nacht

(Geschrieben und übertragen aus dem Italienischen 20.5.1923, Erstveröffentlichung in „Sonette aus dem Italienischen“ 1924; Sonette von Lorenzo Stecchetti 1845-1916, Italien)

 

Unheimliche Magie der tiefen Nacht

Verstört mein Hirn, durchströmt mir die Tunnele

Des Bluts. Ein Hauch geht über meine Seele,

Ein kalter Hauch mit Schauderns Übermacht.

 

Im Freien hört das Ohr, das spähend wacht,

Seltsam Geraun, und Grauen schnürt die Kehle;

Doch in den Häusern fronen dem Befehle

Des Schlafs die Menschen, der vergessen macht.

 

Nur fern, aus Straßendunkel hergewendet,

Vorhanggedämpft ist wo ein Licht entfacht,

Das stillen, matten Schein herübersendet.

 

Beleuchtet dieses Lichtes späte Wacht

Den wilden Krampf, in dem ein Leben endet,

Oder den Taumel einer Liebesnacht?

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Nachtandacht

(Geschrieben vor 1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

Bleicher Mond, du stiller Beter,

Send' mir deiner Andacht Hauch,

Denn wie du im heiligen Äther

Will ich einsam beten auch.

 

Du allein kannst mich begreifen,

Weil auch du die Sehnsucht kennst,

Andre Bahnen zu durchstreifen,

Wo du Seligkeiten wähnst,

 

Wo du nicht so fahl und düster

Wandeln müsstest, freudenarm,

In des Nachtwind's Wehgeflüster

Weinen deinen stillen Harm.

 

Eine Sonne willst du werden,

Die mit ihrem Licht beseelt,

Eine Mutter neuen Erden,

Wo die Sehnsucht nimmer quält.

 

Doch du musst die Bahn durchstreifen

Als ein bleiches Nachtgespenst —

Darum kannst du mich begreifen,

Weil auch du die Sehnsucht kennst.

 

Send', du tränenblasser Beter,

Mir von deiner Andacht Hauch;

Denn wie du im heiligen Äther

Will ich einsam beten auch.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Notturno

(Geschrieben 14.5.1910; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Und hättet der Liebe nicht“ 1911; Anmerkung von Lilly Wildgans: Ein nächtliches Erlebnis aus dem Beginn unserer Ehezeit, als wir noch in Wien in der Neulinggasse wohnten. Das Zeitungsblatt, das in der Salesianergasse vor die Füße des Dichters getrieben wurde, kündete den Tod des englischen Königs Eduard VII.)

 

Neulich sommernachts ging ich nach Haus.

Alle Straßen waren ausgestorben,

Nur die Kittelmänner mit den Stangen

Gingen von Laterne zu Laterne,

Löschten jede zweite Flamme aus.

 

Wie in der Halle klang mein Tritt,

Oben standen klar und zart die Sterne.

Hinter Dächern silbern aufgegangen

War der Mond, und sein Reflexbild glitt

Über mir vom ein zum andern Fenster

Und hielt Schritt.

 

An der Ecke, die ich jetzt umbog,

Drang mir lau und leicht der Wind zur Seite,

Duftete nach kühlem Abendregen,

Dunklen Beeten, feuchten Gartenwegen,

Staub und Kehricht übers Pflaster treibend

Und ein Zeitungsblatt, daß mir zu Füßen flog.

 

Meines Stockes Spitze setz’ ich drauf,

Bannend so den raschelnden Begleiter.

Stand darauf verwaschen und verdorben,

Daß ein großer König sei gestorben –

Ließ es los, da nahm der Wind es auf

Mit dem andern Mist und trug es weiter.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

O, stolz möcht ich sein ...

(Geschrieben 19.9.1902 in Wien, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans – Anmerkung von Lilly Wildgans: Dieses Gedicht stammt aus einer frühen Jugendzeit und ist, sowohl formal als auch dem Gefühls­kreis nach, nur als Stufe zu werten auf dem Wege zu eigenem Ton und zum Ausdruck des eigenen Ich)

 

Oh, stolz will ich sein,

dass ich ein Mensch bin.

Tausend zehrende Sehnsüchte,

fiebernde Wünsche

in Blut und Hirn.

 

Oh, stolz will ich sein,

dass ich ein Mensch bin

und jagen und suchen darf,

jagen und suchen muss

nach meinem Glück.

 

Oh, stolz will ich sein,

wenn auch an einem grauen, nebeligen Tage

mein Glück mir auf staubiger Straße begegnet,

ein altes runzliges Weib

auf brüchigen Krücken -

 

Oh, stolz will ich sein,

wenn ich dann in seliger Umschlingung mit dieser Vettel

im Straßengraben verende.

Ich, der Mensch, der Gottähnliche -

Ich, der Narr - der Bettler -

 

 

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Österreichisches Lied

(15.7.1928, Für Männerchor und großes Orchester in Musik gesetzt und dem Wiener Männergesangverein gewidmet, 1929 von Richard Strauß vertont – Lilly Wildgans: Über dieses Gedicht ver­mag ein Brief an Richard Strauß, geschrieben am 19. Februar 1929, einiges Aufschlußreiches auszusagen: „Hochverehrter Herr Doktor! Ich sende Ihnen heute ein kleines Gedicht, von dem ich das Gefühl habe, daß darin eine neue, wenn auch nicht offizielle, österreichische Volkshymne steckt. — Wenn ich mir nun heute, in leicht erratbarer Absicht, erlaube, Ihnen, hochverehrter Meister, diesen Text vorzu­legen, so hat dies noch eine besondere Bewandtnis. Ich pflege nämlich meine Gedichte, wenn und während ich sie nieder­schreibe, zu singen, oder ich h ö r e sie wenigstens als Musik, und diese Musik trägt mich unwillkürlich weiter von Gedan­ken zu Gedanken, von Strophe zu Strophe. Oft ist nur die Musik da, und die Worte, die sie ausdrücken sollen, fehlen noch. In diesem Falle geschah nun das Merkwürdige, daß das Aufblühen der letzten Strophe („Österreich heißt das Land") die musikalische Gestalt der Gipfelmelodie von Ihrer Alpen-Symphonie annahm. Dabei hörte ich diese Musik als Männerchor mit Orchesterbegleitung. Mehr will ich nicht gesagt haben. Hofmannsthal, der das Gedicht vor ein paar Monaten in der »Neuen Freien Presse' gelesen hatte, schrieb mir daraufhin ein paar sehr liebe Worte und hat es nicht nur schön, sondern auch wahr gefunden. Vielleicht erreicht es Sie, hochverehrter Herr Doktor, in einer dafür glücklichen und auf getanen Stunde! Indessen in größter Verehrung Ihr ergebener Anton Wildgans." Richard Strauß hat in der Folge das Gedicht tatsächlich für Männerchor und Orche­ster komponiert)

 

Wo sich der ewige Schnee

Spiegelt im Alpensee,

Sturzbach am Fels zerstäubt,

Eingedämmt Werke treibt,

 

Wo in der Berge Herz

Dämmert das Eisenerz,

Hammer Gestein zerstampft,

Zischend die Schmelzglut dampft,

 

Wo durch der Ebene Gold

Silbern der Strom hinrollt,

Ufer von Früchten schwillt,

Hügelan Rebe quillt,

 

Wurzelheil, Kraft im Mark,

Pflichtgewillt, duldensstark,

Einfach und echt von Wort

Wohnen die Menschen dort.

 

Pflügerschweiß, Städtefleiß

Hat da die rechte Weis',

Was auch Geschick beschied,

Immer noch blüht ein Lied.

 

Österreich heißt das Land!

Da er's mit gnädiger Hand

Schuf und so reich begabt,

Gott hat es liebgehabt!

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Pan trauert um Syrinx

(Eine  mythologische  Szene für Musik von  Joseph  Marx - Geschrieben 6.8.1916, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Späte Ernte“ 1947 aus dem Nachlass ausgewählt durch Franz Theodor Csokor – Anmerkung von Lilly Wildgans: Joseph Marx hatte im Frühjahr 1916 mehrere Gedichte von Anton Wildgans ver­tont, und zwar als Kammermusiklieder: „Du bist der Garten" neben Gesang und Klavier auch noch mit Geige, „Durch Einsamkeiten" mit Bratsche und „Adagio für Cello" mit Violoncello. Er trug sich mit dem Gedanken, ein weiteres Lied mit Flöte zu schreiben, und bat den Dichter um einen geeigneten Text. Für diesen Zweck entstand während des Sommers 1916 in Steinhaus am Semmering das Gedicht „Pan trauert um Syrinx", das Marx dann auch, seiner Absicht entsprechend, vertonte. Der bacchanti­sche, stampfende Rhythmus des letzten Satzes von Marxens Klaviertrio hatte den Dichter zum Mittelteil des Gedichtes inspiriert)

 

Dämmerung feuchtet die Büsche,

Nebel entsteigen dem Bach;

Atemerquickende Frische

Wird in den Lüften wach.

 

Haupt gestützt in die schlanke,

Wohllautskundige Hand,

Träumt der liebend erkrankte

Gott ins versinkende Land:

Von Syrinx!

 

Da, den Meister froh zu neigen,

Kommen Satyrn angestampft,

Pranken fassen sich zum Reigen,

Auge funkelt, Atem dampft.

 

Nymphchen, nackend eingefangen,

Wehren sich und geben nach,

Springen mit noch heißen Wangen

Gliederkühlend in den Bach.

 

Aber kaum ist es gelungen,

Greift sie neu entfachte Gier;

Immer wieder rasch bezwungen,

Gibt sich glatter Leib dem Tier.

 

Alle Künste durchzuproben,

Eifert rüstig Paar um Paar,

Daß er lächle, daß er lobe,

Er, der stets ihr Meister war.

 

Aber gestützt auf die schlanke,

Wohllautskundige Hand

Träumt der liebend erkrankte

Gott in das dämmernde Land.

 

Erst bis Wollust zu Schläfern

Satyr und Nymphe gemacht,

Regt sich der göttliche Schäfer

Und haucht ein Lied in die Nacht:

Von Syrinx!

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Panische Elegie

(Geschrieben 31.7.1925 am Schriebl, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Gedichte um Pan“ 1928 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Der Besitzerin des an der steirischen Packstraße nächst Edelschrott gelegenen Bauerngehöftes „Schriebl", in dem der Dichter große Teile seines Epos „Kirbisch" und seines Prosabuches „Musik der Kindheit" schuf, eignete auch ein Jagdhaus im hinteren Fröschnitzgraben bei Steinhaus am Semmering. Im Herbst 1925 weilte Anton Wildgans dort als Gast. Ein Fuhrwerk bis auf den Pfaffensattel hinauf, ermöglichte es damals dem Dichter, den von dort nicht mehr sehr weiten Weg auf das Stuhleck trotz seiner venenkranken, schonungsbedürftigen Beine zurückzu­legen. Dadurch wurde endlich das Gipfelerlebnis dem sich danach in jahrelanger Sehnsucht Verzehrenden zuteil — jenes Erlebnis, dem wir als dichterischen Ertrag die „Pani­sche Elegie" zu verdanken haben)

 

1.

 

Köstlich ist dieser Tag, ein Frühlingstag im September!

Aus der Enge des Tals treibt mich die Sehnsucht empor:

Dorthin, wo über dem Anwuchs der Birken, der Fichten, der Lärchen

Nur noch Wacholder sich buscht, nur noch das Krummholz gedeiht.

Aber nicht Wege wähl' ich, von allen begangene, sondern

Quer durch den Hochwald und dann schräg über Schläge hinan.

Schon umfängt mich Gewölbe einander durchdringender Wipfel,

Säulen, im Dämmer gereiht, münden in sickerndes Gold.

Kleine Lichtung erscheint nun, bedeckt mit Heidelbeerkräutern,

Von smaragdenem Moos duftet's nach Pilzen und Tau.

Siehe, da sind sie schon selbst, die zauberhaften Gebilde,

Die eine einzige Nacht rasch aus der Feuchte gebiert:

Rote Schirme auf weißen Strunken, phantastisch gesprenkelt,

Braune, wie Fladen so groß, kleine, wie Dotter so gelb.

Ist da das Märchen? Erscheinen nun Elbe, alle die Tischchen

Hurtig zu decken zum Schmaus gräserdurchhuschenden Volks?

Stille, ein Häher nur schreit, und tiefer dring' ich ins Dickicht:

Da, ein gefallener Stamm sperrt mir den spärlichen Weg.

Aus dem Erdreich gerissen, die Eingeweide des Wachstums

Haften mit Fasergewirr noch in der Wunde des Grunds.

Morsch ist der Riese, vom Blitze gespalten, die Stümpfe der Äste

Weißlich mit Flechte und Moos wie mit Verwesung bedeckt.

Weiter, Gerölle hinan! Und wieder gigantische Wurzeln,

Gleichend Urweltgetiers Resten, verknorrt und versteint,

Gleichend gewaltigen Knochen von sagenhaften Organen,

Fängen und Rüsseln, dereinst furchtbar mit Schuppen bewehrt.

Schädelstätte des Tods? Mich fröstelt's, ich lausche beklommen:

Nirgends lebendige Spur, nirgends lebendiger Laut.

Nur aus verdeckten Tiefen ein unsichtbar stürzend Gewässer

Stöhnt in die Schauer des Orts wie aus dem Schöße der Welt.

 

 

2.

 

Doch schon entläßt mich der Dämmer, und zwischen sich lichtenden Stämmen

Drängt in die modrige Nacht himmlischer Odem herein.

Und ich betrete den Schlag und staune am Rande des Wunders,

Welches die Sonne gewirkt reich in die Späte des Jahrs.

Unten auf tieferen Hängen verglosen schon Buche und Ahorn,

Funken und Asche der Glut wirbeln in frostigem Tanz.

Hier doch waltet noch Rausch des überwindenden Lebens,

Mit der Wollust Vergehns bacchanalisch gepaart:

Erdbeerblüten wagen noch zarteste Sterne, benachbart

Trägt ihr grünendes Kraut sommersüßen Ertrag.

Am entblätterten Schlingdorn reifen die schwärzlichen Brombeern,

Himbeerfrüchte sogar locken aus silbrigem Laub.

Aber das Wunder der Wunder ist Gentiana! In Felder

Rispenflüsternden Golds hat sich der Himmel versät.

Ist dies noch die Natur, ein blindlings gebärender Wille,

Oder schon göttlicher Plan, der auch die Schönheit erwägt?

Da in einzelnen Büscheln und dort in Sträußen und Sträuchen

Hält der gefiederte Wuchs Kelche, azurne, empor.

Und in Buchten von Jungholz und rings an verbleichende Strünke

Landet das nämliche Blühn blaue Wimpel des Dufts.

Still nun! Und hemme den Vordrang der gräserdurchfurchenden Kniee!

Straffe die Sehnen zum Halt, wurzle den Fuß ins Geröll!

Horch, was pochet dir nah und raunet? Aus Erden? Aus Lüften?

Überschrittst du zu kühn geistergeweihten Bereich?

In der Wonne des Schweißes berieseln dich panische Schauer,

Durch das Leuchten der Luft dunkelt die Schwärze des Alls.

Ruhe, unendliche Ruhe. Nur Regung heimlichsten Lebens,

Tausendfältig gestimmt, wispert und knistert im Gras.

Sieh da, ein Falter des Frühlings! Und immer noch Pochen! Gespenster?

Nicht doch, aus eigener Brust hat dich dein Herzschlag verstört.

Freundlich umfängt dich Geschöpf die große Einsamkeit Gottes,

Und mit menschlichem Blick sieht Gentiana dich an.

 

 

3.

 

Gentiana, ich folge deinen lieblichen Spuren,

Seele, die mich gegrüßt, leite mich freundlich hinan!

Durch ein letztes Gewirre von zartesten Lärchen und Birken,

An Wacholdern vorbei, strebt das beruhigte Herz.

Leichterer Lüfte geschwellt, so tragen die Segel der Lungen

Trotz der Mühsal des Steigs kühn einen Schwebenden hin.

Matten, o selige Matten, schon winkt ihr, schon zeigt sich der Gipfel,

In italisches Blau ragen die Zinnen aus Gold.

Oben! O endlich erreicht und die Runde des Blickes geschlossen!

Kosmischen Ernstes ringsum ruhet Gebirg an Gebirg.

Von den Zacken der Nähe und aus den Tiefen der Ferne

Schwingt sich Gewölbe Kristalls in die Unendlichkeit auf.

Täler da unten, erfüllt von opalisch flutenden Nebeln,

Täler, von zitterndem Licht bis auf die Gründe durchströmt!

Fenster von weißen Gehöften lodern auf südlichen Lehnen,

Bis an die Grenzen des Schnees mühten sich Pflüge empor.

Bis an die Grenzen des Schnees die Schweißspur menschlicher Arbeit,

Ach, und ich Glücklicher ließ alle Beklemmung im Tal!

Stehe als einziger hier inmitten zyklopischer Trümmer,

Die auf das atmende Grün wie aus dem Chaos gestreut.

Türmten Giganten von hier einst Stufen zur Veste des Himmels?

Stürzte auf stärkeren Wink feindlich-vermessener Bau?

Ungeheueren Kampfes granitene Spuren! Und dennoch,

Friede nun über dem Rest einer schon mythischen Welt.

Meere mußten versickern und Laven zu Felsen gerinnen,

Daß ich Geringer allhier rage ins ewige Blau.

Und ein Atemzug Gottes, und aus der Haft der Gehirne

Bricht die entkerkerte Zeit in die Befreitheit des Raums:

Nie hat dann Hellas gelächelt, Homeros niemals gesungen,

Niemals den Dante Virgil durch die Verdammnis geführt.

 

4.

 

Mittag. Im Menschenlande melden die Glocken. Ich träume:

Wohl ein Jahrtausend ist's her, daß ich da unten verglomm!

Aus dem Dämmer der Kindheit — wie war es doch? — glitt mir die Seele

In den grelleren Tag, plötzlich war ich ein Mann.

Wurde selber zum Anfang, der ich ein Ende mir deuchte,

Kaum erst der Wiege entwöhnt, stand ich zu Wiegen gebeugt.

Und es gab der Verwirrungen viele, gab Ängste und Sorgen,

Und an dem Baume der Lust reifte als Ernte die Schuld.

Glocken da unten nicht mehr! Nur manchmal ein Schwellen des Windes,

Das sich irgendwo tief unter Wipfeln verliert.
Erika würzt mir das Kissen in lila vergilbenden Farben,

Reglos ein Echslein, mit mir teilt es das Lager Gesteins.

Ja, ich liege und ruhe und habe die Augen geschlossen,

Aber vertausendfacht fühlt jeder andere Sinn.

Jedes Härchen der Haut des selig entgürteten Leibes

Freut sich liebkosenden Hauchs, Chöre füllen das Ohr.

Und ich wittre berauscht die asphodelischen Düfte,

Holdes Vergessen der Welt lullt mich Entschwindenden ein.

Jetzt ist der Himmel wohl offen, und rosiger Sohlen beschreiten,

Mich zu entbieten gesandt, Genien Stufen von Gott?

Aufschaun möchte das Auge, doch immer süßerer Schwere

Über die Fühler des Lichts senkt sich das purpurne Lid:

Einmal war ich ein Mensch und haderte gegen die Grenzen,

Und den vermessenen Geist setzte ich wider das All.

Jetzt doch vergeh' ich, geschmiegt in ein winziges Schründlein der Erde,

Willenlos wieder ein Kind, rührender Ohnmacht beglückt.

Sind mir die Pulse geöffnet? Verström' ich? Gleiten Gewichte

Von der verebbenden Brust in den verbrüderten Raum?

Herdengeläute ganz nah! Ein Knabe hält singend die Rinder,

Und in Urmelodien löst sich mein Irdisches auf.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Pax

(Geschrieben vor 1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

Ich blick' in deine Seele

Wie in die gold'ne Luft,

Wo unsichtbar die Lerche

Im Liebesjubel ruft.

 

Doch, da ich länger lausche,

Wird mir mit einem mal, .

Als säng' im stillen Friedhof

So bang die Nachtigall.

 

Sie singt von einem Grabe,

Das mir mein Liebstes nahm —

Dort schlummern meine Träume

So still und ruhesam.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Per saecula saeculorum

(Geschrieben 1899, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans – Anmerkung von Lilly Wildgans: Dieses Gedicht stammt aus einer frühen Jugendzeit und ist, sowohl formal als auch dem Gefühls­kreis nach, nur als Stufe zu werten auf dem Wege zu eigenem Ton und zum Ausdruck des eigenen Ich)

 

Dämmernd floss der Abend auf die Dächer,

und des Firmaments Sternenfächer

spannt sich weit aus überm Häusermeer.

 

Langsam schreit ich durch die Vorstadtgassen,

seh´ die Menschen all die armen, blassen,

heimkehrn kummervoll und sorgenschwer.

 

Bettler, Bettler! Rings elende Hütten,

wüstes Lärmen und verrohte Sitten,

neidisch manchen Blick auf mich gezielt.

 

Aber, weh, wie kann ich Hilfe bringen

wo die Menschen mit dem Ew'gen ringen,

wo das Schicksal mit den Menschen spielt?

 

Nur ein Tropfen in den Kelch der Galle

macht ihn nicht zur süßen Freudenschale,

Kommet alle, träufet Honig ein!

 

Aber, weh! ich fürchte, dass vergebens

sei die Mühe unsres milden Strebens –

Not und Elend müssen ewig sein.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932            

 

 

Phanatsie in der Dämmerung

(Geschrieben 27.8.1907, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Buch der Gedichte“ 1929 – Anmerkung von Anton Wildgans:  „Nach dem Tode meines Vaters erschrak ich oft, indem ich ihm bei abendlichen Spaziergängen durch die belebten Strassen plötzlich zu begegnen glaubte.“)

 

Das ist die Dämmerung mit ihrem Wogen

Aus vielen Toren, die sich dunkel weiten,

Als hätten Hände im Vorübergleiten

Die schweren Riegel leise weggezogen.

 

Da sind die Wege draußen ohne Ende

Und wirr, als hätten sie ihr Ziel vergessen,

Als kämen sie aus Schatten von Zypressen,

Die schwarz gelehnt an weiße Friedhofswände.

 

Und in den Straßen tragen auf den Stirnen

Die Menschen alle sonderbare Zeichen,

So daß die Jungfraun den Gefallnen gleichen,

Und wie aus Kinderaugen blicken Dirnen.

 

Da wagen sich die Toten in das Leben,

Und manchen sehe ich, der längst verschieden,

Und wie sein Angesicht vom Kerzenfrieden

Des Katafalkes bleich und ernst umgeben.

 

Und andre schwärmen heiter im Gewühle,

Küsse von gestern auf verträumten Munden

Oder das Lächeln fast erlebter Stunden —

Und morgen lahmt sie schon die große Kühle.

 

Denn was, wie in die Zellen vieler Waben,

Die Glut zerteilt in ungezählte Brände,

Schmilzt jetzt wie weichen Wachses Scheidewände,

Und tot ist lebend, lebend ist begraben.

 

Da weiß ich, daß die Worte, die gesprochen,

Und alle Taten, die vollendet werden,

Verflüchtigend als Klänge und Gebärden,

Nur wirklich sind, solange Herzen pochen.

 

Und daß inmitten all der vielen andern,

Die sich in ihrer Art nach Dauer sehnen,

Wir wenigen, die uns beharrlich wähnen,

Dieselben Wege des Vergessens wandern.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Phantastische Nacht

(Ein Fragment, Geschrieben 1913 in der Mansarde zu Untertullnerbach; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Mittag“ 1917; - Anmerkung von Lilly Wildgans: In Tullnerbach, im Sommer 1913, nach der Geburt seines älteren Sohnes, hatte Anton Wildgans in der Nachbarvilla für sich ein Mansardenzimmer gemietet, um der in den sehr beschränkten Räumlichkeiten stark fühlbaren häuslichen Unruhe wenigstens zeitweise ent­rückt zu sein. Solche freiwillig-unfreiwillige Einsamkeit nun entband zu nächtlicher Stunde gar manchesmal eine Fülle von Visionen, und viel Aufgestautes in dieser Dichterseele brach sich in fast elementarer Entladung Bahn)

 

Wenn ich, von meinen Geistern überwältigt,

Tiefnachts den Blick ins Licht der Kerze hebe,

Verdichtet sich um mich, vertausendfältigt

Geräusch der Stille sich, daß ich erbebe.

Aus der vertraut-gewöhnlichen Kontur

Entwachsen  die entferntern Gegenstände,

Ins Körperlose wandeln sich die Wände,

Unheimlich tickt die kleine Taschenuhr,

Als zöge draußen seiner Schritte Kreis

Einer um mich, der meiner Stunde weiß.

 

Ja, Stunde du, die wie ein Purpurtor

Am Ende dieses grauen Weges kluftet! –

War dies ein Schluchzen? Oder saust mein Ohr? –

ist dies die Linde draußen, die so duftet?

Oder sind Kränze nahe aufgeschichtet?

Ist diese Kerze, die mich mild belichtet,

Die erste, die schon brennt? Und sind die andern

Noch nicht entzündet oder schon verbrannt?

Pulst noch das Blut in dieser meiner Hand?

Verweil’ ich hier noch? Bin ich schon im Wandern?

 

So atmest du am Rand der Ewigkeit,

Die ihrer Fluten kühle Schauer sendet.

Dann wieder ist’s, als stünde rings die Zeit

Um dich in Erz gegossen! Und geblendet

Senkst du den Blick vor so viel Stillestand

Und bist von einem großen Glück versteint;

Oder dich dünkt, daß einer, den du einst gekannt,

Der deine Züge trägt, im letzten Zimmer weint –

Ganz fern im letzten Zimmer, wo vielleicht

Einer vor ihm liegt, den der Tod gebleicht...

 

Und bist dir nie so fremd wie in den Stunden,

Da dich das Überirdische berührt.

Da ist ein Irgendwas aus dir entbunden,

Das dich mit Flügelkraft dir selbst entführt.

In Schwere hilflos haftest du am Staube,

Indes dein heiliger Geist, die leichte Taube,

In Unerreichbarkeiten flügge wird.

Du blickst ihm nach und kannst es nicht erfassen,

Daß er, aus deines Alltags Ich entlassen,

Nach eigenen Gesetzen psalmodiert.

 

Oder bist du’s? Ist es dein eigen Planen,

Wenn aus der Wirrnis banger Brust empor

Von niegehörten Klängen dich ein Ahnen

Umwittert und umrauscht wie Geisterchor?

Sind’s deine Töne, die zum Lied sich sammeln?

Sinds deine Worte, die wie Fieberstammeln

Von deinen Lippen stürzen in die Hand,

Die zitternd sie mit treuen Federstrichen,

Freilich gedämpft, verschwommen und verblichen,

In die Vergänglichkeit des Stoffes bannt?...

 

Und dieses ist der Fluch, der auf uns lastet:

All unser Wirken mündet ins Entfernte.

Zum schweren Säen, nicht zu froher Ernte

Reicht unsre Kraft, wenn sie auch niemals rastet.

Wir setzen an den Weg, der uns bestimmt,

Den Meilenstein mit unsres Namens Kerben;

Doch wenn kein Zweiter unsre Straße nimmt,

So bleiben wir auf ewig ohne Erben,

Und weggewaschen wie ein Kreidestrich

Ist dies unendliche, dies arme Ich.

 

O dies Vergehen! Loos der Allzuvielen,

Die aus dem ewig-schwangern Schoße wimmeln!

Dumpfes Gelichter, das für Schweiß und Schwielen

Ein Leben fristet! Leben? Ein Verschimmeln

Ist ihnen Dasein, ein Zusammennisten

Von Wust und Unrat für den großen Räumer

Der Weltkloake, die nicht auszumisten!

Nur hie und da darin ein trüber Träumer,

Ein weggeworfnes Stückchen Spiegel, das

Den Himmel spiegelte in seinem Glas.

 

Nur spiegelte, nicht etwa wiederschuf!

Das Licht in seine Farben zwar zerstreute,

Jedoch kein Herz bestürzte und erfreute –

Ein Gaukler nur, Prophet auf Widerruf,

Dem vor der eignen losen Weisheit graut!

Eben nur Scherbe, blind und abgehaut

Von einem Ganzen! Einst vielleicht geschaffen

Und vorbestimmt zu eines Ewigen Gefäß,

Nun Firlefanz geworden einem Affen,

Daß er darin begrinse sein Gesäß...

 

Wer gibt, daß du nicht einer bist von diesen,

Gewähr dir? Was ist schon getan, vollbracht?

der Zeiten Tor springt auf, und Riesen

Stehn hoch vor dir in Geistesübermacht.

Und hatten auch in ihren fernen Tagen

Mitgeister viele, doch wo sind sie hin?

Kommt erst die große Flut, so leuchten, ragen

Nur mehr die Türm’ und Berge drüberhin,

Und alles andre, ob Palast, ob Hütte,

Sank in der Wasser ebnendes Geschütte...

 

Am Bahndamm unten läutet ein Signal,

Dreimal drei Schläge! – Wieder tiefe Stille.

Doch nun ein Brausen, und mit einemmal

Um Waldes Biegung nieder in das Tal

Ein Riesenwurm mit greller Feuerbrille!

Aus Eisennüstern Gischt und Purpurstrahl,

Ein jubelnd stürmender Gigantenwille,

Von Raum und Zeit, von Schwere und vom Fall

Die ewigen Gesetze aufzuheben –

Und Menschen lenken ihn! Das ist das Leben!!

 

Und du, in Daches modrigem Gebälk,

Du Grübler über unverbürgte Dinge,

Wirst unter Büchern und Papieren welk

Und schließest dich aus dem bewegten Ringe,

In dem der Menschen kühnes Wirken kreist!

Sei auf der Hut, daß es von dir nicht heißt:

Er ließ in Angst, den Geist nicht zu verlungern,

Der Sinne frohen Hunger ungespeist

Und so, ein unfruchtbarer Narr, den Geist

An Lebens rings gedecktem Tisch verhungern!

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Polterabend

(Geschrieben 1905, Erstveröffentlichung in der Zeitschrift „Die Muskete“, Wien-Leipzig Nr.51 am 20.9.1906; Erstveröffentlichung in Buchform im Gedichtband „Dreißig Gedichte“ 1916 –  Anmerkung von Lilly Wildgans: Für Luise Richter, in deren Familien­kreis der Jüngling so manche ihn bereichernde Stunde ver­lebte)

 

Zu meinem Polterabend, lieber Freund,

bin ich so frei, Sie herzlichst einzuladen.

Fürchten Sie nicht, dass man en masse erscheint,

ich weiß ja den Geschmack von Euer Gnaden.

Ein ganz intimer Kreis von wen'gen Leuten,

die zu den Freunden unsres Hauses zählen.

darunter Sie, der Sie uns mehr bedeuten –

als Dichter - kurz, da dürfen Sie nicht fehlen!

Mein Bräutigam, der Ihnen nicht bekannt,

dem ich von Ihnen viel und oft berichtet,

ein Mann von Gaben, wenn er auch nicht dichtet,

ist Sie zu kennen äußerst schon gespannt.

Auf keinen Fall ist Förmlichkeit vonnöten,

sie kommen im Sakko. - Wahrscheinlich wird

im Garten, wenn das Wetter schön, soupiert.

Blumen und Toaste hab ich mir verbeten.

Und nun adieu! Für heute muss ich schließen.

Am Mittwoch also! Mit den besten Grüßen

von allen (auch von meinem Bräutigame)

verbleib ich Ihre treue ... - Klex und Name.

 

Du liebe, Du vertraute Mädchenschrift,

ich forscht in diesem allerletzten Brief

nach Bitterkeit, nach einem Tröpfen Gift,

und fand ihn doch am Ende nur - naiv.

Ein bisschen Spott, mein Gott, als Troubadour

und armer Teufel wird man nicht verschont

und ist ja doch Staffage nur

im Haus des Glücks, von anderen bewohnt;

und ist ein Geiger, der den wilden Harm

aus seiner Seele in die Saiten weint

und seiner Liebsten aufzuspielen scheint

zu Tanz und Lust in eines ändern Arm;

und ist ein Magier, der Herzen reich

und hoffend macht, das Wunder zu erwarten,

doch dann vor seinem eignen Zaubergarten

Almosen einstreicht, einem Bettler gleich,

und sich nicht kann mit jenem ändern messen,

der Lebe gibt und überdies - zu essen.

 

Der Polterabend kam und war nicht öder,

als solche Abende gewöhnlich sind.

Die Eltern segnen still ihr Kind,

dem Bräutigame gratuliert ein jeder.

Dann kommen sie in Stimmung. Ihre Wänste

sind angemästet, röter die Gesichter.

In feuchten Augen schwimmen irre Lichter

des Pommery betörende Gespenste.

Da fällt ein Glas und dort der erste Toast

von Lippen, die von Wein und Rührung lallen.

Und wie die Kelche aneinander prallen,

da blökt die ganze stumpfe Herde: „Prost!" -

Und Du, Suzon - was ludest Du mich ein?

Kennst du denn deinen alten Freund nicht besser?

So zeigt man dem Verurteilten das Messer,

mit dem man morgen will sein Henker sein.

Ist, glaubst du, meine Phantasie verdorrt,

dass sie sich nicht in Ekelqualen malt,

wie morgen deine schimmernde Gestalt

vor dieses Bockes Blicken sich entflort?!

Doch da, indes zwei Lippen zögernd saugen

am Schimmermunde des Kristalles,

ein langer Blick aus grünerglühten Augen.

Da jauchzt mein Blut, und alles weiß ich, - alles!

Und durch vertrauter Gänge Lampenschimmer

steh! ich mich heimlich in ihr Mädchenzimmer.

 

Da bist du wieder, lieber Dämmerraum.

Im Schatten jede Linie zergangen,

des Mondes Licht in bleiche Stores verfangen.

Da bist du wieder, längst gelebter Traum

tastender Liebe zweier Kinderseelen,

die Schumannliedern und Gedichten lauschten

von Lenau und Musset und sich berauschten

an Wiesenduft und hellen Vogelkehlen

und eines Abends dann beim Verselesen

verwirrt erkannten, süßen Staunens voll,

dass Klänge, Worte, Düfte nur Symbol

für ihrer Lippen erstes Glück gewesen.

 

Und dort, im Hintergrunde, weiß verhangen,

dein Bett, bereit, wie eine weiche Gruft,

des schlanken Leibes letzten keuschen Duft,

die letzten Mädchenträume zu empfangen.

Da huschts herein - so wie sie damals kam,

und alles war wie einst, so dass sie wieder

mein Haupt in ihre beiden Hände nahm,

mir leise küssend die geschlossnen Lider -

Nur dass sie jetzt, an meiner Brust geborgen,

mit einem Mal so stumm ward und so schwer

und dass ein düstres „Nimmermehr"

uns beben machte statt des süßen „Morgen!"

Und wie ihr meine Hand die Wange streicht,

da wird die Hand von heißen Tränen feucht.

Und dann steht sie vor mir, halb Sphinx, halb Kind -

Wie diese rätselgrünen Augen schauen,

wie hart auf einmal diese steilen Brauen

und diese Wangen starr wie Alabaster sind.

Und wie dann noch einmal im Niederneigen

mein Mund an diese kühlen Lippen rührt,

hat sie ein Fremdes mir, ein Traum, entführt -

und diese Lippen sind nicht mehr mein eigen.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932            

 

 

Prolog an die Unbekannte

(Geschieben 1923, Erstveröffentlichung in „Sonette aus dem Italienischen“ 1924 als Vorgedicht)

 

Wenn abendlich geliebte Lampenhelle

Den ernsten Umkreis später Rast begrenzt

Und von den Borden dämmernder Gestelle

Gedämpftes Gold der Bücherreihen glänzt,

Berührt mich oft die geisterhafte Welle,

Die Sinnenkraft zum Übersinn ergänzt,

Und ahnungsvoll bin ich in solchen Stunden

Euch Unbekannten durch Magie verbunden.

 

Wer seid ihr Fremden, die mich tiefer kennen

Als mancher Traute, der mich schaut und spricht?

Wer seid ihr Dunkeln, die an mir entbrennen

Wie Sehnsucht nachts an einem fernen Licht?

Wer seid ihr Lauten, die mich werbend nennen,

Ihr leise Wissenden um ein Gedicht,

Für die, aus Lieb- und Leidesasche glimmend,

Mein Fünkchen Wahrheit tröstend und bestimmend ?

 

Und wer bin ich?  Vielleicht aus euren Lungen

Gesammelt nur ein Odem, der beseelt?

Bin ich der vielen ungelösten Zungen

Die Rede nur, die ihr mir anbefehlt?

Bin ich nur Wehruf eurer Kreuzigungen,

Nur Klarheit dessen, was sich euch verhehlt?

O wie ein Auge, streng auf mich gerichtet,

Forscht ihr in mir und heischet und verpflichtet!

 

Geheimnis diese Macht vom Kern zum Kerne,

In fremdem Schicksal dies Bedeutsamsein!

Als wirkten weltverstreute Brudersterne

Einander fühlend und bedingend ein,

Als wären keine Körper, keine Ferne

Und wir noch unzerteilter Widerschein

Des großen Vaterlichts, das wir verloren,

Als uns ein Weib zur Finsternis geboren ...

 

Schwül ist die Nacht, in dumpfes Wipfelrauschen

Entschlummert schon der Vorgewitterwind!

Nun ruht die Luft, und dunkle Wolkenbauschen

Verhängen stumm die Sterne, die noch sind.

Ein Atemhalten und gebändigt Lauschen

Der durstgequälten Schöpfung!  Da beginnt,

Verkündigend erquickungsreiche Feuchten,

Am Horizont erregtes Wetterleuchten.

 

Und jetzt Erlösung! Wie wenn Wehre brächen,

Die allzulang das Labsal rückgestaut,

Vergießt der Himmel sich in Freudenbächen

Und lacht dazu mit hellem Donnerlaut,

Bis über sattgetrunknen Wiesenflächen

Die ausgestirnte Wölbung wieder blaut

Und wonnevoll aus Erden und aus Lüften

Lobopfer quillt von unsagbaren Düften ...

 

So litt auch Seele in bedrängtem Schweigen,

Denn herb war dieser Laufte Not und Streit,

Doch herber noch die Scham, Gefühl zu zeigen,

Wo jeder Harlekin der Menschlichkeit

In grellen Flicken, wie bei Jahrmarktsgeigen

Sein dürftig Ich in alle Ohren schreit

Und der Gemeinsinn nur sofern am Werke,

Als er den Sinn für das Gemeine stärke.

 

Da fiel ein Klang ein aus besonntem Räumen,
Von strenger Maße edlem Zwang betört,
Und lockte, seinem Träumen nachzuträumen,
Durch Tages Lärm und Wirrsal unverstört.
Und Gnade ward dies willig Sichversäumen
Und in der Zeit, da jeder sich empört,
Gegebner Ordnung fromm sich anzuschmiegen
Und dienend eignen Aufruhr zu besiegen.

 

Und aufgelockert Gottes Samenwürfen,

Ein Frühlingsacker, hingedehnt und groß,

Begierig, allen Segen einzuschlürfen,

Lag Seele wieder tiefstem Wirken bloß.

O wieder Gutsein, wieder Fruchten dürfen!

Schon regte sich geheimnisvoll ihr Schoß!

Und hingegeben anderm Sein und Sinne,

Ward sie der unverlernten Eignung inne.

 

Und so, ihr Brüder stummen Geisterordens,

Ihr dunkeln Augen, die ihr heischend schaut,

Geschah im Nachhall allgemeinen Mordens

Dies kleine Werk, das Demut aufgebaut:

Musik des Südens als Musik des Nordens!

Aus fremden Herzen fremder Menschenlaut,

Verwandelt und erhöht zur eignen Sache

Kraft Herrlichkeit und Macht der Muttersprache !

 

 

 

Anton Wildgans

(1881-1932)

 

 

Prolog zu einer Trauerfeier für weiland Kaiser Franz Josef I.

(Geschrieben im November 1916; Erstveröffentlichung in „Anton Wildgans – Ein Leben in Briefen“ Band 3, herausgegeben von Lilly Wildgans 1947))

 

Da dieser Eine, unser Kaiser, starb,

Inmitten dieser bittern Sterbenszeit,

Da hielt für einen jähen Augenblick

Atem und Pulsschlag weiten Reiches still,

Und eine Liebe, fast schon unbewußt

Durch die Gewohnheit seines Unserseins,

Drang mächtig auf und ward zur Kümmernis.

 

Sein Dasein war uns einst ein rührend Lied,

Herklingend aus der Kindheit Dämmerung,

Und unsern Kindern weiter gaben wir's.

Sein Name war dereinst den Ahnen schon

Gebet der Schlacht. Und wieder, als die "Welt

Die Lenden gürtete in unsrer Zeit,

Ward dieser Name neuer Inbegriff

Für alles Gut und dies geliebte Land,

Und viele Wunder unerhörten Tuns

Und Leidens sahen wir in ihm geschehn.

 

Nun ist dies Lied und dies Gebet der Schlacht

Traurige Weise worden über Nacht.

Von Ebene und Bergen, Ort um Ort,

Vieltausendfach gesammelt zum Akkord,

Wächst sie heran, erfüllend all Gebiet,

Dem toten Kaiser als ein Schlummerlied.

Der, da wir träumten, oft für uns gewacht,

Ihm singt sein Volk und sagt ihm gute Nacht.

Ihm, der verwaltet unser aller Haus,

Dem treuen Wächter flüstert es: Ruh aus!

Magst ruhig schlafen, müder Vater du,

Dein Volk ist stark und hütet deine Ruh!

 

 

 

Anton Wildgans

(1881-1932)

 

 

Prolog zu Thaddäus Rittners Komödie

„Die Tragödie des Eumenes"

(Gesprochen im Burgtheater am 18. November 1921; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Buch der Gedichte“ 1929)

 

Versammelte zu diesem ernsten Fest,

Das einem teueren Gedächtnis gilt,

Staunt nicht zu sehr, daß wir mit leichtem Spiel

Den Tag begehn, der uns das Herz beschwert!

Denn, Freunde, seht: es ist ja Griechenland,

Wenn auch ein etwas unwahrscheinliches,

Wohin uns heute der geliebte Geist,

Der abgeschiedene, traumweit entführt.

Ja, Hellas ist es, und es bildete

Der Grieche, schmückend teuren Staubs Gefäß,

Den Bakchos mit der holden Schar der Knaben,

Den Tanz der Ernten und der Winzer Lust,

Ja, selbst des Eros ungebundnes Spiel,

Mit einem Wort, die heitre Überfülle

Des Seins auf Sarkophag und Aschenkrug.

 

Und nicht nur dies! Auch ändern Brauchs besinnt

Euch Freunde! Ruhet nicht dem toten Fürsten

Als Sinnbild dessen, was ihm Leben war,

Krone und Zepter auf der letzten Statt?

Dem Krieger folgt das Streitroß, das ihn trug,

Dem Meister ziert sein Handwerkszeug den Sarg

Und, der in Tönen schuf, den führt ein Lied,

In Kraft empfangen, in der Lust des Lichts,

Ernst zwar, doch festlich auf den Schattenweg.

 

So tun auch wir mit diesem toten Dichter!

In Kraft empfangen, in der Lust des Lichts,

Dies gütig-heitre und so weise Spiel

Von Eumenes und der Titelia,

Dies Lied der Sehnsucht, dies Gedicht des Lächelns

Beleben wir durch unsre treue Kunst

Und locken so mit seiner eignen Leier

Wohllaut und Sanftmut den geliebten Schatten

Empor zu unsrer Trauer zartem Tag.

 

Denn dieser Eumenes, wer andrer ist's

Als er, der Freundliche, der uns verließ?

Ein Grieche dieser Eumenes, zwar auch

Ein etwas unwahrscheinlicher, jedoch

Gerade drum und, weil nicht allzu ängstlich

Gehüllt in sophokleisches Gewand,

Mehr als ein Grieche, mehr als Widerspiel

Dessen, der ihn erschuf: ein reines Abbild

Des Dichters, aller Dichter, ja sogar

Mehr als dies alles: ach, ein guter Mensch!

 

Ihr werdet ihn verwandt in Träume sehn

Am hellen Tag und so verliebt in Stimmung,

Daß ihn das bloße Wort der Wirklichkeit

Seinselbst beraubt! Und dies ist ihm Verlust,

Ein schwererer, als er ihn tragen kann,

Und den er doch erträgt, ein lächelnd Weiser.

Dann werdet ihr des Eumenes Geschick

Mitleben: wie der Zufall in Gestalt

Von irgendwem, den solch ein Dichter kennt,

Ihn tragikomisch in Gefähr verstrickt

Und seiner Hand ein Tun befiehlt, wovon

Sein Herz nichts weiß. Und f a s t verdürb' er dran,

Behütete ein guter Dämon nicht

Unsichtbar-sichtbar seinen wirren Weg.

 

Und wenn ihr dies gesehen, mitgelebt,

Vom Grazientanz umwittert heitrer Geister,

Dies Urgeschehn in jedes Dichters Sein,

Die edle Ohnmacht, die, an Taten brach,

Dennoch die Kraft ist, Welten zu erschaffen

Und Menschen nach dem eignen Ebenbild,

Dann war es mehr als bloß ein leichtes Spiel,

Dann tut aus seiner frühen Ewigkeit

Ein Menschenaug' sich auf und fühlt euch tief

In eure Augen, und den Widerschein

Von so viel Leuchten edlen Übermuts

Umschattet Wehmut, und die Träne quillt.

 

Indessen aber, Freunde, seid geneigt,

Euch zu vergessen! Denn den Dichter ehrt,

Nur wer ihm willig nachfolgt in den Traum;

Und reicht er euch in der kristallnen Schale

Den Trunk der Freude, zögert nicht, den Rand,

Den schimmernden, den Lippen anzusetzen,

Wär' euch zu trauern noch so sehr zumut!

Denn nicht allein in der Erschütterung

Der Seele, auch im Lachen wohnt der Gott,

Und Sohn des Hades ist Dionysos!

 

 

 

Anton Wildgans

(1881-1932)

 

 

Prolog zum fünfjährigen Bestandsjubiläum der RAVAG (Radio Österreich) am 1. Oktober 1929

(Geschrieben im September 1929; Erstveröffentlichung in „Anton Wildgans – Ein Leben in Briefen“ Band 3, herausgegeben von Lilly Wildgans 1947)

 

Ihr, die ihr hört an diesem Tage, da

Sich uns zum fünften Mal das Wunder jährt,

Das unsre Stimme durch den Äther trägt,

Zu feiern solches und zu grüßen euch,

In dieser Stunde ist mein festlich Amt!

 

Daß eines Lautes Schwingung, fortgenährt

Durch Wellen einer eingeteilten Kraft,

Die Meer' und Kontinente überwirkt,

Dies ist als Tat von Menschen groß genug,

Daß man es preise dank- und ehrfurchtsvoll

Und nicht gedankenlos zu leicht gewöhn',

Was kaum erst kühner Traum von Denkern war.

Doch daß nun du und du und du und du,

Als neigt' ich mich zu deiner Einsamkeit,

Als tröstet' ich an deinem Krankenbett,

Als baute ich in blinder Augen Nacht

Die Herrlichkeit der Welt mit Worten auf,

Daß ihr nicht höret eine Stimme bloß,

Nein, auch den Atem einer Seele fühlt,

Das macht das Wunder erst zum Wunder, denn:

Darin ist Liebe und ein Anbeginn!

 

Was ist der Dünger aller Drachensaat,

Der Zwietracht Speise und des Hasses Trank?

Nur daß einander Menschen hören nicht

Und leichthin von einander wissen bloß,

Was jener schlau und dieser böse sinnt

Im Wettbewerbe, dem entgötternden,

Der Triebe und der Kräfte trüber Art.

Das weiß der Mensch vom Menschen, Volk von Volk,

Von Nützern solchen Wissens arg bedient!

Doch was aus Ungezählten hier und dort,

Aus vielen keusch verschwiegnen Einzelnen,

Aus Menschensehnsucht, die in Zungen spricht,

Aus Menschenrührung, die da überall

Die selbe Träne weint des Glücks und Leids,

Was so sich formt zu ewig Gültigem,

Zur Blüte edler Menschlichkeit und Kunst,

Das hat der Lüge grelle Stimme nicht,

Davon sind nur Gerüchte in der Welt,

Auf die man hinhorcht wie auf Unverbürgt-

Und Fragliches, das längst verweht ist, wenn

Die Stunde da ist, so die Herzen prüft.

Ein Wissen von einander ist dies nicht!

 

Nun aber, Freunde, die ihr hört: ein Mund

Ist uns gegeben! Ein Posaunenmund,

Wenn es Erhabnes gilt! Ein lieblicher,

Ein Flötenmund, wenn Liebliches

Aus unsern Herzen selig aufgeblüht

Den Weg zu ändern Herzen finden soll!

Und so, einander hörend, reißen wir,

Die an der dunkeln Erde Haftenden,

Die Grenzen nieder zwischen Volk und Volk!

Was ficht uns fürder Raum an oder Zeit,

Die plumpen Helfer alles Mißverstehens?

Wir hören, hören ja einander! Und

Hören ist Alles! Denn sein Stoff heißt 'Wort!

Und Wort ist Duft der Seele, süßer Rauch

Vom reinen Brand der Herzen! Wort ist Geist,

Das hohe Wunder, welches Gott beweist.

Aus Worten baut der Dichter eine Welt,

Die überlebt, was sonst zu Staub zerfällt.

Wort ist des Liedes erster Anbeginn,

Und alle Symphonien sind darin.

Wort steht am Ursprung und wird sein am End',

Und wenn kein Wort mehr, stürzt das Firmament,

Das Sternenströmen ungeheuren Lichts

In Nacht zusammen, ohne Wort ist Nichts!

 

So Großes ist es um das Wort, und so

Nehmt auch das Unsre, Freunde, und was sonst

Wir heut euch bieten: eines Dichters Werk

Und dann ein andres, andres Göttliches — Musik!

Und wenn dann du in deiner Einsamkeit,

Und du in der Verzagtheit deines Leids,

Und du in deiner Fremde uns vernahmst,

Dann wißt ihr mehr von uns, als Kunde sonst

Euch Wissen bringen mag von unsrer Art.

Dann träumt ihr hörend goldner Wolken Fahrt,

Die sich in unseren Strömen spiegeln, seht

Das Land, von Lüften Südens überweht,

Atmet die Schönheit, die wir glücklich schaun,

Den Duft der Erde, die wir treu bebaun,

Begreift aus unserer Geigen süßen Klangs

Den Hang zu Künsten und die Lust am Tanz,

Des Urteils Milde und die heitere Kraft,

Und wißt am End' — o höchste Wissenschaft,

Die Mensch von Mensch und Volk von Volk gewinnt -

Warum wir so nur und nicht anders sind!

 

 

 

Anton Wildgans

(1881-1932)

 

 

Prolog zum Schubert-Gedächtniskonzert der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien am 6. März 1928

(Geschrieben Februar 1928; Erstveröffentlichung in einem Einzeldruck 1928; Erstveröffentlichung in Buchform in „Anton Wildgans – Ein Leben in Briefen“ Band 3, herausgegeben von Lilly Wildgans 1947)

 

Von Schubert soll ich sagen? — Arme Kunst

Des spröden Worts, die sich bescheiden muß

Vor so viel Grazie der Melodie

Und so viel Wohllaut, den der Liedermund,

Der holdeste der Welt, ins Ewige sprach!

Und dennoch, Freunde, die zu lauschen ihr

Und ihn zu feiern kamt, um seines Ruhms

Und Preises willen — ach, so schwer es fällt!

An diesem Tag Gedenkens sei's gewagt:

 

Daß er von u n s e r m Blute Blut war, des

Ihn zu berühmen war' ein selbstisch Lob,

Mehr Eitelkeit auf uns als ihm gerecht!

Denn was geschah von denen, die mit ihm

Gelebt, und was — erstund von seiner Art

Ein Mann in unsrer Zeit — geschah' von uns,

Um seinem Werk und Werte liebender

Genugzutun, als sein Jahrhundert ihm?

In seinem Eigensten verschmäht und bloß,

Wo's gestrig blieb, vom Lob der Gestrigen

Bei weitem mehr erniedrigt als erhöht

Ward das Genie auf Erden immer noch,

Und erst der Tod dem nachgebornen Blick

Enthüllt des wahren Wuchses Gipfelmaß.

 

So ist´s Gesetz, und so auch war's mit ihm:

Der Schubert Franz, der kleine Schulgehülf'

Und Organist der Pfarre Lichtenthal,

War seiner Zeit und ihren Besten selbst

Nur eine Hoffnung, die zu bald verstarb,

Und heut, eh wir uns recht besannen, daß

Er unser und ein großer Meister war,

Gehört er schon der horchenden, der Welt,

Und wo in ihr die Menschenstimme singt

Zu Worten deutscher Seele, wo Musik

In Herzen süße Schauder weckt, da blüht

Aus seinen Geigen unsre Heimat auf,

Und seines Ruhmes Lerchenfittich trägt

Auch unsern Namen zum Gestirn empor!

 

Des laßt uns froh sein! Keinen treueren

Anwalt vor seinem Richter hat ein Land,

Als daß es Heimat war Begnadeten.

Macht bricht wie Glas in Torenhänden, Ruhm,

Der von Gewalt kommt, schmilzt wie Märzenschnee

Im Glutwind stärkerer Gewalt, doch wo

Der Genius sein Göttliches gefühlt,

Und hätte sich sein Irdisches auch nur

An trocknem Brot und schlichtem Quell gelabt,

Der Ort hat nicht nur einmal Sinn gehabt!

Was blieb von Hellas selbst und was von Rom?

Ruinen! Foliantenstaub! — Doch was

Anakreon gesungen, was Horaz

In Liedern träumte beim Falernerwein,

Ist ewig, ewig, wenn auch längst nicht mehr

Den Stufenweg zum Kapitol hinan

Die Jungfrau wandelt mit dem Pontifex!

 

Und so, ihr Freunde, gilt es auch von ihm

Und seinen Träumen! Wie der blaue Lauf,

Der unsern Himmel spiegelt, unser Land,

Rauschen auch sie dahin in fernste Zeit,

Und immer noch, wenn unsre Gegenwart

Geschichte schon, ja Sage worden ist,

Zu seinen Jüngern spricht der Musaget:

„Dort, wo der Strom sich zweiteilt, liegt die Stadt,

Da eines Volkes Lieb' und Herzeleid,

Wie's vor dem Tor, am Bach, an Brunnen klang,

Durch edles Maß zum Lied geschaffen ward

Für eine Welt, und Schubert hieß der Mann!"

 

Noch aber sind wir! Leben, heiliges,

Durchglüht die pochenden, die Pulse uns

Und läßt uns wirken in der Sonne Licht!

Es ist nicht immer leicht, meist ist es schwer

Nach all dem Sturm, den unser Volk bestand,

Doch manchmal sind auch Feste, ob wir nun

Daheim die Saiten stimmen oder ob

Im größeren Kreise Dienst am Werk geschieht,

Und immer ist es auch ein Schubertlied!

Da fällt die Hast ab, die uns sonst verstört,

Die Sorge schläft, von holder Kunst betört,

Was sonst auch nötigt, wach und hart zu sein,

Die Seele geht in große Ruhe ein,

Und froh in seinem Geisterhauch zurück

Tönt Botschaft Wanderern uns: Hier ist das Glück!

 

 

 

Anton Wildgans

(1881-1932)

 

 

Prolog vor der feierlichen Aufführung der Neunten Symphonie von Ludwig van Beethoven am 8. November 1925

zur Fünfzigjahrfeier der Erhebung des tausendjährigen Ortes Mödling zur Stadt

(Geschrieben Oktober 1925; Erstveröffentlichung in einem Einzeldruck 1925; Erstveröffentlichung in Buchform in „Anton Wildgans – Ein Leben in Briefen“ Band 3, herausgegeben von Lilly Wildgans 1947)

 

Du traute Stadt im heitern Wienerwalde,

Gegrüßt und hochgelobt zu deinem Fest!

Wie ruhst du schmuck an weißer Felsenhalde

Und immer überrauscht vom Schirmgeäst

Der sturmgeduckten schwarzen Wetterföhren,

Die zeichenhaft zu deinem Bild gehören.

 

Gesegnet Land, das sich von dir aus weitet:

Die Ebene, zu reicher Frucht gewillt,

Besonnte Lehnen, südlich hingebreitet,

Wo herb und süß die Heimattraube schwillt,

Und gegen Westen, wechselnd ohne Ende,

Wiesengebiet und sanftes Laubgelände.

 

Umsonst nicht ist von deinem Gotteshause,

Du alte Stadt, Sankt Othmar der Patron.

Dem frühen Gründer von Sankt-Gallens Klause

Verlieh der Herr als wackern Wandels Lohn

Ein unversieglich Läglein guten Weines

Zur steten Stärkung Geistes und Gebeines.

 

Solch ein Geschenk von unerschöpfter Fülle

Ist auch um dich die reizende Natur,

Ob eingemummt in weiße Winterhülle,

Ob auf des Frühlings bunter Blütenspur

Der Sommer tastet nach des Herbstes Fährten

Im freien Hag und in verträumten Gärten.

 

So bist, so warst du immer ein Geschmeide

In unsrer Heimatstädte schönem Kranz;

Hier zog schon Walther von der Vogelweide

Auf seinem Rößlein zu des Hofes Glanz,

Und zwei der hehrsten aller Menschennamen

Leuchten aus deinem tausendjährigen Rahmen.

 

Der eine Name eines großen Dichters,

Der mit der Liebe für sein Vaterland

Das weise Urteil des gerechten Richters

Für seines Volkes Wert und Fehl verband;

Einer von jenen, so wir immer brauchten:

Grillparzer ist der Name des Erlauchten.

 

Der andere ein fernher Zugereister,

Dem unser Land der Heimat Halt beschied:

Beethoven ist es, der gewaltige Meister,

Dem seiner hohen Messe festlich Lied,

Der Fügung schwersten Leides abgerungen,

In dir, du Stadt, zum ersten Mal erklungen.

 

Vielleicht ein Zufall in der Zeitenreihe,

Und doch für dich ein Schicksalswink und Glück:

Es gab die Kunst durch ihre höchste Weihe

Dir dein Geschenk des Friedens reich zurück,

Und deiner Landschaft ernst und frohe Schöne

Lebt fort in einem Menschheitswerk der Töne.

 

Sie lebt und du mit ihr! Und leben, blühen

Sollst du auch wirklich! Dies der Festesgruß.

Gesegnet all dein tätiges Bemühen

Für jene Gabe an den Genius!

Und mögest du der Lockung widerstehen

Und deiner Sendung wahre Wege gehen!

 

Die führen nicht zum Ehrgeiz des Erweiterns,

Zum Großstadtfrevel wider die Natur!

Nein, bleib du Zuflucht, Quellgrund des Erheiterns

Dem Geiste, der sich sammeln will! Denn nur

Nach dem, was eine Stadt dem Geist erwiesen,

Wird sie vergessen oder hochgepriesen:

 

Dem Geiste, diesem ewig unerbetnen

Gaste und Fordrer bei des Lebens Mahl,

Dem Geiste, diesem in den Staub Getretnen,

Wenn zwischen ihm und roher Gier die Wahl,

Dem Geiste, der sich dennoch aus dem Sumpfe

Noch jeder Zeit emporrang zum Triumphe! —

 

So rauscht auch fürder über unsern Wegen,

Ihr schwarzen Föhren, euern Windgesang!

So blüh auch fürder uns, du goldner Regen,

Wenn Frühling ist, auf dunklem Hügelhang!

Und, Sankte Othmar, uns zu Häupten hausend,

Behüte uns ein weiteres Jahrtausend!

 

Ja, hüte uns! Denn doppelt bist du worden

Uns ein Symbol. Ertönt doch jedes Jahr

In innigen, erhabenen Akkorden

Das Menschheitswerk von deinem Hochaltar,

Und immer wieder kling' es dem Gedränge

Herbeigeströmter, andachtsvoller Menge!

 

Andacht auch heut! —: Bereit sind schon die Geigen!

So tut euch auf und laßt den Alltag fliehn!

Auch heute, soll ein Lied des Meisters steigen!

So ehren wir am besten uns und ihn!

Und jedes Herz in diesem Festgebäude

Erschüttere der Hymnus: An die Freude!

 

 

 

Anton Wildgans

(1881-1932)

 

 

Prolog zur Grillparzer-Feier der Stadt Wien im Burgtheater

(Gesprochen von Max Devrient am 21. Jänner 1922; Erstveröffentlichung in einem Einzeldruck 1922; Erstveröffentlichung in Buchform in „Anton Wildgans – Ein Leben in Briefen“ Band 3, herausgegeben von Lilly Wildgans 1947)

 

In Geistes Namen, der uns heut vereint

An dieser Arbeitsstätte höchster Kunst,

Gegrüßet seid, ihr Väter dieser Stadt,

Die dieses edle Fest ins Werk gesetzt!

Gegrüßet ihr, gewählte und ernannte

Lenker des Staates, der sich dankbar heut,

Lorbeerbereit, dem ernsten Schatten naht!

Und auch willkommen all ihr anderen,

Gewillte ihr, zu lauschen und zu schauen,

Wie man zu Wien, der Stadt in Österreich,

Den Dichter ehrt, den Sohn des Vaterlands!

 

Fürwahr den Dichter! Keinen größeren

Gebar dies Volk! —Jedoch davon zu sprechen

Wär' Überfluß! Zumal auf diesen Brettern,

Die er schon ein Jahrhundert so belebt,

Daß Traum ein Leben wird und Leben Traum,

So oft der Reigen der Gestalten, denen

Er die begnadete Musik des Worts

Mitgab auf ihren Weg zur Ewigkeit,

Antritt zum Tanz bewegter Phantasie.

 

Und dann, ihr Männer, Frauen, Freunde all:

Daß er ein Dichter war, dies müssen wir

Teilen mit den Gebildeten der Welt.

Doch daß er d a, in unsrer Vaterstadt,

Geboren ward, aufwuchs und wurde, was

Er endlich war, daß noch die Gärten blühn,

Die alten Gassen dämmern, daß noch Häuser,

Paläste ragen, die schon er betrat;

Daß die Gebäude, wirkend um die Stadt,

Die Hügel, rebenübergrünt, die Berge

Geweiht von seinem Blick sind, eingespiegelt

In seiner Verse traulichen Kristall,

Daß er uns kannte, uns erkannte, wie

Wir wirklich sind, mit allem unseren

Ganzen und Halben, Gütigen und Lauen,

Und dennoch uns gerade so geliebt,

Ja mehr noch, uns in allem Besten glich

Und nur die Schlacken abwarf unsres Golds —

 

Dies bringt ihn näher uns als einen Dichter,

Und war' er noch so groß, dies schafft ihn zum

Symbol für unsre Art, zu sein, und macht

Den Genius der Kunst, der er der Welt,

Auch noch zum Genius des Vaterlands.

Einst freilich war dies Vaterland ein andres,

War stolz ein Haus, in dem der Zungen viele

Erklangen, hörbar in dem Rat der Welt.

An seine Stufen schmiegte sich das Meer

Und seine Türme, glitzernd hoch in Eis,

Hielten die Schau an üppigem Südens Tor,

Indessen nördlich wogend Ackergold

Die Grenzen überfloß, die Sprache schuf,

Und blau der Strom beredtes Spiegelbild

Des deutschen Kernlands gegen Aufgang trug.

So sah noch er, der ihm gedient, dies Land,

So sahen's jüngst noch Nachgeborene wir

Und liebten es und opferten ihm Blut.

Doch angenommen ward das Opfer nicht.

 

Da stehn wir nun im abgebrannten Haus,

Die Trümmer rauchen noch vom Haß der Zeit,

Und hoffnungsmatt sucht der verstörte Blick

In Schutt und Asche einstigem Hausrat nach.

Doch sieh, da schimmert's plötzlich hier und dort

Im Wust! Ist's-nur die Träne, die das Äug'

Verwirret? Oder sind es Schätze, Adern

Von Gold im Felsgrund unseres Gevierts?

O Anblick, seliger, o Rausch des Glücks!

Die Fenster auf, die noch vom Brand geschwärzt,

Und Sonne überwältigend herein!

Und da gewahren wir's und stehn erschüttert,

Daß wir nicht Bettler sind, wenn auch an Brot

Wir darben! Denn besät von Perlen ist

Die Brandstatt unseres Hauses, und empor

Aus Aschenwust erheben sich die Geister

Und tragen ihrer Gaben Fruchtgeschmeide

Wie leuchtende Monstranzen vor sich her!

Und unter ihnen, ragend wie der Turm,

Der elfenbeinerne, ein gütiger Greis,

Die Stirn umspielt vom Silber, das einst Blond,

Das blaue Auge, ernst und schalkhaft doch,

Uns lächelnd, so wie Kindern, die verzagt!

Und mit den Armen, liebend ausgespannt,

Als wollte er umfassen alle uns

Und drücken an die Vaterbrust, weist er

Im Kreis umher auf Berge, Strom und Land!

Da fallen Schuppen uns von Augen und

Wir sehen, sehn! — Schauen die Heimat wieder,

Die Heimat! Oh, nicht mehr als ein Gebiet

Der Macht! Denn wir sind klein geworden, schwach

Im Rat der Völker! Aber doch die Heimat!

Dies Kleinod Gottes, dieses Paradies

An Schönheit! Und wir schaun die Menschen, alle,

Die es bewohnen, heute noch gebeugt,

Doch übermorgen oder leicht schon morgen

Mutig besonnen ihrer Kraft, zu tun,

Zu schaffen, zu genießen, sich zu freuen!

Nicht mehr am Tand der Macht, am Flitter

Vergänglich-schalen Prunks, nein, an des Geistes

Heiligen Sakramenten, deren höchster

Priester in unserem Vaterlande — Er!

 

O Österreich, du Land am Rand des Aufgangs,

Du Land, wo Menschen wohnen, freundliche!

Wenn einst am Tag, den die Geschichte hält,

Die Hand, die Weizen sondert von der Spreu,

Auch dich berühren wird, und wenn der Mund,

Der unerbittliche, dich fragen wird: Was tatest

Du mit dem Pfunde, das ich dir geliehn? —

Dann wird nicht zählen, was die Macht vollbracht,

Die blutige des Schwerts, dann wird nicht wiegen

Gewicht der Stimme in dem Rat der Welt!

Nein, in dem härenen Gewand der Not,

Im Striemenpurpur der Erniedrigung

Magst du geruhig vor die Schranken treten

Mit jenem Besten lächelnd an der Hand!

Und um des Einen, den dein Schoß gebar

Und so gebildet, daß er wie die Blüte

All unsrer Erde Süßigkeit und Duft

Aufsog und unsres Bluts und Geistes

Köstlichsten Stoff in sich zur Frucht gereift,

Um dieses Einen, der wie ein Gestirn

Die Zeiten überstrahlt, um diesen Sohn,

Du Mutter unser, wird dir viel verziehn!

 

 

 

Anton Wildgans

(1881-1932)

 

 

Prolog zur Vorstellung des Deutschen Volkstheaters am 31. März 1917 zugunsten der sechsten österreichischen Kriegsanleihe

(Geschrieben in Mönichkirchen am 20. März 1917; Erstveröffentlichung in „Anton Wildgans – Ein Leben in Briefen“ Band 3, herausgegeben von Lilly Wildgans 1947)

 

Versammelt ihr an dem vertrauten Ort

Ernst-heitern Spiels, dem ihr so oft gelauscht —

Bevor der Vorhang auseinanderrauscht,

Erlaubt auch mir ein ernst und heiter Wort.

Wofür es heute gilt, das wißt ihr ja.

Mit strengen Gründen will ich euch nicht plagen,

Entschieden, Gründe nur, was wäre da,

Was ihr nicht längst schon wüßtet, noch zu sagen?

Auch jene fragten nicht nach dem Warum,

Die so wie wir an Herd und Heimat hingen

Und dennoch stark dem Tod entgegengingen

Für dieses Land, das unser Heiligtum.

 

Denn wir sind Österreicher! Wißt ihr, was das heißt?

Wir hatten es beinahe schon vergessen.

Da kam der Krieg, und wunderbar besessen

Ward unser Volk von seinem eignen Geist.

Dies ist kein Geist, der Haß und Zwietracht sät,

Dem Krieg Erfüllung ist und Siegen Prahlen,

Kein Rachegeist, Erlittnes heimzuzahlen,

Und dennoch stark ist dieser Geist wie ein Gebet.

 

Daß wir auch Fehler haben — lieber Gott —"•

Das wissen wir als alle ändern besser.

Wir legen an uns selbst die schärfsten Messer

Und geißeln uns mit unserm eignen Spott.

Wir haben uns sogar zurückgesetzt,

So litten wir's von anderen auch zuletzt.

Damit, ihr Freunde, gilt es jetzt zu brechen,

Und was wir sind, schlichtgläubig auszusprechen.

 

Ja, wir sind Österreicher, wir!

Ein tapfres Volk und dennoch voller Güte,

Am Stamm der Menschheit eine lichte Blüte

Und ihrer Liebe aufrechtes Panier.

Von unserm Wesen wird nach diesem Krieg,

Wenn wieder Volk zum Volke darf gelangen,

Mehr Leuchten ausgehn als von manchem Sieg,

Den wir und andre mit dem Schwert errangen.

 

Von unsres Leidens wahrer Heilandskraft,

Von unserm Opfermut in Todesnöten

Viel mehr des Ruhms als von der Meisterschaft,

Einander zu bekämpfen und zu töten.

So sind, so bleiben wir, so wird die Welt,

Wenn erst der Haß vertobt ist, uns erkennen,

Uns wird der Bruder, der um uns gefehlt,

Als erster wieder seine Brüder nennen.

Denn unser Geist, die anderen zu achten

Und dennoch „wir" zu bleiben unbedingt,

Ist ja der Preis, nach dem sie alle trachten,

Um den die Menschheit jetzt so blutig ringt,

Daß er zum allgemeinen Gute werde,

Sei unsres Volkes Sendung auf der Erde.

 

Bis dahin stehen wir, wo jeder muß,

Gewehr im Arm, Faust stark zum Gegenhiebe!

Bis dahin gebt aus eurem Überfluß!

Gebt nicht aus Gründen, gebet, gebt aus Liebe!

Verschwendend gebt und gern, aus voller Hand

Für unser tapfres Volk und für das Land,

Das uns als Heimat gnadevoll beschieden!

Gebt! Nicht für andrer Völker Niederstieg!

Nur heut noch heißt, wofür ihr gebet, Krieg.

Wir wollen nichts als unsres Geistes Sieg,

Denn dieses Geistes Sieg heißt — Frieden! Frieden!

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Rast zu Mittag

(Geschrieben 1929, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Buch der Gedichte“ 1929 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Ein für die ganze Wesensbeschaffenheit von Anton Wildgans sehr aufschlußreiches Gedicht. Die beiden Pole seiner Einstellung zum Leben und zu seiner Kunst sind darin eindeutig umrissen. Jene um 180 Grad auseinanderliegenden Bedingnisse, die beide ihre unabweislichen Forderungen in dem Künstlermenschen erhoben, konnten gar nicht schärfer beleuchtet werden, als es hier geschehen ist)

 

Gefällte Stämme, blankgeschält,

Sind aufgehäuft am Straßenrande,

Ein Duft von Harz und Hitze schwelt

Von ihnen auf im Sonnenbrande.

 

Da bett' ich mich und liege hart

Und liege doch so weich in Träumen,

Hoch oben stille Wolkenfahrt,

Tief unten Sturzbachs dumpfes Schäumen.

 

So ist mir zwiefach auch zumut:

Im Haupt Gedanken, klarbeschwingte,

Doch tiefer unten rauscht das Blut,

Das finsternis- und erdbedingte.

 

Es rauscht das alte Schicksalslied

Vom Abgrund, der die Welten scheidet,

Vom Leben, das den Geist verriet,

Vom Geiste, der das Leben meidet.

 

Und ist doch, der es tiefer kennt,

Dem Lauscher in der Stürze Toben

Ein und dasselbe Element:

Der Urlaut unten und die Stille oben.

 

 

 

Anton Wildgans

(1881-1932)

 

 

Rat

(Geschrieben 1895/96, Erstveröffentlichung in „Hippodameia“ 1962)

 

Wenn eine Woge schnell und wild
Zertrümmert deinen Kahn,
Knie nicht vor einem Heiligenbild
Und bet's verzweifelt an.

 

Der Heiland sprach: Ich bin in euch

In aller Ewigkeit, wie ihr,

Die mir an Liebe gleich,

In mir auch ewig seid.

 

Drum, wenn du bist in Leid und Not,

Geh hin, wo man dich liebt.

In Menschenliebe wohnt der Gott,

Der uns die seine gibt.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Rat dem Toren

(Geschrieben 10.5.1917 in Mönichkirchen, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans – Anmerkung von Lilly Wildgans: Die doppelte Welt, die Anton Wildgans in sich trug, ist auch hier wieder angedeutet: auf der einen Seite die Sehnsucht nach Einsamkeit und Weltab­kehr, sobald sich das künstlerische Gewissen meldet; und dann wieder als Gegenpol das Hingetriebensein zu Leichtig­keit und Freundlichkeit des Lebens. Die Hingabe an die eine Wesensseite barg gleichzeitig auch quälende Visionen von der anderen Erfüllungsform. Immer wieder war der Kampf mit der „Stimme im Traum des Künstlers" zu bestehen. Un­erbittlich war ihre Forderung und verlangte stets aufs neue das Opfer an allem, was andere Menschen entspannt und beglückt. Und immer wieder auch ward das Opfer von dem Dichter, der die „Stimme" vernahm, gebracht)

 

»Nichts vermag mich zu berauschen,

Denn die Welt ist nicht für mich.

Mögen andre Küsse tauschen,

Ich will schweigen, ich will lauschen

Auf die Stimme innerlich.

 

Dort entsteht mir mein Vergnügen,

Und die Wahrheit, sie ist dort.

Menschen täuschen und belügen,

Und die Sinne, sie betrügen —

Falsche Münze ist ihr Wort!« —

 

Tor, du gehst auf irren Pfaden;

Wie die Tafel auch bestellt:

Alle sind wir eingeladen.

Sei nur selber voll der Gnaden,

So begnadet dich die Welt.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Sankt Othmar

(Geschrieben 17.3.1928 in Graz, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Gedichte um Pan“ 1928 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Mödlings alte Pfarrkirche, die sich, nahezu einen Bestandteil unseres Gartens bildend, nur wenige Meter von der Zaungrenze entfernt erhebt und da­durch in unser tägliches Leben miteinbezogen ist)

 

An meinem Garten ragt ein Gotteshaus uralt

Mit grauen Mauern auf in gotischer Gestalt.

 

Der nahe Bruch gab Stein, das Holz der nahe Berg,

So strebt der Pfeiler auf und Firstes Balkenwerk.

 

Die diesen Bau erdacht, ihr Schicksal ist nicht kund,

Die toten Meister nennt kaum der Legende Mund.

 

Um so lebendiger verblieben ist der Stein,

Dem Efeu gibt er Halt, die Güsse schlürft er ein.

 

Die Schwalbe unterm Sims hat ihren Nestbesitz,

Der Tauber gurrt vom Dach, das Echslein haust im Ritz,

 

Und eh' noch Frühling ist in jedem jungen Jahr,

Zu Liebesflug und Brut einzieht ein Falkenpaar.

 

Dann treiben Gras und Strauch aus Moos- und Mauerwerk,

Und was der Mensch getürmt, ist wiederum ein Berg. —

 

Das nenn' ich eine Kunst, die ihres Schöpfers Spur So stolz vergessen macht und heimkehrt in Natur!

 

Wir ändern bringen es mit Müh' und Not zu End',

Daß man uns selbst noch weiß und unser Werk nicht kennt.

 

Das kommt vielleicht daher, daß wir zu sehr vertraut Auf Menschenkunst und -gunst und nicht für Gott gebaut.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Schweigen der Nacht

(Geschrieben und übertragen aus dem Italienischen 1924, Erstveröffentlichung in „Sonette aus dem Italienischen“ 1924; Sonette von Giosue Carducci 1835-1907, Italien)

 

O tiefe Nacht, die weit und einsam blaut,

Sichtbarer Schlaf du der erschaffnen Welten

Auf öden Höhn, wo böse Wetter schelten,

Und auf der erde, die der Mensch bebaut –

 

Und Schatten ihr, von keuschem Licht betaut,

Und Himmel du mit glitzernden Gezelten,

Formen des Lichts, die unserm Schicksal gelten,

Ihr, allen Wesen mystisch angetraut –

 

Und du auch, Pilgrim silberner Gefilde,

Der seiner Strahlen klares, bares erz

Auf jede Brust legt mit der selben Milde –

 

O sagt, was soll dies Sehnen rätselwärts

Uns arme Gilde irdischer Gebilde?! –

Doch ihr bleibt ohne Regung, ohne Herz.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Sehnsucht

(Geschrieben vor 1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

Die bleichen Wasserrosen

Schwimmen im glitzernden See

Und lassen die (Wellen umkosen

Ihr einsames blühendes Weh.

 

Die Wellen mit Silberstimmen

Singen ein Schlummerlied;

Die Wasserrosen schwimmen

Und schliessen die Augen müd'.

 

So möcht' ich im (Wellenschaume

Abtun all' meine Pein

Und einmal noch nur im Traume

So rein und einsam sein.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Selbstbildnis des Dichters

(Geschrieben und übertragen aus dem Italienischen 20.4.1924, Erstveröffentlichung in „Sonette aus dem Italienischen“ 1924; Sonette von Ugo Foscolo 1778-1827, Italien)

 

Gefurcht die Stirn, tiefliegend-scharf der Blick,

Fuchshaarig, Wangen welk, ein kühn Gesicht,

Heißfeucht der Mund, die Zähne blank und dicht,

Breitschultrig, Haupt geneigt, ein stolz Genick.

 

Der rechte Wuchs, die Tracht von edlem Schick,

Gang, Denken rasch, die Rede kurz und licht,

Rechtschaffen, menschlich, nüchtern, nobel, schlicht,

Abhold der Welt und unhold mir das Glück.

 

Des Worts bisweilen, oft der Tat ein Held,

Einsam zumeist, doch stets in Leid und Last;

Beweglich, zäh, jähzornig, hastgequält.

 

An Fehl und Vorzug reich, Enthusiast

Kühler Vernunft und doch gefühlsbeseelt,

Gilt es, zu tum. Im Tod erst: Ruhm und Rast!

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Seliger Tag

(Geschrieben Mai 1917 in Mönichkirchen; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Mittag“ 1917; - Anmerkung von Lilly Wildgans: Als Anton Wildgans im Mai 1917 nach Mönichkirchen gefahren war, um an seinem begonnenen Drama „Dies irae" weiterzuarbeiten, überfiel ihn plötzlich mit elementarer Gewalt das Bedürfnis, Lyrik zu schreiben. Darüber berichtet ein Brief an mich: „Habe heute und gestern gute Tage gehabt. Zwar nicht an dem Drama, aber dafür habe ich die neue Gedichtsammlung in Angriff ge­nommen, und da flössen mir mühelos neue und zum Teil wirklich schöne Verse zu: fünf neue Gedichte sind in weni­gen Stunden entstanden. . . Ich hoffe, wenigstens mit einem neuen Gedichtband aus Mönichkirchen zurückzukehren, was auch sonst nicht zu verachten wäre. Ein wohlgelungenes und durchgearbeitetes Gedicht bereitet mir eine große Befrie­digung, das muß ich schon sagen.")

 

Heut ist der Tag vom Lerchentrillern licht.

Es glänzt empor wie silberne Fontänen,

Zerglüht, zersprüht in lauter Freudentränen,

Netzend des Frühlings blühend Angesicht.

 

Und mir entformt Gedicht sich um Gedicht!

So wollte einst des Jünglings Geber-Sehnen

Mit Gut der Seele Weib und Welt belehnen;

Doch Welt blieb kalt, und auch das Weib kam nicht.

 

Heut freilich lohnt bisweilen Widerklang

Des Mannes herbgewordenen Gesang

Und auch aus Frauenblick grüßt manches Glänzen.

 

Doch ich bin längst mir selber angetraut,

Lausche befreit der Lerchen lichtem Laut

Und bin für jene jenseits aller Grenzen.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Sommerliebe

(Geschrieben und übertragen aus dem Italienischen 20.5.1923, Erstveröffentlichung in „Sonette aus dem Italienischen“ 1924; Sonette von Lorenzo Stecchetti 1845-1916, Italien)

 

Wir liebten uns, als blauer Lüfte Schweigen

Und Sonnenglut auf blonden Ähren lag.

Die Eichen schatteten mit breiten Zweigen,

Wo deine Lust bacchantisch meiner pflag.

 

Die süßen Schwüre, die Verliebten eigen,

Die heitern Künste, die Begier vermag,

Was andere verschweigen und nicht zeigen,

Vertrauten wir dem flammenhellen Tag.

 

Und dann ward Herbst. In langen Zügen kehrten

Die Raben wieder, und auf trauten Fährten

Tu’ ich nun einsam manchen Waldesgang.

 

Die Eichenblätter, die der Frost versehrte,

Fallen im Wind. – Ach deine Liebe währte

Nur einen Sommer, einen Sommer lang.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Sommermittag

(Geschrieben 3.12.1911; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Mittag“ 1917; - Anmerkung von Lilly Wildgans: Mit dem verdüsterten Anton Wild­gans der Jugendjahre war nach der Verheiratung eine wesent­liche Veränderung vor sich gegangen. Als müßte er viel Versäumtes aus seiner Knabenzeit nachholen, kam nun in ihm etwas geradezu bubenhaft Übermütiges zum Vorschein, und er wirkte dadurch — im Gegensatz zu früheren Zeiten, wo er weit über sein Alter hinaus ernst erschienen war — so jung, daß ich mich meines lebhaften Protestes erinnere, als mir der Neunundzwanzigjährige eines Tages das Gedicht „Sommermittag" vorlegte, das mit den Worten beginnt: „Mein Frühling schwand — so mag mein Sommer kommen". Dünkte mich doch, sein Frühling sei eben erst in Erschei­nung getreten. Vielleicht hatte dieses „Sich-älter-Empfinden" als er tatsächlich war, seinen Grund darin, daß er der Erfahrungs- und Erlebnisreife nach seinem eigenen Lebens­alter immer voraus war)

 

Mein Frühling schwand; so mag der Sommer kommen!

Noch hab’ ich leicht des Wegs ein gutes Stück.

Was Jahr und Tag an liebem Trug genommen,

Gab reifende Erkenntnis reich zurück.

War doch, was dämmernd sich und traumverschwommen

Ankündigte, nur selten Wert und Gück.

In klaren Mittags rüstigem Beginnen

Ist höheres Genügen und Gewinnen.

 

Auch für den Dichter. Seiner Priesterstrenge

Ziemt nicht nur Traumes rätselratend Spiel.

Die Menschheit achtet nicht der eitlen Klänge

Gepflegter Sätze ohne Blut und Ziel.

Sie will, daß einer all ihr Kreuz umschlänge

In Liedes Inbrunst und nicht allzuviel

Vom eignen Weh und Wesen Worte mache,

Sich selbst zu nah und fremd in ihrer Sache.

 

Nicht, was sich irgendweit in abgelegnen

Bereichen künstelnden Gefühls begibt,

Sich selber will sie im Gedicht begegnen,

Ihr Allgemeines, wie sie ringt und liebt,

Ihr eigen Irren zwischen Fluch und Segnen,

Ihr Gut und Bös, gewogen und gesiebt;

Im Ewigmenschlichen will sie den Meister,

Das Seltsame ist für begrenzte Geister.

 

So tu dich auf, mein sommerlich Gelände!

So rausche, mittags feierlich Geläut!

Hell wogen rings der Saaten goldne Brände,

Und sind auch rote Mohne eingestreut,

An Schlaf gemahnend und an Wirkens Ende,

Noch bin, noch wachse ich durch Leid und Freud’,

Noch sing’ ich gern dem heiteren Gedränge,

Doch auch im Abgrund finde ich Gesänge.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Sommernacht am See

(Geschrieben 1925, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

Die Gespensterstunde säuselt

In den dunklen Bäumen mild.

Ganz zerklitzert und zerkräuselt

Auf dem Teich des Mondes Bild.

 

Stiller werden nun die Lüfte,

Wärmer dem Gefühl –

Und die aufgeregten Düfte

Stehen schwer und schwül.

 

Mählich sänftigt sich die Welle,

Schwarzer Spiegel wird die Flut,

Abgegrenzter jede Helle,

Und die bleiche Scheibe ruht.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Sonett

(Geschrieben 1912; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Dreißig Gedichte“ 1916)

 

Oh, selig, starker Arme Werk zu tun,

Ein Ding zu formen mit gewandten Händen

Und jeden Tag ein Greifbares vollenden

Und abends müd zu sein und auszuruhn.

 

Es kann der Geist im Fertigen von Schuhn

Tiefres Genügen finden und Bewenden

Als in des Denkens höchsten Gegenständen –

Oh, selig, starker Arme Werk zu tun.

 

Wir andern fügen fiebernd Traum an Traum

Zum Babelturme schwärmender Gedanken,

Im Geist schon ragend an den fernen Saum

 

Goldner Wolken, und erkennend kaum

Von des Gerüstes allerhöchsten Planken

Die liebe Erde, Menschen, Tier und Baum.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Sonette an Wien

(1909 - Frühe Fassung von „Ich bin ein Kind der Stadt")

 

Du liebe Stadt, du herrliche, du meine,

so traut wie einer Mutter Angesicht

in dem ein jedes Fältchen gütig spricht

mit zärtlich leiser Stimme wie sonst keine.

 

Ich bin so übervoll der Widerscheine

von dir - vielleicht ist meine Seele nicht

viel mehr als dieser Hauch, dies Licht,

das dich umweht, dein Grün und deine Steine.

 

Und bin der flutend namenlosen Menge,

die deine Straßen wandert im Gedränge,

ein Pünktchen nur, um welches du nicht weißt.

 

Und hab in deinem altgewohnten Kreise

gleich einem fremden Gaste auf der Reise

kein Stückchen Erde, das mein Eigen heißt.

 

 

 

Anton Wildgans

(1881-1932)

 

 

Sonne

(Geschrieben 1895/96, Erstveröffentlichung in „Hippodameia“ 1962)

 

Dich liebe ich, Sonne,

Weil du mehr bist

Als der Himmelskörper,

Der nach ewigen Gesetzen

Seine Wege wandert,

Seine Werke wirket.

Ich glaube, daß du lächeln

Und lieben kannst wie ich.

D:aß du beglücken willst

Und die Blumen lieb hast

So wie ich;

Daß du mich erhellen

Und erglühen willst

Zu herrlichem Leben

Und heiliger Andacht —

Und darum liebe ich

Dich, Sonne,

So wie du mich.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Sonne

(Geschrieben vor 1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

Die Sonne lacht mir zum Fenster herein

Und sagt mir mit ihrem frohen Schein,

Ich soll' mich nimmermehr quälen —

Doch drinnen in ihrem goldenen Strahl

Da wirbelt der Stäubchen unendliche Zahl

Sind lauter jubelnde Seelen.

 

Doch rückwärts in düsterer Dunkelheit,

Da harren noch mehr schon so lange Zeit,

Bis auch ihnen der Himmel entglommen.

Das Zimmer ist tief, das Fenster klein,

Für sie kann die Sonne nicht herein,

Der Heiland — ihr Heiland nicht kommen.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Spruch auf den Weg

(Geschrieben 1917; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Mittag“ 1917; - Anmerkung von Lilly Wildgans: Des Dichters Wunsch ging dahin, für seinen Sohn Friedrich eine Art Stammbuch anzu­legen, in das sich nur Menschen von besonderem Format — sei es im Künstlerischen, sei es im rein Menschlichen — einschreiben sollten. Diese Absicht wurde denn auch etwa um das Jahr 1914 verwirklicht. Mit diesem Gedicht „Spruch auf den Weg" eröffnete Anton Wild­gans das Buch für seinen älteren Sohn. Wieviel Wert er einem Widmungsgedicht gerade an solcher Stelle beimaß, zeigen mehrere im Nachlaß gefundene Entwürfe, die den Gedanken­gang von verschiedenen Gesichtspunkten her zum Ausdruck bringen wollten)

 

Kind, du wirst leben, wenn ich nicht mehr bin!

So hör’ mir zu von dieses Lebens Sinn:

Es ist nicht Glück, nicht Schmerz, nicht Ernst, nicht Spiel,

Es ist nicht dies und das und dennoch viel.

Die Brücke ist es zwischen Ruh’ und Ruh’

Der Schlagbaum hebt sich hier, dort fällt er zu,

Unter dem Bogen fließt das ewige Sein,

Darin dein Bild nur flüchtiger Widerschein,

Doch nichts ist mehr Entzücken und Erbauen,

Als in den Strom und sich im Strom zu schauen.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Spruch dem Dichter

(Geschrieben 1.6.1919 in Mönichkirchen, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Gedichte um Pan“ 1928 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Ein Gedicht, das sich beim ersten Lesen wohl nur wenigen voll erschließen dürfte. Ich beispielsweise bedurfte einer intensiven, sich wochenlang immer wieder ereignenden Versenkung in seinen Inhalt, um mich an die den Dichter bewegenden Gedanken heranzu­tasten und zu erspüren, daß hier eigentlich der Vorgang einer Einweihung im innersten und subtilsten Sinne festgehalten wurde. Die Kraft, die aus dieser Gnade erwächst, triumphiert über den Willen zur Demütigung und sogar Aussto­ßung, der jene anderen erfüllt, für welche die Kunstaus­übung das Mittel darstellt, Vorteile zu erlangen, jene ande­ren, die sich ihre Geltung, ihren Erfolg mit viel Geschick. Gelärm und Ellbogentechnik erkämpft haben und nun jenen Einen, Stillen ablehnen, dessen ganz andersgearteter Weg plötzlich den ihren kreuzt. Sie empfinden ihn als Feind. Aus der Kraft ihres materiellen Dünkels heraus wollen sie ihn bekämpfen und unschädlich machen. Aber da begibt sich etwas Unerwartetes. Ein Unwägbares, an das sie nicht heran­können, schützt ihn, trägt ihn vorwärts, über all ihren Neid, über all ihre Eifersucht hinweg. Und vor diesem Wunder stehen sie ohnmächtig, denn das Tor zu jener inneren, ent­sagungsvollen Heiligung, aus der einzig und allein das wahre Kunstwerk geboren zu werden vermag, ist von ihnen noch niemals durchschritten worden)

 

Zu den Tischen, wo schon andre saßen

Und sich an den Erstlingen befraßen,

Trittst du als ein später Kömmling ein,

Unbefremdet, wenn sie von den Resten,

Dich zu höhnen, erst die Hunde mästen,

Eh sie dir bedeuten, Gast zu sein.

 

Aber sieh, der Abhub trotzt den Schuften:

Kalt erwärmt sich und hebt an zu duften,

Schal wird prickelnd, Überfluß, was leer;

Kranz, verwelkt am Scheitel dumpfer Zecher,

Blüht dir auf, und neuerglänzter Becher

Strömt den Odem einer Seele her.

 

Hebt ihn innig, halt ihn ernst am Munde!

Lieder ahnen dir aus Funkelgrunde,

Wer sie hörte, die er nie vergißt;

Trink, doch neig' dich erst den Göttern! Wende

Ihnen zu die rote Opferspende,

Daß sie's dulden, wenn du glücklich bist!

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Spruch unter ein Madonnenbild

(Juli 1925, Schriebl – Lilly Wildgans: Für eine mächtige Rotföhre, die vor einer Fichtenwaldflanke un­weit des „Schriebl"-Gehöftes Wache hält, hatte Anton Wild­gans eigenhändig ein Madonnen-Votivbild gemalt und den Spruch daruntergesetzt. Das kleine Gedicht versucht den Zauber der Landschaft, wie er von dieser Stelle aus den Be­schauer umfängt, festzuhalten. Über die leichtgewellte Hoch­ebene schweift der Blick bis zu den Kuppen von Kor- und Stubalpe hin. Ringsum breiten sich die Felder: neben gold­gelben Ähren steht der blaue Lein, der rosenrote Mohn, und dazwischen ist alles voll von Erikablüten. Den Hintergrund bildet der dunkelschattende Wald)

 

Der du des Weges kommst, o Wandrer, halt hier Rast,

Bei Waldes Schattenduft und bunter Flur zu Gast.

Die Beere schwillt am Kraut, die Ähre reift zu Brot,

Der Erde jeder Zoll ein huldreich Angebot.

Und hast du tief erschaut dies Werk der Gnadenhand,

So segne still auch du dies schöne deutsche Land.

 

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Stille Plätze

(Geschrieben 2.12.1905; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909; - Anmerkung von Lilly Wildgans: Alter Universitätsplatz vor der Jesuitenkirche)

 

Die Plätze lieb’ ich, die an Nachmittagen

So wunderstill in tiefem Schatten liegen –

Da träumen sie und sind verschwiegen

Vom Tritt der Menge und vom Lärm der Wagen.

Da wölbt ein Dom sein dunkelndes Portal,

Dort lehnt ein blinder Invalide am Pilaster,

Scharen von Tauben trippeln übers Pflaster,

Und jeder Schritt hat seinen Widerhall...

 

Doch morgen ist’s vielleicht – da flattern Fahnen

Im Sonnenblitz, wo heute Dämmerungen.

Uralte Schlachtenweisen mahnen

Gebückte Körper grauer Veteranen

An junge Strammheit und verlernten Schwung.

Und Volk ist da, zu jubeln und zu schauen,

Im Sonntagsschmucke greis und jung –

O, edler Mütter heimlich stolzes Grauen

Und Knabenblicke voll Begeisterung

Und ernster Männer sinnendes Gedenken

Der Helden aller, die nicht heimgekehrt –

Da fühlt ein jeder in der Faust ein Schwert

Und will dem Vaterland sein Leben schenken...

 

Nur hier und dort ist einer in der Menge,

Dem Vaterland und Schlachtgesänge

Wie Worte sind aus einer fremden Kunde,

Und der so arm in all der Füller steht,

Daß keine Liebe ihm und kein Gebet

Den Segen gibt solch fahnenfroher Stunde...

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Stiller Gang

(Geschrieben 13.6.1907, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

Komm, altes Herz, wir wandern heute weit

Hinaus, wo keine grauen Häuser stehn;

Und dort im leisen grünen Blätterwehn

Laß uns allein sein wie in alter Zeit.

 

Wir waren beide jung – da hab´ ich gern

Auf deines Blutes stillen Schlag gelauscht,

auf diesen roten Strom, der rinnt und rauscht,

Nach einem Ziel, hoch und geheimnisfern . . .

 

Heut´ weiß ich, daß das Leben, das man lebt,

Nur jenem dürstigen Gewässer gleicht,

Das von den Höhen die Gerölle hebt,

Sich selbst verstanden, nie das Meer erreicht

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Stimme aus einem Grabe der Via Appia

(Geschrieben und übertragen aus dem Italienischen 25.7.1923, Erstveröffentlichung in „Sonette aus dem Italienischen“ 1924; Sonette von Lorenzo Stecchetti 1845-1916, Italien)

 

Ich, der dir ruft, vor abertausend Jahren

Lebte auch ich und ließ mir Lust behagen.

Weinlaub und Blüten habe ich getragen

Beim Tanz der Bacchusfeste in den Haaren.

 

Doch nie wie du mit einsamem Gebaren

Irrt’ ich des Nachts, um Gräber zu befragen,

Nie hab’ ich grübelnd mich herumgeschlagen

Mit Jenseitsrätseln, die wir nie erfahren.

 

Nie bannte mich dein blasser Christus-Schemen,

Und lächelnd schied ich zu den Körperlosen.

Doch du wirst unter Tränen Abschied nehmen.

 

In eurer Gottesäcker fahlen Moosen

Und düsterm Anwuchs nisten Angst und Grämen;

Auf meinem Hügel aber glühen Rosen.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Stimme im Traume des Künstlers

(Geschrieben 1911; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Und hättet der Liebe nicht“ 1911; Anmerkung von Lilly Wildgans: Dieses Gedicht ist in einem Maße aufschlußreich für die Art, wie Anton Wildgans das ihm anvertraute Pfund seiner Künstler­schaft verwaltete, daß man es als ein Motto über sein gesamtes Schaffen setzen könnte. Von Natur aus mit einem beträchtlichen Maß von Sinnenfreudigkeit ausgestattet, wies dieser Mann vom Augenblick an, wo er sich seiner Kunst als Lebensaufgabe zugewandt hatte, alles von sich, was geeig­net gewesen wäre, ihn von der streng vorgezeichneten Linie seiner schöpferischen Erfüllung abzudrängen. Er verbannte sich in die Einsamkeit, wenn es ihn nach Lebensfreude drängte; er versagte sich seinen Freunden, nach deren Nähe es ihn oftmals verlangte, um die Konzentration nicht zu gefährden; er arbeitete voll Selbstzucht und Demut an sei­nem Werk, um dessen endliche Form jener ersten Vision anzugleichen, die sich ihm in einer gnadenvollen Stunde geoffenbart hatte)

 

Und wieder war es, daß die Stimme sprach:

„Du bist nicht hart genug“ – und eine Strenge,

Die so wie Glanz aus kaltem Eisen brach,

Ward plötzlich auf der Göttin Lippen wach

Und stürzte ihn in zitterndes Gedränge.

 

„Du bist nicht hart genug, denn dies mein Joch

Ist keine Blütenfessel, zart geschmiedet –

Auf deinem Nacken soll es schwer und hoch

Lasten und schwanken, aber doch

Die Zier sein, die dich königlich umfriedet!

 

Du bist nicht hart genug, noch immer lockt

Und lüstet dich das feile Glück der Menge.

Dein Blut, in dem der alte Adam hockt,

Lullt dein Gehirn ein, daß es zagt und stockt,

Statt aufzubäumen über alle Zwänge.

 

Drum gib das Weib von dir: Dirne und Braut –

Gleichviel! Es gilt ihr girrendes Gebärden

Dem Geiste nicht, der in die Tiefen schaut,

Nein, nur dem Kitzel einer geilen Haut –

Ihr kann auch ohne dich geholfen werden.

 

Lieb’ ich dich nicht? Kann ich nicht Weib und Kind

Und alles sein, dich mächtig zu bewegen?

Erkennst du mich denn nicht im Frühlingswind

Und in den Nächten, die voll Klingen sind,

Und in der Tränen liebem, leisem Segen?

 

Die anderen, die dich so sehr beglückt,

In deren Armen deine Lust gestammelt,

Sie haben deine Seele dir zerstückt,

Und ich hab’ mich nach jedem Stück gebückt

Und deiner Seele Krumen eingesammelt.

 

Und hab’, so oft du noch aus Rausch und Schein

Zurückerwacht zu Wirklichkeit und Leben,

Zu dir gesprochen: Siehe, dies ist dein –

Und habe aus den heiligen Händen mein

Dir deine Seele heil zurückgegeben.

 

Darum gebiete endlich deiner Gier,

Die unersättlich ist nach Lust, wie Raben

Nach Aas es sind! – Du bist zu dir

Nicht hart genug und sollst nicht neben mir

Andere Götter oder Götzen haben - !

 

Da schrak er auf – und hörte seine Zeit.

Die schrie nach ihm, wie brünstig im Gefilde

Ein starkes Wild nach seinem Meister schreit.

Da griff er rauh in seine Einsamkeit

Und schuf aus ihr nach seinem Ebenbilde.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

 

Stimme zu Gott im Kriege

(Geschrieben 18.7.1915 in Mödling; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Mittag“ 1917; - Anmerkung von Lilly Wildgans: Das einzige von Anton Wildgans in das „Buch der Gedichte", den ersten Band der von ihm selbst noch veranstalteten Gesamtaus­gabe, aufgenommene Kriegsgedicht. An seinen Freund Joseph Marx schreibt der Dichter darüber am 20. Juli 1915: „Bemüht, für einige Gedanken die Deiner Musik angemes­sene Form zu finden, entstand, sozusagen parenthetisch, das beigelegte Gedicht. Seine Verwendbarkeit für Dich weiß ich nicht abzuschätzen. Jedenfalls sende ich es Dir, weil ich es für das Beste halte, was ich bisher dieser Zeit verdanke. Müßte ich mich mit der Vertonung befassen, so schiene mir die nächstliegende Form die des Wechselgesanges zwi­schen einer hellen Männerstimme und einem aus lauter Bäs­sen zusammengesetzten Männerchor. Denn die zweiten Zei­len aller Strophen sind nicht etwa als die antwortende Stimme Gottes gemeint, sondern als irgendwelche andere kosmische Äußerungen.")

 

Laß es genug sein, Herr! Muß es noch sein?! –

Doch alle Himmel bleiben stumm wie Stein.

 

In Millionen Augen lischt das Licht! –

Doch sind darum die Tage dunkler nicht.

 

In Millionen Herzen friert das Blut! –

Doch ungezählte sind voll Lebensglut.

 

Verheert sind viele Städte, Flur und Feld! –

Ein bißchen Erde ist noch nicht die Welt.

 

Ströme von Tränen quellen bitterschwer! –

Ein bischen Salz ist lang noch nicht das Meer.

 

Doch dem Gesetz, dem deinen, spricht es Hohn! –

Was weiß denn solch ein Menschenkind davon...?

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932            

 

 

Stolzer Rat

(Geschrieben Mai 1917 in Mönichkirchen; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Mittag“ 1917; - Anmerkung von  Lilly Wildgans: Die Todesahnung, die To­desbereitschaft sind ein Motiv, das sich durch das gesamte Werk des Dichters zieht. Und wieder erklingt in diesem Gedicht auch das zweite Motiv: die Forderung der „Stimme im Traum des Künstlers")

 

Tu, was du tuest, für die Ewigkeit

Und immer so, als wenn’s dein Letztes wäre!

Leicht löste schon der Tod für dich die Fähre

Vom dunklen Ufer der Unendlichkeit.

 

Was wär’ dein Werk, wenn es nur für die Zeit,

In der du lebst, und für das bißchen Ehre,

Das es dir bringen mag, geschaffen wäre?

Sein Anteil würde bald Vergessenheit.

 

Auch müßte dich ein jedes Unverstehen

Wie einen schlechten Mimen gleich verbittern,

Lerntest wie er vor deiner Mitwelt zittern,

 

Statt ihr als einem Schauspiel zuzusehen,

Das Gott dir gibt, daß du dem Menschengeist

Durch die Jahrhunderte Sein Zeuge seist.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Sulamith

(Geschrieben vor 1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

Von meinen Liedern ist ein Laut

In's Blumenreich gedrungen;

Der weckte meine Rosenbraut

Aus Traumesdämmerungen.

 

Da wacht sie auf und lauscht empor

Es bebt ein tönend Schwellen

Wie Harfenklang und Psalmenchor

In heissen Zauberwellen,

 

Wie Salomonis hohes Lied

Von Sonnenglut und Küssen:

Du Rose Sarons, Sulamith —

Dein Sänger will dich grüssen — !