Anton Wildgans
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Sonette an Ead
Sonette aus dem Italienischen
Liste der Gedichte zeitlich geordnet

Sonette an Ead

Anton Wildgans
1881 - 1932
 
 
Sonette an Ead
 
 
1.
Ich geb’ Dir einen Namen, süß wie Wein –
Gleich einer Beere schmiegt er sich im Munde,
Auf der sich manche milde Sonnenstunde
Verträumte in die Dämmerung hinein.
In diesem Namen warst Du immer mein,
Solang’ ich meine Sehnsucht mir erkunde,
Und alles Wehgeschlagene und Wunde
Heilte der Glaube an Dein Nahesein.
Ich kenn’ Dich gut, Du bist mir oft begegnet,
In vielen Wesen aufgeteilt: oft nur
In einem Aug’, von Tränen überregnet,
In einer leise eingekerbten Spur
An liebem Mund, in einem Beben nur
Von Händen, die mir meine Not gesegnet.
 
2.
Doch auch in anderm warst Du mir schon nah:
Es waren Nächte, da ich Dich versäumte,
Bei irgend einem Weibe lag und träumte,
Es wär’ nicht dieses und schon Du seist da.
Und wenn dann das Vermeintliche geschah
Und jener Leib sich jäher Lust aufbäumte,
Warst immer Du es, der mein Blut aufschäumte,
Du Garten Eden und mein Golgatha.
Doch wenn ich dann zur Wirklichkeit erwacht,
Stand mit dem Schwert, von Gottes Zorn entfacht,
Der Engel da im fahlen Morgendämmern.
Da las ich ihm gepeinigt vom Gesicht:
"Dies war nur Sünde!" – denn Du warst es nicht –
Und hörte fern ein Kreuz zusammenhämmern.
 
3.
Denn Sünde ist, wenn einer sich vergibt,
Sein Pfund verzettelnd, statt es aufzusparen,
Und seinen Träumen aus der Sehnsucht Jahren
Wohlfeile Wirklichkeiten unterschiebt.
Und Sünde ist, wenn der, in dem es liebt,
Aus geiler Sucht nach fleischlichem Erfahren
Hingeht, mit einem Weibe sich zu paaren,
Wie man zwei Tiere zu einander gibt.
Ihm ist verhängt, dass ihm das Aug’ verblindet
Vom Anblick dessen, was sich leicht gewöhnt,
Und dass die Stimme, wenn sie einmal tönt,
Die zögernde von einst, ihn nicht mehr findet,
Weil er, schon längst entgöttert und entkindet,
Idol und Stimme frühen Traums verhöhnt.
 
4.
Und jener Name ist wie eine Frucht,
Die köstlich sich am müden Aste ründet
Und, unbeirrt von Herbst und Tod, verkündet,
Daß Werden ist in alles Lebens Flucht.
Und wie aus eines Fruchtkerns dunkler Bucht,
Tief erdversenkt, der neue Frühling mündet,
Hast Du, in mich getan, Dich sanft entzündet,
Daß es aus mir wie Blühen Ausgang sucht.
Weil Du mich wieder liebe Erdennähe
Und klaren Trunk der Freude mich gelehrt;
Denn früher war ich mir nur zugekehrt
Und ganz verschüttet von Verzicht und Wehe.
Jetzt aber bin ich hell und unbeschwert
Und lache wieder, höre gern und sehe.
 
5.
Ich hab’ mit Dir noch nie allein gesprochen,
Du sahst noch niemals tief in mein Gesicht,
Kennst nur die Narrenmaske, aber nicht
Die Seele, die dahinter ist zerbrochen.
Wie ein geschlagner Hund ist sie verkrochen,
Den Blick zur Erde wie ein Bösewicht,
Und will doch nichts als Liebe, Geist und Licht -
Die arme Seele, die mir fast zerbrochen.
Da ist in ihr verfrostet Einsamsein
Dein junger Anhauch südhaft eingedrungen,
Da fühlte ich: es schmilzt in mir der Stein,
Der mich hinunterzog zu Niederungen.
Wir waren noch zusammen nie allein -
Und doch ist dieses Wunder Dir gelungen.
 
6.
Ich bin nicht reich, ich habe kaum ein Ding,
Das sonder Grenzen ich mein Eigen nenne:
Nur diese Glut, an der ich fast verbrenne,
Die tief in meinem Wesen sich verfing.
Sie war im Knaben schon, der träumend ging,
Sie ist die eine Freude, die ich kenne.
Oh, diese Glut, an der ich fast verbrenne,
Um die ich taumle wie ein Schmetterling!
Sie will, daß ich auf reinen Wegen gehe,
Die Seele einem Menschen aufgetan,
Der liebreich wie ein Gärtner mich verstehe,
Mich, dies Gebild aus wildem Liebeswahn
Und Hungrigkeit nach stiller Gottesnähe.
Dies mein Gesicht - o sieh es gütig an!
 
7.
Weil ich mein Wesen so mit Härte gürte,
Glaub’ nicht darum, daß ich aus Härte bin!
Tief ruht in mir ein mildgewillter Sinn,
Den nur der rechte Zauber nie berührte.
Wirf einem, der die Hand nach heiliger Myrte
Sich auftun hieß, Unkraut und Dornen hin
Und reich dem Durste Wein, wo Galle drin -
Dies ist das Leben, das ich immer führte.
Von Angefaultem ward mir Übermaß
All meine Zeit. Was immer mir verfiel,
War nicht mehr rein und trug in sich den Fraß,
Kaum gut genug für ein betäubtes Spiel.
Doch bloße Lust ward immer noch zu Haß,
Und ich will Freude! - Gib, Du hast so viel.
 
8.
Die Menschen wissen nicht, was Freude ist.
Meist ist ihr Freude wähnen Selbstbelügen,
Gefährlich wie ein Gift wirkt ihr Vergnügen,
Das Schlaf macht und geheim am Leben frißt.
Doch was das weise Herz als Glück ermißt,
Ist: wach zu atmen in berauschten Zügen
Und Seel’ in Seele priesterlich zu fügen,
Daß Blut in Blut sich grenzenlos vergißt.
Daß Strömen, die einander fremd vorher,
Müde und einsam durch die Welt geflossen,
Ein Bette wird - als wär’s von Gott beschlossen.
Und war doch nichts als gütig Ungefähr,
Das die Versandenden in eins gegossen:
Nun sind sie klar und rein und rauschen hin - zum Meer.
 
9.
Ich weiß von Deinem Körper nur die Hand,
Denn Dein Gesicht ist Seele ganz und Ferne;
Und wenn ich drin auch langsam deuten lerne,
Gleich schwindet mir, was ich noch kaum verstand.
Ganz träumend wölbt der Stirne blasse Wand
Sich tief ins Gold, und wie von einem Sterne
Geht holdes Licht von ihr: Gott hat Dich gerne!
Ich weiß von Deinem Körper nur die Hand.
Sie ist für Reize, die Du streng verborgen
Nur ahnen lässest in der Mädchentracht,
Ein rein Symbol – und doch schon sehr erwacht;
Denn manchmal sehe ich am klaren Morgen
Nach einer sturmdurchwühlten Frühlingsnacht
An ihr noch Wünsche und ein wenig Sorgen.
 
10.
Tief in Dein Goldhaar geht mein Blick zur Ruh,
Mohntrunk für meine Unrast, Du Vergessen!
Viel Qual war mir im Leben zugemessen,
Nun fallen selig meine Lider zu.
Und was ich träumend sehe, das bist du!
Bin ich denn jener, der noch jüngst besessen
Von Gier war, die im Blute mir gefressen? –
Tief in Dein Goldhaar geht mein Blick zur Ruh.
Freilich an Tagen, da Dir Deine Laune
Nicht gut und lieb mit mir zu sein erlaubt,
Da bin ich wieder aller Ruh beraubt,
Geh’ heimlich weinen in den Wald und staune,
Bestürzt von eines Kindes Flattersinn,
Wie sehr ich noch ein dumpfer Knabe bin.
 
11.
Und bin doch schon so alt – wohl nicht an Jahren,
Doch manchmal, wenn ich Menschen reden höre,
Wie jener fürchtet, daß er dies verlöre,
Und dieser klagt um Dinge, welche waren –
Da weiß ich erst, wie viel ich schon erfahren;
Denn so ist nichts mehr, daß es mich betöre
Und meines Grames stumme Kreise störe –
Ist dies nicht eines Alternden Gebaren?
Und dann mein Herz – es schlägt nicht mehr so laut,
Wenn andre, Jüngre von den Zielen sprechen,
Die man aus Wünschen in die Wolken baut
Und die, vom trunknen Blicke kaum geschaut,
Beim ersten rauhen Windstoß niederbrechen –
Es altert schon, es schlägt nicht mehr so laut.
 
12.
Pan lag im Gras. Die heilige Syringe,
Die sich der Gott in seiner Not geschnitten,
War seiner Hand, der trauernden, entglitten.
Nun krochen Käfer drin und Schmetterlinge
Ließen sich nieder auf dem Zauberdinge,
In das der Gott so vieles Leid gelitten,
Seitdem er wußte, ach, daß alles Bitten,
Das Rohr zurückzuwandeln, nicht gelinge.
Nun schlief er schwer. Auf seiner Wangen Braun
Küßte die Sonne große Tränen trocken,
Ein Traum von Syrinx ging durch seine Locken –
Was kümmert ihn, daß tief im Schilfgeraun,
Von seiner Flöte Rufen süß erschrocken,
Sich eine Nymphe ließ dem geilen Faun?
 
13.
Und ist nicht so der Dichter Teil am Leben?
Uns alle narrt es neidisch wie den Pan,
Ob wir nun Syrinx nennen unsern Wahn,
Ob wir ihm andre liebe Namen geben.
Durch Dickicht jagen wir dahin und heben
Die Arme schon, sehnsüchtig aufgetan,
Und schließen sie – da rührt uns Fremdes an,
Und Worte wurden aus entflohnem Leben.
O Worte, nichts als Worte, Luft, die schwingt,
Ein Lied, durch das wir unser Leid berauschen –
Was gilt’s uns, daß es andre Herzen zwingt,
Einander aufzublühen, wo es klingt?
Wir stehen abseits, lächeln wirr und lauschen,
Ob uns von Syrinx niemand Kunde bringt.
 
14.
Wie mögen Deine lieben Füße sein - ?
Ich träume sie mir zart wie das Gefieder
Von kleinen Vögeln und so blaß wie Flieder,
Der Dolden trägt im kühlen Mondenschein.
In dieser Füße keusches Heimlichsein
Sendet das Herz sein rotes Pochen nieder,
Und alles zage Beben Deiner Glieder
Und viele Nerven kehren in sie ein.
Drum sind sie auch so wissend vom Bewegen,
Als wären Seelen in sie eingebracht.
Ich möchte sie vor einer lichten Nacht
Wie brave Kinder liebreich schlafen legen,
Über sie beten meiner Wünsche Segen
Und leise sein, daß keines mir erwacht.
 
15.
Wie hat mich jüngst noch dieses Land befriedet
Und letztes Rot der Stadt aus mir getan!
O Blühn im Tale, Grünen hügelan
Und flüsternd Flüßchen, von Gebüsch umriedet!
Doch jetzt, am hellen Mittag manchmal siedet
Das Blut mir auf und ficht mich wieder an
Wie dort in jener Esse des Vulkan,
In der man Gold aus Menschenjammer schmiedet.
Nur abends noch, wenn ich durch das Gefilde
Gekühlter Wiesen gehe, ist mir milde
Und fromm wie einem Schnittersmann zumut.
Und grüßte mich die rote Lämpchenglut
Von einem armen Muttergottesbilde,
Ich dankte ihr und zöge still den Hut.
 
16.
Du bist kein täglich Kraut auf Gottes Flur,
Nicht leicht zu schmecken für gemeine Zungen;
Was sich befraß am Gras der Niederungen,
Kommt nicht auf Deiner Süße zarte Spur.
Sie wollen Liebe so wie eine Kur,
Zu der man eine Baderin gedungen,
Doch Du scheinst mir begabt mit Züchtigungen,
Die auf, zu Gott hin, glühn die Kreatur.
Du willst nicht Spiel mit Dir und halbe Leihe
Des Leibes zu gelegentlicher Tat,
Du willst der Seele große Opferweihe,
Wie man dereinst vor seine Göttin trat:
Gelöschten Ichs. – In Deiner Ahnenreihe
Muß einer sein, der Blut vergossen hat.
 
17.
Mich stillt nicht mehr, daß ich Dich heimlich nenne
Mit Namen, die sich Träumersinn erfand.
Ich weiß von Deinem Körper nur die Hand –
Wirf Dich in mich! Ich bin ein Busch und brenne.
Gott hat bestimmt, wie man ein Weib erkenne.
Wozu die Seele? Seele ist nur Tand,
Der Rauch nach einem unterdrückten Brand,
Ich aber bin ein wilder Busch und brenne.
Ich bin der Pfahl, an den man Hexen bindet,
In allen ihren Sünden, heiß und nackt,
Und bin der Pfeil, der sich ins Fleisch einhakt,
Und will der Gott sein, der Dich plötzlich findet
Und Deinen Leib, wenn er sich wehrt und windet,
Aufwühlt und hinreißt zu verwegnem Takt.
 
18.
Doch will ich nicht, daß Du Gefährtin seist!
In diesem Namen prahlt die große Lüge.
Wenn Du bewirkst, daß ich mich klarvergnüge,
Nenne ich gerne dies Bewirken Geist.
Mit andern lebt man, was man leben heißt,
Übt seine Pflicht, spannt sich ins Jochgefüge
Der Arbeit ein für sie und holt sich Büge,
Die keines Gottes Hammer grade schweißt.
Du aber sei für mich das seltne Fest,
Das Bacchanal, bei dem man sich verschwendet!
Denn die Alltäglichkeit macht stumpf und schändet
Den Gott in uns und gibt dem Tier den Rest,
Daß wir es schleppen wie ein dumpf Gebrest,
Dies Tiersein, das den Menschen erst vollendet.
 
19.
Denn einer, der da schafft aus seiner Stirne,
Soll nicht geschmiedet sein an Herd und Weib.
Ihm ziemt zu rasen, wenn aus seinem Leib
Schwelende Schwüle nebelt zum Gehirne.
Für ihn, den herben Sohn entrückter Firne,
Schuf Gott im Tal zu raschem Qualvertreib
Den Inbegriff von flüchtigem Verbleib,
Geschlecht, das nur Geschlecht begehrt: die Dirne.
Nicht jene, welche im Laternendämmern
Den abgebrauchten Schoß verhandeln läuft,
Mit Dieben stiehlt, mit Säufern sich besäuft;
Die zählt zu Gottes ausgestoßnen Lämmern.
An jenem Tage trifft er sie mit Hämmern –
Die andre hat er glorreich überhäuft.
 
20.
Er gab ihr Schönheit, setzte sie auf Stühle,
Die kostbar über allen andern stehen,
Und Herzen streut er unter ihre Zehen,
Daß sie die rauhe Erde nicht verkühle.
Und manchmal hebt er aus dem Volksgewühle
Eine empor und läßt um sie geschehen,
Daß aus Geschlechtern, die zu Ende gehen,
Knaben verglühn am Gifte ihrer Pfühle.
Und eine war, der reichte er die Krone
Und stellte sie ans Kreuz zu seinem Sohne,
Als selbst er ihn verließ in letzter Pein.
Und hier und da gewährt er einem Kinde,
Daß es in sich die Gnade finde,
Hure und eines Heilands Trost zu sein.
 
21.
Von Lilith, alter Sagen Teufelin,
Die Kinder würgte, und von Astaroth,
Der junge Männer ihrer Mannheit Tod
Zu Tausenden hinbrachten auf den Knien,
Von Omphale, der schlauen Lydierin,
Die Weibertracht Alkmenens Sohn gebot,
Und Salome, Herodis Sinnennot,
Zu Dir geht eines Blutes Brücke hin.
Zwar träumte mir, ich säh’ Dich knien zu Füßen
Des Menschensohns und seine Füße küssen,
Daß Dir geschähe so, wie Du geglaubt –
Doch früg’ Dich wer, was Dir zumeist gebräche,
Vielleicht, daß Deine schmale Lippe spräche:
Auf einer Schüssel des Propheten Haupt...
 
22.
Heut’ nacht ist Föhn. Ganz aufgerauht und wund
Von seinem Wühlen ist der Felder Glätte.
Der Bach wälzt fiebernd sich in seinem Bette,
Groß glost der Mond auf, rot und ungesund.
Im Dorfe heult wo ein verliebter Hund,
Man hört sein wütend Zerren an der Kette,
Der Wälder ausgezackte Silhouette
Steht drohend hingeballt im Hintergrund.
Ich drücke meine Kniee, die so müd,
An etwas Hartes, daß ich mich empfinde,
Indes mein Blick zu Deinem Fenster glüht.
Da grüßt mich leise eine vom Gesinde.
Der gebe ich in dieser wirren Nacht,
Was meine Lippen Deinen zugedacht.
 
23.
Ich bin den ganzen Tag im Gras gelegen
Und hab’ bereut, was mir die Nacht getan.
Dies war der Faun in mir, das war nicht Pan.
Es ist viel Stein und Kot auf Gottes Wegen.
Und grade die, die sein am liebsten pflegen,
Finden nur allgemach zu ihm hinan.
Doch heut’ sah mich die Sonne gütig an
Mit ihrer Strahlen reinigendem Segen.
Und aus der Erde duftigem Berühren
Strömte ein Neues selig in mich ein.
Ich gab Dir einen Namen, süß wie Wein –
Der Wein hat nur vermocht mich aufzuschüren!
Ich aber rief Dich an, mich stark zu führen
Aus trübem Dust mitten in mich hinein.
 
24.
Denn nichts ist außer mir, des ich begehrte,
In nichts auf Erden bin ich so verliebt
Wie in die Glut, die meine Seele stiebt,
Mit der zu schmieden mich Gott selbst belehrte.
Drum gab er mir auch ein Gewand aus Härte,
Wie er den Früchten starke Schalen gibt,
Daß nichts in sie gerate ungesiebt,
Eh ihre Süßigkeit zu Ende gärte.
Doch manchmal freilich läßt er einen Sturm
Aus seiner Faust. Der kommt dahergerast
Und schlägt die Früchte unreif ab vom Ast.
Und andermals befiehlt er einem Wurm.
Denn er allein ist Herr in seinem Garten.
Wir andern müssen wachen, beten - warten.
 
25.
An Dorfes Ende bauen sie ein Haus.
Schon ragt ein fest Gevierte aus dem Grunde
Und wächst und wird mit jeder Zeiger – Runde,
Und kommt der Herbst, träumt blauer Rauch heraus.
Du unbesorgter Eigner dieses Baus,
Sei gut und gib dem fremden Frager Kunde.
Bist du nicht bang vor jener Feierstunde,
Da einst man sagt: "Nimm hin dein fertig Haus!" ?
Wird dich’s nicht ängsten, daß die Welt so weit
Und dieses Mauerwerk wie ein Gefängnis,
Worin dem Wunsch kein Flügel mehr gedeiht?
Mir siehe, ist selbst die Unendlichkeit
Zu sehr verräumt mit Nähe und Bedrängnis! –
Er lächelt nur wie einer, der verzeiht.
 
26.
Tief in Dein Goldhaar geht mein Blick zur Ruh’ -
Ist nicht ein altes Lied, das so begann?
Ein Kind zog mir die Schellenkappe an,
Gab mir den Takt, und ich – ich sang dazu.
Leicht hätt’ ein kluger weißer Kakadu,
Ein Hündchen oder ein Kanarienmann
Dir, liebes Kind, weit bessern Dienst getan;
Denn ich bin doch im Grunde ein Filou.
Indes Du nämlich wähntest, daß ich sänge
Ein Narrenlied zu Deinem Zeitvertreib,
Rauschten durch mich der Sehnsucht tiefe Klänge,
Und aus der Worte seligem Gedränge
Erhob vor meinen Blicken sich das Weib,
An dem ich fest mit allem Glauben hänge.
 
27.
Sie wird mir einst begegnen, irgendwann,
Wie einem auf verdroßnen Wanderungen
Ein Lied einfällt, das er als Kind gesungen;
Seither sind viele tot, und er ist Mann.
Und ist davon beglückt, daß er’s noch kann;
Denn während er zur Klarheit sich gerungen,
Ist manche Saite in ihm abgesprungen ...
Sie wird mir einst begegnen – irgendwann
Und wird mich fragen nicht: Woher? Wohin?
Und wird nicht in mich drängen: Weile, raste!
Einer wie ich ist immer nur zu Gaste –
Und größer wird sie sein durch Demutsinn
Als jene, die wie Krämer Liebe geben:
Nur Zug um Zug und Leben gegen Leben.
 
28.
Sie ist die eine, die wie ein Magnet
Die Wünsche anzieht, daß sich nichts zerstreue,
Sie ist die Gestrige und immer Neue,
Die Ratende, die ohne Wink versteht.
Sie ist der Rausch, der sich bacchantisch dreht,
Nach dem es weder Jammer gibt noch Reue,
Sie ist die Dirnenhafte und die Treue,
Die rote Orgie und das Gebet.
Sie ist die Lust, durch die der Geist gesiebt,
Leicht wird und stark, die Gipfel zu erschweben –
Vielleicht nur einer fernen Stimme Beben,
Der Traum von etwas, das es niemals gibt,
Doch den geträumt zu haben und geliebt,
Erträglich machen könnte dieses Leben.
 
29.
Ein Frühlingstag. Hoch geht der Schwalben Flug.
Das deutet schönes Wetter an. – O Stille!
Ich lieg’ in einer braunen Acker – Rille,
Ein Werkzeug, das ein spielend Kind zerschlug.
Doch leicht schon morgen bin ich wieder Pflug,
Ein furchengrabender, fruchtbarer Wille,
Der freudig an die Ernte glaubt. – O Stille!
Hoch über mir zieht leiser Schwalbenflug.
Und aller Überschwang verklärter Röte
Drängt dem Genesenden sich wieder zu,
Und kleinstes Leben kommt und sagt mir: Du! –
Wo ist der Mensch, der so mir Frieden böte?
Tief in den Himmel sinkt mein Blick zur Ruh’
Und Gottes Odem geht durch meine Flöte.
 
30.
Kein Groll darum, weil etwas anders ward,
Als sich verliebte Sehnsucht vorgelogen.
Ein Vöglein war mir in die Hand geflogen,
Entkam und hat dies Lied mir offenbart.
Ward nicht dadurch dies bißchen Gegenwart,
Sonst untergehend in der Zeiten Wogen,
Dem allzuflüchtigen Genuß entzogen
Und liebreich in die Ewigkeit gespart -?
Dort, wo die Straße um den Friedhof biegt,
Seh’ ich was Blondes meinem Acker nahn;
Schon ist es tändelnd da und lacht mich an –
Es weiß ja nicht, was es mit mir getan,
Dies Nymphchen, das sich gern an Faune schmiegt!
Es war nicht Ead, doch ich bin wieder – Pan.
 
 
 
 
Unveröffentlichte Sonette an Ead
 
31.
Denn Du bist keine von den Torheitsvollen,
In Dir ist eine frühe Wissenschaft,
Und es kann sein, daß Dich begier errafft,
Mänadenhaft die Waldnacht zu durchtollen.
Noch aber meistert ein verschämtes Grollen
Gegen des Mannes bändigende Kraft
Die Lohe Deiner eignen Leidenschaft.
Den wilden Wunsch bezähmt ein stolzes Wollen.
Denn Stolz ist Deiner Magdheit noch Primat,
Und Männerliebe nimmst Du noch wie Weihe
Zum Opfer hin. Du gibst Dich kaum zu Leihe
Und nie zu eigen, feinstes Destillat
Aus Grausamkeit. In Deiner Ahnenreihe
Muß einer sein, der Blut vergossen hat.
 
32.
Doch welches Schicksal Du Dir auch verhängen
Und wählen solltest – ob nun Glück, ob Pein –
Nie wirst Du eigner einem Manne sein
Als nur in diesen lodernden Gesängen.
Mögen auch andre Deinen Leib bedrängen
Und trinken Deiner Lippen süßen Wein,
All dies Besitzen ist ja nur zum Schein
Und halbes Hören von entfernten Klängen.
Ich habe mich in diesen Schöpferstunden
So tief in Deiner Seele eingefunden,
Daß sie mir nichts auf Erden je entreißt.
Solange Menschen diese Verse lesen,
Werden sie ahnen, was Du mir gewesen,
Und ewig wirst Du sein durch meinen Geist.
 
33.
Du aber müßtest einen Jungen haben,
Einen, der blanke, starke Zähne zeigt,
Der anmutsvoll vor Dir den Nacken neigt –
Solch einen schlanken, flinken, braunen Knaben.
Wie soll Dich auch der Anblick Eines laben,
Der immer Trübsal bläst und Elend geigt?
Der wie ein Fremdling in die Täler steigt
Und längst sein Lächeln fern wo eingegraben.
Für solchen ist genug: im Zimmer bleiben,
Den Wolken nachsehn, welche südwärts treiben,
Der Krähe, welche übern Wald hin schwebt –
Und wenn der Frühling in den Gräsern bebt,
Dann mag ein solcher lieber Bücher schreiben –
Sänge für Freuden, die man nicht gelebt.
 
34.
Ich habe manches schwere Lied gesagt,
Und niemand war, den mein Gesang bezwungen,
Und wenn mir je zu rühren wen gelungen,
So hab’ ich doch als einsam mich beklagt.
Mit Gott dem Herrn hab’ Zwiesprach ich gewagt,
Er aber schwieg zu dem, was ich gesungen,
Und gab mir nicht den Freund der Dämmerungen,
Um den ich seine Allmacht arg geplagt.
Vielleicht war dieses Schweigens hoher Sinn,
Mich stumm der letzten Weisheit zu belehren –
Daß alles Sehens lauterster Gewinn
Berufen und beschlossen sei darin:
Aus aller Welt in sich zurückzukehren
In diese selig – schmerzliche: Ich bin.