Anton Wildgans
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Sonette an Ead
Sonette aus dem Italienischen
Liste der Gedichte zeitlich geordnet

Gedichte von A - D

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Abend über der Stadt

(Geschrieben 1916 in Grinzing, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Dreißig Gedichte“ 1916)

 

Noch zeichnen sich die Türme in die Schicht

grau-finstern Qualms, in den die Stadt versunken.

Nun schwinden sie, bald ist das letzte Licht

von all den vielen Augen aufgetrunken.

 

Hier oben, wo die letzten Häuser sind,

neigt sich der Tag noch zögernd in die Beete

dunkelnder Gärten, manchmal harft der Wind

im Saitenspiel der Telegraphendrähte.

 

Ein tiefes Dröhnen pulst von unten her

wie ein gewaltig-dumpfes Ohrensausen,

wenn über Eisenbrücken eisenschwer

die späten Züge ins Gelände brausen.

 

Da - eine Kuppel, die in Flammen steht –

wölbt purpurn sich der Mond aus Häusermassen,

nun schwebt er auf und steigt wie ein Gebet,

um hoch im Äther silbern zu verblassen.

 

Jetzt geben in der Stadt die Glocken Laut

gleich Hunden, die im Schlaf den Mond anwimmern,

und, wie aus bläulichem Metall gebaut,

glimmern die Dächer - Lichterreihen schimmern!

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Abschied vom blauen Rauch

(Geschrieben 10.5.1917 in Mönichkirchen auf der Friedhofsbank; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Mittag“ 1917; - Anmerkung von Lilly Wildgans: Die große La­bilität der Gefäße, welche im Organismus des Dichters von Geburt aus veranlagt war und die im späteren Leben durch seine Venenerkrankung und vielerlei Herzstörungen in Er­scheinung trat, hätte ein Aufgeben des Rauchens verlangt. Anton Wildgans aber bedurfte zur geistigen Konzentration eines Stimulans durch Nikotin und die ihn einhüllenden Rauchwolken. So traf ihn bei fortschreitendem Leiden das ärztliche Verbot des Rauchens besonders schwer)

 

Heut nachts erwacht’ ich jäh, das Herz stand still!

Dann aber hub ein Hämmern, ein Pochen,

So ungefüg, als würde eingebrochen

Im Purpurschrein des Lebens. – Wie Gott will.

 

Es meint’ der Arzt zu mir: Du rauchst zuviel,

Solch sinnlos Fröhnen bleibt nicht ungerochen! –

Und hat mir lange weise zugesprochen

Von meines Daseins Pflicht und ernstem Ziel.

 

Du blauer Rauch, berauschendes Umfließen,

Aus dem mir Ahnung und Gedanke quillt,

So muß ich deiner spärlicher genießen

 

Und ganz entsagen, wenn es einmal gilt. –

Wärst nicht das erste duftende Gebild,

Von dem ich habe Abschied nehmen müssen.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Abschiedsabend

(Geschrieben ca.1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

Es leuchten am Horizonte

Sechs Sterne tränenhell — Das sind sechs selige Monde,

Verweht, vergangen so schnell.

 

Das sind sechs selige Worte,

Berauschend wie süsser Wein,

Verklungen in wehem Akkorde:

Ich lieb dich — ich bin dein.

 

Die Sterne sie vergilben,

Und mich durchschüttert bang

Der Hauch sechs zitternder Silben:

Ade mein Lieb, hab' Dank —!

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Adagio für Cello

(Geschrieben 1907; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909; - Anmerkung von Anton Wildgans: „Zweite Strophe tausendmal empfunden in Sommernächten auf dem Wege von Steinhaus nach Jauern)

 

Alles Tagverlangen

Ist zur Ruh gegangen

Rosenrot im Rohr –

Aus den Birkenzweigen,

Wo er still gehangen,

Bleich und netzgefangen,

Hebt in sanftem Steigen

Sich der Mond empor.

 

Leise, weiße Seiden

Kleiden jetzt die Weiden,

Schläfernd schlürft der Bach –

Schober auf den Wiesen

Hocken wie die Riesen,

Und die dunklen Hunde,

Ruhlos in der Runde,

Wandern wach.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Agnus cum agnis, lupus in lupos

(Geschrieben 1925/1929, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans – Anmerkung von Lilly Wildgans: Es ist der Sohn, dem gegenüber der Dichter hier seinen Wahl­spruch fixiert. Solche Forderung war auch tatsächlich im Verhalten von Anton Wildgans immer wieder zu beobachten. Die ungemeine, oftmals geradezu schrankenlose Kraft der Güte, mit der er sich der Heimgesuchten und Hilfebedürfti­gen annahm, konnte sich zur kampfgewillten Härte verkeh­ren, sobald er Gemeinheit, Selbstsucht oder Niedrigkeit wahrnahm)

 

 

Den Wahlspruch hab' ich mir zurechtgemacht,

So höre, Kind, den Grund und habe seiner acht:

 

Gut sollst du sein. Dies ist die erste Pflicht.

Allein verschleudre deine Güte nicht!

 

Scharf sei dein Äug', auf daß es scheiden kann

Den Bösewicht vom wahrhaft rechten Mann.

 

Für ihn sei ohne Rückhalt all dein Herz,

Doch für den ändern sei dein Herz aus Erz.

 

Wer die Gemeinheit, wo er kann, nicht bricht,

Der ist ein wahrer Freund des Edlen nicht.

 

Wer nicht im Hasse gegen Böses stark,

 

Der ist kein Mann, der hat nicht Mut und Mark.

Der Geist, der blind verzeiht, was er begreift,

Zur wahren Güte ist er nicht gereift.

 

Die wirft vielmehr der Wechsler Tische um

Und jagt die Makler aus dem Heiligtum.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Akkord

(Geschrieben 1907; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909; - Anmerkung von Lilly Wildgans: Eine Reminiszenz an die in der Radetzkystrasse verbrachte Kindheit)

 

 

In meiner Kindheit leisem Wiegentraum

Vor einem Fenster, licht und flügelbreit,

Steht grün und golden ein Kastanienbaum.

 

Voll Lichtertanz und Huschen war der Raum.

Und oben schien der Himmel klar und weit

Und krönte jedes Ding mit Silbersaum –

Nimm deine Geige, Frau Vergangenheit...

 

Da sprachen sie zu mir mit holdem Laut,

Und lieber Blick hat hell auf mir geruht,

Und selbst das Fremde kam und ward vertraut.

 

Und wenn ich Schiff und Festung mir gebaut,

Erhitzt vom ersten Schöpferübermut,

Hat mir  die Mutter heimlich zugeschaut,

Und sicher fand sie, was ich baute, gut.

 

Seit damals sah ich nimmer diesen Raum.

Dort wohnt jetzt andrer Menschen Glück und Leid,

Und auch das Haus, die Straße weiß ich kaum.

 

Nur aus der Kindheit leisem Wiegentraum

Vor einem Fenster, licht und flügelbreit,

Grüßt grün und golden ein Kastanienbaum –

Nimm deine Geige, Frau Vergangenheit... 

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Allerseelen

(Ein Requiem für die gefallenen Helden, Geschrieben November 1914 als viertes Flugblatt; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Österreichische Gedichte“ 1914 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Für einen Menschen von der Heimatverbundenheit Anton Wildgans' mußte der Ausbruch des Weltkrieges im Jahre 1914 die tiefsteingreifende Durchschütterung bedeuten. Ein Venen­leiden machte ihn zu jeglichem Frontdienst untauglich und daher außerstande, auf diese Weise sein Teil Hilfe für das Vaterland beizutragen; so nahm er seine Zuflucht zu jener Aus­drucksform, die ihm zu Gebote stand: zum Gedicht)

 

 

Das waren grausam-schöne Sommertage

Und Abende von sanftem Perlenglanz,

Die Wälder rauschten leis, besonnte Schlage

Summten verwirrt von wilder Bienen Tanz.

Hell stand die Flur in goldenem Ertrage,

Und Märkte, Dörfer des geliebten Lands,

Wie hingestreute silberne Geschmeide,

Ruhten an Hügeln, glühten in der Heide.

 

Und manchmal war der Garten so versonnen

In seiner Bete blühendem Arom,

Im weiten Tal, vom blassem Dunst besponnen,

Umglommen Dächer einen greisen Dom,

Und dann, zu abendlichem Gold geronnen,

Verklärte sich so sehr der heilige Strom,

Daß alle Sinne, die den Frieden schauten,

Beklommen seiner Wirklichkeit mißtrauten.

 

Und jetzt ist Herbst. Ein Bachanal für Farben

Feiern die Wälder vor dem großen Frost.

Die Speicher sind gefüllt mit üppigen Garben,

Und in den Keltern gärt schon junger Most.

Über der Stoppelfelder Sensennarben

Geht schon der Winterpflug. O süßer Trost,

Daß unterm Schnee, der bald die Welt bebreitet,

Die Erde neues Fruchten vorbereitet.

 

Und doch ist rings Unsägliches geworden.

Die große Babel auf dem Scharlachtier

Zerstampft die Acker, stachelt ihre Horden

Zu Blutrunst wider uns und Neid und Gier.

Ein allgemeines fürchterliches Morden

Macht Meer und Land zum Menschenjagdrevier,

Und stündlich zur leibhaftigen Erfahrung

Werden die Schrecknisse der Offengarung.

 

Ein Traum, ein wirrer Traum! Und wir? Wir leben,

Schlendern durch Straßen, wandern über Moos

Und sehen müde Blätter niederschweben.

Und nehmen unser Kinder auf den Schoß,

Dürfen einander liebe Worte geben,

Und kein Tag ist so arm und freudelos,

Daß wir ihn nicht mit kleinem Dank beschließen.

Wir leben ja und dürfen fast genießen.

 

Nur weil in jeder Stunde, die uns eignet,

Und uns mit dieses Herbstes Glut umwirbt,

Für uns ein tapferer sich selbst verleugnet

Und fremdes Menschenglück für uns verdirbt.

Und weil sich tausendfacher Tod ereignet

Und jeden Augenblick ein Leben stirbt,

Ein blühendes, damit die Heimaterde,

Vor aller Angst und Not behütet werde.

 

Gedenkt der Toten! Dieser Tag der Schmerzen

War ihnen niemals noch so tief geweiht.

Ein funkelnd Meer von Millionen Kerzen

Entzünde sich an unsrer Dankbarkeit

Und grüße all die ewig stummen Herzen

Von unsrer Liebe und von unsrem Leid.

Wir können ihnen keine Blumen bringen,

So laßt uns sie beweinen und besingen.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Altes Bollwerk zu zerbrechen . . .

(Geschrieben 1917, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

Altes Bollwerk zu zerbrechen,

Das den Geist zum Herzen trennt,

Sollen Weise menschlich sprechen,

Daß sie auch der Bruder kennt.

 

Unbewußteste Erfahrung

Dringt aus Tiefen auf als Traum –

Traum ist Wurzel, Traum ist Nahrung,

Erde dem Erkenntnisbaum.

 

Und vom goldnen Zweig die Früchte

Bringen köstlichen Gewinn,

Und die himmlischen Gerüchte

Werden ahnungsvoller Sinn.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Am Fenster

(Geschrieben ca.1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

Am Fenster lehn' ich

matt und müd',

die Stirne glüht

und drinnen pochen

ohne Wanken

die Wünsche, die Gedanken.

 

Ein Lüftchen kühlt

mitleidig mild

die heissen Wangen —

Acb brächtest du

zu Rast und Ruh'

auch das Verlangen.

 

Atmend hebt sich die Brust -

Es war ein Traum

von Maienluft —

Ein welker Baum

lässt seinen Duft

herüberwehen —

Sein sterbend Laub,

des Windes Raub,

klagt — singt vom Vergehen

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

                       

An das Leben

(Geschrieben 1912, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Ich beichte und bekenne“ 1933 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans – Anmerkung von Lilly Wildgans: Vom Dichter selbst nicht veröffentlicht, da er möglicherweise im Nachhinein eine Art Scheu vor dem tief pessimistischen Charakter dieses Gedichtes empfand)

 

Vieles magst du an uns verschwenden,

Alles verweht —

Immer kommst du mit deinen Spenden,

Leben, zu spät —

 

Nahmen wir doch in schaffenden Träumen

Alles bereits

Längst vorweg deinem kleinlichen Säumen

Und deinem Geiz.

 

Müde sind wir, eh' wir gefunden

Spuren des Lichts.

Außer jenen träumenden Stunden

Haben wir nichts —

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

An den Schlaf

(Geschrieben und übertragen aus dem Italienischen 20.4.1924, Erstveröffentlichung in „Sonette aus dem Italienischen“ 1924; Sonette von Giuseppe Parini 1729-1799, Italien)

 

O, sanfter Schlaf, der du auf zarten Sohlen

Durchs Dunkel herkommst, keinem Wesen fehlend,

Und alles Erdenweh und Menschenelend

Begütigest mit freundlichen Idolen,

 

Dort, wo die Liebste, sichrer Hut befohlen,

Entschlummert ruht, den kühlen Pfühl beseelend,

Mal’ du in ihren Traum ein friedenstehlend,

Ein schrecklich Bild mit allen Leids Symbolen.

 

Und so mir ähnlich mögest du’s vollenden,

Und solche Blässe künde meine Pein,

Daß sie erwachend muß Erbarmen spenden.

 

Und ließest du mir Dieses angedeihn,

Will ich dir schweigend und aus leisen Händen

Zwei neue Kränze frischen Mohnes weihn.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

An die Amme meines Kindes

(Geschrieben und übertragen aus dem Italienischen 1924, Erstveröffentlichung in „Sonette aus dem Italienischen“ 1924; Sonette von Giovanni Chiggiato 1876-1923, Italien)

 

Und Traurigkeit, urplötzlich, schattenhaft,

Trübt deinen Blick und läßt ihn heimlich blinken,

Indeß dem Kind schlafmüd die Lider sinken,

Das Kinn noch feucht vom guten, starken Saft.

 

Du liebst es nicht und spielst nur Mutterschaft,

Wenn du ihm lächelnd gibst aus dir zu trinken,

Doch deinem Schmeichelwort und Augenwinken

Versagt der Ekel die Verstellungskraft.

 

Ich weiß, woran du denkst: ein fernes Tal,

Ein Haus und drinnen eine Wiege; Wind

Pocht an das Dach, und Schnee fällt manchesmal.

 

Doch bald ist Mai! – Nur daß indeß mein Kind

Aus dir nicht trinke Sehnens Lust und Qual,

Fürs Leben als ein töricht Angebind!

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

An ein blindes Mädchen

(Geschrieben und übertragen aus dem Italienischen 20.5.1923, Erstveröffentlichung in „Sonette aus dem Italienischen“ 1924; Sonette von Lorenzo Stecchetti 1845-1916, Italien)

 

O sei nicht traurig, liebes Angesicht,

Weil dir verwehrt ist, unsre Welt zu schauen;

So hold, wie deine Träume sie erbauen,

So heiter, arme Blinde, ist sie nicht!

 

Der freche Hohn, der uns aus Augen sticht,

Das geile Tier im Schatten unsrer Brauen,

Der Rohheit und Verderbnis ganzes Grauen

Verging für dich mit deinem Augenlicht.

 

Vergiß die Gaukelbilder, die du träumst!

Bewein den Anblick nicht, den du versäumst!

Wer an die Schönheit glaubt, ist wahnbesessen.

 

In Grases Grün und Blühens Tausendfalt

Birgt sich der Kröte ekle Mißgestalt –

Glücklich die Augen, die das Licht vergessen!

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

An ein Buch

(Geschrieben 6.4.1928, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Ich beichte und bekenne“ 1933 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

Ich lese dich, und deine Zeichen weben

Schleier auf Schleier um den wunden Sinn,

Abdämpfend rings das allzu laute Leben,

Von dem ich, tausendfältig hingegeben,

Kaum mehr als Spiegelbild und Echo bin.

 

Und wie sich die Gewirke dichter bauschen,

Wird's immer stiller, und es steht die Zeit,

Vergess' ich dich und hebe an zu lauschen

Auf meines Blutes heilig Stromesrauschen

In mir von Ewigkeit zu Ewigkeit.

 

Nun öffnet sich von geisterhaftem Wehen

Der Schleier luftig zauberhaft Gezelt,

Und vor mir liegt in ruhigem Bestehen,

Zum erstenmal geschaffen und gesehen

Vom eignen Aug', die Welt.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

An eine alte Frau

(Erstveröffentlichung im Band „Zeit und Welt“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948)

 

Sie geht noch immer unter uns und lebt,

Obwohl ihr Dasein längst schon ohne Sinn,

Wie ein verblindeter Kristall, darin

Der Wein verraucht ist und der Duft verschwebt.

 

Die Haare bleichen ihr, die Haut verfiel,

Nur ihre Hände sind noch immer jung

Und in der fältigen Umränderung

Die Augen und der Blick sinnend Spiel.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

An eine Zeitungsredaktion

(Geschrieben Juni 1924, Erstveröffentlichung im Band „Zeit und Welt“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Die „Neue Freie Presse" hatte in ihrer Wochenbeilage Nr. 10 vom 7. Juni 1924 die Porträts Franz Schrekers, Hofmannsthals, Galsworthys und Anton Wildgans' veröffentlicht. Wegen der zu repro­duzierenden Photographie hatte sie sich aber nicht mit dem Dichter selbst ins Einvernehmen gesetzt, sondern hinter sei­nem Rücken irgendwo ein verunglücktes Bild ausgegraben. Das Gedicht blieb übrigens unabgesandt)

 

Verehrte, liebe Neue Freie Presse!

Ich habe keine so verkniffne Fresse

Wie auf dem Bilde, dag du jüngst gebracht.

Auch fehlen mir nicht gänzlich alle Züge,

Wie dieses Bildes ungeheure Lüge

Es deinen Lesern leider glauben macht!

 

Ist meine Kopfform auch nicht grade edel,

Ich habe keinen solchen Kürbisschädel,

Kein Riechorgan von solchem Übermaß!

Du kennst mich doch, du bist mir wohlgesonnen,

Seh' ich denn aus, wie dem Gericht entronnen,

Wie das bekannte Bild „Wer weiß etwas?“

 

Falls du zum andern Male mein gedächtest

Und wieder einmal meine Larve brächtest,

Stell' ich dir Bilder bei in großer Zahl.

Es schmerzt mich tief, ich kann es nicht ertragen,

Wenn deine Leserinnen von mir sagen:

Wie schön ist gegen ihn der Hofmannsthal!

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

                       

An einem fremden Grabe

(Geschrieben 13.7.1910, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Buch der Gedichte“ 1929 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Aus der stets leben­digen Sehnsucht nach der frühverlorenen Mutter niedergeschrieben. Sie starb, als der Knabe vier Jahre alt war)

 

Weiß zog die Straße durch das Sommerland,

Kein Baum gewährte kühlen Unterstand.

 

Nur dreier Rosensträucher blasses Blühn

Lehnte sich müd´ an einer Mauer Glühn.

 

Von Kreuzen überragt und manchem Stein,

Schloß sie ein enges, steiles Viereck ein.

 

Wie goldne Heere, hell im Waffenstrahl,

Wogten die Saaten nieder in das Tal.

 

Rings um den bröckeligen Mauerkranz

Lagen sie still in starkem, treuem Glanz,

 

Nur leise redend wie vor heiliger Schlacht:

Leben und Reifen, das den Tod bewacht. ,.

 

Ein rostig Gittertürchen ließ mich ein,

Erschauernd schritt ich durch die Gräberreihn.

 

An einem Hügel wilden Grases blieb

Ich stehn und las, was fromm Gedenken schrieb.

 

Da hat mich herbe Rührung übermannt,

Dachte der Mutter, die ich kaum gekannt.

 

Die liegt begraben vor der großen Stadt,

Wo jeder Tote seine Nummer hat.

 

Dort fand ich nie den nahen Weg zu ihr

In Herzensträgheit und vor Lebensgier.

 

Doch hier am Grab der fremden Schläferin

Knie' ich, als läge meine Mutter drin,

 

Betend: Du ließest mich zu früh allein,

Würd' sonst mit mir wohl besser worden sein.

 

Du hast nun Frieden, hast dein Stückchen Grund

Ich muß noch wandern mir die Füße wund.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

An Pan

(Geschrieben 8.4.1927, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Gedichte um Pan“ 1928 noch unter dem Namen „Aufgesang an Pan“)

 

Der du den Wohllaut erfandest, den lockenden, einsamen,

Welcher dein Ruhm ist, solang auf den Fluren des Honiggebirgs

Würzig der Thymian blüht und die bienenumschwärmte,

Die purpurne Orchis,

 

Pan, dir opfern die Hirten! Im bleiern den Mittagsschlaf

Ruft deine Syrinxstimme die selig Erschrockenen an,

Daß die Sehnsucht beredt wird den unbeweibten

Erahnenden Knaben.

 

Groß ist solches gewiß und allen Gesanges Beginn,

Aber auch dieses vertrau' den verträumenden Jünglingen,

Daß sie noch winters dereinst, wenn die Flöte verstummt ist,

Auf Lieder bedacht sind:

 

Was der Wettlauf euch winket, ereilet, ihr Rüstigen!

Was die Schöße euch dämmern, erfüllet, ihr Fruchtbaren!

Was die Becher euch funkeln, das trinket, Gemischtes

Und Ungemischtes!

 

Und verschmäht mir die holde, die heilige Weisheit nicht,

Noch auch Pflugschar und Waage! Und hütet die Sohlen, die

Unversuchten, nicht allzu ängstlich vor Dornen

Und spitzen Steinen!

 

Denn der Sehnsucht, die meidet, was Leben und menschlich ist,

Mag wohl ein Verslein gelingen, welchem mit halbem Ohr

Satyr und Nymphe lauschen beim kichernd geübten

Arkadischen Bocksritt,

 

Aber die Stimme des Mannes, der vieles ermaß und bestand,

Sie übertönet gewaltig auch Kampflärm und Märktegetös,

Und ihr halten sogar bisweilen im Rat ein

Bewirkende Geister!

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Antike Szene

(Geschrieben und übertragen aus dem Italienischen 25.7.1923, Erstveröffentlichung in „Sonette aus dem Italienischen“ 1924; Sonette von Lorenzo Stecchetti 1845-1916, Italien)

 

Die Brüste bloß, das blonde Haar gefacht

Vom Sturm des Fest’s, zu dem ein Gott geladen,

So irrest du an heiligen Flußgestaden

Und riefst Adonis! sehnend in die Nacht.

 

Dann, tief in Ähren, golden überdacht,

Sangst du ein Preislied auf der Ceres Gnaden,

Dann wieder, als die Tollster der Mänaden,

Gabst du dem Tag der Lenden nackte Pracht.

 

ich aber folgte Fackeln und Gesang

Und hetzte dich, indes ich brennen fühlte

Vom Gott das Blut, das mich zu dir hin zwang.

 

Bis ich dich hielt, mich in dein Haar verwühlte,

Dein Sträuben auf den Rasen niederrang

Und meinen Durst an deinen Lippen kühlte!

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Apostrophe

(Geschrieben und übertragen aus dem Italienischen 10.6.1923, Erstveröffentlichung in „Sonette aus dem Italienischen“ 1924; Sonette von Lorenzo Stecchetti 1845-1916, Italien)

 

Wir sind das trunkne Rasen der Bacchanten,

Die heilige Verzückung der Asketen,

Wir sind die Märtyrer und die Propheten,

Die Wegbereiter und Vorausgesandten.

 

Wir sind die Erdennahen und Emporgewandten,

Der Liebe Wissende und Exegeten,

Und nur aus uns Erwählten und Poeten

Brausen die Hymnen, die vom Geist entbrannten.

 

Ihr Händler, Wechsler und Geschäftemacher,

Verhöhnt gefährlichere Widersacher!

Und ist der Sinn für Wucher nicht verliehen.

 

Fälscht weiter Waren, Maße und Gewichte!

Doch uns gestattet, Rosen und Gedichte

Dem Schacher mit Gewürzen vorzuziehen!

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Armut

(Geschrieben 1914, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Dreißig Gedichte“ 1916 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Überarbeitete Fassung des aus 1906/1908 stammenden Gedichts „Los der Armen". Sie wurde 1914 unter dem Titel ,Armut" in dem Gedichtband „Dreißig Gedichte" veröffentlicht und von da an unverändert unter dem ursprünglichen Titel in andere Bände aufge­nommen)

 

Die Armen sind geboren wie andre aus Mutterleibern,

Seele, Augen und Blut sind so wie der anderen Menschen,

Sonne und Nächte, Früchte und Frühling gelten auch ihnen,

Und doch ist alles so anders, wenn es den Armen begegnet:

Geborenwerden und Sein und Ernte und Sonnenlicht.

 

Sie dürfen nur Zeichen tun, als lebten sie, dürfen nicht leben,

was sie besitzen, wird Not und, wessen sie darben, Verhängnis,

Freude zu Angst und Liebe Gefahr und Elternschaft Hunger,

Seele zu Leid und Wirken zu Schweiß und Auge zum Werkzeug:

Labsal der ändern an ihren Lippen wird Bitternis.

 

Sie  müssen   die Reichen sehen, die sich vor ihnen nicht schämen,

Immer messen ihre Nichts am Überflusse der ändern,

Immer vergiften sich lassen die Ruh nach dem Sturm des Entsagens,

Während jene die Mittel haben, zu meiden der Armut

Behagenstörende Nähe und grausames Angesicht.

 

Ach, sie haben ja Geld, die Reichen! Und Geld ist immer Ersparnis

am Herzen, am Dienen von Mensch zu Mensch, an tätiger Liebe,

aber der Armen Münze ist immer ihr Selbst, ihre Freiheit,

ihr Dasein und Tun zu eigenem Zwecke, sie müssen immer

bezahlen mit Menschenwürdeverlust und Glückverzicht.

 

Darum leben sie nicht und dürfen nur, als ob sie lebten,

Zeichen tun, und   scheinbar   ist alles, was sie besitzen.

Wirklich   haben sie nichts: nicht Lust, nicht Auge noch Seele,

Haben nicht Sonne, nicht Nächte, haben nicht Früchte und Frühling,

Nicht an Weibern und Kindern köstliches Eigentum.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Auch ein Trost

(Geschrieben 1903, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans – Anmerkung von Lilly Wildgans: Dieses Gedicht stammt aus einer frühen Jugendzeit und ist, sowohl formal als auch dem Gefühls­kreis nach, nur als Stufe zu werten auf dem Wege zu eigenem Ton und zum Ausdruck des eigenen Ich)

 

Ich hatte ein süße Braut,

Hold wie ein Frühlingsflur –

Sie war mir innig angetraut

Durch heißen Liebesschwur.

Mir gab sie eine gute Fee –

Juche, juche !

 

Vom Turme hoch die Glocke sang,

Hell flimmert´s vom Altar,

Der Priester sprach, die Orgel klang –

Mein Liebchen trug im Haar

Der Myrte keuschen Blütenschnee –

Juche, juche !

 

Doch war nicht ich der Bräutigam.

Mich hatt´ sie zwar geliebt,

Zum Gatten sie den andren nahm.

Da stand ich nun betrübt,

Mir ward ums Herz so wund und weh –

Ach was! – Juche !

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Auf den Tod einer großen Hure

(Geschrieben 16. 10. 1920 in Mönichkirchen, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Buch der Gedichte“ 1929 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Es handelt sich wahrscheinlich um die berühmte Tänzerin Le Goulue, welche der Maler Toulouse-Lautrec auf einem Plakat für das Moulin Rouge verewigte. Es mag vielleicht nicht uninteressant sein, an Hand des nachfol­genden, viele Jahre nach des Dichters Tod erschienenen Zei­tungsartikels (Blatt und Ort lassen sich nicht feststellen, da nur der Ausschnitt vorliegt) zu verfolgen, in welch un­heimlicher Übereinstimmung die Vision des Dichters von der Wirklichkeit nachgebildet wurde. Der von Hans B. Wagen­seil stammende Artikel führt den Titel >Glanz und Elend der Goulue<: „Mehr als vierzehn Jahre sind nunmehr verstrichen, seit­dem La Goulue gestorben ist, nachdem sie schon lange vor­her ein klägliches Schattendasein gefristet hatte. Die be­rühmte Goulue vom Moulin de la Galette, vom Elyse"e-Mont-martre, vom Assassin oder wie die klassischen Nachtlokale im Paris der achtziger Jahre alle hießen! Sogar heutzutage noch kann man alte und sehr würdige Herren von der Goulue er­zählen hören, von ihrer Grazie und Laszivität, von ihrer geistreichen Unverschämtheit, ihren tollen Einfällen ... Sie war berühmt als Tänzerin und Vedette des Pariser Nacht­lebens. Alle Zeiten überdauernd ist nach wie vor ihr Ruhm durch die vielen Bilder, zu denen sie den berühmten Maler Toulouse-Lautrec angeregt hat... La Goulue verdiente zu ihren Zeiten gewaltige Summen . . . Noch viel mehr Wege aber gibt es für eine altersverblühte Frau, sie einzubüßen. Als La Goulue nur noch ein paar hundert Francs ihr eigen nannte und nirgends mehr ein Engagement finden konnte, beschloß sie, auf der Foire du Tröne eine Jahrmarktsbude aufzumachen ... Aber auch das währte nicht lange ... La Goulue verschwand von der Bildfläche. Mitunter, immer seltener tauchte sie auf dem Montmartre auf, um zu betteln. Und dann war sie auf einmal verschollen . . . Ende Jänner 1929 wurde eine halbverhungerte Greisin in das Lariboisiere-Armenspital eingeliefert. Dort starb sie wenige Tage darauf. Die Alte hieß Louise Weber. Und Louise Weber war nie­mand anderer als La Goulue, l'incomparable, l'inoubliable, l'etoile des danseuses, la perle des siecles. Der Leichnam der Goulue kam in ein Massengrab. Massengräber sind gefräßig.")

 

 

Eine große Hure ist gestorben.

Sie besangen Dichter, sie bedachten Denker,

Mächtige der Erde, Schlachtenlenker,

da sie blühte, haben sie umworben.

Gattinnen verbissen Schmerz und Wut

ihrethalben in verwaiste Kissen.

Freunde lernten Freunde hassen, Blut

floss um Liebespfänder, ihr entrissen.

 

Im Getümmel, das sie andrang, Glied an Glied

auf dem Feld beschmutzter Frauenehre,

die auf sie gezückten Männerspeere

riss sie an sich als ein Winkelried.

Auf dem letzten Schrägen liegt sie nun,

ein Kadaver, eingeschrumpft zum Kind:

Süße Mumie, wo sind

jetzt die Kavaliere, die aus deinen Schuh'n

den Champagner tranken? - Fort wie Wind.

 

Von dem Siechenhaus des Dorfs, aus dem sie kam

einst als junges Blut ins große Leben,

humpelts, hüstelts: Triefaug, Blöd und Lahm –

wollen ihr die letzte Ehre geben!

 

Gähnend gürtet sich das Zingulum

der Kaplan zum Dienst der Bettelleiche.

Keine Kerze brennt im Heiligtum

für den Sarg aus imitierter Eiche.

 

Vaterunser plärrt ein Pfründnerweib,

ohne Trinkgeld läutet faul der Türmer,

und im Schachtgrab rüsten schon die Würmer

zu dem Schmaus an ihrem Elendsleib.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Auf ein Epitaph

(Geschrieben 1909, Erstveröffentlichung im Band „Zeit und Welt“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948)

 

 

Auf einem Friedhof steht ein schlanker Stein,

Dem grub der Steinmetz eine Inschrift ein.

Für einen Jüngling, der zu früh verschied,

Ersann ich jenes dunkle Minnelied,

Paar Worte, wie sie bei der Hand, und schlicht,

Wie man im Leben wo ein Zweiglein bricht,

Und dennoch werden sie, geritzt in Stein,

Beständiger als all mein Singen sein.

Noch immer hatt´ bei Menschen mehr Bestand,

Was wie von ungefähr entglitt der Hand.

Doch was man hoch wie eine Fahne hob,

Erwirbt kaum jemals das ersehnt Lob.

Denn wessen Lied nicht für die Menge tönt,

Den hat die Menge niemals noch gekrönt.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Auf wen ich warte . . .

(Geschrieben ca.1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

... Du glaubst vielleicht auf eine Fee oder eine

Quellnymphe; denn da liege ich im Grase, neben mir

sprudelt ein Wiesenbach, und im Gebüsche regt sich's hie

und da so geheimnisvoll —

Ich lausche auf das leiseste Geräusch wie auf eine

liebe Stimme, wie auf einen bekannten Schritt —

Ich spähe nach einem Goldköpfchen,

nach zwei nächtigen Augen ...

Jetzt — dort —!

Doch nein, es war ein Zaunkönig, der in den Zweigen

hüpfte —

Jetzt — hier!

Nein, ein Sonnenstrahl war es nur, der glänzte wie

deine Haare —   ich lausche . . . doch umsonst!

Auf wen ich warte,

weisst du's jetzt?

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Aufblick

(Geschrieben 1.1.1921, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Gedichte um Pan“ 1928 – Anmerkung von Anton Wildgans: Im Anblick des weiten Himmels vor dem Fenster von Fritzerls Krankenzimmer bei einer Frühlingstemperatur von 13° - Anmerkung von Lilly Wildgans: Ein für die ganze Wesensbeschaffenheit von Anton Wildgans sehr aufschlußreiches Gedicht. Die beiden Pole seiner Einstellung zum Leben und zu seiner Kunst sind darin eindeutig umrissen)

 

Gewöhne deinen Blick an Weiten,

In denen hohe Wolken gleiten

Von West nach Ost, von Nord nach Süd!

Doch schauend ins Gebiet der Sterne,

Vergiß nicht über ihrer Ferne

Der Erde, die zu Füßen blüht!

 

Aus Nahgefühl und aus Entrückung

Gemischt ist irdische Entzückung,

Nur eins von beiden wäre Wahn;

Das Auge, scharf auf das, was seiend,

Und sich vom Seienden befreiend,

Sieht Welt und Himmel auf getan!

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Aufstieg

(Geschrieben und übertragen aus dem Italienischen 1924, Erstveröffentlichung in „Sonette aus dem Italienischen“ 1924; Sonette von Giuseppe Parini Zucca, Italien)

 

 

Stein sind die Stufen, steil und unbehauen!

Und ob sich dieser zitternd krümmt hinan

Und jener, Morgenröte auf den Brauen,

Den Erzschritt aufrecht setzt, was liegt daran ?

 

Hinauf, hinauf! Und ob, von Schwindels Grauen

An Schläfen matt, ein andrer stürzt — wohlan,

Es schweige Wehgeschrei von Klagefrauen

Und Schwächlingen!   Was ist damit getan?

 

Ich sage euch: Dies ist nur Opferpflicht!

Was liegt daran bei solchem großen Wallen,

Ob der und jener in die Kniee bricht?!

 

Wenn einer nur für alle und von allen

Dort oben ankommt, wo im Gipfellicht

Die Schleier vom Gesicht der Wahrheit fallen!

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Aus der Notzeit

(Geschrieben 1916, Erstveröffentlichung im Band „Zeit und Welt“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 – Anmerkung von Lilly Wildgans: An Mimi von Proskowetz, Schloss Kwassitz bei München; der Frau seines Jugendfreundes Willi von Proskowetz. Man muß sich an die Ernährungsumstände während der Jahre des Ersten Weltkrieges zurückerinnern, um dem Inhalt dieses Scherzgedichtes Ver­ständnis entgegenzubringen. Die wichtigsten Lebensmittel waren nicht mehr oder nur in kleinsten Mengen zu erhalten, die Jagd nach allem, was den Hunger zu stillen vermochte, hielt jeden in Atem. In solcher Not kam dem Dichter von seinen Freunden Proskowetz, die auf ihrer Besitzung in Kwassitz noch immer wie auf einer glücklichen Insel dahin­lebten, manche Unterstützung zu, die dann Veranlassung zu lustigen poetischen Danksagungen gab. „Gram­meln" sind die nach dem Auslassen des Schweinespeckes verbleibenden Rückstände, hochdeutsch „Grieben".)

 

 

Hochverehrenswerte,

Hochbegehrenswerte,

Immer hilfsbereite, edle Frau,

Lassen Sie mich stammeln:

Danke für die Grammeln

Und den wundervollen Speck der Sau!

 

Diese Grammeln schienen

Mir ein Teil von Ihnen,

Und ich aß sie, schmatzend, kalt mit Brot.

Aß sie heiß und wärmlich,

Und mir ward gedärmlich

Wie im Himmel, wie dem lieben Gott.

 

Aber mit dem Specke

Wänste ich und stecke

Immer mir noch voll und prall den Leib.

Ach, was kann ein Stücklein

Speck doch für ein Glück sein,

Alles mir ersetzend, selbst das Weib!

 

Hungrig, wie ich dasitz',

Sehn' ich mich nach Kwassitz,

Meines Gaumens holdem Kanaan.

Wär' doch endlich Frieden

Unserm Land beschieden,

Übermorgen käme dort ich an.

 

Und dem ersten Schweine,

Das an meine Beine

Traulich grunzend seinen Rüssel rieb',

Fiele jedenfalls ich

Um den fetten Hals ich,

Flüsternd: Habe dich zum Fressen lieb!

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Ausklang

(Geschrieben und übertragen aus dem Italienischen 10.6.1923, Erstveröffentlichung in „Sonette aus dem Italienischen“ 1924; Sonette von Lorenzo Stecchetti 1845-1916, Italien)

 

 

Den Beifall kenn’ ich und den Hohn der Menge,

Den Schmeichelton und Faustschlag ins Gesicht,

Weiß um die Gifte, die man denkt und spricht,

Und um die Ruhe der Gewissensstrenge.

 

Ich kenn’ die Blutspur mancher Leidensgänge,

Und auch den Weg der Freude mied ich nicht;

Ich schlürfte bis zum Grund und stell’ nun schlicht

Den Becher hin, an dem ich nicht mehr hänge.

 

Und dennoch, wenn ich mich zurückbesinne

Durchmessnen Weges und vergangner Zeit,

Werd’ ich in mir nur heitern Friedens inne.

 

Ein leichter Rauch, zu Höhen flugbereit,

Blieb mir die Seele wie vom Anbeginne,

Und Bechers Neige ist nicht Bitterkeit.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Aussicht

(Geschrieben 15.7.1905; Erstveröffentlichung in „Die Zeit“, Wien Nr. 1338, Beilage Die Sonntags-Zeit am 17.6.1906; Erstveröffentlichung in Buchform im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909; - Anmerkung: Dieses Gedicht wurde, ebenso wie die Gedichte „Über den Dächern“, „Gegenüber“ und „Die Menschen, die in den Höfen wohnen" vom Zimmer des Dich­ters in der Lerchenfelderstraße 3, Wien 8 aus erlebt)

 

 

Auf den Giebeln vor meinem Fenster

Brütet die Sonne sich müd –

Auf der Mauer vor meinem Fenster

Wächst Gras, und eine Blume blüht.

Über Giebel und Mauern ein Frühlingswind

Hat ihren Samen herübergeweht.

Jetzt müssen sie wachsen, wo sie sind

Und kein barmherziger Schnitter sie mäht.

Da nährt kein Grund, da letzt kein Tau,

An ihren Wurzeln frißt der Stein,

Um sie die Luft ist Rauch und Grau,

Auf ihnen brütet der Sonnenschein.

Sie müssen warten, bis ihr Grün

Zu Mist wird, den der Wind verrafft,

Bis ihre allerletzte Kraft

Hindorrt im mitleidlosen Glühn...

 

Auf Giebeln vor meinem Fenster

Brütet die Sonne sich müd –

Auf der Mauer vor meinem Fenster

Wächst Gras, und eine Blume blüht.

Von einem lachenden Wiesenhang,

Wo Blüte an Blüte steht,

Über Giebel und Mauern ein Frühlingsklang

Hat sie herübergeweht... 

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Begegnung

(Geschrieben ca.1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

In schwüler Wüstenhelle

Schritt ich den Pfad entlang:

Du kamst und trugst der Quelle

Kühl-labungsvollen Trank.

 

Mein Auge fleht': leb dürste —

Du lächeltest: komm und trink —

Ich weiss nicht, warum ich damals

So stumm vorüberging —

 

Warum?   Weiss Gott —   Ich wander'

Muf Nimmerwiederseh'n —

Wir mussten ja doch aneinander

Schweigend vorübergeh'n.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Beichte eines Mitleidigen

(Geschrieben März 1912, Erstveröffentlichung im Band „Zeit und Welt“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Jener Drang nach Erkenntnis, der den Dichter zur Abfassung der „Beichte eines Mitleidigen" trieb, das Gefühl, wie wenig wir vom eigentlichen Mitleid in uns zu erwecken vermögen, weil wir vor innerer Lauheit ja doch nicht imstande sind, die Herzensschranken zwischen Mensch und Mensch zu be­seitigen, versucht hier in Gedichtform an diese Menschheits­not heranzukommen)

 

Sie bauen noch immer Symbole aus Stein

In den längst entgötterten Himmel hinein,

Tuen Glocken in die Gefühle;

Die dröhnen mit ihrem bronzenen Mund

Eine Sprache, die keiner Seele mehr kund

Und fremd für unsre Gefühle.

Weil in den Glöcknern der Herr Jesu Christ

Gestorben und nie mehr erstanden ist.

 

Und kann, wenn des Tages Frone vorbei,

Eines Nebelhorns tierisch brüllender Schrei

Mehr Freude und Lösung erkünden –

Und ein Tag, erlöst vom Maschinengekreisch,

Ist mehr für die Seele und mehr für das Fleisch

Als Vergebung all unserer Sünden –

Weil die Freude, die uns den Sonntag versüßt,

Sechs Tage getilgt wird und abgebüßt.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Bescheide dich

(Geschrieben 1907, Erstveröffentlichung im Band „Zeit und Welt“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948)

 

Bescheide dich:

Nicht was du nahmst, nur was du gabst, vermag

Dich über deinen Tod hinauszuretten.

Wer wird einst fragen, ob du deiner Lust genüge tatest –

Wenn ich jetzt stürbe, hätt´ ich kaum gelebt –

Empfangend nicht und gebend kaum.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Besinnung

(Geschrieben Sommer 1912 in Mönichkirchen; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Mittag“ 1917; - Anmerkung von Lilly Wildgans: Im Sommer 1912 in Mönichkirchen nie­dergeschrieben während der Rauschperiode, der die „Sonette an Ead" ihre Entstehung verdanken. Dieses Gedicht war offensichtlich ursprünglich für den Sonetten-Zyklus bestimmt, wurde dann aber ausgeschieden und als selbständiges Gedicht verwertet)

 

 

O selig, starker Arme Werk zu tun,

Ein Ding zu formen mit gewandten Händen

Und jeden Tag ein Greifbares vollenden

Und abends müde sein und auszuruhn.

 

Es kann der Geist im Fertigen von Schuhn

Tiefres Genügen finden und Bewenden

Als in des Denkens höchsten Gegenständen –

O selig, starker Arme Werk zu tun!

 

Wir andern fügen fiebernd Traum an Traum

Zum Babelturme schwärmender Gedanken,

Im Geist schon ragend an den fernen Saum

 

Goldener Wolken, und erkennen kaum

Von des Gerüstes allerhöchsten Planken

Die liebe Erde, Menschen, Tier und Baum.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Blick von oben

(Geschrieben 9.4.1916; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Mittag“ 1917; - Anmerkung von Lilly Wildgans: Auf dem Weg zur Mönichkirchner Schwaig steht eine mächtige Fichte. Sie wurde für Anton Wildgans und sein Andenken erworben und unter Naturschutz gestellt. Man geht wohl nicht fehl, wenn man diesen Baum mit der „Kirbisch-Fichte" des ersten Gesanges in Zusammenhang bringt. Von dort aus war vom Dichter auch der „Blick von oben" erlebt worden. Und so schmückt denn heute eine große Lärchenholztafel, auf die das Gedicht geschrieben wurde, den Stamm des Baumes)

 

 

O, wie stillt es die Brust, auf Bergeshöhe zu stehn

Und den Schimmer der Sonne auf den Rücken der Vögel

Und auf den grünen Vließen gedrängter Wipfel zu sehn.

 

Rote Rehe tiefunten, in schlanken, lautlosen Fluchten,

Scheuen über gräserflimmernde Waldblößen hin.

Unsichtbare Gewässer rauschen empor aus Schluchten.

 

Silbergesponnen, ein lose hingeworfener Faden,

Haftet, Forste und Felder umschlingend, die Straße am Hang.

Wagen ziehen herauf, mit goldenen Hölzern beladen.

 

Fernhin und ferner verblassend, ein innig Gefüge von Hügeln

Sinkt, sich verjüngend, dem dunstigen Rande des Himmels zu.

Irgendwo jenseits gleitet es nieder auf blauen Flügeln.

 

Vom Beginne der Erde, vom Aufgang der Wolken her,

Wächst die Ebene feierlich auf, und die weißen Gehöfte

Stehen in ihr wie Segel auf einem windstillen Meer.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Blumenmädchen

(Geschrieben 1.7.1898; Eine der allerersten Veröffentlichungen, erschienen in: „Typographische Caricaturen", Wien, Jahrgang V, Nr. 74; Erstveröffentlichung in Buchform in „Tiefer Blick“ 2002 von Evelyn A. Hahnenkamp)

 

 

Der Walzer tönt in leichtgeschürzten Weisen,

an reichlich weißgedeckten Tischen sitzt

der Gäste Schwärm und lässt die Gläser kreisen,

in denen heut ein bessrer Tropfen blitzt.

 

Und draußen sieht gedrängt man sie spazieren,

sie hören kaum den heitern Schaukelklang,

sie schäkern, scherzen, flüstern, jubilieren,

's ist Sonntag ja - nach Herzensdrang.

 

Dort aber seh´ ich durchs Gedränge wandeln

der Sünde truggeschminktes, lächelnd Kind,

aus Körbchen seh´ ich Blumen sie verhandeln,

die doch Symbol der zarten Reinheit sind.

 

Der Unschuld und der Weltlust geile Freuden,

der Liebe Sinnbild und des Lasters Fluch,

in einer einz'gen Hand vereint die beiden –

Oh ewig wehmutsvoller Widerspruch.

 

 

 

Anton Wildgans

(1881-1932)

 

 

Botschaft

(Geschrieben 1895/96, Erstveröffentlichung in „Hippodameia“ 1962)

 

Siehst du die tausend Sterne funkeln

Am weiten Himmelszelt der Nacht?

Wie in den Räumen dort, den dunkeln,

Ein tausendfältig Leben wacht?

 

O war' mir jene Macht gegeben,

Die Sterne hebt und Sonnen senkt!

Könnt' ich den Sternen Bahnen geben,        

Ich hätte anders sie gelenkt.

 

Ich würde sie in Reihen zwingen,

Und Riesenzeichen formte ich,

Da sollt' es in dein Auge dringen

In Flammenschrift:  »Ich liebe dich!«

 

Hörst du des wilden Donners Rollen?

Die Luft erzittert und erbebt,

Die Erde schwankt bei seinem Grollen,

Bis endlich er uns fern entschwebe.

 

O könnt' Gewitter ich empören,

Gewitter wild und fürchterlich —

Dann solltest du die Worte hören

Im Donnerton: »Ich liebe dich!«

 

Die Worte, die so inhaltsreichen,

Die wollte würdig melden ich.

Aus Donnerton und Flammenzeichen

Vernähmest du: »Ich liebe dich!«

 

 

 

Anton Wildgans

(1881-1932)

 

 

Casanova

(Geschrieben am 17.7.1905; Erstveröffentlichung in der Zeitschrift „Die Muskete“, Wien-Leipzig Band 1 Nr.6 am 9.11.1905; Erstveröffentlichung in Buchform – Anmerkung von Lilly Wildgans: Wildgans und sein Freund Haymerle hatten eines Abends das Cafe Heinrichs­hof aufgesucht, um vor dem Heimgehen noch eine Schale Mokka zu trinken. Der vorgerückten Stunde halber waren nur mehr wenige Gäste anwesend. Um so mehr musste eine bildschöne junge Dame auffallen, die in Begleitung eines schon recht senilen Herrn am benach­barten Tisch saß. Haymerle begann sofort mit dem Versuch, die Aufmerksamkeit der Dame auf sich zu lenken, und sandte ihr feurige Blicke zu, die nicht unerwidert blieben. Als das Paar das Lokal verließ folgten ihm die Freunde bis zu einem Haus des Neuen Marktes, in derr jene beiden verschwanden. Haymerle lag am nächsten Morgen noch irr Bett, als sein Kumpan bereits ins Zimmer drang: ,Nimm dies, mein Guter, und schmiede damit Dein Glück; ich habe die ganze Nacht dar­an geschrieben' Mit diesen Worten überreichte er ihm das Manuskript des ,Casanova')

 

Die Zeiten, gnädige Frau, sind längst vorüber,

Da Liebe noch des raschen Mutes Lohn!

Beim großen Gott, ich ginge lieber,

Den Degen am Gehenk, im stählernen Plastron,

Und sah ich wo in einer Abendstunde

Ein Weib von Ihrer Huld und Zier,

Dann wagt ich meinethalb die Todeswunde

Im Waffengang mit ihrem Kavalier,

Und es entschiede sich:

Er oder ich -!

 

Dann hielte eine Gondel wo im Schatten

Und trüge ein verhangenes Gezelt;

Der Schrecken stürbe in Ermatten,

Ein Körper, den die Furcht entseelt,

Zwei Hände lösten mählich sich im Krampfe,

Belebten sich zu keusch verzagter Gunst -

Das übrige vollbrächte meine Kunst,

Vom ersten Kusse bis zum letzten Kampfe,

Indes aus fernen Gärten Saiten stöhnten,

Doch nicht so süß, wie ihre Seufzer tönten ...

 

Die Zeiten, gnädige Frau, sind längst vorbei!
Heut lohnt den raschen Mut die Polizei,    i
Doch nicht so süß wie ehedem die Liebe.
Der Degen mangelt, und Spazierstockhiebe
Verletzen zwar, doch machen sie nicht frei.

 

Und dann, Ihr kühner Kavalier! - O weh! –

Pardon, das war vielleicht ein wenig roh!

Ich sah mit ihm Sie gestern im Cafe:

Hochsommernacht - und er - im Paletot...

Wenn ich bedenk, dass dieser greise Blick

Auf Deiner jungen Schönheit ruht,

Dass dies Geripp Dein warmes rotes Blut

Verdammt zu ewger Sehnsucht Missgeschick –

Dass „er" Dich sieht, wenn alles schon gesunken

Und nur die letzte Seide zögernd träumt,

Dem Tropfen gleich, der an der Blüte säumt,

Weil er von ihrem Duft nicht satt getrunken –

Wenn ich bedenk, dass „er" dich künstelnd zwingt

Zu sinnberaubten, rauschlosen Gebärden,

Statt dass sich jubelnd dir der Schrei entringt:

Jetzt will ich sterben oder Mutter werden! –

Beim großen Gott, dann trag ich's länger nicht

Und es entschiede sich:

Er oder ich!

 

Sie lächeln, gnädige Frau? Mag sein, ich bin ein Schwärmer.

Und doch - ist man bei kluger Nüchternheit

Nicht auch um manches heiße Prickeln ärmer -?

Ich träum mich gern in eine reichre Zeit,

Da's mehr Gefahren gab und mehr Courage.

Da forscht ich, wollt ich Ihren Gatten schonen,

Durch meinen Mohren, wo Sie wohnen.

Dann schlich im Zofenkleid mein blonder Page

In Ihr Gemach mit manchem Liebespfand.

Ich selber nahte mich - vielleicht im Dome,

Vielleicht im Karneval, im Maskenstrome -

Und drückte heimlich Ihre süße Hand.

Und endlich dann in Sternensommernächten,

Sie am Balkon, um Ihre losen Flechten

Das Mondlicht silbern und wie Wellen kühl,

Im Garten ich - mit Schwert und Saitenspiel,

Gleich gern bereit, zu singen und zu fechten!

Und dann ein Zögern, Flüstern, Für und Wider -

0 edle Scham, du keusche Kupplerin -!

Dann glitte doch die seidne Leiter nieder,

Und ich - vergessen wo ich wirklich bin.

Das Leben ist banal und kostet Überwindung,

Mein Mohr, mein blonder Page sind dahin -

Mir bleibt ein Dienstmann und die Postverbindung

Drum, gnädige Frau: wenn Sie der Unbekannte

Von gestern abends im Cafe

Interessiert, beglückt ihn ein Billet:

Adresse: „Casanova", poste restante. –

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Cellospielendes Mädchen

(Geschrieben ca, 1918, Erstveröffentlichung im Band „Zeit und Welt“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Elisabeth Bokmayer zugeeignet, der jungen, hochbegabten Cellistin, die in den Jahren 1915 bis 1918 gemeinsam mit Erny Alberdingk den „musikalischen Orgien" beigezogen wurde, die Joseph Marx allsonntäglich bei uns entfesselte. Das „Priesterband" be­zieht sich auf ein meist in Gold gehaltenes Band, das die rot­blonden Haare des jungen Mädchens über der Stirne zusam­menhielt)

 

 

Das Spiel beginnt. Ein Wille, jäh' entbrannt,

Ist plötzlich in dem Blick des jungen Weibes

Und strafft die Muskeln dieses schmächtigen Leibes,

Der herrisch ist und herb und unerkannt.

 

Die Linke hält den Saitenhals umspannt,

Die Rechte züchtigt mit genauen Streichen,

Die Kniee halten die erbebten Weichen

Des braunen Rumpfes bändigend gebannt.

 

Nur manchmal, wenn sich sein erregtes Stöhnen

Unter dem Kosen der geliebten Hand

Vergeistigt und verzückt zu süßen Tönen,

 

Senkt sich das Antlitz mit dem Priesterband

Und hat im liebevollen Niederneigen

Ein Lächeln, wie es jungen Müttern eigen.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Dank am Morgen

(Geschrieben 1921, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Gedichte um Pan“ 1928 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Das Bewußtwerden jener durch einen guten Schlaf bewirkten aufblühenden Kräfte, wie sie das Gedicht schildert, erlebte der Dichter stärker als anders­wo in Mönichkirchen)

 

 

Herr, Dank dir für den Schlaf, mit dem du alle Nächte

Lind überbreitest all mein irdisches Gemachte!

 

Gestillt erwach' ich dann, gewahrend deine Erde,

Wie sie der Adam sah, erschauernder Gebärde.

 

Geschaffen ist sie mir erneut in jeder Frühe

Mit Vogelruf und Duft und zarter Wolkenglühe.

 

Geschaffen bin ich selbst mir neu an jedem Tage,

Ich, zwischen Heut' und Heut' das Zünglein an der Waage.

 

Darf bessern, was gefehlt, und abtun gestrig Irren,

Ob auch, um neu in Fehl mich irrend zu verwirren.

 

Darf meines Wandels fromm ein Zeichen hinterlegen,

Daß meiner sich besinnt, wer nachforscht meinen Wegen.

 

Und darf dann wieder, all der Fülle müd', entsinken

Und friedlich deines Schlafs gekühlte Krüge trinken.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Dann wird es still sein ...

(Geschrieben 1904; Erstveröffentlichung in „Tiefer Blick“ 2002 von Evelyn A. Hahnenkamp)

 

 

Dann wird es still sein. In Neapel sah

ich einst vom Posilippo auf das Meer,

die Bucht von Bajä lag im Abend da

wie eines Schildes runde blanke Wehr,

und dunkelblau die Insel Ischia –

Ein Panzerstücke, des sich ein müder Held

entledigte - und Frieden war die Welt.

 

Nichts drang in diese hohe Stille ein

als tiefer Brandung ferngedämpfter Ton.

Eine Zypresse hielt die Wacht allein

am Gittertore eines Parkes; von

der Mauern grauem übermoosten Stein

gossen sich Reben, Blüten rot wie Mohn –

So, wenn Dich einst mein Arm für ewig hält,

wird unser Tag sein - Frieden war die Welt.

 

So war's nicht immer - eh auf Kap Misen

des Kaisers schimmernder Palast entstand.

Wechselte dunkles, freudiges Geschehn,

bluteten Kämpfe um dies Stückchen Land,

wo heute junge Fischer plaudernd gehen

mit ihren braunen Mädchen Hand in Hand,

wo heute Hütten bei Ruinen stehn

und Kähne friedlich schaukeln längs dem Strand –

Der Todesschrei, die Tuba ist vergellt,

und Frieden ward in dieser kleinen Welt.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Das fremde Glück

(Geschrieben 13.4.1908 in Sulz-Stangau, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Dreißig Gedichte“ 1916 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Ursprünglich „Der Besuch“ genannt und Victor und Elly von Haerdtl gewidmet)

 

 

Von diesen kleinen Dingen leben wir ,

nicht von den großen, die so selten kommen:

Oft war's nur irgendein Reflex, der dir

von einer Vase plötzlich aufgeglommen,

oft ferne ein Akkord auf dem Klavier

vom Abend auf die Fittiche genommen –

von solchen kleinen Dingen leben wir.

 

Und neulich trat in meinen stillen Raum

das junge Glück und lächelte von Wangen

zwei froher Menschen, die im Morgentraum

der ersten Liebe frühe noch befangen –

und lächelt und   meinte   mich wohl kaum

und hat mich doch im Tiefsten angegangen:

dies fremde Glück in meinem stillen Raum.

 

Denn, wenn du auch von süßer Jugend wirr

heute noch trunken bist dich aufzuschwingen,

es kommt ein Tag an dem du müd und irr

an eigenem Geschicke und Gelingen –

vielleicht, dass dann das fremde Glück zu dir

sich segnend neigt und lächelt deinem Ringen:

denn auch von solchen Dingen leben wir ...

 

Aus: Brief an Victor Freiherr von Haerdtl, Wien, 26. Jänner 1907

 „... Ich habe gestern, einsam unter so viel junger Freude herumstrei­fend, einen langen schönen Abend lang gelebt von der Liebe zwischen Euch beiden. Von dieser Liebe, die so göttlich jung, sonnig und hof­fend ist. - Dass es dergleichen noch gibt - ohne banal zu sein! - Ein Literat untersucht nämlich alles auf den Grobgehalt an Banalität. Und sie - ein goldener Käfig, wo tausend Lerchen gefangen sind darin­nen - Lerchen, die sich heimlich und ganz keusch auf den Frühling vorbereiten, wo sie singen werden, - tausend solche kleine schlichte Vögelchen von zarten Liebesgedanken, die ihre Triller ganz leise pro­bieren.

Tausend Dank, Victor, dass ich das alles ahnen durfte. Aber so werden meine Ahnungen zu Wünschen, mit denen ich das Schicksal zwingen möchte. Denn Wünsche zwingen das Schicksal, lieber Victor. Es gibt vielleicht nichts anderes, was seine Linien so auf die eiserne Tafel des Lebens schreiben kann - als die Wünsche, die uns ein Unterpfand sind der eigenen Kraft des Wartens, des im Geiste Vollendetsehens. -"

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Das Grab der Anna Quendelin

(Geschrieben vor 1911; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Und hättet der Liebe nicht“ 1911)

 

Weiß zog die Straße durch das Sommerland,

Kein Baum gewährte kühlen Unterstand.

 

Nur dreier Rosensträucher blasses Blühn

Lehnte sich müd’ an einer Mauer Glühn.

 

Von Kreuzen überragt und manchem Stein,

Schloß sie ein enges steiles Viereck ein.

 

Wie goldne Heere, hell im Waffenstrahl,

Wogten die Saaten nieder in das Tal.

 

Rings um den bröckeligen Mauerkranz

Lagen sie still in starkem, treuem Glanz.

 

Nur leise redend wie vor heiliger Schlacht –

Leben und Reifen, das den Tod bewacht.

 

Ein rostig Gittertürchen ließ mich ein,

Erschauernd schritt ich durch die Gräberreihn.

 

An einem Hügel wilden Grases blieb

Ich stehn und las, was fromm’ Gedenken schrieb.

 

Da hat mich ernste Rührung übermannt,

Dachte der Mutter, die ich kaum gekannt.

 

Die liegt begraben vor der großen Stadt,

Wo jeder Tote seine Nummer hat.

 

Dort fand ich nie den nahen Weg zu ihr

In Herzensträgheit und vor Lebensgier.

 

Doch hier am Grab der Anna Quendelin

Knie’ ich, als läge meine Mutter drin.

 

Betend: Du ließest mich zu früh allein,

Würd’ sonst mit mir wohl besser worden sein.

 

Du hast nun Frieden, hast dein Stückchen Grund –

Ich muß noch wandern mir die Füße wund.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Das große Händefalten

(Ein Gebet für Österreichs Volk und Kämpfer, Geschrieben August 1914 als zweites Flugblatt; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Österreichische Gedichte“ 1914 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Für einen Menschen von der Heimatverbundenheit Anton Wildgans' mußte der Ausbruch des Weltkrieges im Jahre 1914 die tiefsteingreifende Durchschütterung bedeuten. Ein Venen­leiden machte ihn zu jeglichem Frontdienst untauglich und daher außerstande, auf diese Weise sein Teil Hilfe für das Vaterland beizutragen; so nahm er seine Zuflucht zu jener Aus­drucksform, die ihm zu Gebote stand: zum Gedicht. Darüber schreibt er am 24. Jänner 1916 an den Burgschau­spieler Ferdinand Gregori: „Wahrlich, für die da draußen habe ich diese Gedichte gemacht, und ich bin glücklich, daß jene sie durch die Vermittlung Ihrer großen Kunst zu hören bekom­men. Hier bei uns im Hinterlande habe ich wegen dieser Ge­dichte mancherlei Nasenrümpfen der Hochliterarischen zu sehen bekommen. Mich kümmert es nicht. Diese Gedichte wollen ja nichts anderes sein als m e i n e Kriegsdienstleistung, mit den Waffen geleistet, die ich führen kann. Mit Literatur haben sie nichts zu tun, um so mehr mit Liebe." — In seinem Tagebuch vermerkt er unter dem Datum des 4. Jänner 1916: „Die gei­stige Anteilnahme des Dichters ist das Gedicht. So habe ich gewagt, ein paar Gedichte zu schreiben und zu veröffentlichen, die aus dieser furchtbaren Zeit empfangen sind. Ich schrieb für die Männer, die draußen stehen und deren Blut rinnen muß dafür, daß ich friedlich in meinem Gartenhaus sitze, als wenn es keinen Krieg auf Erden gäbe. Ich habe nicht das große Blutbad verherrlicht, sondern nur auf jene hingewiesen, die seine Opfer sind. So wie ich in Friedenszeiten, um ein vulgä­res, aber ungenaues Wort zu gebrauchen, in meinen Gedichten immer wieder auf jene hingewiesen habe, die mit ihren Leiden, Entbehrungen und Kümmernissen das Lösegeld für mich und andere bezahlen, daß wir, von Sorgen und Leiden freier als sie, unser eigenes Leben leben durften. Es ist ja immer und überall dasselbe.")

 

Gewaltiger, dem alle sich befehlen

Und der auch unsrer Feinde Beten wägt,

Ein einzelner für Millionen Seelen,

Versuch' ich mich in Worten, schwer geprägt.

 

Und bin nicht mehr der abgewandte Dichter,

Der eigener und fremder Wehmut pflag,

Nein, eines Volkes Anwalt vor dem Richter,

Steh' ich vor dir an diesem Jüngsten Tag.

 

 

 

 

Du hast ihn uns herabgesandt auf Erden,

Daß alle Völker, die lebendig sind,

Gezählt, gewogen und befunden werden,

Und nichts mehr gelte, was nur Spreu im Wind.

 

Da nützt es nicht, zu deinem dunklen Walten

Emporzuflehn, daß es uns Sieg verleiht,

Nein, meines Volkes stummes Händefalten

Ist nur gerichtet auf Gerechtigkeit.

 

Du hast uns kein geringes Pfund verliehen,

Wir haben dieses Pfund vertausendfacht.

Durch unsern Fleiß zu schönstem Ernst gediehen

Ist aller Gegend schmeichlerische Pracht.

 

Vom ebnen Lande bis zum Gletschereise

Aufschäumt der Saaten goldgedrängte Flut

Und meldet sich zum Zeugen und Beweise,

Daß unsre unverdroßne Arbeit gut.

 

Jetzt, wo die freundlichen Geräusche schweigen,

Wird jenes große Regen erst bewußt,

Das sonst vom Aufgang bis zum Abendneigen

Dies Land erfüllt mit rüstger Schaffenslust.

 

Nun freilich ruhn die wirkenden Maschinen,

Das Feld liegt brach, die flinke Mühle steht,

Denn alle Hände, die da sind, bedienen

Nunmehr des Krieges heiliges Gerät.

 

Nur hie und da ein einsam Sensendengeln,

Ein Weib, ein Greis sticht müde Erde um,

Und deines Friedens schwergekränkter Engel

Geht weinend durchs verlaßne Heiligtum.

 

Wir hätten seine Tränen gern vermieden,

Wir lechzen nicht nach Menschenpein und Streit,

Denn was wir sind, sind doppelt wir im Frieden,

Und was wir können, blüht aus Heiterkeit.

 

Wir sind umwirkt von holdestem Betören,

Die Landschaft sänftigt jeden Sorgenblick

Und ladet ein zu süßem Ihrgehören,

Zu Wein und Liebe, Rührung und Musik.

 

Musik ist unsrer jungen Menschen Schreiten,

Musik, von allen Hängen jubelt sie,

Und selbst der großen Städte Nüchternheiten

Berückt die allgemeine Melodie.

 

 

Das macht das Leben wert, die Herzen weicher,

Die Sinne fein, das Urteil menschlich-mild,

Das macht den Künstler, macht den Österreicher

Und schafft aus Träumern Helden, wenn es gilt.

 

Denn immer noch, wenn des Geschickes Zeiger

Die große Stunde der Geschichte wies,

Stand dieser Volk der Tänzer und der Geiger

Wie Gottes Engel vor dem Paradies.

 

Und hat mit rotem Blut und blanken Waffen,

Zum Trotze aller Frevelgier und List,

Sich immer wieder dieses Land erschaffen,

Das ihm der Inbegriff der Erde ist.

 

Erwäge dies in deinem dunklen Walten,

Unendlicher, der Schmach und Sieg verleiht!

Denn unser großes stummes Händefalten

Ist nur gerichtet auf Gerechtigkeit.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Das ist die Dämmerung ...

(Geschrieben 27.8.1907; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909; - Anmerkung: In späteren Gedichtbänden unter „Phantasie in der Dämmerung“ abgedruckt)

 

Das ist die Dämmerung mit ihrem Wogen

Aus vielen Toren, die sich dunkel weiten,

Als hätten Hände im Vorübergleiten

Die schweren Riegel leise weggezogen.

 

Da sind die Wege draußen ohne Ende

Und wirr, als hätten sie ihr Ziel vergessen,

Als kämen sie aus Schatten von Zypressen,

Die stumm gelehnt an weiße Friedhofswände.

 

Und in den Straßen tragen auf den Stirnen

Die Menschen alle sonderbare Zeichen,

So daß die Jungfraun den Gefallnen gleichen,

Und wie aus Kinderaugen blicken Dirnen.

 

Da wagen sich die Toten in das Leben,

Und manchen sehe ich, der längst verschieden,

Und wie sein Angesicht vom Kerzenfrieden

Des Katafalkes bleich und ernst umgeben.

 

Und andre schwärmen heiter im Gewühle,

Küsse von gestern auf verträumten Wunden

Oder das Lächeln fasterlebter Stunden –

Und morgen lähmt sie schon die große Kühle.

 

Denn was, wie weichen Wachses Scheidewände,

Und tot ist lebend, lebend ist begraben.

 

Da weiß ich, daß die Worte, die wir sprechen,

Und alle Taten, die vollendet werden,

Urewig zwar als Klänge und Gebärden,

Nur durch die Herzen wirklich sind, die brechen.

 

Und daß, wenn dunkel von den vielen Andern,

Die Straßen sind wie Ungetüme dehnen,

Wir wenigen, die uns beharrlich wähnen,

Die selben und verwirrten Wege wandern.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Das Lächeln - Eine Frühlingsballade

(Geschrieben 14.5.1907; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909; - Anmerkung von Lilly Wildgans: Für seinen Vater, der in zehnjährigem Leiden an einem Gehirntumor starb. Josephstadt – „Duft vom Flieder“ aus dem nahen Auersperg´schen Garten und Duft von Oleander aus den Anlagen des Schmerlingparkes – „Gitter“ des Volksgartens linker-Hand, wenn man von der Ringstrasse zur Bellaria geht – Am Eingang auf dem äußeren Burgplatz die Verkäufer von Orangen und ersten Frühlingsblumen)

 

Wie doch die Menschen sind: sie sorgen,

Was morgen werden wird und übermorgen –

Und ihre Seelen bleiben blind und arm.

An Gärten wandern sie vorbei, an Gittern,

Die von dem Drängen junger Sträucher zittern,

Und ihre Seelen füllt der ewig gleiche Harm.

 

Daß über Nacht ein Wunder neu geboren,

Daß aus der alten Häuser tiefen Toren

Nun wieder Kinderlaut und Kühle weht –

Und daß sich Wölkchen bilden in den Lüften

Von Zigaretten- und Orangendüften

Oder Parfum, wenn eine schöne Frau vorübergeht –

 

Sie fühlen dieses nicht und nicht das Neigen

Der Abende, wenn sich in langen Reigen

Müd-armes Volk die Straßen heimwärts drängt,

Sie sehen nicht, wie diese bleichen Wangen

Der jungen Mädchen vor dem Frühling bangen,

Der so viel Sehnsucht und Gefahr verhängt ...

 

In meinem Leben weiß ich einen Kranken,

Gelähmt an Gliedern, Willen und Gedanken,

Nur seine Seele war dem Wunder heil –

Der konnte lächeln, wenn der erste Schimmer

Der Frühlingssonne in sein traurig Zimmer

Sich leise schob, ein goldner, zarter Keil.

 

Der konnte lächeln über jede Blüte,

Daß dieses Lächelns wundervolle Güte

Dem toten Auge flüchtig Leben gab:

Der konnte weinen über Kinderlieder

Und tiefer atmen, wenn der Duft vom Flieder

Ihn grüßen kam in seiner Kissen Grab.

 

 

Und dieses Lächeln, diese Tränen waren

So überreich an jenem Wunderbaren,

Des alle darben, die so dumpf-gesund.

Und ich hielt dieses Mannes Hand im Sterben,

Und ward zu seines Lächelns Erben,

Das wie ein Blühen lag um seinen blassen Mund.

 

Drum faß ich diese Menschen nicht, die sorgen,

Was morgen werden wird und übermorgen,

Und ihre Seelen bleiben blind und arm.

An Gärten wandern sie vorbei, an Gittern,

Die von dem Drängen junger Sträucher zittern,

Und ihre Seelen füllt der ewig gleiche Harm.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932 

 

 

Das Lied der Straßen

(Geschrieben 21.1.1909; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909)

 

Werke sind wir eurer Hochgedanken,

Mühsam werden wir durch eure Hände –

Aber nur den Anfang, nicht das Ende

Gebt ihr uns – denn wir sind ohne Schranken!

 

Leblos scheinen wir wie Stein und Mauer

Unter Sonnenbrand und Sturmeshieben.

Doch wir leben! Denn wir können lieben,

Und wir liegen immer auf der Lauer!

 

Aber Freunde sind wir lieber, Gatten,

Eingeweihte aller Heimlichkeiten –

Eurer Fenster späte Schimmer gleiten

Über uns und alle eure Schatten.

 

Eure Dirnen, Bresthaften und Armen,

Die um falscher Ordnung willen schmachten,

Und die Einsamen, die euch verachten,

Suchen uns – denn wir sind das Erbarmen!

 

Und wir dulden eure Narrenzüge,

Eurer harten Füße blindes Treten

Hinter Heiligen und Trugpropheten,

Euren Götzendienst vor Macht und Lüge.

 

Siegeszeilen eurer Schlachtenlenker,

Bühnen demagogischer Gelüste.

Tragen wir Triumphe, Blutgerüste,

Krönen heute, und sind morgen Henker. 

 

Und wir dauern noch, wenn längst zunichte

Eure Macht von Fürsten und Tribunen –

Andre Völker deuten dann die Runen

Unserer Steine – wir sind die Geschichte! 

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Das Märchen

(Geschrieben ca.1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

Mein Zauberrösslein, wir reiten

Zusammen in's Märchenland,

Das vor vieltausend ]ahren

Ein altes Weiblein erfand.

 

Sie hatt' es nie wirklich gesehen,

Hatt nur davon geträumt,

Drein all' ihr Wünschen und Sinnen

Recht wunderlich gereimt.

 

Die Fichtenwipfel standen

In heiliger Urwaldsruh —

Grossmüttercben sass am Herde

Die Enkelchen drängten herzu.

 

Es lauschten die wilden Jungen

Es träumten die Mägdlein dabei,

Die Alte sann liebliche Rätsel,

Traumbilder aus eigenem Mai . . .

 

Es färbt' die gespannten Gesichter

Vom Feuer ein purpurner Strahl —

Da hat sie es leise gesprochen:

Gebt acht —    Es war einmal . . .

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Das Nest

(Geschrieben und übertragen aus dem Italienischen 20.4.1924, Erstveröffentlichung in „Sonette aus dem Italienischen“ 1924; Sonette von Giovanni Pascoli 1855-1912, Italien)

 

 

Im kahlen Rosenstrauche hängt ein Nest.

O, einst im Lenz, wie quoll daraus und drang,

Wenn Atzung war, geschwätziger Überschwang

Zwitschernder Brut, erfüllend das Geäst!

 

Nur eine Feder blieb als armer Rest

Und haftet, vor dem Raub der Lüfte bang,

Gleich einem Traume, den die Seele lang

Festhalten will und endlich doch entläßt.

 

Und zu der erde wendet sich die Schau

Vom Himmel ab, wo längst kein Liederklang

mehr strahlend aufsteigt und zerstiebt im Blau.

 

Verweht von welken Laubes Niedergang

Sind alle Gründe. Durch das ewige Grau

Weint wie in Wellen weher Windgesang.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Das österreichische Credo

(Geschrieben 14.2.1920, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Späte Ernte“ 1947 aus dem Nachlass ausgewählt durch Franz Theodor Csokor )

 

Euch singe ich, ihr künftigen Geschlechter,

Von denen, die schon fast vergangen sind,

Als ihrer einer, der ich bin: ein echter

Altösterreicher und ein Wiener Kind!

 

Klein bist du zwar, mein Vaterland, geworden,

Ein Baum, entblättert durch der Zeiten Sturm;

Sieht deine Grenzen jetzt nach Ost und Norden

Beinah der Wächter doch vom Stephansturm.

 

Und was da fiel, sind leider nicht nur Blätter,

Ab brach auch mancher engverwachsne Ast.

Doch immerhin, das Herzland deutscher Väter,

Der Stamm blieb zwar nicht ganz, doch blieb er's fast.

 

Er war's ja immer, den wir heimlich meinten,

Wenn unsre Lippe aussprach: Österreich;

Denn all die anderen mit uns Vereinten

Empfanden fremd, zum mindesten nicht gleich.

 

Wir aber fühlten diesen alten Namen

Wie Heiliges, aus dem ein Schauer weht,

Und Millionen Herzen schlugen Amen

Zu diesem Namen wie auf ein Gebet.

 

Von eben diesen Herzen will ich künden,

Nicht nur als Lober der Vergangenheit;

Sie hatten ihren Irrtum, ihre Sünden,

Wer hat sie nicht: welch Volk und welche Zeit?

 

Wohl wahr, sie schienen unbewegte Zecher

An ihren Tischen, schön und wohlbestallt;

Allein die Neige ihrer heitren Becher

War nie der Haß, ihr Rausch war nie Gewalt.

 

Sie trauten ihren Obern leicht wie Kinder

Und hielten Treu', selbst wo man sie verriet.

Je nun, die Treue ward darob nicht minder,

Vielleicht gerad darum zum hohen Lied.

 

 

 

Von Freiheit hörte man sie wenig schreien,

Und als sie kam, kam sie fast unverhofft;

Doch war sie nicht Gehorsam von Lakaien,

Wer innen frei, fügt sich nach außen oft.

 

Sie ließen ihre Waffen gerne rosten,

Brauchten als Zeichen: Kaiser und Altar.

Doch wo sie standen, hielten sie den Posten,

Selbst wenn der Posten ein verlorner war.

 

Sie lebten gern für sich und ihre Erben

Und freuten sich an ihrem Eigentum,

Doch wie zu leben, wußten sie zu sterben,

Und groß ist ihrer Leiden Dulderruhm.

 

Unendlich ist, was dieses Volk gelitten,

Erniedrigung, Verfolgung, Hunger, Leid —

Und trug es stark und trug's mit sanftem

Bitten In Stolz und Demut seiner Menschlichkeit.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Das Unteilbare . . .

(Geschrieben 1918, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Ich beichte und bekenne“ 1933 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

 

Das Unteilbare, das nur ist,

Teilst nennend du in viele Wesen

Durch deinen Geist, der sich vermisst,

Gesetz aus Seiendem zu lesen.

 

Gott ist dir, was du zögernd streifst

Am End der Zeiten und der Räume,

Und nennst Geheimnis, Wunder, Träume

Gesetze, die du nicht begreifst.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

De Profundis

In Memoriam F. P. - Die Stimme eines Geistes

(Geschrieben 5.-19.8.1917 in Steinhaus am Semmering; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Mittag“ 1917 unter dem Titel „In Memoriam F.P.“; Erstveröffentlichung unter dem Titel „De profundis“ im Gedichtband „Buch der Gedichte“ 1929 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Nicht viele Eindrücke, die der Dichter zwischen seinem ersten und zweiten Dezennium empfangen hatte, durchschütterten ihn in ähnlicher Weise wie der Selbstmord des Gymnasialkame­raden Friedrich Parkos. Dieser künstlerisch hochbegabte junge Mensch hatte das namenlose Unglück, bei seinem aller­ersten erotischen Abenteuer eine luetische Ansteckung davon­zutragen. Vor 55 Jahren war ein solches Schicksal noch von unabsehbaren Auswirkungen begleitet gewesen. Ein langsam sich vollstreckendes Todesurteil! Der Verzweifelte griff da­mals zum Revolver und löschte sein sechzehnjähriges Leben aus. Dieser furchtbarsten Geißel der Menschheit nun wollte Anton Wildgans ein gewaltiges Mahnmal setzen. Auf der Höhe seines Lebens, im Jahre 1917, fühlte er die Zeit dazu gekommen. Das breitangelegte Gedicht war als das Haupt­stück des neuen Versbuches „Mittag" gedacht. Um die schwere Aufgabe, die er sich gestellt hatte, bewältigen zu können, floh der Dichter im August in die Einsamkeit, in ein kleines Holzhaus zwischen Semmering und Steinhaus, wo er, von den einfachen Hausleuten notdürftig betreut, längere Zeit verweilte. Die damals entstandenen Varianten zu diesem Gedicht wuchsen zu einem beträchtlichen Konvolut an. Aus seiner Klausur schrieb er mir: „Die Arbeit kommt vom Hundertsten ins Tausendste, so daß vorläufig kein Ende abzusehen ist." Und weiter: „Von Marx erhielt ich dringende Einladungen auf die Listenhube [Steiermark]. Meine Arbeit gestattet mir aber dies Vergnügen nicht." — „Von dem ewigen Brüten über ein und demselben Gedicht bin ich nun schon etwas müde und abgespannt." Der Dichter stellte in der Folge „De profundis" in den Mittelpunkt seines Vortragsprogramms. So sehr er jedoch durch seinen Vortrag die mitreißendste Wirkung immer wie­der erzielen konnte, fand das Gedicht im großen ganzen nicht jenen Widerhall beim Publikum, sei es aus einer Art Unbehagen vor dem angeschlagenen Thema, sei es aus kon­ventioneller Scheu vor der Tatsache an sich, den Anton Wildgans gerade diesem Werk ob seiner Aktualität wünschte. Er schrieb darüber einige Wochen nach dem Erscheinen des „Mittag" an seinen Freund Arthur Trebitsch: „Die Worte, die Du mir über ,In memoriam' sagst, erquicken mich. Denn hierzulande, so scheint es wenigstens, dürfte ich wenig Verständnis für diese Tat finden. Alle, denen ich mein Buch bisher zukommen ließ, gehen über dieses Gedicht mit Schwei­gen hinweg, als handelte es sich dabei um etwas Unreines, von dem man nicht spricht.")

 

 

Wir waren zwei und gingen durch die Nacht,

Vom Heimlichen der großen Stadt entfacht.

Unnennbares, ein Etwas, nicht geheuer,

Beklemmte uns mit Lust auf Abenteuer.

Weibfremd, verträumt, verseelt, verdacht –

Wir waren zwei und gingen durch die Nacht.

 

Die Kandelaber an der Straße Rand

Glommen in spätem, halbgelöschtem Brand.

Wind blies, so daß sie blinzten wie die Augen

Tagscheuer Wichte, die nichts Frommes taugen.

Und alles, was dies irre Licht betraf,

Schien aufgeschreckt aus angsttraumschwerem Schlaf

Und Trunkenheit, verwüstet, übernächtig

Und abgefeimten Hinterhalts verdächtig.

 

Manchmal, wie aufgeschreckter Krähen Flug,

Stießen die Worte auf aus ihm, aus mir;

Jedoch mit schnellerlahmendem Gefieder

Gingen sie bald ins Dunkel wieder nieder.

Ohne uns anzusehen, fühlten wir:

Worte nur Galgenvögel – Lug und Trug!

 

Da, aus der Seitengasse krummem Schacht,

Raunte es her, was Nacht zum tage macht,

Gespenstischen Geziefers Katzentritt,

Gekichere, Geflüstere: Komm mit! –

Aufflammte in die Schläfen jähes Rot

Uns beiden, heiser ward das Nein,

Jedoch die Hexen, dieser aufgeschminkte Tod,

Grünlich bespieen vom Laternenschein,

Umgirrten uns mit Worten, so gemein,

So voll Verheißung und Begierigsein,

Daß ich, besinnungslos in Blutes Not,

Hinnahm, ich Hungernder, den Kot für Brot

Und die mir griff, so sich am frechsten bot,

Und Gott verließ! Und Gott ließ mich allein.

 

Ein Leib ward hurtig nackt. O, welch ein Leib!

Traurig verheert von lieblosem Gebrauch,

Ausströmend Mischgeruch von scharfem Lauch,

Von übler Seife, Alkohol und Rauch

Gewöhnlichen Tabaks! – War dies das Weib,

Der Knabenträume Port, Gebild aus Hauch

Das schimmernde, das süß aus Honigkelchen

Aufduftete, wenn Wiesenmittag war?

Wenn aus der Saaten hingewogtem Haar

Wie warmen Brotes hold ein Odem drang

In alle Sinne ein?! War dies der Leib,

Der in den Stunden einsamster Gefahr,

Wenn jeder Hauch verlockender Gesang

Und leise Ladung war, traumwunderbar

Emporgeblüht dem überfüllten Blick?

Und den doch immer Traumesmißgeschick

Schon fast vollendetem Besitz entzog?

War dies das Weib? – Nein, dieses Zerrbild log!

Und dennoch! Abgrund klaffte auf und sog

Das erste Strömen, Stammeln, Schluchzen ein!

Und aus der Wollust allgemeinem Trog

Trank junger Durst der Freude ersten Wein.

 

Und Tage dann und Wochen, Angst und Scham!

O diese Angst, die all Besinnen nahm

Tags, nachts! – Und immer wieder sich beschauen

Und heilen Anblicks bangem Glück mißtrauen!

Zusammenschrecken, wenn sich ein Gefühl,

Ein ungekanntes, anzeigt; im Gewühl

Von Reue, Furcht, Verzweiflung, knieen, knieen!

Und beten irgendwie, zu irgendwem,

Zum lieben Gott, zum Sohne, zu Marien!

Und dennoch wissen – höhnisches Blasphem! –

Daß keines Himmels Macht und Anathem

Austilgen kann, was durch der Wollust Tür

Sich etwa einschlich, wachsend zum Geschwür.

Und eines Morgens dann – entdecken! Schweiß

In Grauens Wechselsturm strömt Eis und heiß!

Und wanken mehr denn gehn: zum Arzt! Und immer

Noch einer Hoffnung schwindsüchtiger Rest!

Und eine Grinsende weist in das Wartezimmer,

Und da, im Schein von kohlendem Asbest,

Lauter Befallene von gleicher Pest,

Visagen, die es stumpf und tierisch nehmen,

Gesichter, welche wegschaun und sich schämen,

Verwirrt, verstört, verdunsen und verkäst,

Und andre schon gezeichnet und verwest,

Der Venus rote Kronen um die Stirnen:

Kommis, Soldaten, Schüler, Mägde, Dirnen!

 

Und warten, warten in Folterpein!

Und endlich, endlich der Nächste sein!

Und schamvoll entblößt und zitternd stehn

Und wie ein Gelähmter dem Arzt zusehn

Und forschen in seinem Steingesicht

Und hören, wie er das Wort ausspricht,

Ganz fachlich, gemächlich und ungesinnt,

Das Wort, vor welchem das Blut gerinnt,

Das Wort, das wie Fäulnis den Leib verheert,

Das Fleisch vereitert, die Haut verschwärt,

Das Wort, das die Knochen zernagt und zermürbt,

Den Kuß vergiftet, die Wollust verdirbt,

Das Wort, an welchem das Mark verdorrt,

Gehirne zerbröckeln, das furchtbare Wort,

An dem der heilige Same stirbt,

Das Wort, so das Herz wie ein Schwert durchbohrt!

 

Da stürzte um mich wie ein Plundergezelt

In Trümmer zusammen das Wunder der Welt!

Da riß ich mit wahnsinnfiebernder Hand

Das Leben von mir wie ein brennend Gewand,

Auf daß es zerfalle, wie Zunder zerfällt! –

 

Seither schweb ich, irdischem Fluch enteilt,

Schwebe, in seufzende Lüfte geisterhaft aufgeteilt;

Hörend doch ungehört, sehend doch unerschaut

Walte ich unter den Wesen, allem Elend vertraut;

Bin in den Straßen der Städte, die wie die Bette sind,

Wo gesammelte Gier Welle um Welle rinnt;

Bin auf den flüsternden Bänken der Parke bei Nacht,

Bin in der blassen Knaben selbstgefährlicher Wacht;

Kenne die Wünsche der Mädchen, die spät aud der Arbeit gehen,

Blicke hinter die Masken der Tugend, der Liebesehen;

Weiß um die Orte und Stunden verbotenen Stelldicheins,

Um die Spelunken des Tanzes, der Unzucht, des Weins;

Bin, wo Verzweiflung und Hunger zu tierischem Toben verroht,

Bin, wo der Reichtum sich wälzt in seinem gergoldeten Kot;

Und ich sehe in tausender Lampen vereinigtem Schein,

Mauern durchschauend, die Stadt ein riesiges Lotterbett sein!

Höre es ächzen von all der Gepaarten wütendem Takt,

Höre die Ströme des Samens in brausendem Katarakt!

 

Leiber taumeln in Leiber, Blut verwirrt sich mit Blut,

Schreiber und Hurentreiber heizen geschäftig die Glut;

Und in den Münzen donnert der Prägstock durch Tag und Nacht,

Daß er die Schläfrigen wecke und peitsche durch Gottes Macht,

Daß sich, was nüchtern, besaufe, Sinn, der noch kühl ist, erhitzt,

Daß sich, wer schüchtern, verkaufe, daß jeder jede besitzt! –

Und ich sehe die Tore der Narrenhäuser aufschnellen!

Krachend zersplittern die Gitter der Tobsuchtszellen!

Hei, wie sie fuchteln und purzeln in ihren Folterjacken!

Sind wohl die Lustigmacher mit Schnurren und Schabernacken!

Schreien wie Papageien, schrillen und brüllen sich heiser,

Hopfen auf vieren als Tiere, stelzen auf zweien als Kaiser!

Kommen auch Weiber mit Blicken, verbuhlten, verdrehten!

Scheinen zu hübscheln, zu äugeln, scheinen zu büßen, zu beten!

Plärren geheiligte Texte nach ruchlosen Dirnenbänkeln,

Bieten dem Himmel sich an mit nackenden Busen und Schenkeln,

Möchten mit ihren ausgemusterten Siebenfachen

Wie ein Mannsbild den Herrgott gefügig machen! –

Und ich sehe die Brache der Totenäcker aufbersten!

Grausig erfüllt sich das Wort: Die Letzten werden die Ersten!

Wie die Pilze in Rudeln aufwuchern aus dumpfem Wuste,

Wimmeln die fahlen Schädel aus Lehmes brüchiger Kruste;

Wimmeln, wachsen und wackeln auf ihren gewirbelten Stengeln

Und die verrenkten Skelette folgen mit Wetzen und Dengeln,

Ordnen sich hurtig und stumm zum knöchernen Bacchuszuge,

Sind die Entfleischten umkreischt von heischender Geier Fluge,

Sind Korybanten, Mänaden, Heben, Epheben,

Klappergelenke schwenken mit schamlosen Thyrsusstäben!

Und sie schwärmen heran in endloser Heeressäule,

Gierig stürmen die Toten zur Messe lebendiger Fäule;

Und ein Brausen schlägt auf aus Fleisches wogendem Sumpfe,

Aus verkrampfter Umarmung bäumen sich Glieder und Rumpfe;

Jeder will sie berühren die Meister, die Väter, die Ahnen,

Die auf dem Felde der Schande gefallenen Veteranen!

Brüste drängen sich brünstig an eisig starrende Rippen,

Knirschende Kiefer saugen an giftig blühenden Lippen,

Finger, beringte, kraulen die gräßlich durchlöcherten Glatzen,

Nach gefährlichen Reizen tappen gespenstische Tatzen,

Dirnengerippe locken die Tollen und Idioten,

Und ein Sodom hebt an der Lebendigen und der Toten!

 

Und ein gepusteltes Scheusal von apokalyptischer Größe

Wächst wie ein Turm aus dem Chaos in furchtba geschändeter Blöße,

Daß sich die Schwangern verschauen am Aussatz des großen Verhurten,

Daß die Kloaken stauen vom Abfall der Frühgeburten! –

Und ich sehe den Herrn die Sonne wie einen Knäuel

In der Faust zerquetschen, daß Nacht sei über dem Greuel!

Sehe entsetzte Engel den Mond und die Sterne auslöschen

Und vor Gottes Antlitz Mauern von Wolken aufböschen.

Aber der Himmel loht Scharlach bis in die äußerste Gründung

Von dem Widerscheine der allgemeinen Entzündung,

Und die Gewässer versiegen, aber Geisire von Eiter

Speien über die erde, und das Gemetzel tobt weiter.

 

Und ich – schwebe, irdischem Fluch enteilt,

Schwebe, in seufzende Lüfte geisterhaft aufgeteilt.

Hörend doch ungehört, sehend doch unerschaut

Walte ich unter den Wesen, allem Elend vertraut.

Kinder, Jünglinge, Mädchen, ehmals war ich wie ihr,

Hatte Spieles Gefährten und alles war gut zu mir.

Kam die Mutter mich küssen abends zu früher Ruh,

Fielen mir noch unterm Beten schläfernd die Lider zu.

Jagte auf flimmernden Wiesen huschenden Faltern nach,

Warf mit geglätteten Kieseln nach den Wellchen im Bach,

Und ein Drache aus Zeitung, den mir der Vater gebaut,

Stand wie ein goldener Vogel hoch im Himmel umblaut.

Und ich wuchs in die Sehnsucht, und die Sehnsucht war mild,

Täuschte ich zärtliche Träume liebliches Mädchenbild.

Wußte schon, was erröten, Schauern der Liebe heißt,

Fand noch aus allen Nöten freundliche Wege zum Geist.

Sehnsucht ward zum Gedichte, ruhend an reinem Schoß,

Und die kleinen Verzichte machten die Seele groß.

 

Dann aber kamen die bangen Nächte, da Schlummer verwich,

nächte, da mich Verlangen quälend mit Tränen beschlich;

Hätte mir damals gegeben eine die süße Arznei,

Wäre vielleicht noch das Leben, wäre nicht alles vorbei!

Frühlingsblumen bemühten sich noch aus geschichtetem Laub,

Obstbäume streuten noch Blüten, schmeichelnder Hauche Raub;

Wolken, durchleuchtete, flögen von Aufgang zu Niedergang,

Weidichte Ströme zögen rauschend uralten Gesang;

Spiegwelten Städte und Berge, stürzten von glitzerndem Wehr,

Und der flößende Ferge frachtete Wälder zum Meer;

Fern an kristallener Himmel dünsteumwittertem Kreis,

Hoch auf silbernen Schimmeln funkelten Riesen aus Eis;

Und sein jubelndes Werde riefe der weckende Föhn –

O, wie war doch die Erde, Leben, wie warst du doch schön!

Und, inmitten der Schöpfung, Mensch ich, der Herr der Welt,

Über die Wesen und Dinge gütig als Meister gestellt!

Weitete bis zu den Sternen Erde durch Fühlens Kraft,

Hatte die Zeiten und Fernen um mich als Mantel gerafft!

Ungeborne Geschlechter träumten im Heiligtum

Meiner Lenden von ihrer späten Jahrhunderte Ruhm!

Ihre großen Gedanken sehnten aus dämmerndem Chor

Meines Herzens zum goldenen Maßwerk des Lichtes empor,

Ihre gewaltigen Taten harrten, wie Glocken i Turm,

im Gestühl meiner Stirne auf den erlösenden Sturm!

Und ich habe gemordet Taten, Gedanken und Traum,

Schwebe, ein Schatten, und klage fruchtlos dem fühllosen Raum:

Wehe dem Sünder am Geiste! Ihn reinigt nicht Reu noch Gebet!

Aber auch wehe dem Frevel, der sich am Fleische vergeht!

Blutes heiliger Hunger verleugnet oder entweiht,

Baut statt Stufen zum Himmel finstere Schächte ins Leid!

Bitter umfaltete Lippen verlernen den schlichten Kuß,

Trieb wird zur Sucht der Gehirne und nur der Reiz mehr Genuß!

Aber der Reiz ist die Hyder, die kein Besinnen erlaubt,

immer und immer wieder wächst ihr ein lechzendes Haupt!

Die ihr verfallene Stärke faßt nach dem Schwert statt dem Pflug,

Arbeit hat nicht mehr am Werke, Geist micht am Geist mehr genug;

Mensch sucht nicht mehr den Menschen, immer der Herr nurr nur den Knecht,

Und der Schmachtenden Jammer wird der Gesättigten Recht;

Recht entartet zum Zwitter, Henker halb, Mörder halb,

Und die entgötterte Menschheit rast um das goldene Kalb!

Grausame Lust am Gewinne blutopfert Völker dem Geld –

Aber der Frieden der Sinne wäre der Frieden der Welt!

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Der alte Brunnen

(Geschrieben 1906, Erstveröffentlichung im Band „Zeit und Welt“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948)

 

 

Es steht ein alter Brunnen

In einer großen Stadt,

Die Millionen Menschen

Schon sterben sehen hat.

 

Der gibt so helles Wasser

Wie je ein Alpenbach,

Der über Kiesel tändelt,

Es fragt kein Mensch danach.

 

Vietausend Menschen gehen

Alltags an ihm vorbei,

Doch keiner hört des Brunnens

Einsame Melodei.

 

Erst wenn des Tages Rauschen

Verlärmt, vertost, verklang,

Erhebt er seinen leisen,

Wehmütigen Gesang.

 

So ist von keuscher Liebe

So manche Seele wach

Und möchte alles geben –

Es fragt kein Mensch danach.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Der arme Narr betet . . .

(Geschrieben 1907; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909; - Anmerkung von Lilly Wildgans: Dieses Gedicht gewährt ebenso wie „Harlekinade" und „Ein Becher" tiefe Einblicke in die ungewöhnlich subtile Seelenverfassung einer hochorganisierten, aber durch das Schicksal und die eigene Veranlagung nach vielen Richtungen hin gehemmten Jünglings-Persönlichkeit. Begegnete man diesem jungen Menschen mit dem ernsten, leidgezeichneten Antlitz, der hohen Stirne und dem gütig-forschenden Blick, so erlag man unfehlbar der star­ken Wirkung, die von ihm ausging)

 

 

Du bist so groß, mein Gott, so stark und gut!

Nimm dich denn auch des armen Narren an –

Tauge ich nichts, ich bin nicht schuld daran:

Du mischtest selbst mir Mark, Gehirn und Blut.

 

Den Kopf voll Träumen, eine hohe Welt,

Im Herzen eine tolle Leidenschaft,

Und in den Knochen keinen Funken Kraft –

So hast du mich in dieses Sein gestellt.

 

So treibe ich, ein segelvolles Boot,

Von Wunsch zu Traum, aus Träumen zu Begehr,

Jedes Gefühl wird mir zum Wogenmeer

Und alles Wirken allertiefste Not.

 

Und was ich tue, scheint mir nicht getan

Und bleibt mir fremd und bringt mir keine Frucht,

Und was ich lasse, wandelt sich zur Sucht

Und blickt mich wild mit geilen Augen an –

 

Hab’ nie von dem, was müd’ und hungrig macht,

Des Feierabends ausgeruht am Herd,

Schlaf hat mich nie erquickt und traumverkehrt

Bin ich am Morgen hoffnungslos erwacht –

 

Und möchte doch nur wie die andern sein,

Die alles tun zu klarem Zweck und Ziel:

Das Morgen gilt, bedeutet ihnen viel,

Und wo nichts ist, befriedigt sie der Schein.

 

Mich nehmen alle Dinge meiner Welt

Und zwingen mich, daß ich in ihnen bin, -

So muß ich schleppen ihren dunkeln Sinn,

Heiße ein Narr und bin im Grund ein Held. 

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Der befriedigte Gast

(Erstveröffentlichung im Band „Zeit und Welt“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Für Marietta Windbichler in Mönichkirchen - Gewisse Innereien, und da wieder speziell gebratene Niere, standen auf der kulinari­schen Liste für Anton Wildgans obenan. Gelegentlich sei­ner Mönichkirchener Aufenthalte hatte er sich schon so man­chesmal bei Frau Marietta Windbichler, der Besitzerin des Hotels Hochwechsel, scherzhaft darüber beklagt, daß beim Nierenbraten die Nierenbeigabe allzu spärlich sei. Da über­raschte Frau Windbichler den Dichter eines Tages mit dem Prachtstück einer ganzen gebratenen Niere, die sie ihm zum Präsent machte. Diese Begebenheit liegt dem Gedichte zu­grunde)

 

 

Für diese Niere, hochverehrte Frau,

Bin ich verpflichtet Ihnen für mein Leben!

Fürwahr, Sie nehmen Jesu Wort genau:

Seliger als zu nehmen sei zu geben.

 

Ich freilich hielt es lieber umgekehrt

Und fraß die Niere auf mit Putz und Stengel,

Und dachte mir, des Besseren belehrt:

Wahrhaftig, diese Frau ist doch ein Engel!

 

Und sann und überlegte weiterhin:

Wie kann ich dieser Frau die Güte lohnen?

Da kamen unwillkürlich mir zu Sinn

Der Niere eigentliche Funktionen.

 

Sie siebt und keltert, was die Kreatur

An Flüssigkeit aufnimmt in ihren Magen,

Um diese wieder ohne Eiweißspur

Als klares Wasser redlich abzuschlagen.

 

Und wie es heißt im Alten Testament:

Am Glied, mit dem du sündigst, wirft du büßen,

Wenn mit der Hand, wird Hand dir abgetrennt,

Wenn mit dem Fuß, so straft dich Gott an Füßen.

 

So eben kann man sagen: an dem Glied,

Mit dem du wohltust, wirst du triumphieren!

Und also, edle Frau, ersehnt mein Lied

Für Sie die allerbeste aller Nieren!

 

 

 

Es fließe, was Sie trinken, spielend ab,

So klar wie Bernstein, goldgelb wie Tokaier!

Nie trübe Ihnen jemals bis zum Grab

Den Harn das ominöse Weiß der Eier!

 

Nie bilde Zucker sich, wo er nicht soll!

Nie rieche faulig, was Sie von sich geben!

Ein reichlich Maß, hoch bis zum Rande voll,

Erziele stets Ihr nächtliches Bestreben!

 

Nie quäle katharrhalisch Sie ein Zwang,

Von dem man meint, er müsse einen spalten!

Nie überkomme Sie ein jäher Drang,

Dag auszulassen, was der Mensch soll halten!

 

Mit einem Wort: was es an Segen gibt,

Fleh' ich herab auf Ihre werte Niere,

Und mit dem Spruch: Es neckt sich, was sich liebt

Verbleib' ich harnergebenst stets der Ihre.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Der blinde Seher

(Geschrieben 19.5.1908; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909; - Anmerkung: ursprünglich „Theiresiasis“ genannt)

 

 

Gestützt auf seinen Knaben wandelt er,

Ein welker Greis, gebrochen, bleich und blind

Und so in sich gesenkt, wie Blumen sind,

Die längst verblüht, verkapselt ohne Wehr

Und teilnahmslos geschmiegt in jeden Wind.

 

Nur manchmal, wenn sie ratlos, rufen ihn

Die Könige; dann schreitet er allein

Zu ihren Zelten durch der Krieger Reih’n

Und fühlt von Schilden, Waffen und Geschien

Des Erzes kühlen Hauch und Widerschein.

 

Dann schlachten Rinder sie auf sein Geheiß,

Und Eingeweide zuckend, warm und bar,

Dampfen empor vom blutigen Altar –

Er aber, hehrer Seher, nimmer Greis,

Sagt ihnen Ruhm und nahe Siege wahr.

 

Und hört, wie rings die feste Erde klirrt

Von ihrem Sturm und schwerer Waffen Drohn.

Von seiner Stirne aber brechen schon

Die Flammen auf, in die versinken wird

Das Heilige und Ilion. 

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Der Eifersüchtige

(Geschrieben vor 1916; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Dreißig Gedichte“ 1916)

 

 

Ihre Schritte zu belauern

Folgte er ihr aus dem Haus.

Enge an die Häusermauern

Schlich er hin und spähte aus,

Und er sah sie im Gewühle

Abendlicher Straßen gehn:

Ganz Versunkenheit und Kühle –

Doch sein Herz, wie eine Mühle,

Ging bald rasch, bald blieb es stehen.

 

Kaum daß ihn die Füße trugen,

So verwichen war das Blut!

Müde war er nicht zu lugen

Immerfort nach ihrem Hut,

Dessen rote Flügel schwebten

Ob der vielen Köpfe hin,

Und ihm war, als bohrten, strebten

Alle Blicke der belebten

Straße schadenfroh auf ihn.

 

Und schon bog sie um die Ecke,

und sein Schritt ward Flug –

Ha! Nun ging sie zum Verstecke,

Zum Verrate, zum Betrug!

Noch belebte sein Ermatten,

Daß er sie von neuen sah!

Doch da schwand sie wie ein Schatten

Plötzlich aus dem Blick des Gatten

In ein Haustor – Sie war da !

 

Er ihr nach! – Zwei Stiegen gingen

Links und rechts empor vom Flur.

Niemand! – Nur drei Tafeln hingen:

Schneider – Anwalt – Agentur.

Treppe auf und Treppe nieder!

Viele Türen, stumm und zu –

Rätsel! Wie geschloss´ne Lider.

Fremde Namen. Hin und wieder

Ein Geräusch. – Dann Grabesruh.

 

 

 

Wieder auf der Straße.  – Viele

Fenster bis hinauf zum Dach!

Dunkle – helle: ein Geschiele,

Ein Geblinzel hundertfach.

Stors, getränkt vom mattem Flimmer –

Lampendämmer rot wie Wein –

Heimliche, verliebte Schimmer –

Viele Fenster! Viele Zimmer! –

Und in jedem kann es sein !!

 

Viertelstunde war vergangen:

Ewigkeit an Grimm und Gram!

Als sie gänzlich unbefangen

Wieder aus dem Tore kam.

Lächelnd, wie wenn nichts geschehen,

Trat sie auf ihn zu und bot

Ihm die Hand zum Wiedersehen –

- - - - - - -

- - - - - - - Er ward rot.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Der Hufschmied

(Geschrieben 25.7.1924, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Gedichte um Pan“ 1928 als „Parabel vom Schmied“; ab 1929 unter „Der Hufschmied“– Anmerkung von Lilly Wildgans: Die Schmiede, die den Schau­platz bildet, liegt einige Gehminuten unterhalb von Mönichkirchen an der Bezirksstraße nach Friedberg. Örtlichkeit und Umstände sind gewissermaßen mit Bildnistreue geschildert)

 

 

Heute gab mir der Schmied am Ende des Dorfes zu denken,

Eben kam ich des Wegs, als einen Hengst er beschlug.

Fichtenstämme, gewaltige, hatte der Wagen geladen,

Der vor der Schmiede hielt, fest durch ein Steinstück gebremst.

In dem gelockerten Riemzeug standen die wuchtigen Braunen,

Aber Mähne und Schweif hatten sie falber als Korn.

Warfen die Häupter klirrend im messingfunkelnden Kummet,

Peitschten die Fliegen von sich, scharrten und stampften den Grund.

 

Doch da nahte der Meister mit Eisen und Werkzeug, der Fuhrmann

Hob nun dem Hengste das Bein, legte den Huf sich aufs Knie.

Rasch mit dem Messer zuerst gereinigt, geschnitten, geebnet

Wurde das mächtige Hörn, knirschend flog weißlicher Span.

Jetzt mit der Zange ergriff der Meister das glühende Eisen,

Preßte dem Hufe es an, rauchend zischte er auf.

Doch da entriß sich der Gaul unbändigen Ruckes, beinahe

Wären Fuhrmann und Schmied unter die Räder gestürzt.

Aber sie duldeten nicht die Laune des störrischen Tieres,

Und mit gelenkiger Kraft wurde es wieder bezähmt.

Klingend traf nun der Hammer die Nägel, es stoben die Funken,

Und das Eisen saß fest, und das Werk war getan.

 

Lächelnd wischte der Meister den Schweiß von der rußigen Stirne,

Klopfte dem wiehernden Hengst freundlich Flanke und Hals.

Barg den Lohn seiner Arbeit im Sacke des ledernen Schurzes,

Rückte die Kappe und trat still in die Werkstatt zurück.

Rasch entbremste der Fuhrmann, es strafften sich Seile und Gurten,

Und im ermunterten Trott trabten die Rosse davon.

 

Lange noch stand ich und lauschte dem fernhinratternden Fuhrwerk,

Bis es endlich verklang jenseits des dämpfenden Walds.

Und ich gedachte des Schmieds und des helfenden Werks seiner Hände

Und auch des störrischen Gauls, der ihn beinahe erschlug.

Und ich bedachte die Menschheit und fand, sie gliche der Tierheit:

Ach, auf dem steinichten Pfad, wo sie fronend sich schleppt,

Tritt sie gar häufig sich wund und verliert das bewehrende Eisen

Und bedürfte des Schmieds, der es ihr hilfreich erneut.

Und es finden sich Brave und finden sich tüchtige Meister,

Und bisweilen gelingt's, daß sie ein Stückchen des Wegs

Weiterhelfen der keuchenden, lahmenden, blutenden Menschheit

Nur aus liebender Pflicht, achtlos der eignen Gefahr.

Aber es haben für sie die Menschen, ganz wie die Tiere,

Kaum ein Vergeltsgott, doch stets Tritte des Undanks bereit.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Der Menschen Bosheit ist nicht halb so arg . . .

(Entwurf, Geschrieben 1925, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

 

Der Menschen Bosheit ist nicht halb so arg

Wie ihre Torheit und die Lust zu lügen.

Laß sie sich selbst und andere betrügen –

Bald bist du sie, bald sind sie deiner los! –

Die kurze Zeit, die du ihr Weggenoß !

 

                                  *

 

Der Menschen Bosheit ist nicht halb so arg

Wie ihre Torheit und die Lust zu lügen.

Mit ein paar Worten finden sie Genügen,

Blind kommen sie zur Welt, blind in den Sarg.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Der Nörgler

(Geschrieben 1925, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

 

Der Nörgler:

Ist´s ein Beweis, daß dich die Menschen lesen ?

Wärst lieber literarischer gewesen,

Da gält´st du gleich für ein Genie !

Antwort:

Literatur, das merke dir, mein Bester,

War immer nur die unbegabte Schwester

Der Poesie.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Der Ochse

(Geschrieben und übertragen aus dem Italienischen 25.7.1923, Erstveröffentlichung in „Sonette aus dem Italienischen“ 1924; Sonette von Giosue Carducci 1835-1907, Italien)

 

 

Dich lieb ich, frommes Tier! Dein sanftes Bild

Strömt Kraft und Ruhe meinem Herzen ein.

O feierlich, ein Denkmal, wie aus Stein,

Stehst du und schaust in’s fruchtbare Gefild.

 

Wie beugst du dich dem Joch gefaßt und mild,

Gewandter Menschen schwerer Knecht zu sein!

Sie schlagen, schelten dich, doch alle Pein

Stört deinen Gang nicht, macht den Blick nicht wild.

 

Aus deinen Nüstern, dunkel, feucht und breit,

Wölkt Atems Dampf, wie Aufgebot zum Tanz

Jauchzt dein Gebrüll, in klare Luft befreit.

 

Und in der Augen herbem, süßem Glanz

Spiegelt die Welt sich ruhig, ernst und weit:

Göttlicher Frieden ebnen grünen Lands.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Der Schatten

(Geschrieben und übertragen aus dem Italienischen 1924, Erstveröffentlichung in „Sonette aus dem Italienischen“ 1924; Sonette von Giosue Carducci 1835-1907, Italien)

 

 

Ich bin nicht einer, der bei Freundesmahlen,

Im Rausch des Weines Lust und Kurzweil sucht;

Mir lebt ein starrer Geist in harter Zucht,

Und meine Stunden sind voll Ekelsqualen.

 

Der Zorn nur stärkt mein Herz aus bittern Schalen,

Zum Flammentod in eigner Glut verflucht;

O meiner Hoffnungsjahre grüne Bucht,

Wie sah ich all dein Blühen früh verfahlen!

 

Selbst der Gedanken rege Schöpferkraft

Ist mir zur Zeit versiegt, und stumm belauern

Die leeren Tage mich gespensterhaft.

 

Nur einen Schatten fühl ich mich umtrauern;

Der ist voraus auf dunkle Wanderschaft

Und ruft mich nieder zu den kühlen Schauern.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Der Sonntag der Armen

(Geschrieben um 1911, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

 

Sie haben nur diesen einen Tag,

Sonst leben sie schlimmer als Tiere

Bei harter Arbeit für kargen Ertrag,

Bei Rädersausen und Hämmerschlag

Und nachts im Bettlerquartiere.

 

Ihre Gesichter sind fahl wie Kot,

Die Augen verglost und verzunden

Vom Wachen, Weinen und Anschaun der Not,

In den rasselnden Lungen lauert der Tod

Und zählt die erbärmlichen Stunden.

 

Und ihre verbitterten Weiber sind

Erschöpft von vielem Gebären,

Aus ihren versogenen Brüsten rinnt

Die Milch nicht mehr dem winselnden Kind,

Das an Strofeln schwindet und Schwären . . .

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Der Specht

(Geschrieben ca.1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

 

Hacke, hacke unverweilt

In den Waldbaum Wund auf Wunde –

Aus dem feuchten Waldesgrunde

Quillt der Saft, der Alles heilt –

Hacke — hacke —

 

Specht, das Leben ist wie du —

Wen es packen kann, den packt es,

Und dann hackt es, hackt es, hackt es

Unverdrossen auf ihn zu —

Hacke — hacke —

 

Glücklich, wem es da vergönnt,

Selbst sich Heilung zuzuströmen —

Sorgenlos mag er vernehmen,

Wenn es tief im Innern tönt

Hacke — hacke —

 

Ging am Friedhof jüngst vorbei

In das stille Tal hernieder —

Horch — da hörte ich sie wieder

Die bekannte Melodei:

Hacke — hacke —

 

Mit dem Spaten, Schwung auf Schwung,

Hieb und grub der alte Küster —

Voller Wehmut, bang und düster,

Lauscht mit mir die Dämmerung —

Hacke — hacke —

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Der Tag der Mädchen

(Geschrieben vor 1909; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909; - Anmerkung von Lilly Wildgans: Wie auch „Die armen Mädchen“ ist dies Gedicht aus dem zwingenden Be­dürfnis des Dichters entstanden, fremder Not und fremdem Schicksal mitleidend nachzuspüren)

 

 

Das wird im Herbst ein milder Morgen sein

Mit mattem Purpurlicht auf allen Zweigen,

Und wie ein Glanz von süßem, schwerem Wein

Wird kühl die Sonne in den Äther steigen.

An diesem Tage wird ein Reifen sein

Von allen Früchten und ein Tieferneigen

Von traubenschweren Reben und von Ähren

Zu freudigem und üppigem Gewähren.

 

Und junger Männer eine helle Schar

Wird singend von den Hängen niederschreiten

Mit dunklem Efeu auf dem Lockenhaar

Und blanker Augen spähend-heißem Gleiten.

Da werdet ihr erwachen aus der Not

Der öden Tage, aus versehnten Nächten,

Und später Rosen Schnee und blasses Rot

Werdet ihr lächelnd um die Stirnen flechten.

 

An diesem Tage wird von euch die Scham

Wie Larven von den Schmetterlingen fallen;

Wenn Abend dann mit seinen Schleiern kam,

Werdet ihr bebend über Wiesen wallen,

Der schlanken Körper schwanke Silberpracht

Wird wie ein Leuchten durch den Dämmer glimmen,

Und von dem Flüstern junger Männerstimmen

Verwirrt, berauscht sinkt über euch die Nacht...

 

O, Tag der Mädchen, leidgebor’ner Traum,

Schlafloser Nächte, heißgeweinter Lider,

Du streifst mit deines Mantels Purpursaum

Dürstende Lippen, lustbereite Glieder –

Sie aber welken hin und fühlen’s kaum

Und blicken stumm auf ihre Hände nieder,

Die müde von der Tage leerem Tun

Auf ihrem freudelosen Schoße ruhn.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Der Wucherer

(Entwurf, Geschrieben um 1911, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

 

Er steht vor seinem Richter wie ein Hund,

Von einem Blick gebannt, der ihn bezwingt,

Sein Mund im Bart, der dunkel weht,

Ist purpurrot wie eine frische Wunde,

In welcher gelb der Zähne Eiter steht . . .

 

Er weiß, daß alles gegen ihn – die Herrn

Am Tische kennen ihn genau, allzu

Genau, er weiß, sie würden gerne

Ohne Beweise . . .

 

Und dennoch, dies ergibt das Protokoll

Des Untersuchungsrichters – soll

Dies Ungetüm, ein Vater liebevoll,

Verschwenderisch für seine Tochter sein,

Die, als sie, Tränen in den Augen, log,

Schöner als Rachel war, um welche Laban ihn,

Der sieben Jahr um sie gedient´, betrog.

 

Wie soll er schuldig sein? Er hat geliehn

Der Not der Armut, wenn sie ihn beschwor.

Lief er wem nach? – Sie kamen und sie schrien

Ihm immerfort ihr Elendtum ins Ohr.

 

Und wenn er mehr als zehn vom Hundert nahm,

Wer gibst dem solchen Volk, das krank und arm?

Der Staat, die Kirche oder das Gericht?

Die sehen ruhig zu und helfen nicht,

 

Und jene gehen zugrund, daß Gott erbarm´ -

Und er gab alles auf, was er je gespart,

Sein gutes Geld, das schwer und hart

In eines Lebens Spanne ward verdient –

Oh, nicht für ihn – nur für sein armes Kind,

Für sein verwaistes, unschuldiges Kind . . .

 

 

 

Anton Wildgans

(1881-1932)

 

 

Des Menschen Seele

(Geschrieben in Sirmione, Italien am 2.3.1914; Erstveröffentlichung in „Anton Wildgans – Ein Leben in Briefen“ Band 1, herausgegeben von Lilly Wildgans 1947))

 

Des Menschen Seele ähnelt einem Strom,

Der klein entspringt und in das Große trachtet,

Bis daß er eingeht in den Wogendom

Des großen Meeres, welches sein nicht achtet.

 

So lang er strömt, ist mit dem Widerbild

Von allen Dingen wehrlos er befrachtet —

Hell muß er sein, wenn Licht von oben quillt,

Und dunkel werden, wenn die Erde nachtet.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Die Alte

(Geschrieben 4.1.1920 in Mödling am Todestag meiner Stiefgroßmutter, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Ich beichte und bekenne“ 1933 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans – Anmerkung von Lilly Wildgans: Der Stiefgroßmutter Anna Reitter gewidmet. Ihr verdankte der kleine Toni alles, was ihm nach dem Tod der Mutter an Wärme und Fürsorge in seinem vereinsamten Knabendasein zuteil wurde. Die Dankbarkeit dafür verband ihn auch in seinen späteren Jahren dieser Frau auf das herz­lichste)

 

 

Sie ist nicht mehr. Es hat sich nicht viel geändert.

Eines uralten Herzens ganz leise Uhr blieb stehn,

einer Enkelin Augen sind leicht vom Weinen gerändert,

ein wildfremder Priester wird ihrem Sarg vorgehn.

 

Geschäftlich wird er das Miserere beten,

ohne Teilnahme segnen ihr offenes Friedhofsgrab.

Entfernte Verwandte werden nach ihm hintreten,

dann gleitet der Kasten still in die Grube hinab.

 

Die wenigen Sachen, die sie geliebt und besessen,

verlieren sich bald in fremdestes Eigentum.

Ein Mensch ist weniger da zum Trinken und Essen.

Ein Leid ist zu Ende, ein Maß ist vollgemessen,

ein Herz ist stumm und bald vergessen -

Wer kümmert sich drum?

 

Mich lehrte die Alte in dämmernden Tagen,

als ich ein Kind war und Mutterwaise dazu,

an einsamen Abenden das Vaterunser sagen

und „Müde bin ich, geh zur Ruh" -

 

Nun ist sie selber zur Ruhe gegangen.

Mögen sie Engel liebreich empfangen.

Ein Herz hat geschlagen, blieb stehen - Wozu?

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Die armen Mädchen

(Geschrieben ca.1910; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Und hättet der Liebe nicht“ 1911; Anmerkung von Lilly Wildgans: Wie auch „Der Tag der Mädchen“ ist dies Gedicht aus dem zwingenden Be­dürfnis des Dichters entstanden, fremder Not und fremdem Schicksal mitleidend nachzuspüren)

 

 

Ich will ein Lied von den Mädchen singen,

Von den Mädchen des Volkes, die blaß und müd,

Von ihren Reizen, die bald vergingen,

Von ihren Seelen, die nicht mehr schwingen –

Ich will ein Lied von den Mädchen singen,

Um deren Schläfen das Leiden blüht.

 

Sie haben ihre Kindheit verbracht

In Zimmern, die keine Sonne beschienen,

Sie lebten in Höfen wie in Kaminen,

Wo trübe der Tag und stickig die Nacht.

 

Einmal waren auch ihre Hände

Biegsam und anzufühlen wie Flaum,

Aber die niedrigen Gegenstände,

Ätzende Lauge und beizender Schaum

Schufen sie rissig und schwielig, kaum

Mehr zu erkennen als Mädchenhände.

 

Manche freilich, die haben Füße,

So ohne Makel und unversehrt,

Als wär’ ihrer Brüste, die längst verheert,

Verhaltenes Blühen und junge Süße

In diese armen verachteten Füße

Ganz leise gesunken und eingekehrt.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Die beiden kleinen blonden Mädchen

(Geschrieben 28. Oktober 1913 in Mönichkirchen, Erstveröffentlichung im Band „Zeit und Welt“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Widmung an „Alfred und Marietta Windbichler, sowie ihre beiden lieben Kinder zum Angedenken für nahe und fernere Zeiten")

 

 

Die beiden kleinen blonden Mädchen tollen

Mit Fox, dem Hund, der sie umspringt und bellt.

Er weiß nur eine Freude auf der Welt:

Daß man ihm Steine wirft, die lustig rollen.

 

Im Rasenfleck, dem ganz vom Herbstlaub vollen,

Sind noch paar Blümchen blühend hingestellt.

Die Kleinre steckt sie nun, zum Strauß gesellt,

Dem Fox ins Halsgeschirr, daß sie ihn schmücken sollen.

 

Er, freilich, weiß der lieben Kinderhand

Rührende Werbung nicht mehr zu empfinden:

Des Spielens satt, liegt er im warmen Sand,

 

Für das Vergnügen andrer nicht zu finden.

So undankbar, wenn alles man gegeben,

Ist oftmals, Kinder, — sei nicht euch! — das Leben.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Die Birkenstämme stehn wie Silberfäden . . .

(Geschrieben1925 in Mönichkirchen, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans – Anmerkung von Lilly Wildgans: Gedacht ist an den Birkenwald ober dem Steinbruch nächst der steirischen Grenze)

 

 

Die Birkenstämme stehn wie Silberfäden

Im purpurblonden Harr herbstlicher Hügel,

Im Bauerngarten welken die Reseden,

Die Biene fliegt mit mattgewordnem Flügel,

Die Sonne schließt die goldnen Fensterläden,

Am Nordpol steigt der Nordwind in die Bügel:

Bald ist erloschen alle Glut und Freude –

Trist wird die Erde wie ein Amtsgebäude . . .

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Die blinden Soldaten

(Geschrieben 1916, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Ich beichte und bekenne“ 1933 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

 

Viele sind gestorben den bittern Tod —

Vaterland, heiliger Herd!

Fremde Erde sah ihre letzte Not,

Fremde Erde schlürfte ihr Blut so rot.

Du warst ihnen gnädig, allmächtiger Gott,

Sei ihnen leicht die fremde Erd' —!

 

Wir aber sind heimgekehrt.

 

 

Ehemals stand der Tag voll Blumen und Blühn,

Himmel voll Wolkenflug.

Wiesen waren herdengesprenkeltes Grün,

Blinkende Pflüge waren im Mittagsglühn —

Städte waren voll Brausen und regem Bemühn,

Schiffe zerschnitten Gewässer mit schäumendem Bug

 

Bis uns der Herr mit Blindheit schlug.

 

 

Da auf einmal versanken Meer, Himmel und Land.

O wie schön war die Welt!

O wie schön war sie selbst noch in Blut, Kampf und Brand!

Irgendwer kam dann und nahm unsre Hand,

Lehnte uns leise an eine Wand,

Wie man Gebrechliches abseits stellt!

 

Irgendwer sagte: Ein Held!

 

 

Seither ist alles so finster und bang,

Seither drücken wir uns mit tastendem Gang

An Wänden, Geländern und Häusern entlang,

Hören Menschenstimmen und Vogelsang

Irgendwoher aus dem nachtschwarzen Raum —

 

Und der Wind rauscht im Baum.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Die Brücke

(Geschrieben und übertragen aus dem Italienischen 20.4.1924, Erstveröffentlichung in „Sonette aus dem Italienischen“ 1924; Sonette von Giovanni Pascoli 1855-1912, Italien)

 

 

Den Himmelsrand verbrämt grüngoldne Helle

Des Monds und löset Flur und Fluß aus Nacht.

mit Lauten, die wie Schluchzen aufgefacht,

Am Brückenpfeiler bricht sich Well’ um Welle.

 

Wo ist das Meer, das ruft? Wo ist die Quelle,

Die zwischen Gräsern murmelt? Welche Macht

Trägt dieser Wasser überglänzte Fracht

Zum fremden Meer von fremder Berge Schwelle?

 

Nun geht der Mond auf; die Zypressen biegen

Die Wipfel leis’ am düstern Saum des Stroms,

Einander flüsternd in den Traum zu wiegen.

 

Flutenden Silbers, schimmernden Aroms,

Ruht das Gewölk, das unsichtbar erstiegen

Die blaue Leiter des kristallnen Doms.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Die Efeuranke

 

Der Efeu dort am gotischen Palaste

Verschlängelt sich zum marmornen Balkone,

Sein Schattenwesen gleicht einem Spione,

Den irgendwie ein Rachewunsch erfaßte.

 

Du lauerst, ob er wachsend weitertaste,

Um klarzuwerden, wer das Schloß bewohne

Und ob sich wirklich ein Verrat verlohne:

Er winkt ja schon mit einem freien Aste!

 

Nun blickt der Mond um eine hohe Ecke:

Und sieh, ein Weib erscheint hinter den Scheiben,

Was hält es dort so bleich an einem Flecke?

 

Der Efeu muß noch viele Zweige treiben,

Damit er seinen Kundschaftsweg vollstrecke:

Die Dinge sterben ab, die Rätsel bleiben.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

Die Frau des Alternden

(Zur Erinnerung an den Abend des 9.12.1908; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909; - Anmerkung von Lilly Wildgans: Schon vom Beginn unse­rer Verlobung an beunruhigte den erst Siebenundzwanzig-jährigen diese Vorstellung. Seine so sehr verdüsterte Jugend hatte ihn vorzeitig gereift; das Venenleiden, das ihm von seiner im Alter von siebzehn Jahren überstandenen Schar­lacherkrankung zurückgeblieben war, bedeutete seit damals für ihn eine Quelle großer seelischer Hemmungen. So emp­fand er den Altersunterschied zwischen uns weit größer, als er tatsächlich war)

 

 

Es ist nicht mehr, wie in den ersten Jahren,

Da sie einander liebten, überreich –

Ein Frühherbstschimmer, wie der Reif so bleich,

Ruht heute schon auf seinen müden Haaren,

Doch sie blieb unversehrt und mädchengleich.

 

Und immer noch, wenn sie auf Wiesen gehen,

Und sie sich eng an seine Schulter lehnt,

Weiß er, daß sie nichts anderes ersehnt,

Als dies: mit ihm auf ihren jungen Zehen

Durchs Land zu schreiten, das sich blühend dehnt.

 

Da ist sie noch ganz sein – auch in den Nächten,

Wenn schwerer Duft von dunkeln Beeten weht.

Und seiner Inbrunst, die schon fast Gebet,

Begegnet sie im Golde loser Flechten

Und gibt ihn reicher, als er selbst erfleht.

 

Doch wenn des Abends einmal Geigen klingen,

Und ihr geschmeidig schlanke Tänzer nahn,

Da sieht sie ihn so fremd und fragend an,

Und plötzlich ist sie voll von fernen Dingen

Wie einem andern Zauber aufgetan.

 

Und wenn sie dann aus schmiegesamen Armen

Zu ihm zurückkehrt, der so sehr allein,

Hat sie ein Lächeln, heimlich, kühl und fein,

Und Blicke voll verschwiegenem Erbarmen

Und Worte wie Verzichten und Verzeihn.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Die Glocke von Sancta Maria im Tal

(Geschrieben um 1908, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

 

Die Glocke von Sancta Maria im Tal

tat einen einzigen Schlag

in der Nacht, in der Nacht, drei Stunden vor Tag

schlug sie ein einziges Mal.

Und wer es im Dorfe und im Kloster gehört,

der fuhr aus dem Schlafe und war verstört.

Und die Hühner im Dachgebälk des Stalls

sträubten die Federn und reckten den Hals.

Und der Hahn fährt auf und schreit

drei Stunden vor seiner Zeit.

 

Im Turm von Sancta Maria im Tal

baumelt der Glockenstrang.

Und an dem Strange im Mondenstrahl,

der sich durchs Fenster schwang

baumelt im Takt

ein Ding - das ist nackt...

Man hätte sie morgen angetraut

dem himmlischen Bräutigam.

In der Nacht aber kam

der Galan und nahm

ihr die Scham.

Und Dir, Herr Jesus, die Braut.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Die junge Frau

(Geschrieben 18.7.1905, Erstveröffentlichung noch unter dem Titel „Die junge Frau“  in der Zeitschrift „Die Muskete“ Wien-Leipzig Band 2 Nr.49 am 6.9.1906; Dann unter dem Titel „Gegenüber“ Erstveröffentlichung in Buchform im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

Siehe unter dem Gedicht „Gegenüber“

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Die Jünglinge im Frühling

(Geschrieben 4.6.1910; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Und hättet der Liebe nicht“ 1911; Anmerkung von Lilly Wildgans: In der Erinnerung an die leidvollen Erfahrungen des aus der Unbeschwertheit der Knabenjahre Erwachenden niedergeschrieben)

 

 

O daß wir jung sind und so viel leiden!

Wir lächeln, wenn uns die Alten beneiden,

Die ihre Jugend wünschen zurück –

Denn was sie von ihr und dem Frühling sagen,

Für uns ist es anders und schwer zu tragen,

Uns ist der Frühling nicht Glück.

 

Im Winter, wenn unsere Lampen verdämmern,

Und Stirne und Schläfen vom lesen hämmern,

Weiß unsre Sehnsucht: der Weg ist noch lang –

Doch alles, was wir im Frühling schauen,

Scheint uns zu gelten und duftet von Frauen –

Dies halbe Besitzen macht uns so bang.

 

Jetzt sind unsere Nächte ganz behangen

Wie südliche Wälder von dunkeln Schlangen,

Betäubend wie Atem, beklemmend wie Haar.

Die lieben Träume, die früher spielen

Zu uns gekommen, die lichten und vielen,

Jetzt sind sie voll Schwüle, Gier und Gefahr.

 

Doch wenn wir am Tage mit Mädchen sprechen,

So sind wir ganz Mangel und ganz Gebrechen,

Sie heimlich beneidend um dies, wie sie sind.

Sie scheinen in unseren tastenden Jahren

Schon ganz vollendet, gestillt und erfahren

Und leise gerichtet auf Heim und Kind.

 

Und manchmal, wenn wir uns nur mühsam halten,

Möchten wir sein wie die rüstigen Alten –

Ihre weißen Haare bekümmern sie nicht

- Im Frühling sieht man sie in den Alleen

Grüngoldener Gärten gelassen gehen

Mit braunen Stirnen und klarem Gesicht. 

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Die Kunst verfluch ich ...

(1923 - Unveröffentlichtes „Sonett aus dem Italienischen“, Erstveröffentlichung in „Tiefer Blick“ 2002 von Evelyn A. Hahnenkamp)

 

 

Die Kunst verfluch ich, die bisher mein Fall

und werde ihr Verräter und Verächter!

Ich will ein frommer Hammel sein im Stall

und Madrigale blöken für die Schlächter.

 

Keusch will ich dichten, wohlfeil und banal

für amtlich angestellte Tugendwächter

und beichten gehen jeden Tag dreimal,

ob sündig oder nicht, als ein Gerechter.

 

Mit meiner Phantasie in hehrer Brust

aus rein platonisch-idealem Samen

will ich ein Kind erzeugen, mit Vergunst.

 

Und küss ich fürder, sei's in Cherubs Namen,

und schreib ich fürder, sei's moralische Kunst,

nun sagt mir, was das ist, ihr Herrn und Damen!

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Die Lahmen

(Geschrieben 1908; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909; - Anmerkung: Das Schicksal des geliebten Vaters, der in zehnjährigem Leiden an einem Gehirntumor starb)

 

 

So liegen wir Lahmen und müssen ruhen,

Lebendige Tote in ihren Truhen,

Zur Decke starrend mit wachem Gesicht –

Wir hassen euch nicht, ihr Genießend-Gesunden,

Wir neiden euch nichts, weil wir selber gebunden,

Doch eurer Masken bedürfen wir nicht.

 

Ihr tretet aus Lebens Duften und Fülle

In unsere dumpfe beängstigte Stille

Und dämpft nicht die Worte, die ihr sprecht.

Ihr jammert, gesättigt von allen Gnaden,

Als wäret ihr mühselig und beladen,

Und tröstet und spielt so gezwungen schlecht.

 

Wir lesen ja doch aus euren Zügen

Des billigen Mitleids nachlässige Lügen.

Denn eure Augen sind voller Arg

Und sind wie stählerne, treibende Scheiben,

Die eifrig erfassen und grausam zerreiben,

Was nicht geschmeidig, begierig und stark.

 

Wir lieben die Kinder, die noch nicht wissen,

Daß wir auf ewig so liegen müssen,

Die Kinder, nichts ahnend von Mitleid und Pflicht.

Sie spielen mit unseren toten Händen

Und helfen des Haupt uns zur Seite wenden,                                        

So daß wir die Fenster sehen – voll Licht.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Die Mädchen und der Unbekannte

(Geschrieben vor 1911; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Und hättet der Liebe nicht“ 1911)

 

 

Jeden Morgen eilen sie die gleichen

Straßen in die Stadt, die jungen, bleichen

Vorstadtmädchen, stundenlang zu Fuß.

Aber abends, wenn die Glocken läuten,

Heimwärts wandernd, wollen sie erbeuten

Ihren fälligen Anteil am Genuß.

 

Wenn sie in den Arbeitsräumen sitzen,

Ganz vergraben in Battist und Spitzen,

Überwältigt sie der Träume Drang.

Denn auch sie erachten sich berufen,

Daß sie Schleppen schleifen über Stufen

Strahlender Foyers mit lässigem Gang.

 

O, wie sind sie lang schon satt, zu dienen –

Vor dem Spiegel üben sie die Mienen,

Welche herrschen könnten über ihn,

Der sie plötzlich aus gedrückter Trübe

In den Glanz des großen Lebens hübe,

Der aus Perlen fällt und Hermelin.

 

Und da tritt er auch schon lockend leise

Oder sie verblüffend in die Kreise

Ihrer schwer-getragnen Ärmlichkeit.

Und er kennt ihr innerstes Gebahren,

Wissend: Alle wollen sie erfahren

Der Verführung süße Sündigkeit.

 

Keiner ist so gut wie er mit ihnen,

Retter will er sein und ihnen dienen,

Leise tastet er an ihr Gebrest,

Ihre Wünsche weiß er aufzuschüren,

Geldes Lockung läßt er sie verspüren,

Und die rasche Wollust gibt den Rest.

 

Aber plötzlich, wenn sie ihm gewährten

Und gefolgt dem zärtlichen Gefährten

In entfernter Städte fremdes Sein,

Ist er wie verwandelt und verwechselt.

Seine Reden, früher fein gedrechselt,

Werden ohne Maske und wie Stein.

 

Und er droht, sie hilflos steh’n zu lassen,

Wenn sie nicht für ihn in üblen Gassen

Männer locken gingen auf den Strich,

Tränen trotzt er, süßes Angehören,

Fluch und Demut kann ihn nicht betören,

UInd sein Hohn ist wüst und fürchterlich.

 

Endlich bricht die Scham, zurückzukehren,

Angst und Hunger, ihr erlahmend Wehren

- Auch ihr Schwangersein ist schon gewiß –

Und nun taumeln sie von Bett zu Bette,

Bis sie wo in einem Lazarette

An der Schwindsucht sterben oder Syphilis.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Die Menschen, die in den Höfen wohnen

(Geschrieben 4.4.1908, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Dreißig Gedichte“ 1916 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Dieses Gedicht wurde, ebenso wie die Gedichte „Über den Dächern“, „Gegenüber“ und „Aussicht", vom Zimmer des Dich­ters in der Lerchenfelderstraße 3, Wien 8 aus erlebt)

 

 

Die Menschen, die in den Höfen wohnen,

sind arm und selig in ihrer Weise

mit karger Luft und dem bisschen Sonne,

und sie sprechen gedämpft und lachen leise.

In den weiß gestrichnen Fenstern stehen

alltägliche Blumen in braunen Töpfen,

und hinter den Blumen, mit reichen Zöpfen,

sitzen die Frauen und Mädchen und nähen,

lassen von ihren geneigten Köpfen

nur die schimmernden Kronen sehen.

 

Aber des Abends aus ihren Stuben

steigen die Mütter zum Brunnen nieder,

und die kleinen Mädchen und Buben

singen uralte Kinderlieder,

singen, und wissen nicht, dass sie rühren,

bis die Mütter das Spiel beenden

und die Zögernden an den Händen

zu den Wiegen und Betten führen.

 

Die Menschen, die in den Höfen wohnen,

sind arm und selig in ihrer Weise,

mit karger Luft und dem bisschen Sonne,

und sie sprechen gedämpft und lachen leise.

Ihre Geschicke sind klein bemessen,

ranken sich wie stille Reben,

und es ist, als hätte das Leben

und als würde der Tod sie vergessen.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Die Mutter des Krüppels

(Geschrieben 30. 4.1908, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

 

Sie ging mit ihrem Knaben an der Hand,

der, schwer und schleppend an der Last

des krüppelhaften Leibes, ohne Rast

ihr all sein Elend an die junge Hüfte band.

 

Da ward ihr schlankes Schreiten müd und zag,

und ihre Augen schienen wie ein Buch

von Bitternis und einem Fluch,

der über ihm und ihrem Leben lag.

 

So gingen sie und gingen durch Alleen

des frühlingjungen Parkes bis dahin,

wo Kinder spielten unter frischem Grün:

Dort hielt er sie, dort blieb sie zögernd stehn.

 

Und stand, bis in des Abends Taugeruch

der letzte ferne Kinderjubel scholl.

Da sah sie zu ihm nieder - liebevoll,

und ihre Augen waren wie ein heilig Buch.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Die Orgel klang ...

(Geschrieben ca.1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903; - Anmerkung von Lilly Wildgans: Dies Gedicht des jungen Dichters gibt Kunde von seiner anbetenden Liebe zu einer jungen Lehrerin, welche den etwa Siebzehnjährigen mit erstem tiefem Erglühen erfüllte. Jener Liebe ist das Gedicht gewidmet)

 

 

Die Orgel klang, ich wollte beten —

Du knietest vor mir am Altar;

Ein süsses Dämmerdunkel war,

Wo rings der Andacht Flügel wehten.

 

Es bing mein Auge träumend—trunken

An dir, an deinem gold'nen Haar —

Ein Wesen aus der Engel Schar

Schien auf die Knie' mir dort gesunken.

 

Und alle die Gedanken flehten

Zu dir wie zum Madonnenbild —

Es schlug mein Herz so heiss und wild –

Die Orgel klang, ich wollte beten ...

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Die Parabel vom Nein

(Allen Leugnern zum Spott)

(Geschrieben 18.11.1908, Erstveröffentlichung im Gedichtband „Dreißig Gedichte“ 1916 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Für den Freund Arthur Trebitsch geschrieben)

 

 

Der letzte Brunnen sang ein Lied –

Das Lied, das war darnach!

Schalt auf das Wasser, das ihn mied

Und aus den andern brach.

 

Das lahme Bein, das locker hing,

Dachte von jedem Bein gering,

Das spielend trug und sprang und ging.

 

War auch ein Herz aus Kieselstein –

Das Herz, das war darnach!

Schalt alles Leuchtens Widerschein,

Der aus den andern brach.

 

Und leerer Brunnen, lahmes Bein

Und hartes Herz aus Kieselstein,

Die plärrten alle dreie: Nein !

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Die Rose

(Geschrieben ca.1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

Die Rose kann sich nicht trennen

Von der sterbenden Sonne Rot,

Sie möchte drin verbrennen

In heissem Liebestod.

 

Nur einmal noch will sie nippen

Von süsser Hmmelsglut;

Sie trinkt mit schmachtenden Lippen

Das purpurne Strahlenblut,

 

Bis sie den letzten Funken

Im schwülen Kusse nahm —

Dann haucht sie sonnentrunken

In dufterglühter Scham:

 

Mich kann ja die Nacht verwehen,

Der Frost, der mich grausam bricht –

Du aber wirst auferstehen,

Du ewiges Sonnenlicht —l

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Die Sünde wider den Geist

(Geschrieben um 1919, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

 

Es ist nur eine Sünde

Wider den Geist.

Wie man sie ergründe,

Sie heißt: der Geist.

 

Leidlosen Schlummers

Wirkt die Natur,

Spur allen Kummers

Ist Geistes Spur.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Die Tanne

(Geschrieben ca.1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

Auf zackiger Felsenhöhe,

Wo fern der Himmel blaut,

Ragt eine einsame Tanne,

Des Blitzes geheiligte Braut.

 

Sie reckt in heisser Sehnsucht

Die keuschen Arme empor,

Ihre bangen Seufzer rauschen

Hernieder an's Menschenohr.

 

Sie träumt von ihrem Liebling

Und seinem Flammenkuss —

und lauschet in die Ferne

Nach seinem Hochzeitsgruss.

 

Da naht er auf donnerndem (Wagen,

Mit schwarzen Blüten umkränzt,

Seine eherne Stimme jubelt,

Sein hehres Antlitz glänzt.

 

Die Felsenriesen grüssen

Den königlichen Herrn,

Es zittert ein heilig' Schauern

In ihren tiefsten Kern.

 

Da erwacht aus ihren Träumen

Die Braut zu seliger Scham

Und sinket in die Arme

Dem bleichen Bräutigam . . .

 

Der Köhler unten im Walde

Hört ihr frohlocken wild —

Bekreuzt sich und sinkt nieder

Vor einem Heiligenbild.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Die Toten liebe ich . . .

(Geschrieben 1901, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

 

Die Toten liebe ich, die Unsichtbaren,

Das Weib, das sich versagt, die heil´ge Sehnsucht,

Die mich gebar, vom Ekel selbst befruchtet,

Den Widersinn des Lebens, alles Rästelhafte,

Die Sagen alter Zeit, die Sonne Griechenlands,

Ich liebe, was da war und nimmer kehrt,

Was ich genieße, wird zum Überdruß,

Weil ich nur lieb´, wo ich entbehren muß.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Die Verlorene singt

(Geschrieben 1903, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans – Anmerkung von Lilly Wildgans: Dieses Gedicht stammt aus einer frühen Jugendzeit und ist, sowohl formal als auch dem Gefühls­kreis nach, nur als Stufe zu werten auf dem Wege zu eigenem Ton und zum Ausdruck des eigenen Ich)

 

 

Von manch verliebter Männerhand

Hab´ ich ein Billetdour –

Doch alles dies ist eitel Tand,

Seit du mich hast dein Lieb genannt

Und heiß geflüstert: Du !

 

Das war in einer Juninacht,

Glühwürmchen glomm im Gras,

Da hast du mich dazu gebracht –

Sie war so kurz, die Juninacht:

O Liebe, Glück und Glas !

 

Seit damals – ach – schenkt mir doch ein

Und klirrt mit euerm Gold –

Wer bieten will, der kann es sein,

für kaltes Geld und heißen Wein

Bin ich dem Teufel hold.

 

Messieurs, mesdames, die Liebe ist

Kein dauernder Kontrakt:

Ich küsse jeden, der mich küsst,

denn, meine Herrn, die Liebe ist

ein Spiel in einem Akt.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Die Wallfahrtskirche

(Geschrieben und übertragen aus dem Italienischen 1923, Erstveröffentlichung in „Sonette aus dem Italienischen“ 1924; Sonette von Giovanni Pascoli 1855-1912, Italien)

 

 

Wie eine Arche fremder Düfte steht

Das Heiligtum auf schroffer Felserhebung,

Verhauchend noch Gesänge und Gebet

Ins Piniengestämme der Umgebung.

 

Vom Zittern, das durch seinen Dämmer geht,

Wenn nachts in bläulich-zarter Flockenschwebung

Der Weihrauch aus gestrenger Apsis weht,

Erschaudert’s noch in göttlicher Erhebung.

 

Darüber wölbt sich leuchtend Himmelspracht,

Hoch über Hügeln, die sich ferne neigen,

Hält schon das Bildgestirn des Wagens Wacht.

 

Und mit den Schatten, die nun wachsend steigen,

erhebt ein Wasserfall die Stimme sacht –

Sehnsüchtig seufzend durch das ernste Schweigen.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Dienstboten

(Geschrieben 10.3.1911; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Und hättet der Liebe nicht“ 1911; Anmerkung von Lilly Wildgans: In einer Zeit und für Zustände geschrieben, die ja heute glücklicherweise durch zahlreiche Verordnungen überholt sind. Durch seine Menschlich­keit und Güte allen Mühseligen gegenüber waren die Her­zen der Dienenden Anton Wildgans stets liebe und ver­ehrungsvoll zugewandt gewesen. Umso mehr berührte ihn das Schicksal jener Frauen, da seine eigene Mutter, eine Landwirtstochter aus Mähren, vor ihrer Verehelichung ein Dienstbotenbuch besessen hatte)

 

 

Sie sind immer nur da, um zu dienen,

Niemand fragt sie nach ihrem Begehr.

So lang sie gehorchen, ist man zu ihnen

Freundlich so wie zu Fremden – nicht mehr.

 

Sie wohnen mit uns im selben Quartiere,

Aber für sie muß der schlechteste Raum

Gut genug sein – Für unsere Tiere

Sorgen wir zärtlicher als für ihre

Menschlichen Wünsche – Die kennen wir kaum.

 

Sie sind die Hände, die nie bedankt sind;

Wir wechseln sie aus wie den brüchigen Stahl

Einer Radachse. Wenn sie erkrankt sind,

Müssen sie aus dem Haus ins Spital.

 

Manchmal könnte ein Wort der Güte,

Ein Tag im Frühling, um auszuruhn,

In ihrem verdrossenen Gemüte

Eine verschämte schüchterne Blüte

Leise erwecken und Wunder tun.

 

So aber sind sie gewohnt, die Letzten

Bei allem, was freut und nottut, zu sein,

Und werden wie alle Zurückgesetzten

Entweder gebrochen oder gemein.

 

Manche freilich, die haben ohne

Haß dem eigenen Leben entsagt,

Waren Mütter an fremdem Sohne,

Tragen eine heimliche Krone

Wie Maria die Magd. 

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Dienstbotenurlaub

(Geschrieben 30.5.1917 in Mönichkirchen; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Mittag“ 1917; - Anmerkung von Lilly Wildgans: Den Schilderungen unseres langjährigen Dienstmädchens Marianne Brandstetter von ihrem alljährlich bei ihren Eltern in Seitenstetten verbrach­ten Urlaub nacherzählt und in eine höhere Sphäre gehoben)

 

 

Es gibt ihr niemand ein herbes Wort,

Die Arbeit ist auch nicht zu schwer,

Sie ist nur so lang schon vom Hause fort,

Die Stadt ist ja doch nur irgendein Ort,

Und die Mutter, die Heimat ist mehr.

 

Da plötzlich Freisein, Reisen, allein!

Ans eilende Fenster geruht,

In das Land, in die Welt, in die Sonne hinein!

Es steigen viel Fremde aus und ein

Und grüßen freundlich und reden so fein

Mit dem Fräulein – Die Welt ist so gut!

 

Und endlich daheim! Das ganze Haus

Gibt Wärme und Zärtlichkeit.

Die Mutter geht oft in die Küche hinaus,

Und der Vater in seinem Sonntagsflaus

Sieht wie ein später Bräutigam aus

Vor froher Verlegenheit.

 

Und sie bleiben beisammen bis tief in die Nacht

Und wissen einander so viel,

Und morgens, ehe der Gast erwacht,

Hat schon der Vater Feuer gemacht

Und die Mutter das Frühstück zum Bett gebracht,

Heut fordert ja keiner Klingel Geschrill,

Heut darf sie ja liegen, solang sie will,

Und alles um sie ist so sacht.

 

Und wohlig erwärmt sich der liebe Raum

Vom knisternden Tannenreis,

Und in den dämmernden Morgentraum

Duftet’s holdselig wie Weihnachtsbaum,

Und fernher vom Kindheitswolkensaum

Läuten viel Glocken leis.

 

Und im großen Ornat der Herr Katechet

Scheint milde in ihren Schlaf

Und hält was, wovon ein Leuchten geht,

Ein Weißes, darein geschrieben steht

Mit einem goldenen Alphabet:

Fleißig, ehrlich und brav!

 

Brav, fleißig und ehrlich, du Zeugnisspruch,

Du, heilig durch uralten Brauch,

In meiner Mutter Dienstbotenbuch

Stehst du geschrieben auch. 

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Dieses Haus wird demoliert

(Geschrieben 1909; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Und hättet der Liebe nicht“ 1911; Anmerkung von Lilly Wildgans: Bezieht sich auf das Wohnhaus Wien 8, Lerchenfelderstrasse 3, in dem 1906 der Vater starb. Das Haus steht indessen noch heute, allen mit gutem Grund gehegten Befürchtungen zutrotz. Man wird aber nicht fehlgehen, wenn man das dieses Gedicht auslösende Erlebnis mit der Demolierung des uralten Familienhauses Hoher Markt Nr. 513 in Verbindung bringt. Als junges Ehepaar waren Anton Wildgans und ich so manchesmal dorthin gewandert und hatten unsere Phantasie im Anschaun der nur drei Fen­ster breiten Front in die Vergangenheit zurückschweifen las­sen. Denn wir wußten, daß unser Vorfahre, der im Jahre 1740 geborene Bierwirt Jakob Wildgans, dort eine Gast­wirtschaft betrieben hatte. Anton Wildgans war sogar von dem Plan erfüllt, gelegentlich den Dachboden nach dem alten Wirtsschild „Zur Wildgans" abzusuchen. Im Jahre 1910 aber, bevor noch diese Absicht ausgeführt werden konnte, mußte das trauliche alte Haus dem prunkvollen Neubau der Lebens- und Rentenversicherungsgesellschaft „Der Anker" weichen) 

 

Armes altes Haus, vielleicht noch heute

Kommen sie mit Hacken, Schaufeln, Karren,

Fühlloser Gesellen eine Meute,

Und sie legen dir Gerüst’ und Sparren

Frei wie Rippen vor dem Blick der Leute.

 

Alle deine lieben Heimlichkeiten

Werden dann vom hellen Licht beschienen,

Deine ausgehängten Fester weiten

Sich wie Augen, gräßlich und verkommen,

Denen man die Iris ausgenommen

Und das Weiße schimmernder Gardinen.

 

Manchmal stößt ein Wind durch die Ruinen,

Spielt verrucht mit Fetzen von Tapeten,

Die noch hängen an entblößten Wänden, -

Ach, sie tragen noch die Spur von Händen,

Von Verzierung, von Geräten –

Gestern war noch Leben zwischen ihnen.

 

Kinder wurden da gezeugt, geboren,

Särge standen zwischen bleichen Kerzen,

Herzen hofften, brachen – Menschenherzen

Wurden wach und gingen leis verloren –

Ehmals noch auf spiegelnden Parketten

Tanzte man Quadrillen und Gavotten,

Sanfte Geigen sangen zu Spinetten,

Krinolinen knixten nach verliebten Noten.

 

Damals träumtest du noch tief in Gärten,

Und die Hirsche hatten ihre Fährten

Aus den Donauauen bis zu dir.

Später kamen ungeschlachte Riesen,

Tausendquadrig stampften sie die Wiesen

Und verscheuchten das vertraute Tier.

 

Und wie aufgeregte Schlangen sprossen

Schlote auf aus trüben Erdgeschossen,

Ohne Sonne starb das letzte Grün,

Hof und Garten wichen Zinskasernen,

Traute Herberg schmutzigen Tavernen,

Wo von Haß und Trunk Gesichter glühn ...

 

Armes altes Haus, vielleicht noch heute

Kommen sie mit Hacken und mit Karren,

Fühlloser Gesellen eine Meute –

Und sie legen dir Gerüst und Sparren

Frei wie Rippen vor dem Blick der Leute.

Ihnen bist du nur ein wüster Haufen

Schutt und Holzes, billig zu verkaufen –

Geld gibt Recht, und Recht macht leichte Beute.

 

Irgend jemand hat den Grund erworben,

Wo sich bald ein neues Haus erhebt –

Doch im alten habe ich gelebt,

Und mein Vater ist darin gestorben. 

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Dirnen

(Geschrieben 1907/1908; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909; - Anmerkung von Lilly Wildgans: Das Erfühlen der Tragik ihres Schicksals war durch manches Erlebnis in den Jugendjahren ermöglicht worden)

 

 

Ihr seid es nicht, die ihr zu Hungerlöhnen

Euch unsern Brüdern gebt und unsern Söhnen,

Ihr seid Ergebnisse der Not –

Wie oft sah durch euer Antlitz schüttern

Die flehentliche Angst von armen Müttern,

Die für die Kinder betteln um ein Stückchen Brot.

 

Auch seid mit Reizen ihr so schlecht gerüstet,

Das es allein brutalstem Trieb gelüstet

Nach eurem Leib, der kalt ist und banal.

Und euere Bemühung, uns begehrlich

Zu machen, ist so schal, gemein und spärlich

Und nur der Stumpfheit Maske oder Qual.

 

Vielleicht sind eure Herzen unverdorben,

Doch eure Augen scheinen ausgestorben,

Wie Fenster sind von unbewohntem Haus.

Es zündet niemand Lichter an in ihnen,

Und ob sie dunkel, ob sie sonnbeschienen,

Es geht kein Widerschein von ihnen aus.

 

Vielleicht daß irgend tiefst in den Pupillen

Manchmal ein Bild erwacht von einer stillen

Betörenden Stunde, deren schnelle Frucht

Ihr einst belauscht, ob sie geboren würde,

Und lieblos abgesetzt wie eine Bürde,

Und doch geliebt – und doch verflucht.

 

 

 

Anton Wildgans

(1881-1932)

 

 

Drei Sonette

(Geschrieben 30.9.1908, ursprünglich „Drei Sonette“ genannt und dann verändert als „Heiliger Herbst“ im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909 erstveröffentlicht; - Anmerkung von Anton Wildgans: Zur Erinnerung an den Gang auf dem Leopoldsberg am 24.9.1908 meiner Lilly geweiht)

 

So gingen wir und gingen Hand in Hand

Den stillen Weg, den lieben Berg empor,

Und oben winkte Zinne uns und Tor

Und Turm und Kirche traulich und verwandt.

 

Doch unten lag das herbsterglühte Land:

Die Ebene im sanften Silberflor

Von Blond, das noch nicht alles Gold verlor,

Und lose drin des Stromes blaues Band.

 

Da sah ich selig auf Dein junges Haar

Und fühlte Deiner Hände zartes Beben,

Und wie in ihnen zehnfach Leben war

 

In jedes Fingers eignem leisen Leben,

Und fühlte frühlingshaft und wunderbar,

Daß alles dies mir innig hingegeben.

 

II

Und oben hauste frech und froh der Wind,

Zauste das Laub und fegte scharf die Matten —

Wir aber klug, in einer Mauer Schatten,

Lagen im Rasen, so wie Kind bei Kind.

 

Und unten ist die Stadt. — Von Dünsten blind

Schimmern die Kuppeln, Dächer und die matten

Glasfenster, während aus den nimmersatten

Schloten und Essen brauner Qualm zerrinnt.

 

Du dräust mir nimmer, schreckhafter Koloß,

Lockst mich vergeblich, du geschminkte Dirne.

Was ich von dir gelitten und genoß,

 

Bin ich wie eine tote Larve los

Und lege selig die befreite Stirne

In dieses Kindes mütterlichen Schoß.

 

 

 

 

III

So lag ich lang, tief atmend das Arom

Des jungen Körpers, der mein teures Eigen,

Und spürte Deiner Seele Niedersteigen

Zu Deines Schoßes ahnungsvollem Dom.

 

So klein bin ich, ein Mensch nur, ein Atom,

Und ausgeschaltet aus dem ewigen Reigen,

Wenn nicht durch Dich, was mir als Tiefstes eigen,

Einmünden darf in alles Lebens Strom....

 

Der Abend kam, wir schritten in das Tal.

Nie war ein Tag so feierlich verklungen.

Wie Glockentöne, rein und keusch verschlungen,

Sangen die Seelen seligsten Choral —

Da lauschten wir und nahmen tiefbezwungen

Der höchsten Liebe heilig Abendmahl.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Du bist der Garten ...

(Geschrieben 27. 9.1909 in Unter-Tullnerbach; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Und hättet der Liebe nicht“ 1911; Anmerkung: Von Anton Wildgans in sein Notizbuch skizziert mit dem Ver­merk: „Unter-Tullnerbach, 27. September 1909. Am sechsten Monatstage meiner Vermählung mit Lilly." — Das Gedicht trug bei seinem Entstehen die Überschrift „Der geliebten Frau".)

 

 

Du bist der Garten, wo meine Hände

über die weißen Wege gehen –

Du bist das Blühen und das Gelände

der sanften Hügel und blauen Seen.

Denn Deine Augen, sie gleichen diesen

und Deine Lenden sind die Wiesen,

nach denen meine Träume sehn.

 

Du bist der Garten, wo meine Seele

über die dämmernden Wege geht.

Du bist der Mohnduft für alle Fehle

Du bist die Vergebung und das Gebet.

Denn alles was mir im Suchen begegnet

Du hast es geheiligt und gesegnet,

dass es in mir wie ein Bildnis steht.

 

Du bist der Garten, wo meine Liebe

unter den purpurnen Bäumen träumt.

Du bist das feinste der feinen Liebe

wodurch alle Gierde geläutert scheint.

Du bist das Singen der Nachtigallen,

die singen und sterbend niederfallen.

Du bist das Leben - das ich versäumt.

 

(Unter dem Titel „Der geliebten Frau " wurde auf Anweisung des Dichters in den gedruckten Fassungen die letzte Strophe weggelassen)

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Du hast in Tagen, da ich arm gewesen

(Erstveröffentlichung im Band „Zeit und Welt“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 – Anmerkung von Lilly Wildgans: Minnie de Le Beau, der Gattin des Feldmarschalleutnants Aurel de Le Beau gewidmet. Deren Bruder, Dr. Friedrich Schmedes, hatte die Halbschwester von Anton Wildgans ge­heiratet)

 

 

Du hast in Tagen, da ich arm gewesen,

In meines Herzens offnem Buch gelesen.

Nun ward zum Buch der Armut bange Zeit.

Wag drinnen steht, ist Leid von jenem Leid,

In dem mir Deiner Liebe reiner Trank

Wehmütig Glück gewährte. Habe Dank!

 

 

 

Anton Wildgans                   

1881 – 1932

 

 

Du nennst mich Freund...

(Geschrieben nach 1919, Erstveröffentlichung im Band „Gedichte“ der achtbändigen Ausgabe „Anton Wildgans – Sämtliche Werke“ 1948 aus dem Nachlass herausgegeben von Lilly Wildgans)

 

 

Du nennst mich Freund! Ich geb’ das Wort zurück –

Doch, liebe Freundin, laß uns nicht vergessen:

Nicht Geist allein ist Menschen zugemessen,

Er ist nur Gottes Licht auf Erdenglück.

 

In seinem Strahle hebt die Tiernatur,

Von der’s Verhängnis wär’ sich zu entfernen,

Den jäh bewußten Blick empor zu Sternen

Und tastest dort nach Gottes Wandels Spur.

 

Was trüber Seele nur ein dumpf Verrichten

Leiblichen Müssens, dessen sie sich schämt,

Im Zwielicht des Geheimnisses verfemt,

 

Dem klaren Herzen ist es Scham mit nichten.

Es hat durch Geist die Dumpfheit überwunden

Und fühlt durch Erdenglück sich Gott verbunden. 

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Du sahst noch nie ...

(Geschrieben 7.10.1902 in Wien; Erstveröffentlichung in „Tiefer Blick“ 2002 von Evelyn A. Hahnenkamp)

 

 

Du sahst noch nie die Armut Bündel schnüren,

wenn sie die Not aus ihrem Heim vertrieb –

du hörtest nie bei falschen Schwüren

ein armes Wesen flüstern - Hab mich lieb -

 

Du fühltest noch nie die letzte Hoffnung brechen

in einer Brust, die innig zu dir fleht.

Du hörtest niemals die Verzweiflung sprechen

ein ruchloses, ein lästerndes Gebet.

 

Du standest noch nie an deiner Mutter Grabe

und fragtest dich nach deines Lebens Sinn –

sonst wüsstest du, was ich gelitten habe

und dass ich nur ein armer Bettler bin.

 

Du küsstest mir mit segnendem Vergeben –

den Kuss des Friedens auf den nassen Blick

und sprachest sanft - Ich weiß ein selig Leben –

Knie vor mir nieder - denn ich bin dein Glück.

 

 

 

Anton Wildgans                                            

1881 – 1932

 

 

Du süsses Dämmern . . .

(Geschrieben vor 1903; Erstveröffentlichung im Gedichtband „Vom Wege“ 1903)

 

 

Du süsses Dämmern,

tatenlos und ahnungsvoll,

wird die Sonne kommen?

Meine Seele,

Lasten von Hoffnungen

wälzen sie auf dich,

und du fühlst sie nicht.

Aber du selbst

bauest türme in den Himmel

und bangest,

dass sie stürzen.

 

 

 

Anton Wildgans

1881 – 1932

 

 

Durch Einsamkeiten

(Geschrieben 1903; Erstveröffentlichung in „Die Zeit“, Wien Nr.1147, Beilage Die Sonntags-Zeit am 3.12.1905; Erstveröffentlichung in Buchform im Gedichtband „Herbstfrühling“ 1909)

 

Durch Einsamkeiten

Durch waldwild’ Geheg,

Über nebelnde Weiten

Wandert mein Weg –

 

Fern über dem Berge

An ruhsamer Flut

Harrt meiner ein Ferge...

Der rudert mich gut –

 

An ein stilles Geländ,

Ewig gemieden

Und ewig ersehnt –

Zum Frieden...