Anton Wildgans
Slogan
Unter den Weissgärbern
Die alte Josefstadt
Pötzleinsdorf
Geistliche Feste und weltliche Bräuche
Bäckerstrasse, Tanzstunde und erste Liebe
Jugendfreundschaft und grosses Lügen
Nachtstück in der Lenaugasse
Dein Bruder
Der Tod der Mutter
Mein Freund Karl Satter
Der Praterinspektor Huber
Schicksal in Mödling
Der Tod des Vaters
Lebensbericht an Felix Braun
Curriculum vitae 1
Curriculum vitae 2
Aus "Mein Leben"

Unter den Weissgärbern

Ich bin geboren, wo damals noch viel Himmel war: in jenem Teile des Bezirkes Landstraße, der, zwischen Aspern- und Sophienbrücke an den Donaukanal geschmiegt, im örtlichen Sprachgebrauche die Bezeichnung »Unter den Weißgärbern« trägt. In der Radetzkystraße selbst, wo das Wohnhaus meiner frühesten Kindheit steht, hat sich während der fast fünf Jahrzehnte, die seither verflossen sind, nicht allzuviel verändert. Es sind noch dieselben altväterischen, meist ockergelb gestrichenen Zinshäuser vorhanden, die schon damals dieser Gegend ihre Stimmung gaben, ja selbst einzelne Handlungen befinden sich noch auf dem nämlichen Platze; um so größerer Wandel hat sich dafür in der unmittelbaren Nachbarschaft des Weißgärberviertels vollzogen.
Dort, wo sich heute der vornehme Stadtteil ausbreitet, der von dem Monumentalgebäude des ehemaligen Reichskriegsministeriums beherrscht wird, dieser ganze Raum zwischen Dominikanerbastei und Vorstadt Landstraße einerseits undzwischen Stadtparkund Donaukanal anderseits, war damals noch ein weithin übersehbarer Bereich von unverbauten Wiesen und Sandflächen. Nur das Kunstgewerbemuseum mit dem farbigen Kolossalbildnis der Pallas Athene stand be reits zwischen der noch kaum bepflanzten Anlage des Stubenringes und dem damals noch uneingedämmten Laufe des Wienflusses, während die Dominikanerbastei mit dem Kloster und den angrenzenden Häuserfronten ihrer ganzen Ausdehnung nach demstadtwärts gewandten Blicke freilag und in der Gegend des Hauptpostamtes gekrönt war von dem riesigen Rotziegelbau der Franz Josefs-Kaserne. Vor ihr aber entfaltete sich, begrenzt von der Wollzeile, der Ringstraße und dem heutigen Aspernplatz, ein weites teils von Planken, teils von Staketenzäunen umfriedetes Exerziergelände. Diese Gegend nun ist es, wo ich bis zu meinem vierten Lebensjahre die Eindrücke von dem, was mir damals die Welt war, empfangen und gesammelt habe; sie steht vor mir in jener überdeutlichen und überwirklichen Unwirklichkeit, wie sie nur manchen Traumbildern zueignet, und es ist ja auch wie Traum, daß das menschliche Gehirn Dinge, Gestalten und Vorgänge, die längst nicht mehr gegenwärtig sind, so aufzubewahren vermag, als ob man nach ihnen mit Händen greifen könnte, indessen sie nur noch mit Farben der Phantasie auf das zartgespannte Gewebe der Erinnerung hingetäuscht sind.
Unlängst, als der Plan in mir herangereift war, von dem Wien meiner Kindheit zu erzählen, wollte ich die Probe auf mein Gedächtnis machen, begab mich in das Haus meiner ersten Jahre, beschrieb dem dortigen Hausbesorger genau die Wohnung im zweiten Stockwerk, die ich vor nun dreiundvierzig Jahren verlassen habe, fand meine Angaben von ihm bestätigt und vermochte ihn schließlich dazu, mich bei dem jetzigen Mieter anzumelden. Ein älterer Herr öffnete mir, war vorerst ein wenig befremdet, hatte aber bald freundlichstes Verständnis und schon im nächsten Augenblick stand ich in dem schmalen doppelfenstrigen Zimmer meiner frühesten Spiele, blickte auf den frühlingszarten Wipfel des Baumes, der schon damals aus der Tiefe des Hofes in den zwiefach durchkreuzten Himmelsausschnitt herausragte, sah auf die Dächer gegenüber, die mir einstmals so unendlich fern und jetzt so nah schienen, und durfte auch der Türe gewahren, die von diesem Raume in das damalige Schlafzimmer meiner Eltern führte. Aber es war doch eine Tapetentür gewesen? Der jetzige Mieter bestätigte dies: er selbst habe sie durch eine Flügeltür ersetzen lassen. Ich werde später erzählen, warum ich mir jene andere so gut gemerkt habe. Vorläufig sei nur angedeutet, daß Schweres in dem Raum geschah, in den sie Eintritt gewährte, Schweres, das – ob ich es damals auch noch nicht zu fassen vermochte – entscheidend wurde für vieles in meinem Leben. Vorher aber war dieses noch schattenlos-heiter und vollzog sich in unersättlichem Schauen und Hören unter einem unendlich weiten und lichten Himmel.
Und in der Tat: so überwältigend war Höhe, Ausdehnung und wechselnde Gestaltung dieses Gewölbes, daß selbst dem Kinde, das aus seiner eigenen Kleinheit heraus geneigt ist, die wirklichen Maße des Geschauten zu überschätzen, alle Gebilde und Wesen unter ihm klein und ferne schienen. Da war zum Beispiel der Donaukanal mit den Häusern am Leopoldstädter Ufer. Sie sahen nicht anders aus als jene in der Spielzeugschachtel. Der Fluß selbst war bevölkert von Überfuhrbooten und weißgestrichenen Raddampfern, die rot-weiße Wimpel an den Masten und ein Gewimmel vieler winziger Menschen auf Deck trugen. Da waren ferner die Brücken: die erste, an deren Zugang zwei steinerne Löwen Wache hielten, war noch gewaltig und scheueinflößend, aber schon die nächste, fernere bot sich verkleinert und verkürzt dar wie einem viel späteren Staunen die Salzachbrücke in der Camera obscura auf dem Salzburger Mönchsberg. Da geschah es eines Nachmittags, daß der Himmel schwül und schwer war über der Stadt, und die Leute auf der Straße riefen einander zu, das Stadttheater brenne. Dergleichen war für die Wiener von damals, denen noch das Entsetzen über den Ringtheaterbrand in allen Gliedern lag, ein aufregendes Ereignis. Der Knabe aber, der an der Hand des Vaters ging, hatte Augen und Ohren nur für die vielen Feuerwehren, die von allen Seiten herangerasselt kamen. Jene Löschzüge jedoch, die mit ihren unheimlich erregten und erregenden Hornsignalen von der Leopoldstadt her über die zweite Brücke fuhren, waren auch wieder nicht größer als die Bleisoldaten, die man daheim auf dem Tisch oder Fußboden aufstellte. Groß blieb unter jenem ungeheuren Himmel nur ein Einziges, neben dem selbst die dunklen vielgiebeligen Häusermassen der Innern Stadt samt der goldfunkelnden Spitze des Stephansturmes gering wurden: nämlich, hoch auf der Dominikanerbastei, die Franz Josefs-Kaserne.
Wer sich von Wirkung und Maßen dieses Bauwerkes eine Vorstellung machen will, der denke an die Rudolfs-Kaserne, die sich auch heute noch an der sogenannten Roßauerlände des Donaukanals in der Nähe der Augartenbrücke befindet. Im selben Stil und aus demselben Material war auch die Franz Josefs-Kaserne gebaut. Dadurch aber, daß man von der Talsohle der Ringstraße auf, über den Exerzierplatz hinweg, zu ihr emporschauen mußte, übertrieb sie gleichsam ihre wahren Verhältnisse. Aufgebaut in zwei Flügeln, die durch einen gigantischen Torbogen miteinander verbunden waren, ragte sie mit ihren vier Ecktürmen und den gezackten Zinnen hoch über alles in ihrer Umgebung und beherrschte fast drohend das friedliche und bunte Gelände wie eine auf einen Felsvorsprung hingewuchtete Riesenburg. Unheimlich und unabschätzbar war die Zahl ihrer Fenster, die nach obenhin immer kleiner zu werden schienen, bis sie unter dem obersten Gesimse nur mehr schmalen, schwarzen Schießscharten glichen. Und diese unzähligen Augen des Kolosses, sie blitzten und blendeten am hohen Tage wie ebensoviele Nebensonnen, sie glühten am Abend wie Hunderte von Fackeln, als stünde der Bau auf der einen Seite in Flammen, als schössen aus seinen dem Untergang zugewandten Mauern scharlachrot lodernde Garben, während die unbesonnten Flächen, wie aus tiefblauer Nacht geformt, sich immer schärfer von dem ungeheuren Himmel abhoben. Da, in die wachsende Stille der abendlichen Umgebung, über das verlassene Vorgelände herüber, klangen alle möglichen Signale von der Höhe herab: oft Hörner, ein vielstimmiger und doch gleichgestimmter Chor, oft das Rasseln vieler Trommeln, immer wieder aussetzend und plötzlich verstummend. Dann wurde Dämmerung, die unzähligen Augen schlugen jetzt nur mehr trübrote blinzelnde Blicke auf, die Silhouette der vierfach getürmten Zwingburg trat zurück in die zunehmenden Schatten und war allmählich nicht mehr vorhanden; aber herunten auf der Ringstraße glomm Laterne um Laterne auf, ihre Reihe setzte sich fort an den Donaukanal, säumte den weiten Bogen des Franz Josefs-Kais und der schwarz gewordene Fluß strahlte sie leise zitternd wider. Allzuoft werde ich als zwei- bis vierjähriger Knabe diesem Schauspiel wohl nicht beigewohnt haben und dennoch ist es mir unvergeßlich geblieben. So überwältigend sind die Erlebnisse der ersten Kindheit.
War an Abenden die Kaserne selbst das Eindrucksvollste, so fesselte an Vormittagen das Leben und Treiben auf dem Exerzierplatz. Das Gatter, das ihn umgab, gewährte zwar zwischen seinen Latten hindurch des Einblickes genug, aber schöner war es doch, frei darüber hinwegzusehen, und so mußte die gute Mutter den unausstehlich schaulustigen Knaben immer wieder auf den Arm nehmen, damit er den militärischen Vorgängen besser folgen könne. Geschütze wurden da im wildesten Galopp aufgefahren, machten die kühnsten Schwenkungen, fielen zur Batteriestellung ab und verharrten so eine Weile, bis das Getümmel von neuem anhub. Und wieder Säbelblitze, Trompetenstöße, Staubwolken und einzelne dahinjagende Reiter! An einer anderen Stelle des Platzes: übende Infanterie, bald im Karree, bald in aufgelösten Reihen, bald mit gefälltem Bajonette, wie zum Sturme angetrieben, bald auf die Knie niedergeworfen, die Gewehre schußbereit an den Wangen. Die Soldaten trugen dunkelblaue Blusen und hellblaue Pantalons, im Sommer aber Uniformen aus Zwilch und da sahen sie bei weitem nicht so großartig aus. So anziehend aber, daß man auch nicht einen Atemzug lang den Blick von ihnen wegwenden konnte, waren sie immer. Dann ward es Mittag. Die Glocken vom Stephansdom, von den Dominikanern, von der Universitätskirche huben zu läuten an. Von der Landstraße herüber antworteten Sankt Rochus und Sebastian, aus der Weißgärbervorstadt grüßte Sankt Othmar und dann kam immer wieder der Augenblick, da von irgend einer Seite her eine größere Truppe, die auswärts geübt hatte, mit klingendem Spiele einrückte. Meist kam sie aus der Radetzkystraße vom Prater her, manchmal auch über die Aspernbrücke, zog über den Stubenring, bog bei der Wollzeile ein und marschierte die Rampe längs der Dominikanerbastei hinan zum oberen Haupttor der Kaserne. Da ließ der Knabe die Hand der Mutter nicht eher los, als bis der letzte Trommel- und Tschinellenklang dort oben verklungen war. Und erst wenn der letzte Mann der auf dem Sandplatze exerzierenden Soldaten in die purpurne Riesenburg hinein verschwunden war, ließ er sich auf gewohntem Umwege willig nach Hause bringen.
Dieser Umweg führte regelmäßig am Kunstgewerbemuseum vorbei über den Wienfluß. Der kam vom Stadtpark her und wand sich in seinem seichten Bette der Mündung an der Weißgerberlände entgegen. Heute fließt er spärlich zwischen Betonplatten und hohen, grauen Quadermauern, damals aber fielen sanfte Grasböschungen ländlich bebuschter Ufer zu ihm ab und waren, besonders im Bereiche des Stadtparkes, bestanden mit herrlichen uralten Bäumen, deren malerischeste Rudolf Alt dem ewigen Gedächtnis aufbewahrt hat. Sandbänke schoben sich von beiden Seiten aneinander und ließen nur ein schmales, grünbraunes Rinnsal frei, in dem sich zur Sommerszeit viele halbnackte Gassenbuben herumtrieben, während ihnen im Winter dessen dürftiges Eis eine freie Schlittbahn bot. Die Bürger aber übten den nämlichen Sport auf dem Platze des Eislaufvereines, der sich damals am rechten Wienufer nächst der Großmarkthalle befand. Und auch an diesem ging der gewohnte Spaziergang vorbei, bis endlich beim Hauptzollamte am Eingange der Radetzkystraße die tägliche Runde geschlossen war. Hier ergab sich dann fast immer noch ein letzter, sehr anregender Aufenthalt. Denn dort, wo heute auf der Rampe des Zolloberamtes nur wenige erdgrau gestrichene Postautomobile zu stehen pflegen, war damals jahraus, jahrein ein ganzer großer Park von hellgelben Wagen mit orangeroten Deichseln untergebracht und ununterbrochen kamen ihrer höhere und niedere von allen Seiten herangerollt. Das war die k. k. Paketpost, die dem Generalpostmeister Uhl unterstand, einem Gewaltigen über viele Hunderte von Pferden, Wagen und Postillonen, welch letztere mit ihren bequasteten Rundhüten und gelben Aufschlägen auf unwahrscheinlich hohen Kutschböcken saßen, die Peitschen knallen ließen und bei der Annäherung an das Zollamt ihr heiteres Liedchen bliesen. Es war eben damals in Wien noch allenthalben die gemütliche Romantik des freien Landes lebendig. Von der Innern Stadt zur Weißgärbervorstadt fuhr man zwischen Wiesen hindurch über schmale Flußbrücken, an wilden Baumgruppen vorüber wie von Kleinstadt zu Kleinstadt, bis ein paar Jahrzehnte später das ganze lustige, idyllisch belebte und himmelüberweitete Gelände von gepflasterten und asphaltierten Straßen durchzogen und die Innere Stadt so knapp an die Vorstädte herangerückt war, daß die Grenze zwischen beiden der Wahrnehmung entschwand und nur mehr von den Straßentafeln ablesbar wurde.
Den eben geschilderten Rundgang muß ich an der Hand der Mutter wohl viele Male zurückgelegt haben, sonst hätte er sich mir nicht so deutlich eingeprägt. Da aber hatte all die Luft und Schauensfreude eines Tages ein jähes Ende. Denn die Mutter, eine große, schlanke, immer etwas blasse Frau, war bettlägerig geworden. Nun entfiel der tägliche Vormittagsspaziergang, dafür aber ergaben sich zunächst andere Freuden. Denn die Tante kam ins Haus und bereitete der Kranken alle möglichen guten und neuen Speisen, vor allem den köstlichen Chaudeau, von dem der Knabe immer reichlich zu naschen bekam. Auch durfte er viel am Fenster des Gassenkabinetts verbringen, wo die Mutter lag und in das jene bewußte Tapetentür vom Hofzimmer hereinführte, und auf der Straße unten gab es immerhin manches zu sehen. Die Postillone fuhren auch hier mit ihrem lustigen Trara vorüber und die von den Praterwiesen einrückenden Truppen nahmen ja meistens ihren Weg durch die Radetzkystraße. Außerdem gab es eines Abends, als es schon ziemlich dunkel war, ein ganz neues, noch nie gesehenes Schauspiel: In allen Fenstern, bis in die obersten Stockwerke hinauf, standen unzählige brennende Kerzen und auch in den Fenstern der eigenen Wohnung wurden solche angezündet. Unten aber ging ein langer Zug vorüber mit Fahnen und weißbehemdeten Männern, die gleichfalls Lichter trugen. Dabei war es ganz still in der Straße geworden. Da näherte sich Musik, aber eine ganz andere, als sie von den Militärkapellen her vertraut war! Und jetzt wurde ein merkwürdiges, auf Stangen schwankendes Viereck vorübergetragen, seltsame Glöckchen klimperten und ein nie noch verspürter Geruch wölkte von unten heraus. Da knieten auf der gegenüberliegenden Straßenseite die unzähligen schwarzen Menschen nieder, gedämpfte Fanfaren jubelten auf, eigentümliche Trommeln, die wie Wäschekörbe von zwei Männern an Henkeln getragen wurden, wirbelten, leibhaftige Engelsstimmen sangen und die Tante, die den Knaben am Fenster mit dem linken Arme umhielt, machte ihm mit der Rechten ein unverständliches Zeichen auf Stirne, Mund und Brust und schien dabei zu leiden; denn sie weinte bitterlich. Das war die Auferstehungsprozession unter den Weißgärbern am Karsamstag des Jahres 1885. Erst viel später, in der Erinnerung, habe ich begriffen, daß sie es war; damals glaubte ich und ließ man mich glauben, es habe der Himmel sich geöffnet und die göttlichen Heerscharen unter der Führung des Christkindes selbst – es war wohl unter jenem geheimnisvollen Viereck geschritten! – seien jubilierend und psalmodierend, von tausend Flämmchen gegrüßt, vorübergezogen. Bald darauf geschah das Letzte, dessen ich mich aus jener Zeit noch entsinne.
Es war an einem Nachmittag, – er steht vor mir, als wenn er sich erst gestern begeben hätte! – da trat der Vater durch die seit langem versperrt gewesene Tapetentür, nahm mich an der Hand und sagte, ich solle der Mutter für alles danken und die Hand küssen. In der ganzen glücklichen Ahnungslosigkeit meiner vier Jahre folgte ich ihm in das Kabinett. Da lag die Mutter in ihrem großen, weißen Bette, aber es schien nicht so weiß wie sonst, den der einfenstrige Raum war durch die herabgelassenen Jalousien in mattgrüne Dämmerung getaucht. Als ich an das Bett getreten war, wandte sich die Mutter mir zu, sah mich lange an und reichte mir endlich eine ganz klein gewordene, blasse Hand her, die ich küßte. Dann aber kehrte sie sich mit einer schnellen Bewegung von mir ab, vergrub ihr Antlitz in das Kissen und ich sah von ihr nichts mehr als einen schmalschulterigen, weißen, gekrümmten Rücken, über den ein dünner, dunkler Zopf etwas wirr und schief herabhing. Wie ich aus dem Kabinett wieder herausgekommen, dessen erinnere ich mich nicht mehr, aber eines weiß ich: daß der Vater eines anderen Tages im Hofzimmer lange schluchzend auf und ab ging und meiner, der ich dort spielte und kein lautes Wort wagte, nicht achtete. Und dann kam wieder ein Nachmittag, da ich vom Fenster aus merkwürdige Wagen vor dem Hause stehen sah, schwarzbespannte Wagen, auf deren Kutschböcken schwarze Männer mit schwarzen Dreispitzen saßen. Einer von ihnen wandte sich herauf und schien gerade auf mich zu blicken. Er hatte ein rosiges, gar nicht schreckhaftes Gesicht und ein schwarzes Band unter dem Kinn, wie ich damals selbst eines an meinem neuen Strohhut hatte. Ich entsinne mich nicht, gesehen zu haben, wie der Zug sich in Bewegung setzte, auch von Blumen und Lichtern weiß ich nichts mehr. Meine Erinnerung hebt erst wieder in der Dämmerung dieses Tages an. Da sehe ich mich in dem Hofzimmer und war allein. An der Kante des Speisetisches, an dem ich so oft die Rute bekommen, weil ich nie die Suppe essen wollte, stand ein kleines Krügelgläschen, halbvoll mit Milch, und daneben lag ein Stückchen Semmel. Es kam der Augenblick, da ich mich dieser guten Dinge bemächtigte, die Semmel in die Milch tauchte und sie verzehrte. So hatte ich keinen Hunger zu leiden und auch gefürchtet habe ich mich nicht; denn man hatte sich in der letzten Zeit nur wenig um mich gekümmert und ich war gewohnt des Alleinseins. Aber immer finsterer wurde es. Auch dieses schreckte mich nicht. Denn auch sonst pflegte um diese Stunde noch lange kein Licht angezündet zu werden, sondern der Vater nahm mich im finsteren Zimmer auf den Schoß und gab mir Wörter auf, zu denen ich Reime finden mußte, und dies war mir ein liebes Spiel. Heute freilich war der Vater nicht da und es rührte sich nichts in der Wohnung. Da – dies fühle ich noch heute körperlich! – kam ein Seltsames, Neues über mich: eine Erregung aus mir selbst und ein Bewegtsein der Finsternis um mich herum! Wie lange dies gedauert hat, kann ich nicht mehr ermessen. Als es aber endlich wieder laut geworden war in der Wohnung und der Vater durch die Küchentür eintrat, fand er seinen Knaben im dunklen Zimmer auf dem Boden sitzen. Das leere Glas und ein kleiner Rest der in Milch geweichten Semmel lagen neben ihm, er aber hatte Schuhe und Strümpfe ausgezogen und redete – wie er dies auch schon früher manchmal vor dem abendlichen Einschlafen getan hatte – fieberhaft flüsternd zu seinen eigenen Füßen.
So hörte ich es später des öfteren erzählen und dies war der Nachmittag, an dem meine Mutter begraben wurde. Bald darauf übersiedelte der Vater mit der Schwägerin und dem Kinde von der Weißgärbervorstadt in die Josefstadt. In ihr selbst oder doch ihr unmittelbar benachbart habe ich die nächsten vierundzwanzig Jahre meines Lebens verbracht. In die Gegend meiner ersten Kindheit aber bin ich während dieser Zeit nur selten gekommen und, als ich erst nach vielen Jahren wieder einmal durch die Radetzkystraße schritt und den täglichen Rundgang von ehemals getreulich wiederholte, da war die rote Festung der Franz Josefs-Kaserne geschleift, der Exerzierplatz verbaut und das grüne Ufergelände des Wienflusses verschwunden. Den ungeheueren, lichten Himmel aber, der einstens über all dem gewesen, verräumten viele öffentliche und private Paläste längs der laubdicht gewordenen Alleen des Stubenrings und auf dem ehemaligen Wiesengrunde zwischen Kunstgewerbemuseum und Aspernplatz hatte man gewaltige Gerüste aufgerichtet. Sie dienten dem Neubau des Reichskriegsministeriums. Und wenige Jahre später, so hatte auch dieses Symbol eines Reiches, das von der Adria bis zu den russischen Steppen, vom Bodensee bis an die Vorlande des Orients reichte, seinen eigentlichen Sinn verloren. Den Mann aber, der diesen Wandel der Dinge in der Mitte seines Lebens mit machte, mutet alles, was sich vorher erreignet hat, bisweilen wie ein Begeben an, das ihm nicht in diesem, sondern in einem viel früheren Dasein begegnet ist.