Anton Wildgans
Slogan
Unter den Weissgärbern
Die alte Josefstadt
Pötzleinsdorf
Geistliche Feste und weltliche Bräuche
Bäckerstrasse, Tanzstunde und erste Liebe
Jugendfreundschaft und grosses Lügen
Nachtstück in der Lenaugasse
Dein Bruder
Der Tod der Mutter
Mein Freund Karl Satter
Der Praterinspektor Huber
Schicksal in Mödling
Der Tod des Vaters
Lebensbericht an Felix Braun
Curriculum vitae 1
Curriculum vitae 2
Aus "Mein Leben"

Der Praterinspektor Huber

Eine Kindheitserinnerung von Anton Wildgans

 

Mein Vater war durch seine zweite Verheiratung verschwä­gert worden mit einem Manne, der kraft seiner Anstellung beim — um in der Sprache von damals zu reden — aller­höchsten Hofe umwittert war von dem geheimnisvollen, ehr­furchtgebietenden Zauber, der für den damaligen Wiener alles hatte, was mit dem »durchlauchtigsten Erzhause« zusammen­hing. Das Gefühl, das diesem Zauber entsprach, war ein Ge­misch von Neugier auf Vorgänge innerhalb der regierenden Familie, über die nur die Eingeweihtesten im vielsagenden Flüsterton und andeutungsweise zu sprechen wagten, aus einem

gewissen Stolz des Zusammengehörens mit dieser Familie her­aus, den insbesondere der Militär- und Staatsbeamte, aber auch der Hoflieferant, der Separee-Ober beim Sacher und der »unnumerierte« Fiaker empfand. Sie alle aber übertraf an Eingeweihtheit und untertänigster Vertrautheit und Vertraulichkeit der Hofbeamte, der ja auch schon äußerlich besser gestellt war als der Staatsbeamte gleicher Rangklasse. Stand doch den höhe­ren unter ihnen ein eigener Dienstwagen, gummigerädert und mit livriertem Kutscher auf dem Bocke, zur Verfügung; waren sie doch beim Genüsse aller Institutionen bevorzugt, die zum Hofärar gehörten; und was meinen nunmehrigen Onkel be­trifft, so bewohnte er gewissermaßen in der Mitte der Resi­denz eine eigene Villa mit großem Garten, hatte das Abschuß­recht in Revieren, die sonst nur den allerhöchsten Herrschaften und deren Gästen vorbehalten waren, gebot über eine Unzahl von Existenzen, die in seinem Wirkungsbereich ihr meist heite­res Gewerbe betrieben, und hatte nicht nur selbst reichlichen Zutritt zu den Hoftheatern, sondern auch die Macht, diesen anderen Leuten zu verschaffen. Dieser gewaltig Gebietende nun, der außerdem ein gütiger Mensch war und dem ich viel zu verdanken habe, war der Praterinspektor Huber.

Über den Prater ist zu allen Zeiten viel geschrieben worden, und ich möchte nicht der Gefahr verfallen, Eulen nach Athen zu tragen, indem ich das allgemeine, was sich über ihn sagen läßt, wiederhole. Den liebenswürdigen Jahrmarktszauber des Wurstelpraters zum Beispiel kennt jeder Wiener, und auch jeder Zugereiste, der nach Wien kommt, beeilt sich, ihn ken­nenzulernen; es geht dort schließlich und endlich nicht viel anders zu als in den Vergnügungsparken anderer Großstädte, und heutzutage werden ihn schon viele von ihnen an Buntheit übertreffen. Der Prater aber ist überdies — oder war es zum mindesten damals — mehr als ein Vergnügungspark, er ist eine geräumige Halbinsel uralter, lieblicher Natur, die von dem idyllischen Festland der Donau-Auen in das rauschende, qual-

mende Häusermeer der Großstadt hereinragt, von der heran­brandenden Flut aus Asphalt und Beton immer mehr eingeengt, bis er schließlich eines Tages, von seinem Festland gänzlich abgeschnürt, zur einsamen Insel und noch später einmal zum Märchen geworden sein wird.

Schon der Garten meines Onkels war für mich als Kind ein, wenn auch sehr kultiviertes, Stück Natur, und man muß sich in jene Zeit versetzen, um zu wissen, was dies für ein Groß­stadtkind bedeutete. Damals war es, besonders in Beamten­familien, noch nicht Sitte, die freien Tage zu Ausflügen in die Umgebung zu benützen, und dies schon gar nicht im Winter. Mein Vater und mit ihm wohl die meisten seiner bürgerlichen Kollegen arbeiteten auch an Sonn- und Feiertagen mindestens bis zwei Uhr im Amte, und dann blieb bei den damaligen Verkehrsmitteln nur der kurze Winternachmittag, und der reichte gerade noch hin, um den Onkel im Prater zu besuchen, aber selten zu mehr. Später, als das Zweirad erfunden worden war, hätte man ja die freien Nachmittage besser ausnützen können, aber wehe dem Gymnasiasten, der damals von einem seiner Professoren auf dem Veloziped ertappt worden wäre. Er konnte sicher sein, in der nächsten Stunde mit allen Schika­nen geprüft und, wenn nur irgend möglich, mit einem »Nicht­genügend« in die Bank geschickt zu werden. Denn ein finsterer und feindlicher Geist beherrschte damals, wenigstens in den Großstädten, die verweltlichten Gymnasien, während die geist­lichen auf dem Lande für das notwendige Gleichgewicht in geistiger und körperlicher Ertüchtigung viel mehr Verständnis hatten. Wenn mein guter Vater mir daher in seiner berechtig­ten Verzweiflung über meine miserablen Fortgangsnoten immer wieder drohte, mich aus dem Haus« zu geben und in ein Internat zu stecken — womit Kremsmünster, Melk oder Hörn gemeint waren — so ahnte er nicht, wie sehr ich mich danach sehnte, nicht gerade vom Hause weg, aber doch in die Freiheit der Natur zu gelangen. In der Tat hätte ich den ersten Früh-

ling in der freien Natur und einen beschneiten Wald wohl erst im ersten Universitätsjahr zu Gesicht bekommen, wenn mir in meiner Kinderzeit nicht der Prater eine Ahnung dieser Freu­den geboten hätte.

Der Garten des Praterinspektors lag und liegt auch heute noch rechter Hand gleich am Beginn der sogenannten Haupt­allee. Er ist heute gegen damals um vieles verkleinert, beson­ders durch den neuen Viadukt der Verbindungsbahn, die von Meidling zum Nordbahnhof hinüberführt. Aber er wäre mir auch in dieser Verkleinerung damals unendlich erschienen; denn für das Maß eines Dinges ist, besonders beim Kinde, nicht so sehr das Räumliche entscheidend als die Fülle der Erlebnisse, die einem in diesen Räumen beschieden werden. Und deren waren die Menge. Wo sonst auf der Welt war es dem blassen, engbrüstigen Großstadtknaben beschieden, die ersten sonnen­durchwärmten, vom süßen, klebrigen Seime überzogenen Kir­schen vom Baume zu pflücken und an Ort und Stelle nach Herzenslust zu verzehren? Wo durfte vor dem 15. Juli, als dem Tage des Schulschlusses, eine Blume gepflückt, wo die Lerche belauscht werden?! Der Garten meines Onkels ging über in andere, weitere Bereiche von Wiesen und Baumgruppen; dort scheuchte der Gang auf weichen, dunklen Waldwegen den Hasen aus seinem Versteck, dort stieg mit knatterndem Fluge der Fasan aus dem Weidicht, das Rebhuhn aus der herbstlichen Ackerkrume. Des Onkels Schrotflinte krachte und verfehlte selten ihr Ziel, und der Hund apportierte die Beute. Und ob­wohl mir das Töten von Tieren schon als Kind Abscheu und Grauen eingeflößt hat, so war doch das Drum und Dran solcher Jagd schön und vor allem — es war eine andere, wind- und duftdurchatmete Welt, die da aufgetan ward, grundverschieden von der düsteren und unsäglich quälenden der nach Des­infektionsmitteln und Staub riechenden Klassenzimmer und Schulgänge.

Aber auch  andere bunte,  herrliche und selig verwirrende

Dinge gab es damals für midi im Prater zu erleben! Da war das Trabrennen nächst der Rotunde, die Steeplecha.se in der Freudenau, wohin der Onkel die Verwandten in seinem Hof­wagen führte, und eines Sommers hatten Zauberer mitten in dem Prater die ganze liebe alte Stadt Wien — so schien es wenigstens dem Kinde — aus ihrer Versunkenheit wieder in die Wirklichkeit zurückgestellt, insonderheit den Hohen Markt, wie er noch zu Zeiten des Hanswurstes gewesen. Und in der Tat war auch inmitten des Platzes die lustige, heitere Szene errichtet, auf der man Stücke aus jener Zeit zum besten gab. »Es ist zum Haarausreißen!« war der Refrain eines Couplets, und ein Schauspieler namens Gottsleben war Hanswurst, der es sang. In einem der dämmerigen Hausflure jenes Platzes aber spielte ein alter Straßensänger im Kostüm der Vergangenheit die Harfe und trug mit einer gedämpften urwienerischen Stimme uralte Lieder vor, die den Knaben erheiterten und merkwürdig ergriffen. Er, der im Elternhause gleichsam ge­nährt ward mit Erinnerungen an das Wien des Vaters und Vorvaters, fühlte, so jung er war, die Urmelodie seiner Heimat, als hübe das Blut seiner Väter an, in ihm selbst zu singen, als käme ihm Botschaft aus einer Welt, in der er früher schon einmal gelebt haben mußte. Und so etwas Ähnliches wird es wohl auch gewesen sein; denn bloße Erzählungen, besonders von Dingen, die der Erzähler selbst nicht mehr erlebt hat, ver­mögen wohl das Sinnliche der Vergangenheit allein nicht so lebendig zu machen. Später hat man im Prater die Lagunen­stadt Venedig mit Palästen, Kanälen und Gondeln aufgebaut. Sie hat aber auf mich bei weitem nicht den Eindruck gemacht wie der Hohe Markt in der Musik- und Theaterausstellung von Anno 1892. Da war Buffalo Bills »Wildwest« mit echten Siouxindianern, wilden Kämpfen zwischen Trappern und Rot­häuten, Feuerüberfällen auf Postkutschen, gefesselten Lords und entführten Ladies schon eine andere Sensation, und der Zirkus Renz mit der berühmten Wasserpantomime am Schlüsse

der Vorstellung war auch nicht zu verachten. Und zu all die­sen Veranstaltungen eröffnete mir die Praterallmacht des guten Onkels freien Zutritt. Denn im Prater war er, wenn nicht der liebe Gott, so doch der Stellvertreter des lieben Gottes auf Erden.