Anton Wildgans
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Aus "Mein Leben"

Der Tod des Vaters

SILVESTER 1905/1906

(Notizbucheintragung von Anton Wildgans)

 

2. Jänner 1906, 5 Uhr nachmittags.

Es handelte sich um eine Zigarre, die aus dem Schlafzimmer meines Vaters geholt werden sollte. Wir glaubten, daß er schon schlafe. Das elektrische Licht drinnen war schon abgedreht. Da fiel mir sein Atmen auf. Rasch drehten wir das Licht an. Und da lag er, bleich, verfallen, in konvulsivischen Atemstößen, die wir beide von früheren Anfällen her kannten. Er hatte seine lieben Augen geschlossen und sollte sie niemals wieder zu be­lebten Blicken auftun. —

Ich begab mich nach Mitternacht in mein Zimmer. Die Er­scheinungen des Silvesterabends waren nicht so, daß sie in diesen Anfängen schon auf das Ende hinzudeuten schienen. Am 1. Jänner kam der Doktor und teilte mir nach kurzem Augenschein mit: ad finem laborat. Ich nahm diese Eröffnung automatisch hin; war ich doch in den letzten Monaten immer auf dieses Ereignis gefaßt, nahm ich doch den kleinsten Ab­schied nicht ohne die stillschweigende Perspektive auf die Ewig­keit.

Die Weihe eines rührenden Erlebnisses weilt auf dem letzten wachen Nachmittage meines geliebten Vaters. Leider habe ich es nicht mit angesehen. Die Tochter unseres einzigen wirk­lichen Verwandten, des Bürgerschuldirektors Höger, war zu Besuch gekommen und hatte ihren Onkel auf die Stirne und Hand geküßt. Wie haben seine Augen gestrahlt, als ich ihm des Abends noch davon sprach. Die letzte Freude seines armen Lebens hat ihm dieses Mädchen bereitet. — Vom reinsten

Mund ein Kuß auf seine arme kranke Stirne, das war das allerletzte seelische Ereignis des Mannes, der so reinen Herzens war. Voll Liebe und Güte, Vergebung und Weichheit war immer sein Herz. Und nun kämpft es den letzten vergeblichen Kampf mit der Lähmung, die vom Gehirn herniederschleicht, bis auch das Herz stillsteht und alle Pulse stocken werden. Nun röchelt er in schmerzlicher, ihm Gott sei Dank unbewußter Atemqual, und die Kraft seines Lebens durchnäßt in maß­losem Schweiß sein armseliges, zerwühltes Lager. Er wird seine lieben Augen nicht mehr öffnen, seine Lippen werden keines der innig gestammelten Worte mehr sprechen, seine blasse Hand wird sich niemals mehr um die meine schließen, sein Arm nie­mals mehr meinen Hals umschlingen. Ich werde sein unaus­sprechlich gütiges Lächeln nicht mehr sehen. — Er ist tot, ohne gestorben zu sein. Und wie lange noch, so wird auch das kom­men. Heute Nacht vielleicht oder morgen. — Nur sein Körper ist noch warm, sein Puls und Herzschlag kräftig, und oben an der Stirne, wo seine unglaublich feinen, seidenweichen, kohl­schwarzen Haare ansetzen, oben an dieser edlen, gewölbten kranken Stirne hat er noch den fast parfümierten Duft seiner glatten, feinen Haut, wie er ihn immer hatte, und wie er mir ein Unterpfand des Lebens schien. Ich kann es nicht lassen, ihn oft und oft dahin zu küssen und diesen Duft für alle Zeiten des Lebens in mich zu trinken, damit ich seiner nicht vergesse. Gute Nacht, Vater — Gute Nacht —

 

3. Jänner, 3/4 5 Uhr morgens.

Soeben ist mein guter, lieber Vater gestorben. Selig und sanft mit ein paar tiefen Atemzügen ist er hinübergeschlum­mert und hat die Augen nicht mehr geöffnet und hat kein Wort mehr gesprochen. Ich hielt seine Hand in der meinen. Amen!