Anton Wildgans
Slogan
AVE MARIA
BEICHTE EINES MITLEIDIGEN
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DER LETZTE BESUCH
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SCHWESTERN
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VOM TODE
FRÜHLINGSSONATE - BEETHOVEN OP.24
FOLGERUNGEN AUS WEIMAR
ERLEBNIS IN AUSTRALIEN
ERSTE AUTOFAHRT

DER LETZTE BESUCH

Anton Wildgans

(1881-1932)

 

 

Der letzte Besuch

(Geschrieben 1913; Erstveröffentlichung im Nachlaßband „Ich beichte und bekenne“, Leipzig 1933 - Anmerkung: Über seinen 1906 verstorbenen Vater)

 

Und dann eines Nachts im September erschien mir Er. Aber es ward sofort mondblaues Licht im Zimmer, als er eintrat, und der Duft, den ich oft und oft während seiner letzten Krankheit von seiner Stirn genossen hatte, verbrei­tete sich wie Ozon und Balsamgeruch. Er war nicht über­irdisch angetan, sondern so, wie wir ihn begraben hatten. Seine armen zarten Füße entbehrten der Schuhe. Wir hatten ihm keine mitgegeben, weil wir arm waren und ich die seinen wohl zu tragen vermochte. "Wir hatten ihn in den dunklen Anzug gekleidet, den sogenannten „Neuen", den letzten, der für ihn gekauft worden war. Und diesen trug er nun. Es war ein billiges Kleidungsstück und paßte ihm nicht ganz, und dennoch sah er darin aus wie ein erstande­ner König, besser: wie ein Staatsmann, der zum. Parla­mente spricht in entscheidender Stunde. Aber seine Augen leuchteten von innen verklärt, wie dunkle, lebendige Edel­steine, und ich neigte meine Stirne tief, so tief ich ver­mochte. Da rührte die Hand meinen Scheitel, deren letzten Pulsschlag ich in erschütternder Stunde gefühlt, und es durchschauerte mich mit kindlichem Grauen. So war das Gefühl wie damals, als ich zum ersten Male als neun­jähriger Knabe die Hostie auf meiner Zunge zergehen fühlte, ängstlich bedacht, den heiligen Marterleib mit mei­nen Zähnen nicht zu verwunden. Entrückt meiner täg­lichen Erbärmlichkeit, kniete ich nieder und hörte wie aus Wolkenfernen über mir die tiefe, dunkle, zitternde Stimme meines Vaters —

Kind — Kind —

Und wie von einem Magnet wurde mein Haupt von der Allmacht seiner wesenlosen Hand emporgehoben. Ich richtete mich an ihr empor und stand — stand? — schwebte entkörpert, meines Leibes unbewußt ihm gegenüber, wie Heilige gegeneinanderstellen, in goldge­ränderten Wolken — und unter ihnen liegen die Fluren, die Berge und die Städte der Erde.

Er blickte mich an, und ich wußte, daß seiner Liebe kein Ende geworden sei jenseits der Schwelle des Lebens. Ich fühlte selig bestürzt, daß der nun klarer Wissende nicht gekommen sei, um mich zu richten, nein, daß freundlich sei der Sinn seiner Erscheinung. Aber von überall her aus meinem Innern stürzten die Erinnerungen in mein Herz. In allen meinen Gefäßen war ein großes Rennen nach meinem Mittelpunkt und dann ein mächtiges Empor­drängen zu meinen Lippen, die sprechen wollten, und statt zu sprechen stammelten — Worte stammelten, die ihren Sinn aus so Entferntem sammelten, wie es die erdversenk­ten Wurzelfasern sind im Verhältnis zu den himmel­nächsten Blättern des Wipfels. Und doch ist alles e i n Le­ben, Wurzelfaser und Wipfel, und mein Entferntestes war das gleiche mit jener Stunde — immer das gleiche, sich schrecklich getreue Ich.

Aber als wüßte er alles, was ich noch nicht auszusprechen vermochte, und als sähe er das eilende Treiben in meinen Gefäßen, lächelte er und sprach: Es war alles gut — alles gut — immer bin ich bei Dir.

Vater, rief ich, nun endlich gefaßter, Vater —! Immer bist Du bei mir, und ich fühle es in allen meinen ewigen Stunden. Ich brauche nicht an Dein Grab zu gehen, um dort zu beten. Ich brauche Deinem Andenken keinen Kranz zu winden, und ich brauchte damals, als Du starbst, nicht schwarze Kleider zu tragen und die Menschen zu meiden und ihre armen Vergnügungen. Ich habe an dem Tage Deines Begräbnisses, in der Nacht darauf, in dem Bette meiner Geliebten gelegen, und es war Opferdienst des Lebens zu Deinen Ehren. Da war die Wollust in mir, die mich gezeugt hatte, der heilige Rhythmus, aus dem mein Leben gesprungen, da warst Du in mir, und ich fühlte mich tiefer Dir nah als in Tränen.

Er lächelte milde und sprach: Ich habe Dich in Lust ge­zeugt — zeuge auch Du in Lust. Ich habe mich dem Dufte der Erde gesellt, in auf gefurchtes Ackerland habe ich meine Saat gestreut — Gott hat meine Sinne gelenkt, als ich Deine Mutter ersah —, sie war vom Rande des Himmels, dort, wo die Felder in die Ferne schwellen über die Kimme der Sichtbarkeit, wenn Du vom Turme schaust, der mitten in unserer Stadt steht. Als sie aus ihrem Dorfe kam, eine dienende Magd, zu mir, waren ihre Hände rauh, aber Ährengold wellte um ihre Stirne, und grau wie die Nebel über der feuchten verströmenden Erde waren ihre Augen. Und sie roch nach den Ställen der Milchkühe, nach dem wilden Lauche der Flußufer, nach dem Schotenduft der "Wiesen vor dem Gewitter. Und sie war gefüllt mit Fruchtbarkeit, und ihre Brüste flössen von Milch, als sie Dich geboren hatte. Zwei Jahre hat sie Dich gesäugt, die Gesegnete. Als sie von mir ging, war mein Wille zermalmt und mein Sinn war aus. Fast so schattenhaft, wie ich jetzt bin, war mein übriges Leben, Gebärdenspiel mein Tun, Qual mein Durst, ohne Stillung mein Trieb. Sie war die Erde, auf der idi lag, sie war die Flußwelle, auf der ich mich schaukelte, sie war das Bad, aus dem ich gekräftigt stieg, sie war die Erde und der Frühling, die Sonnenglut und der reifende Herbst. Ihr dankst Du alles: daß Du auf Füßen stehst, in die der Saft des Gedeihens einströmt, dankst Du ihr, daß Deine Füße Kraft schlürfen, daß Dein Blut sie auftreibt in den Wipfel Deiner Stirne, daß Du wie ein Ährenschaft bist,  der  auf  seinem  Haupte  die Krone trägt, dankst Du ihr. Und Dir, daß Du sie erkanntest — rief ich. Mein Blut erkannte sie für mich — nicht ich —, sagte er. Laß immer Dein Blut für Dich erkennen, und Du wirst Kinder haben mit starken Rippen und Blasebälgen statt Lungen.

Oh, daß ich lebe! jubelte ich auf und fühlte mein Haupt durchzuckt von tausend Blitzen.

Ja, leben ist schön — leben ist alles, und auch nachher leben wir nur dadurch, daß wir einmal mit wirklichen Schritten über die blühende Erde gegangen sind. Tod ist noch nicht Sein — Gewesensein ist ein anderes Leben. Viele sterben und sind noch nicht gewesen. Daß Du in jener Nacht, in der ich mein Fleisch abgetan, nicht tatest, wie Du geplant, war ich, war mein Durst nach dem Licht, nach dem "Wechsel der Jahreszeiten, dem Auftauen der Ströme, dem blühenden Sichbekleiden der "Wiesen und Bäume, mein "Wille, weiter zu raunen im Winde der Berg­straßen, in "Wipfelorgeln der "Waldabhänge, in "Wolken­zug und Vogelschwärmen. Ich war es, der Deine Hand, bewehrt mit dem geladenen Eisen, niedersinken ließ in Deinen Schoß. — So leibe ich in Dir, freue mich in Deiner Lust, atme in Deinen Lungen und stehe auf in Deinen Taten und Kindern. — Welchen Sinn hätte es damals ge­habt, zwei leere Hülsen des Lebens unter dem Läuten der selben Glocke einzusegnen?!

Ich war damals — so sagte ich — des Lebens müde. Wie ein Sühnopfer wollte ich mich schlachten zu Deiner Totenfeier. Heute weiß ich, wie unwürdig dieses Opfer gewesen wäre — denn ich hielt das Schlachttier, mich selbst, für unwert und unfähig des Lebens. Aber damals, Vater, wußte ich es nicht, mein Sinn war noch dumpf, und ohne Lichter waren meine Stunden. Ich hatte niemanden mehr, den ich liebte — und ich muß lieben, um zu sein.

Wenn meine Kraft nicht täglich ausströmt und den leeren Raum um mich mit Liebe füllt, bin ich wie ein Bildhauer ohne Marmor, wie ein Flötenspieler ohne Flöte, wie ein Tänzer ohne Musik. Heute weiß ich, daß es keinen leeren Raum um den Menschen gibt, daß alles um uns Marmor, Flöte und Gehör ist, und daß die Seele nicht des Uner­hörten um sich bedürfe, um bildend sich auszuwirken. In allem, was uns umgibt, ist die ganze Möglichkeit der un­endlichen Liebe. Durch Deinen Hingang ist mir dies ge­worden —.

Ich weiß, flüsterte er — es ist das einzige Erbe, das Väter an Söhne weitergeben, können. Nicht Geld und Be­sitz. Sie entfremden den Erblasser. Selig die, so nur Er­innerungen vorfinden, wenn sie die Siegel des letzten Willens erbrochen haben.