Anton Wildgans
Slogan
AVE MARIA
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SCHWESTERN
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VOM TODE
FRÜHLINGSSONATE - BEETHOVEN OP.24
FOLGERUNGEN AUS WEIMAR
ERLEBNIS IN AUSTRALIEN
ERSTE AUTOFAHRT

VOM TODE

Anton Wildgans

(1881-1932)

 

 

Vom Tode

(Geschrieben am 22. Juni 1905; Erstveröffentlichung in „Anton Wildgans – Ein Leben in Briefen“ Band 3, herausgegeben von Lilly Wildgans 1947)

 

Die drei Hagestolze saßen in dem kleinen Garten ihres Hauses. Sie waren nicht Brüder, aber das Haus samt dem Garten und dem Weinberg dahinter gehörte ihnen zusammen. Seit kurzer Zeit war es ihr Eigen. Da hatten sie endlich an der Neige des Lebens, wonach sie sich allezeit gesehnt hatten, im müden Dunst ihrer Amtsstuben, in der lieblosen Öde gemieteter Zimmer: Heim und Land. Und die Jugend wachte wieder auf in den versehnten Augen. Und die blassen Stirnen wurden rotbraun von Luft und Sonne. Aber es war bei ihnen so wie bei der Herbstblüte des Kastanienbaumes. Sie wußten, daß auf diesen Frühling kein Sommer mehr folge. Darum waren ihre Gemüter inniger denn fröhlich.

Die Gartenlampe brannte auf dem grüngestrichenen Tisch mitten unter Gläsern jungen Weines. Aus einer fernen Militärmusik lösten sich zuweilen langgezogene Hornrufe und irrten sehnsüchtig durch die Juninacht. Die Straßenlaterne am Zaun tränkte einen dunklen Kastanienzweig mit goldgrünem Leuchten. Manchmal kamen draußen Worte vorüber, manchmal ein Frauenlachen, flackernd von Sinnlichkeit.

Die drei Greise aber sprachen vom Tode...

Die beiden Älteren hatten schon erzählt, wie sie dem Tode zum erstenmal begegnet; nun aber, nach geraumer Stille, begann der Dritte:

In dem Hause, das meine Eltern vor vielen, vielen Jahren bewohnten, hatten wir eine Nachbarin, die unsere Tante Cäcilie nie anders nannte als „die alte Jungfer mit dem Vogelgesicht". Dabei pflegte sie ganz eigentümlich zu lächeln, wie über jemanden, der seinen Beruf verfehlt hat. Und mit Recht. Denn unsere Tante war in ihrer Jugend einmal verheiratet gewesen, und „Als mein Seliger noch gelebt hat im Jahre soundso viel" war bei ihr der Anfang jeder Erzählung.

Auch unser Vater sagte manchmal: „Diese alte Jung­fer!" wenn ihn verzweifeltes Läuten an der Tür der schwerhörigen Nachbarin im Zeitungslesen störte.

Nur unsere gute Mutter hörte ich niemals anders als von dem „alten Fräulein vis-ä-vis" sprechen. Und dabei konnte sie so ernst und milde blicken, daß wir Kinder ganz instinktiv das Verächtliche in jener anderen Bezeich­nung fühlten. Übrigens hätten wir diese auch so nicht über die Lippen gebracht; denn es war etwas in dem Vogel­gesicht, was wir liebten und was uns liebte.

Wir bekamen sie nur selten zu sehen. Denn sie besorgte ihre Einkäufe für den Tag sehr früh. Nur im Sommer, wo wir Geschwister schon zeitlich auf dem Gange spielten, sahen wir sie jeden Sonntag aus der Frühmesse heim­kommen. Da trug sie ein schwarzes Seidenkleid und auf dem fahlgewordenen Haar einen schwarzen Hut mit einem vergilbten Veilchenstrauß. Umrahmt von einem breiten schwarzen Samtband, das unter dem kurzen Kinn zu einem unheimlichen Schmetterling geknüpft war, lugte außer der großen mageren Nase und zwei blutroten Lippen nur wenig von der gelben, runzeligen Haut hervor. Denn die großen Augen hatten sich verkrochen in die tiefen Höhlen. Dort aber glommen sie so gut und verschämt freundlich, daß wir Kinder uns vor dem alten Fräulein nicht fürchteten, obwohl sie so abschreckend häßlich war.

Im Winter konnten wir sie oft wochenlang nicht erspähen. Nur manchmal streute aus ihrem Hoffenster eine knochige alte Hand mit starken blauen Adern Semmelkrumen auf das  Gesimse. Da flogen von Zweigen und Dächern flinke Spatzen herbei und bedächtige Tauben und rauften sich um das Futter. Wenn der lärmende Schwärm weg war, schien es uns Kindern oft, als lockte die alte Hand mit einer hohen, singenden Stimme. Und wirklich flog dann gewöhnlich eine Amsel auf das Fensterbrett des alten Fräuleins. Von dem Nußbaum im Hofe kam sie. Da wartete sie immer. Bei uns aber war es stille Überein­kunft, daß wir unsere Bolzen nicht auf diese Amsel abschossen. Denn sie „gehörte" dem alten Fräulein.

Alle Weihnachten und alle Ostern fanden wir Kinder vor unserer Gangtür kleine Geschenke für jedes von uns. Und sonderbar, auf jedem Päckchen klebte ein Zettel und trug unseren richtigen Namen. Darüber wunderten wir uns am meisten, woher das alte Fräulein so genau wußte, wie wir hießen. Denn sie hatte uns doch noch nie danach gefragt.

Und als wieder einmal Ostermorgen war, konnten wir Jüngeren uns nicht genug beeilen, aus den Betten zu kommen. Unser ältester Bruder war uns aber schon zuvorgekommen. Denn Morgenstunde hat Gold im Munde. Er war damals schon im Gymnasium und brachte sehr viel Zensuren nach Hause. Über unsere Freude war er daher längst erhaben und lachte recht verschmitzt. "Wir achteten nicht darauf und drängten uns zur Gangtür. Aber da war die Schwelle leer. Da hat aber der Franz erst recht zu lachen angefangen.   Wir  natürlich  auf  ihn  los:   „Dieb, Räuber!" Und schon begann eine lärmende Keilerei, als plötzlich unsere Mutter hinter uns stand und mit ge­dämpfter Stimme gebot: „Ruhig, Kinder — das alte Fräulein vis-a-vis ist krank."

Da schlichen wir in die Kinderstube zurück und konn­ten uns nicht mehr so ungetrübt der vielen bunten Eier freuen, die uns der Osterhase gebracht hatte. Von diesem Morgen an war unter uns Kindern etwas Fremdes. Un­sichtbar und ungreifbar umgab es uns, dämpfte unser Lachen und die Lust am Spiele. Solange die Sonne durch das breite Hoffenster hereinsah und die Schatten der Nuß­baumblätter auf den weißen Dielen flackerten, beklemmte es uns nicht besonders. In der Dämmerung aber begannen wir uns damals zu fürchten.

Im übrigen gab es jetzt genug Dinge, die unsere Auf­merksamkeit fesselten. Das alte Fräulein sahen wir nun nicht mehr. Ihre Tür aber öffnete sich öfter als früher. Manchmal kam aus ihr eine dicke Frau mit einer blauen Schürze und sehr rotem Gesicht zur Wasserleitung auf den Gang. Sie lachte uns Kinder immer sehr vergnügt an.

Von Zeit zu Zeit war es ein alter Herr mit einer Brille, der an uns vorüber in der Tür verschwand. Da war jetzt ein weißer Zettel aufgeklebt. Darauf stand mit großen, unbeholfenen Zügen: Bitte, nicht läuten, nur klopfen!

Zu dieser Zeit ließ uns die Mutter nicht mehr auf dem Gang spielen, weil es doch vorkam, daß wir lärmten. Ich aber mochte es in der Kinderstube nicht aushaken. Wenn ich von der Schule heimkam, blieb ich immer lange vor unserer Tür stehen, ehe ich anklopfte. Aber meine Mutter mußte es bemerkt haben, denn sie sah mir dann immer vom Fenster entgegen, und dann stand die Vorzimmertür schon offen, und meine Mutter zog mich in ihre Arme. Heute weiß ich, warum sie damals jeden Abend zu mei­nem Bette kam. Die anderen Geschwister schliefen ge­wöhnlich schon. Sie aber erzählte nur Märchen von lauter lachenden Königskindern, bis auch ich einschlief.

So kamen die Pfingsten heran, und mein Vater sprach schon eine Woche vorher von einem Ausflug, den er am ersten Feiertag mit der ganzen Familie unternehmen rollte. Da freuten sich meine Geschwister riesig, und des machte ein eigenes Programm. Lilli, meine jüngere Schwester, wollte ihren Puppenwagen mit Feldblumen schmücken; Franz, der Bruder mit den vielen Zensuren, freute sich darauf, mit seinem Bogen aus dem Stiele eines alten Flederwisches auf der Wiese zu schießen. Nur ich Vermochte mich auf nichts zu freuen. Im Gegenteil. Je näher der Tag heranrückte, um so banger wurde mir. Nur dumpf fühlte ich, daß dieses Bangen mit der Krankheit des alten Fräuleins zusammenhing.

Endlich sagte ich es meiner Mutter. Verworren kam es heraus, die Gründe erstickten in Tränen. Erst redete sie mir sanft zu, dann drückten ihre Lippen ein stummes Ver­stehen auf meine Stirn.

Am Pfingstsonntag kam Tante Cäcilie zu Tisch. Nach­mittags machte die Familie ihren Ausflug. Ich blieb zu t Hause, die Tante bei mir. Es wurde überhaupt nicht da­von gesprochen, daß ich mit sollte. Ich war so gerührt, daß ich weinte, ohne zu wissen, warum. Die Tante natürlich wußte es besser. „Jetzt tut's ihm wieder leid, daß er nicht mitgenommen worden ist", meinte sie. Mich aber zog's aus der Stube hinaus auf den Gang. Da stand ich nun und kuschte, weiß Gott wie lange und worauf ..., bis die Tür aufging und die dicke Frau mit dem roten Gesicht zur 'Wasserleitung kam. Sie fragte mich, ob meine Mutter da­heim wäre. — Nein. — Ob ich denn allein sei. — Nein, die Tante sei bei mir. — Ob ich die Tante nicht bitten könnte, einen Moment zum kranken Fräulein zu kom­men.

Dagegen bäumte sich etwas in mir heftig auf. Ich erinnerte mich des eigentümlichen Lächelns meiner Tante, wenn sie von dem alten Fräulein sprach. „Nein", antwortete ich, „die Tante schläft, aber ich ..." Mehr brachte ich nicht heraus. „Ich möchte nämlich nur einen Sprung in die Apotheke machen", sagte die Dicke mit vergnügtestem Grinsen, „und da bring' ich dir Zuckerln, wenn du so brav sein willst..."

Mehr hörte ich nicht, denn schon hatten wir das Kran­kenzimmer betreten, und mein kleines Herz hämmerte vor Erregung und Beklommenheit. Die dicke Frau ließ uns allein — auf einen Augenblick, wie sie sagte.

Ewig werde ich mich daran erinnern, an dieses Gemach mit den herabgelassenen Jalousien, voll von dem Geruch, den wir oft alten Schubladen entströmen spüren. Dann dieses Bett mit dem Berg von Decken und Kissen. Und auf dem Polster ein kleiner, fast haarloser Kopf mit gel­ber Haut und geschlossenen Augen. Nichts verriet die Be­wegung eines Atems. Damals sah ich das gewiß nicht so, wie ich es heute vor der Seele habe. Langsam, ganz lang­sam stieg dieses Bild mit allen seinen Einzelheiten aus meiner Erinnerung auf, bis es so klar wurde, daß ich es nun nimmer vergessen kann.

Da lag dieses arme, einsame Wesen und trug seine letzte Not so still wie sein ganzes Leben. Und war doch auch einmal ein Geschöpf, nach dessen Werden eine Mutter ge­bangt. Und dann ward sie geboren und wuchs heran und war so häßlich, daß vielleicht ihre eigene Mutter von ihr weg auf die hübscheren Geschwister sah. Und wurde ein Mädchen, und Sehnsucht erwachte in ihr wie in den ande­ren. Auch dieser häßliche Körper empfand alle Süße mädchenhaften Verlangens und alle Pein nutzlosen Welkens. Und das hat sich gesehnt, hat gelitten und gelebt, so ganz ohne Zweck und Hoffnung — vielleicht nur, um dann einmal im Alter Nachbarskindern verstohlene Ge­schenke auf die Schwelle zu legen und in diesem Wust von Wolle und Leinen seine letzte Not so lautlos zu tragen wie sein ganzes Leben.

Das alte Fräulein hat damals kein "Wort zu mir gesprochen. Nur einmal schlug sie die Lider auf. Ich fing zu zittern an, als ich ihre Augen sah, die sich scheinbar wider ihren Willen bis zur Decke empordrehten und dann auf mir ruhten, bis sie zufielen...

Als die dicke Frau mit dem roten Gesicht zurückkehrte, neigte sie sich ein wenig über das kranke Fräulein. Dann aber ergriff sie meine Hand und führte mich rasch aus dem Zimmer.

Ich war damals bis in die tiefe Dämmerung allein in der Kinderstube und horchte auf jedes Geräusch im Hof im Haus. Doch es war nichts Besonderes zu vernehmen. Die Krone des Nußbaumes war lautlos, aber die Amsel des alten Fräuleins schlug und hat mich in den Schlaf gesungen...

Aus den Gläsern der drei Greise duftete stark der junge Wein. Jetzt klangen sie leise zusammen und netzten schweigende Lippen.