Anton Wildgans
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FOLGERUNGEN AUS WEIMAR
ERLEBNIS IN AUSTRALIEN
ERSTE AUTOFAHRT

ERLEBNIS IN AUSTRALIEN

Anton Wildgans

(1881-1932)

 

 

Erlebnis in Australien

(Geschrieben auf seiner Weltreise im Februar 1905; Erstveröffentlichung in „Anton Wildgans – Ein Leben in Briefen“ Band 3, herausgegeben von Lilly Wildgans 1947)

 

Ich weiß nicht mehr, wie der River hieß, auf dem wir mit einem der flinken Hafendampfer von Sydney ungefähr eine Stunde stromaufwärts fuhren, um Miß Ethel Veloschi zu besuchen. Mein Freund und ich hatten sie auf dem großen deutschen Dampfer kennengelernt, der uns von Ceylon nach Australien brachte.

Sie war eine jener seltsamen Schönheiten, deren Ent­stehung von den Rassemischungen ihres Kontinents er­möglicht wird. Wer durch die Straßen der australischen Metropolen wandert, wird immer wieder überrascht durch die fast unwahrscheinlichen Reize ihrer Mädchen. Man bedenke die Vielfalt der Nationen, die hierher ihre Aus­wanderer sandten und noch immer senden. Engländer, Spanier, Deutsche, Juden, Inder, Malayen und Japaner bilden ein Mischvolk, zu dem um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Kolonien der Deportierten verschiede­ner Staaten den Grund gelegt haben. So sind diese Mäd­chen geworden, die zwar im großen und ganzen ihren schlanken Gestalten nach den Typus der Engländerinnen darstellen, ansonsten aber die einander fremdartigsten Rassenmerkmale miteinander verbinden. Die Blonden, Rotblonden und Braunen walten vor. Wie oft aber hat eine Goldblonde den Terrakottateint der Südländerin und deren dunkle, bewegte Augen! Andere wieder sind von dunkler Haarfarbe, aber ihre Haut ist weiß und ihre Augen sind blau oder meergrün. Ein solch aparter Einfall der Natur war auch die Schönheit Miß Ethel Veloschis, die vom Vater her italienisches, von der Mutter her angel­sächsisches Blut in den blauen Adern unter ihrer weißen, wie Elfenbein schimmernden Haut hatte, während sie auf dem Haupte eine schwere kastanienbraune Krone trug und in den Augen den graugrünen Abglanz eines nörd­lichen Meeres. An manchen Abenden, wenn Tanz und Musik an Bord war, glich sie einer Siebzehnjährigen, ob­wohl sie um gerade zehn Jahre älter war. An manchem Morgen freilich waren ihre Augen so dunkel umschattet wie die jener Mädchen, die sich schon allzu viele Jahre der Einsamkeit ihrer Nächte bewußt sind. Da waren ihre Hände auch welk, und unzählige blaßrotbraune Sommer­sprossen traten auf ihnen hervor. An solchen Tagen hatte sie auch irgendeine melancholische Abgestandenheit in ihrem Wesen, etwas Altjüngferliches und Schrilles in ihren Reden und Bewegungen, etwas Scheues, Vorwurfsvolles in ihren Blicken, etwas, was ihr bedauernswertes Los ein wenig aus der Sphäre des Mitfühlens in die jener billigen Lächerlichkeit rückte, mit der die Blühenden und Unbe­denklich-Gesunden noch immer das Schicksal des altern­den, unverheirateten Weibes bedenken.

Nichtsdestoweniger verliebten wir uns beide ein wenig in sie, jeder freilich, seiner ganzen Anlage nach, in anderer Weise. Jenes Vergangene, Unwiederbringliche in ihren Zügen war für den einen ein Reiz mehr, während es dem anderen ihre Anziehungskraft minderte. Mit anderen Worten: den einen bewegte, was noch da war, den ande­ren, was ihr nicht mehr eignete. Ihre schüchterne und doch dürstende, ihre mit Worten unausgesprochene, aber den­noch in tausend subtilen Kleinigkeiten verräterische Nei­gung wandte sich meinem Freunde zu, den freilich die bürgerlichen Hoffnungen, die an seine Person geknüpft wurden, mehr bedrückten als aufmunterten.

Diese bürgerlichen Hoffnungen waren es auch, die die Europareise des Mädchens und seiner Mutter veranlaßt hatten. Sie hatte nicht das erstemal die „season" in London mitgemacht. Aber diesmal war es das letztemal gewesen. Dies alles gestand sie uns mit jener Gelassenheit, die sich mit unwiderruflichen Dingen abfindet. Als ich mir die naheliegende Frage erlaubte, ob es denn in Australien nicht auch Menschen — ich vermied das Wort Männer — gebe, antwortete sie nur mit ihrem gewissen verzweifelten Lächeln: „Kommen Sie uns besuchen, wenn Sie in Sydney sind. Sie werden sehen." Dieser Einladung folgten wir.

Ein weißgestrichener hölzerner Landungssteg stand weit in den an den Ufern ausgetrockneten Fluß hineingebaut da. Der Dampfer legte an. Wir eilten an Land und sahen uns Miß Ethel gegenüber, die uns mit einem von zwei Ponies gezogenen offenen Kabriolett erwartete. Sie hatte ihren blühendsten Tag, trug ein weißes Sportkostüm und einen mit weißen Straußenfedern geschmückten Panama. Ihre Fröhlichkeit schien mir auf den ersten Blick größer und lauter, als es der Besuch zweier im Grunde doch frem­der junger Leute zu rechtfertigen vermocht hätte. Ein wenig fiel mir auch die Unbekümmertheit auf, mit der sie mich als den unumgänglichen Dritten sofort in den Fond des Wagens dirigierte, während sie meinen Freund einlud, neben ihr auf dem Kutschbock Platz zu nehmen. Sie lenkte. Wir fuhren -— aber durch welch eine Gegend!

Solange wir uns dem Flusse entlang hielten, waren noch Spuren von Vegetation vorhanden. Dann aber, landein­wärts, gab es nur mehr eine graue, mit fahlen, versengten Kräutern spärlich bestandene Steppe, aus der nur hier und dort das Skelett irgendeines riesenhaft emporgeschossenen Baumes aufragte. Die Farbe des ganzen Geländes unterschied sich kaum von der der breiten rissigen Straße. Schafherden zackten manchmal die trostlose Gradlinigkeit des Horizonts aus. Wir kamen an Gruppen von villen­artigen Häusern vorbei. Mir graute vor dieser Art mensch­licher Behausungen, und ich fing an, verschiedene melan­cholische Ahnungen zu hegen, die sich eine Viertelstunde später als richtig erwiesen.

Wir hielten vor solch einem Landhause, das inmitten eines mit Stacheldraht abgezäunten Wiesenstückes gelegen war. Einige scheinbar in das Gestein eingerammte Stämme machten den schüchternen Versuch, Bäume zu sein. Eine Art grünlicher Flechte ließ ein paar wie mit dem Lineal und Zirkel gewonnene Wege frei. Kleine Sandsteinfiguren und Behältnisse, die jedoch ohne Wasser waren, bildeten hier und dort die Mittelpunkte der sogenannten Rasenflächen. Das Haus selbst, dessen sämtliche Fenster mit Rollbalken gegen die tropisch glühende Sonne verrammelt waren, machte den Eindruck einer Cholerabaracke, der ein grotesker Humor die Architektur einer Villa gegeben hatte. Von dem Blechdach strahlte die Sonne mit betäu­bender Grelle wider. Die Mauern schienen gleichfalls aus lehmfarbig lackiertem Blech. Kein Laut regte sich, kein Hund sprang uns entgegen. Nur ein alter Diener trat von irgendwoher auf uns zu und nahm Pferde und Wagen in Empfang.

In der Halle, die ein mit einer Flache verhängtes Ober­licht hatte und im übrigen ziemlich komfortabel mit Perserteppichen und graziösen Korbmöbeln eingerichtet war, begrüßte uns Ethels Mutter, entschuldigte ihren Gatten, der um diese Zeit aus seiner Fabrik nicht ab­kommen könne, und ließ uns dann mit dem Mädchen allein, das sich in lustigen Beteuerungen ihrer Freude nicht genug tun konnte.

Nach dem Tee lud uns Miß Ethel ein, den „Garten", den Tennisplatz, ihre Hühnerzucht und die Reitbahn zu besichtigen, und ich merkte, daß sie sich an diese Worte mit einer Betonung klammerte, die das Vorhandensein anderer Annehmlichkeiten ihres Lebens unwahrscheinlich erscheinen ließ. Da die Einladung, von auflodernden Augen, hörbar gehendem Atem und einem ratlosen Seiten­blick auf mich begleitet, hauptsächlich an meinen Freund ergangen war, schützte ich Scheu vor der großen Hitze des Nachmittags vor und blieb in dem verhältnismäßig kühlen Raum allein zurück.

Diese Stille war unendlich, war wie ein unsichtbar Körperliches, von dem sich ein lautloser Regen von Mole­külen loslöste, um alles zu verschütten. Allmählich über­kam mich das Gefühl, ein Insekt zu sein, das seit Jahr­tausenden in einem Klumpen Bernstein eingeschlossen ist. Mein Blick fiel auf den roten Mohn, der in einer Tiffanyvase den Teetisch freundlich schmückte. Ich gewahrte, daß seine Stengel nicht im "Wasser standen, und ich erkannte, ; daß die Blumen sehr täuschend aus Seide und Draht her-: gestellt waren. Daß das Tischtuch nicht aus Linnen, son­dern aus Wachsleinwand war, hatte Miß Ethel bereits da­mit entschuldigt, daß  das vorhandene Wasser nur zum Vaschen des Allernotwendigsten ausreiche. Ich nippte von dem Wasser in meinem Glase. Es hatte den faden, abge­storbenen Geschmack von filtriertem, durch Beimengung von  Eis   unnatürlich  überkältetem   Regenwasser.   Diese scheinbaren Belanglosigkeiten berührten mich unheimlich. Meine ängstlich gewordenen Blicke suchten die Wände ab. Es hingen Bilder an ihnen. Allerdings. Meist Reproduk­tionen jener Art von Gemälden, die eine Zeitlang fast in jeder Wohnung, in jedem Kaffeehaus, jedem Friseurladen unseres Kontinents zu finden waren. Aber hier war die Zeit stillgestanden. Während wir in Europa damals schon bei den Frauenbildern von Asti hielten, waren hier noch Madonnen  von   Kaulbach,   Öldrucke  nach  älteren eng­lischen Parforcejagdbildern und Thusnelda im Triumph­zuge des Germanicus zu sehen. Auf den Konsolen und Tischchen stand eine Unmenge von kleinen Nippsachen, jedes ein Stück toten Erlebens. Diese Gläser zeugten von einem Aufenthalt in Venedig. Mein Gott, wenn es in die­ser Gruft die Erinnerung an die von betörenden Möglich­keiten durchfluteten Plätze und Gäßchen jener Stadt auf­rührte! Mir war, als müßte ich die schlanken Gläser in meiner Faust zerdrücken, um dies zu verhindern. Und hier — ein Album mit Ansichtskarten, von Miß Veloschi zumeist an ihren Vater adressiert. Die Schweiz, Holland, Schottland, Rom, Neapel, ein paar buntbedruckte Blätter, Papier gewordene, unwiederbringliche Wirklichkeiten, jen­seits von Suez durchwogt von dem betäubendsten Leben, hier vergilbende  Reste geworden,   auf die  verblassende Schriftzüge nicht vermelden konnten, daß das große Ereignis im Anzüge sei. Und dennoch fast immer mitunter­schriebene Männernamen, vertraulich klingende Vornamen und kühle Zunamen — eine in Hieroglyphen geschrie­bene Odyssee von Wünschen, die niemals ihr Ziel er­langten.

Ethel und mein Freund traten wieder ein. Sie mit der unsicheren Lebhaftigkeit, die irgendeine Enttäuschung ver­bergen möchte, er mit dem Ausdruck eines Menschen, der eine peinliche Situation mühsam zu umgehen versucht hat, und dann, nachdem sie glücklich überstanden, eine ge­wisse, harmlos tuende Heiterkeit betont, eine Ahnungslosigkeit der gebotenen Gelegenheit gegenüber, die von weniger edlen Frauen, als Miß Ethel eine war, in der Regel mit sarkastischen Anspielungen bestraft wird. Sie aber bemühte sich nur, ihn um alles in der Welt noch eine halbe Stunde festzuhalten.

Es war wie das verzweifelte Flügelschlagen eines Vogels, der sich aus der blauen Unendlichkeit des Him­mels in ein dumpfbegrenztes Zimmer verflogen hat. Sie forderte meinen Freund auf, ein wenig Klavier zu spielen, sie könne es nicht, und jetzt in der Hitzeperiode sei das Wasser, welches sonst die elektrische Kraft liefere, mit der das Pianino betrieben werden könne, ausgetrocknet. Er griff ein paar Akkorde. Aus ihrer Kehle befreiten sich ein paar zerbrochene Laute des Gesanges. Dann das Grammophon. Gassenhauer aus allen Großstädten der Erde, ein paar berühmte Tenöre, längst vergessene Schmachtfetzen von Orchesterstücken. Die heisere, asthmatische Lunge des Instruments brüllte in die hallende Totenstille, wild, bru­tal, gellend. Das elektrische Klavier, das Grammophon, die Mohnblumen aus Seide, das Tischtuch aus Wachslein­wand, lauter Surrogate für Wirklichkeiten, die Millionen anderen, selbst armen und ärmsten Menschen, unbeachtete Selbstverständlichkeiten sind. Dinge, die man hinnimmt, ohne dafür auf den Knien zu danken, hier nur in künstlicher Nachahmung1 vorhanden. Die Menschenstimme, das Aufrauschen von Orchestern, das weiße, duftige Schmie­gen frischgeplätteten Tischzeuges — die roten Fahnen der goldenen Kornfelder.

Als wir uns von Miß Ethel verabschiedeten, war ihr Gesicht von vielen dunklen Wegen durchzogen, über die die Karawanen toter Wünsche traurig hinpilgerten. Als ich mich über ihre Hand zum stummen, letzten Kusse beugte, war sie feucht und kalt. „Kommen Sie bald wie­der", sagte sie uns beim Abschied. Aber wir alle drei wußten, daß wir uns nicht mehr sehen würden.