Anton Wildgans
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VOM TODE
FRÜHLINGSSONATE - BEETHOVEN OP.24
FOLGERUNGEN AUS WEIMAR
ERLEBNIS IN AUSTRALIEN
ERSTE AUTOFAHRT

FRÜHLINGSSONATE - BEETHOVEN OP.24

Anton Wildgans

(1881-1932)

 

 

Frühlingssonate - Beethoven, op. 24

(Geschrieben Oktober 1905; Erstveröffentlichung in der „Arbeiter-Zeitung" im Anfang November 1905; Erstveröffentlichung in Buchform in „Anton Wildgans – Ein Leben in Briefen“ Band 3, herausgegeben von Lilly Wildgans 1947)

 

Johannes Peterleitner war eine jener einsamen Gestalten, denen wir an Sommernachmittagen auf den Wiesenwegen in der Nähe der Stadt begegnen. Da sieht man sie wan­deln mit müden Schritten, mit Schritten, die das lebenslange Gehen auf hartem Großstadtpflaster geknickt hat. Da ge­nießen sie ihre karge Muße, über ihre zimmerfarbenen Wangen geht eine Ahnung von Gesundheit, und die Augen, diese untrüglichen Verräter innerer Unruhe bei den einen, diese trüben Zeugen seelischer Abgestumpftheit bei den an­deren, weiden im sanften Grün der Wiesen, baden im ruhi­gen Blau des Himmels, nehmen den Ausdruck von Kinder­augen an, die alles Schöne bestaunen und das Häßliche nicht deuten.

Und Johannes Peterleitner war so ein beseligter Wanderer, wenn er nach sechs Tagen anstrengenden Geigen­unterrichtes sonntags in die Wälder und Dörfer um Wien pilgerte. Und einmal, an einem Frühmärznachmittag — da schritt Johannes die engen Dorfstraßen von Heiligenstadt hinan, immer weiter hinaus, bis sie zu schmalen Pfaden werden zwischen Gartenmauern und Hecken, die Wein­berge säumen. Es war noch nicht der Frühling. Noch waren die grauen Sträucher nicht einmal von jenem gold­grünen Puder bestäubt, der von dem ersten Knospen der Blätter kommt. Der Frühling war noch nicht da. Aber man konnte ihn schon ahnen, atmen. Der Luft, die über Hügel und Felder strich, hatte er sich schon anvertraut, und es duftete aus unzähligen ungekannten Quellen.

Zwei kleineren Mädchen, die mit Himmelschlüsseln vom Kahlenberg kamen, begegnete Johannes — sonst nie­mandem.

Und dann stand er vor der einfachen Säule mit Beetho­vens Büste — glatter grauer Stein auf einem Unterbau von rötlichen Ziegeln. Vier dunkle, immergrüne Sträucher daran. Das Ganze umfriedet von einem kunstlosen schwar­zen Eisengitter. Und Einsamkeit, tiefste Einsamkeit ringsum.

Ein paar kleinere Birken und eine große, in deren fei­nem verworrenem Gezweige der blasse Sichelmond wie in einem Netze verfangen hing. Die Wipfel bewegten sich nur leise, aber regelmäßig nach einem unhörbaren geheim­nisvollen Takte wie sanfte Atemzüge, die die Stille trinken.

Johannes liebte diesen Platz. Wie oft war er da ge­sessen und hatte auf die Stimmen dieser Landschaft ge­lauscht, die der Genius Beethovens zu den Motiven seiner Pastoralsymphonie verklärt hat. Andächtige Menschen, einzelne und Liebespaare, gingen da oft vorüber und blie­ben vor dem Denkmal stehen, lasen mit gedämpfter Stimme Namen und Jahreszahl und warfen einen Blick auf den einsamen Träumer mit dem blassen Antlitz, dem ergrauenden Haar und den feinen sinnenden Augen. Sie hörten ihn leise vor sich hinpfeifen, und manche, die lauschten, fühlten:, daß diese Melodien so wunderbar in die Stimmung dieses Landes paßten.

Heute aber unterbrach ihn eine Stimme:

„Frühlingssonate?"

Er erwachte aus seiner Versunkenheit und blickte in ein Antlitz voll tiefer Wehmut und verweinter Jugend. Eine keusche Schulter lehnte sich an das schwarze Gitter des Denkmals, und eine leidenschaftslose Hand ließ mit un­beschreiblicher Milde Frühlingsblumen auf den Sockel gleiten — gebrochene Frühlingsblumen.

Etwas verwirrt fragte Johannes:

„Sie kennen diese Sonate?"

„Sie war das letzte, was ich auf dem Klavier begleitet habe."

„Und das ist schon lange her?"

„Sehr lange — und doch ist mir, als wäre es erst gestern gewesen. Denn zwischen damals und heute war doch nichts."

Sie schwiegen beide, und die Dämmerung ließ ihren Schleier sinken.

„Ich möchte sie noch einmal in meinem Leben spielen", sagte die Frau, als sie seinen fragenden Blick sah, „aber ich habe niemanden."

„Niemanden, der Violine spielt, meinen Sie."

„Ja — niemanden."

Johannes errötete ganz plötzlich, denn es fiel ihm ein, daß ja e r die Sonate mit ihr spielen könnte. Aber er war viel zu verlegen, um das über die Lippen zu bringen.

Hatte sie seine Gedanken erraten, als sie ihn mit einem fast erwartungsvollen Lächeln fragte:

„Spielen S i e Geige?"

„Ich bin Geigenlehrer."

Er sagte es nur zögernd. Denn in diesem letzten Worte lag seine Lebenslaufbahn begraben. "Wenn diese Scham nicht gewesen wäre, seine Seele preiszugeben! Technisch taugte er doch zumindest ebensoviel wie mancher andere, der bloß ein weniger zartes Schamgefühl hatte als er. Oder war es die Kraft, die seinem Empfinden fehlte und andere die Anwesenheit des profanum vulgus vergessen ließ?

All dies fiel ihm ein bei dem "Worte „Geigenlehrer" und machte, daß seine Verlegenheit wuchs. Als er aber nach einer Pause aufblickte, sah er in zwei Augen von jenem unbeschreiblichen Ausdruck, dem Vorboten eines Herzens­wunsches, den man lieber erraten haben als aussprechen will.

Er verstand, aber wagte nicht, zu erraten.

Da brachte sie hervor:

„Möchten Sie mir eine Bitte erfüllen? ..."

„Ja, gern."

Und zwei Menschenantlitze waren verklärt von inniger, heiliger Freude.

"Wie Menschen, die vor einem Seelenereignis stehen, sprachen sie nur wenig und mit halber Stimme auf dem kurzen gemeinsamen "Weg, indes es zu dunkeln begann und die Laternen ihre ersten merklichen Schimmer auf Mauern und Erde warfen.

Fast jugendlichen Schrittes folgte er dann über eine dunkle Treppe und stand in einem Zimmer voll tiefer zauberischer Dämmerung und des Duftes blühender Hya­zinthen, die mit einem Strauß Frühlingsblumen auf dem Brette des einen niederen Fensters standen. Das Gaslicht von der Straße zeichnete das Spitzenmuster des Vorhan­ges in treuem Schatten auf den Plafond des niederen Zimmers.

Johannes stand stumm. Er fühlte, wie ihm alles Blut zu Kopfe stieg, wie seine Hände kalt und unruhig wurden, und fürchtete, daß er nicht imstande sein würde, den Bogen sicher zu führen. Als aber dann die Lampe auf dem Klavier brannte, wich seine Beklommenheit einem Gefühl inbrünstiger Traulichkeit. Doch als fürchteten sie, schmerz­liche Erinnerungen zu erwecken, streiften seine Blicke nur schüchtern durch den Raum, dessen Wände voll waren von den Andenken und Trophäen eines vergangenen und beweinten Lebens. Von welken Lorbeerkränzen, mit sei­denen Schleifen umgeben, hing da das Bildnis eines jungen Mannes. Die leicht nach vorn gebeugte Gestalt lehnte an einem Fauteuil und hielt eine dunkle Geige in der Hand. Einer dunklen Geige Stimmung prüfte auch Johannes durch ein leises Berühren der Saiten, und dann setzten beide Instrumente zugleich ein... Frühlingssonate.

Allegro... Tiefer Friede eines frierenden Lenzmorgens. Die unsichtbaren Sänger jubeln zur Sonne, und in der Erde regt sich geheimes Werden. Wagt ihr euch schon her­vor aus der Mutter getreuer Hut, wagt ihr euch schon her­vor an Luft und Licht, ihr zarten und kühnen Keime? Seid ihr so gläubig oder nur ahnungslos? Der Sonne Trug kann euer Tod sein. Sie aber kennen keinen Trug der Sonne. Denn sie 'Sterben zu Tausenden und freudig für einen, der da glaubt und blühen darf — eine kurze Spanne Zeit im Segen des Tages... Wacht nur auf! Die unsichtbaren Sänger jubeln zur Sonne. So bedeckt die Erde mit eurem Blühen — eine kurze Spanne —, das Leben siegt... Andante... Abend ist es geworden und Herbst. Seid ihr schon müde, so schnell müde der Sonne, die euch küßte? ... Oh, sie küßte euch zu heiß, und ihr sehnt euch nach der kühlen, sanften Umarmung der Mutter. Daß das Leben wieder kommt nach euch, mit tausend frohlocken­den und leuchtenden Formen — ich weiß, das kann kein Trost sein für euch, die ihr nun vergehen müßt. Aber er-.; innert euch, ihr müden, welken Säfte, daß ihr einst den ^Morgen begrüßt und den Frühling ... eine, kurze Spanne Zeit... Allegro molto... Das Leben siegt, und sein flattern­des Panier mit den heiligen Zeichen des ewigen "Werdens breitet es über die Erde. Da brechen die Knospen wieder auf, und die unsichtbaren Sänger jubilieren zur Sonne...

Und Millionen Ohren lauschen, und aber Millionen müder Ohren schlafen und lassen sich nimmer locken. Und hie und da ist einer, der ist hörend und wacht, und doch erlauscht er nicht mehr, wie die unsichtbaren Sänger zur Sonne jubeln... Du freilich, großer einsamer Träumer mit dem Kinderblick, du hast ihn immer wieder vernom­men — den Frühling, wenn er zu dir kam. Selbst noch als er zu dir sprach mit dem Kranz der Blüten im silber­nen Haar, hast du ihn vernommen. Denn es war noch immer der Frühling, er, der alles geschaffen. Aber siehe diese Menschen hier, die ihre Seele in die ewige Frühlings­weisheit deiner tönenden Kinderträume weinen und blu­ten — sieh diesen Künstler, der an seiner edlen Scham scheiterte, sieh diesen welken Mann, an dem das Begehren so vieler junger Sinne achtlos vorübergestürmt zu derber oder zärtlicher Befriedigung! — Sieh dieses "Weibes Ant­litz, das da ist, als hätte es mit zitternden Fingern einer geformt, der das glühende Leben entsagend überwunden! Siehst du, wie ihre müdgewordene Jugend erwacht? Millionen besiegt das Leben... Du aber hast das Leben be­siegt, du unsichtbarer Sänger, der zur Sonne jubelt...

Der letzte Ton der beiden Instrumente verklang, und es war ein ruhiges Frauenantlitz, das sich noch einige Augenblicke über die Tasten beugte. Sanfte, siegreiche Ruhe ohne Starre war darin. Jede Linie eine überwundene Bewegung — Überwindung ohne Niederlage —, tiefe Stille mit den unsagbaren Nachklängen des Gewesenen.

Johannes legte die Geige des Verstorbenen ehrfürchtig und behutsam in die Hände der Frau zurück. Dann stam­melte er etwas von Eile, die er habe, und daß er fort müsse, um nicht zu spät zu kommen...

 „Kommen Sie wieder", sagte sie und reichte ihm zum Dank und Abschied die Hand. Und dann leuchtete sie ihm wider seinen Willen die Treppe hinunter. Aber Johannes Peterleitner kam nicht wieder. Eifersüchtig wachte die Erinnerung an jenen Sonntag, sie allein ihn besitze. Oft hatte er sich schon ent­schlossen, den Besuch zu wiederholen. Aber immer hatte ihn etwas Unwägbares abgehalten.  Er konnte sich über­haupt nicht vorstellen,  der Dame wieder zu begegnen. Was würde er ihr sagen, was würde sie ihm antworten? Und dann begann er sich einzubilden, er hätte damals k, manche Stelle in der Sonate nicht richtig gespielt. Er wollte 'sich an mehrere falsche Töne erinnern, und wie der Bogen in seiner Hand nicht ruhig war und kreischte. :    Da gab er es  sogar auf,  seine Sonntagswanderungen zu Beethovens Denkmal zu machen, nur um ihr nicht zu begegnen und sich schämen zu müssen. Anfangs suchte er andere Gegenden auf, später aber blieb er zu Hause und verbrachte  die Sonntagnachmittage in  einsamer Erinne­rung. So wurde  nach und nach  dieses Geschehnis zum Wunder für sein armes Leben.

Da kam viele Jahre nachher eines Morgens eine Zu­schrift vom Zivilgericht.

„Eine Frau Soundso hat Ihnen eine Geige vermacht", sagte der Gerichtsbeamte, als Johannes hinkam. „Sind Sie der Johannes Peterleitner? ... Geigenlehrer? ..."

Das Antworten wurde dem Alten schwer. Auch in sei­nen Augen war etwas, so daß er die dunkle Geige auf dem Gerichtstisch nur verschwommen sehen konnte.

Gegen Abend desselben Tages stand ein alter Mann in einer der engen Dorfstraßen von Heiligenstadt und blickte lange zu einem offenen Giebelfenster hinauf. Das schaute öde und kalt wie ein totes Auge. Weder Hya­zinthen noch Feldblumen blühten in dem leeren Rahmen.

Und doch war es Frühling, und die unsichtbaren Sänger jubelten zur Sonne.

Hyazinthen und Feldblumen — die hatten des Nach­mittags bebende Hände auf ein einsames Grab gelegt ... Frühlingssonate.