Anton Wildgans
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VOM DUNKLEN HERAKLITH
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ERSTE AUTOFAHRT

VOM DUNKLEN HERAKLITH

Anton Wildgans

(1881-1932)

 

 

Vom dunklen Heraklit

(Geschrieben 1906; Erstveröffentlichung im Nachlaßband „Ich beichte und bekenne“, Leipzig 1933)

 

Vielleicht wäre er so dunkel nicht, wenn das, was uns von ihm erhalten, mehr wäre als die Fragmente. In diesen leuchten zwar Blitze auf, allein sie bleiben vielfach rätsel­haft, weil wir die Wolken nicht sehen, zwischen denen sich die Spannung ausglich. Schwere, schwangere Wolken der Weisheit müssen es gewesen sein, dunkle des Tief­sinns, aber auch donnernde eines gewaltigen Tempera­ments, wenn Heraklit „den Naturschwärmern und Ma­giern, den Bacchen und Mänaden" das ewige Feuer pro­phezeit für unheilige „Einführung in die Weihen"...

Des Ephesiers, als des letzten der altjonischen Natur­philosophen, Bedeutung, seine genialen Ahnungen von astronomischen und physikalischen Gewißheiten der Neu­zeit, die Objektivität seiner Ethik infolge Leugnung alles Absoluten, seine Zusammenhänge mit Hegel, Lassalle und Proudhon, all das hat zuletzt Theodor Gomperz in klassi­scher "Weise gewürdigt. Trotzdem sei es gestattet, noch einen Faden zu spinnen vom antiken Denken zur Philo­sophie der Gegenwart.

„Man sollte leben" — las ich unlängst — „als ob man stets am Vorabende der großen Entscheidung stünde." — Nicht die unzähligen gewichtlosen Entscheidungen im Le­ben sind gemeint, sondern die große, die einzige Entschei­dung. Denn des Menschen Bestimmung ist, ahnungsvoll zu warten auf das Geheimnisvolle, das eines Tages kom­men muß, nachdem es sich alle Abende angekündigt mit einem leisen verheißenden: morgen ... Wir wissen nicht, wann die Zeit sich erfüllt, aber unsere Seele sei stets be­reit zu Andacht und Feier. Der Weihetrunk harrt in der goldenen Schale, und die Flötenspieler heben erwartungs­voll die kränzeschweren Häupter nach dem Zeichen, daß die Göttin dem Heiligtume nahe...

Dieses Warten ist kein Sichverzehren, sondern zielge­wisses, selbstsicheres Harren. Es ist wachsendes Innewer­den steigender Kraft, Vorgeschmack seliger Entladung am Tage der großen Entscheidung. Und dieses Harren ist nicht Passivität, nicht phantasieloses Herankommenlassen eines Unbestimmten. Denn es ist selbst schon Schicksal, Glück und keusche Kraft, und unbestimmt ist nur das Wie und Wann des Ereignisses. Sein Was ist durch die Indivi­dualität des Harrenden gegeben. Für den, der Dichter ist in seinem Innern, ist es die große Intuition, für den uner­probten Helden die Heldentat, für das Mutterweib die Mutterschaft. Diese sind eindeutig in ihren Zielen. Die meisten aber können nicht warten, können nicht die ein­zelnen Sehnsuchtsstrahlen in die Linse fangen, damit sie sich in einem Brennpunkte namenloser Intensität sammeln. Durch tausend augenblickliche Befriedigungen ver­spielt der Schwache und echte Lüstling der Seele den Stolz der Identität seiner selbst mit dem Schicksal. Der Ham­mer, mit dem er sein Glück schmieden soll, ist seiner ent­nervten Faust zu wuchtig. Nur die wirklich Starken be­wältigen es, ihres Glückes Schmied zu sein. Nur sie ver­mögen mit ruhigem Blick ihr und ihres Werkes Werden zu betrachten, ohne Vorwitziges und Überstürztes zu be­gehen. Nur sie empfinden überhaupt Ehrfurcht vor dem Werdenden. Sie hängen an jeder Phase mit ihrem ganzen Herzen, Eltern gleich, die auch die unbehilflichen Schritte der Kinder lieben, weil sie von deren künftigem Federn wissen. Die Hoffnungen, die Erwartungen starker Natu­ren sind schöpferische Antizipationen ihres Schicksals und keine Peer-Gynt-Träume, die einesteils in halber Ver­wirklichung wie Seifenblasen platzen, andernteils viel öfter in Wahnsinn enden als in Solveigs treuen Armen die Weihe der Ewigkeit empfangen.

Ich wiege Dich und ich wache; —

Schlaf und träum, lieber Junge mein! —

Auch Solveig hat gewartet — bis der Pfingstmorgen mit Peers Heimkehr gekommen. Dann sang sie ihr Lied „im Tagesglanz", ein ungewolltes Preislied auf die eigene Kraft.

Und darum ist diese Philosophie des Erwartens, des zuversichtlichen, schöpferischen Hoffens keine Frucht der Dekadenz. Denn sie will nicht, wie diese, Oberflächen mit seltsamen Farbenspielen und Sensationellen überfüttern. Ihr Ziel ist nicht zweidimensionale Bewußtseinserweiterung, sondern Bewußtseinssteigerung in die Höhe und Tiefe. Sie verlangt Konzentration, Keuschheit und Weihe Vorabend der großen Entscheidung, die jeden nächsten Morgen fallen kann.

Und wenn sie auch niemals fällt, wenn sich das „Wunderbare" auch nie und nirgends ereignet, „so bleibt uns * doch auf" alle Fälle unsere Vorbereitung auf das Wunder­bare, und das Wunderbare wird in unsere Seele mit desto mächtigeren oder schwächeren Fluten eindringen, je nach der Breite und Tiefe des Bettes, das unsere Erwartung ge­graben hat". Also spricht— Maeterlinck.

Nun aber fast zweieinhalb Jahrtausende zurück. Da steht geschrieben im 18. Fragment des Heraklit: „Wenn er's nicht erhofft, wird er das Unverhoffte nicht finden; denn unerforschlich ist's und unzugänglich."

Erhofftes Unverhofftes — dieses wortspielerische Paradoxon folgt treu dem griechischen Originale. Der „Dunkle" liebte solche Ausdrucksweise, aber nicht aus gedankenloser Geistreichelei. Spiegelt sich doch gerade in ihr seine Erkenntnis von dem, was ist und doch zu­gleich nicht ist, seine Weisheit vom steten Fluß der Dinge.

Dieses Unverhoffte aber, das „unerforschlich ist und unzugänglich", wenn man es nicht erhofft, diese ersehnte Entbindung latenter Kräfte, dieses unwirklich Wirkliche, was ist es anders als das „Wunderbare" des belgischen Dichterphilosophen? Auch aus dem ehernen Beckenklang des uralten Orakelwortes tönt die träumerische Weisheit, daß zwischen Keim und Blüte nur die Erwartung ist.

Die Logiker und Naturwissenschaftler der Philosophie würden diesen Gedanken nicht — wenigstens nicht so — aussprechen. Damit ist aber keineswegs gesagt, daß die Weisheit der beiden Dichter-Denker der Logik und Natur­wahrheit entbehre. Hingegen trifft wohl zu, daß sie weni­ger erdacht und erforscht als erahnt und erraten ist. Aus der selben ruhigen selbstfreudigen Kraft, die das Schicksal zwingen soll, ihre Erwartungen zu verwirklichen, ist sie geboren — eine echte Dichterweisheit.

Sollte es bloßer Zufall sein, daß sie in beiden Fällen auftritt, nachdem sich die Philosophie einer nüchternen rechnenden Weltenträtselung zugewandt hat? Damals nach |en materialistischen Kosmogonien des Thales, Anaximander und Anaximenes war Heraklit der erste, der dem „Geiste" im Weltwerden eine Rolle gab. Die heutige Philosophie bemüht sich im Schlagschatten der Natur­wissenschaften. Diese geben uns täglich neue Aufschlüsse, aber immer bleibt ein Etwas, „das unerforschlich ist und unzugänglich". Da ist es nicht zu verwundern, daß die Philosophie zuweilen in die lichten Räume eines Dichter­herzens flüchtet und da Wunder erlauscht, an die die Wissenschaft nur langsam glauben lernt.

Aber so hat sie es immer gemacht, diese Lauscherin, auch damals, als sie sich in die Ahnungen des Weisen schlich, der sein Lebenswerk im Tempel der Artemis niederlegte und dann in die Berge ging, vielleicht, um dem „Unver­hofften" zu begegnen.