Anton Wildgans
Slogan
Akkord
Aufblick
Blick von oben
Das Lächeln
Dienstboten
Dieses Haus wird demoliert
Einem jungen Richter zur Beeidigung
Freunde
Glück des Alleinseins
Ich bin ein Kind der Stadt
Im Anschaun meines Kindes
Kammermusik
Letzte Erkenntnis
Lied des Schmarotzers
Sankt Othmar
Sonette an Ead
Stimme im Traume des Künstlers
Tiefer Blick
Triptychon der Liebe
Vom kleinen Alltag
Wiedersehen mit Gott
Zueignung an die geliebte Landschaft

Das Lächeln

Eine Frühlingsballade

 

Wie doch die Menschen sind: sie sorgen,

Was morgen werden wird und übermorgen –

Und ihre Seelen bleiben blind und arm.

An Gärten wandern sie vorbei, an Gittern,

Die von dem Drängen junger Sträucher zittern,

Und ihre Seelen füllt der ewig gleiche Harm.

 

Daß über Nacht ein Wunder neu geboren,

Daß aus der alten Häuser tiefen Toren

Nun wieder Kinderlaut und Kühle weht –

Und daß sich Wölkchen bilden in den Lüften

Von Zigaretten- und Orangendüften

Oder Parfum, wenn eine schöne Frau vorübergeht –

 

Sie fühlen dieses nicht und nicht das Neigen

Der Abende, wenn sich in langen Reigen

Müd-armes Volk die Straßen heimwärts drängt,

Sie sehen nicht, wie diese bleichen Wangen

Der jungen Mädchen vor dem Frühling bangen,

Der so viel Sehnsucht und Gefahr verhängt ...

 

In meinem Leben weiß ich einen Kranken,

Gelähmt an Gliedern, Willen und Gedanken,

Nur seine Seele war dem Wunder heil –

Der konnte lächeln, wenn der erste Schimmer

Der Frühlingssonne in sein traurig Zimmer

Sich leise schob, ein goldner, zarter Keil.

 

Der konnte lächeln über jede Blüte,

Daß dieses Lächelns wundervolle Güte

Dem toten Auge flüchtig Leben gab:

Der konnte weinen über Kinderlieder

Und tiefer atmen, wenn der Duft vom Flieder

Ihn grüßen kam in seiner Kissen Grab.

 

Und dieses Lächeln, diese Tränen waren

So überreich an jenem Wunderbaren,

Des alle darben, die so dumpf-gesund.

Und ich hielt dieses Mannes Hand im Sterben,

Und ward zu seines Lächelns Erben,

Das wie ein Blühen lag um seinen blassen Mund.

 

Drum faß ich diese Menschen nicht, die sorgen,

Was morgen werden wird und übermorgen,

Und ihre Seelen bleiben blind und arm.

An Gärten wandern sie vorbei, an Gittern,

Die von dem Drängen junger Sträucher zittern,

Und ihre Seelen füllt der ewig gleiche Harm.