Anton Wildgans
Slogan
Akkord
Aufblick
Blick von oben
Das Lächeln
Dienstboten
Dieses Haus wird demoliert
Einem jungen Richter zur Beeidigung
Freunde
Glück des Alleinseins
Ich bin ein Kind der Stadt
Im Anschaun meines Kindes
Kammermusik
Letzte Erkenntnis
Lied des Schmarotzers
Sankt Othmar
Sonette an Ead
Stimme im Traume des Künstlers
Tiefer Blick
Triptychon der Liebe
Vom kleinen Alltag
Wiedersehen mit Gott
Zueignung an die geliebte Landschaft

Zueignung an die geliebte Landschaft

Nun steigen wieder die geliebten Hügel

Allmählich auf am Rand des weiten Blaus,

Darüberhingewiegt auf zartem Flügel

Ruht Wolke neben Wolke freundlich aus,

Der Kutscher hält, springt ab, versorgt  die Zügel,

Mit trauten Fenstern grüßt das alte Haus,

Gastlich bereit dem eingekehrten Wanderer,

Andacht umfängt mich, und ich bin ein Andrer.

 

Und alles, was noch gestern mochte quälen

Und nachgewirkt auf einsam-langer Fahrt,

Vermag nicht mehr zu wiegen und zu zählen,

Ist aufgelöst in heitre Gegenwart;

Mag dies Bequeme, jenes Buch auch fehlen,

Mehr, als mir mangelt, bleibt mir hier erspart;

Und leise schon in Klängen und Gestalten

Versucht es sich zu regen und entfalten.

 

Doch erst ein rascher Gang auf alten Wegen!

begierig holt der Blick die Bilder ein,

Liebkost die Wiesen, überprüft den Segen

Der Frühlingssaat, ruht auf bemoostem Stein,

Liest aus den Wolken Sonne oder Regen,

Verfolgt den Vogelflug ins Blau hinein

Und deutet das bescheidenste Begebnis,

Denn hier ist alles Zeichen und Erlebnis.

 

Die Straße jetzt, die Bank, die lieben Mühlen,

In fichtendunkeln Grund hineingebaut,

Treibender Wildbach du, mit deinem kühlen

Kristallgeschäum und Silberschellenlaut,

Du Übermut, du ungestümes Wühlen,

Du Schimmelfohlen, das den Strang zerhaut,

Schäum’, springe zu, doch brich mir nicht das alte

Nährmütterliche Rad, das Gott erhalte!

 

Und nun zur Höhe! In den nadelglatten

Waldboden greift bewehrten Schuhs Gewicht,

Ein Schildhahn knattert auf aus nahem Schatten,

Ein Reh bricht durch, schon wird es birkenlicht,

Nun Krüppelhölzer, Honigduft  und Matten,

Aus weichem Grün starrt graues Urgeschicht,

Schneehaldenwind kommt nördlich hergewettert,

Das Land liegt da, der Gipfel ist erklettert.

 

Da steh’ ich, felsverstemmt, und lach’ der Stöße

Des Sturmbocks, der mich unentwegt berennt,

Und denk’ mir scherzend meine Mannesgröße

Vom Riesenmaß des Berges ungetrennt;

Ich spiele Atlas! Braunen Nackens Blöße

Strafft sich, als würde ihr das Firmament,

Das eherne Gewölb der Myriaden

Von kreisenden Gestirnen aufgeladen.

 

O, diese Lust der unbedingten Kräfte,

Die jeden Nerv und Muskel hier durchschwingt

Und aus dem Umlauf neubelebter Säfte

Zum Wipfel der Gedanken zeugend dringt!

Da wird zum göttlich spielenden Geschäfte,

Was sonst gehemmter Brust sich schwer entringt:

Wie erdentrückt der Geist sich auch gebärde,

Sein Ewiges kommt ewig aus der Erde!

 

Ja, Erde du, dich hab’ ich lang vermieden,

Vom Wahn und Reiz der großen Stadt betört!

Wieviel sie auch dem Lernenden beschieden,

Den Bildenden hat sie zumeist verstört;

Erst schlichter Landschaft gnadenvoller Frieden

Hat seiner Seele Zuruf angehört

Und ihn gelehrt, bekenntnisreiches Stammeln.

In klare Formen ordnend einzusammeln.

 

Nun dunkelt es; schon lösen hin und wieder

Sich Eulen schattenhaft von Baum zu Baum.

Sanft führt der Weg zum Dorf der Menschen nieder,

Schon Turmuhrklang, schon letzter Waldessaum,

Nun Dachgedränge, Gärten, Stimmen, Lieder!

Es trägt mich trunken heimwärts wie im Traum –

Die Kerze brennt, das Auge fühlt nach innen:

Mein Leben liegt vor mir! Ich kann beginnen.