Anton Wildgans
Slogan
Akkord
Aufblick
Blick von oben
Das Lächeln
Dienstboten
Dieses Haus wird demoliert
Einem jungen Richter zur Beeidigung
Freunde
Glück des Alleinseins
Ich bin ein Kind der Stadt
Im Anschaun meines Kindes
Kammermusik
Letzte Erkenntnis
Lied des Schmarotzers
Sankt Othmar
Sonette an Ead
Stimme im Traume des Künstlers
Tiefer Blick
Triptychon der Liebe
Vom kleinen Alltag
Wiedersehen mit Gott
Zueignung an die geliebte Landschaft

Glück des Alleinseins

Glück des Alleinseins, All- und Einessein!

Wie sehnte sich der Jüngling einst nach Paarung!

Und jetzt der Mann, in tiefster Icherfahrung,

Kennt nur das eine klare Glück: Allein.

 

Ganz anders wachst du auf, gehst in den Tag,

Wenn des Alleinseins gnadenvolle Stille

Dein erstes Schaun empfängt, kein fremder Wille,

Wenn auch verschwiegen, deinen kreuzen mag.

 

Du prüfst die Stimme, siege, und sie klingt,

Horchst auf dein Herz, und brav ist es am Werke,

Der Atem geht, treu blieb des Armes Stärke,

Gehöres Lust, Aug, das zur Sonne dringt.

 

Du warst gewohnt, dies, weil es immer war,

Kaum zu beachten unter deiner Habe;

Doch nun auf einmal ahnst du: eine Gabe!

Und es ist Glück und mehr denn wunderbar.

 

Stand nicht der Strauch dort all die Jahre lang

An jenem Weg, den du so oft gegangen,

In andrer Ich, Gesetz und Lust befangen,

Stand er nicht dort in Herbst und Blütendrang?

 

Und nun urplötzlich wirst du sein gewahr

Und kniest hin und streichelst seine Zweige,

Als ob sich Gott in diesem Busch dir zeige –

Glück des Alleinseins, Gabe wunderbar!

 

Und er, der schwieg, als du zu ihm geschrien,

Daß dir, auch dir ein Menschenherz gebühre,

Tritt aus dem Busch, auf daß er dich berühre,

Und alle seine Engel sind um ihn.

 

Und löst von deinen Sinnen alles Band

Und deutet dir die Fülle der Gesichte,

Und seine unvergänglichen Gedichte

Befiehlt er einer armen Menschenhand.